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Sozialisation

Thema

Möglichkeiten und Grenzen von Befragungen

Jugend vor dem Bildschirm

Fragebogen zum Freizeitverhalten Dortmunder Jugendlicher

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 1993 im 2. Fach (Leistungskurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1993


Aufgaben:

In den Jahren 1984 - 1986 führte das Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund mehrere Untersuchungen zum Medienverhalten von Jugendlichen durch. Hierzu gehörte im Jahr 1984 auch eine Fragebogenaktion zum Thema "Jugend vor dem Bildschirm"; befragt wurden u. a. 300 Dortmunder Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 16 Jahren (8. Klasse, Hauptschule und Gymnasium).

  1. Erläutern Sie den Aufbau des Fragebogens unter besonderer Berücksichtigung der Überlegung, welche Arbeitshypothese ihm vermutlich zugrunde liegt!
  2. Analysieren Sie die Ihnen vorliegenden Teilergebnisse der Dortmunder Untersuchung!
  3. Nehmen Sie vor dem Hintergrund dieser Analyse Stellung zum Konzept der Befragung! Erscheint es Ihnen eher ge- oder eher misslungen? Sind Ergänzungen und/oder Alternativen denkbar?

Quellen:

Beschreibung der Untersuchungen:
K.-O. Bauer/M. Hünert/P. Zimmermann: Jugend vor dem Bildschirm. Institut für Schulentwicklungsforschung (Universität Dortmund), Werkheft 22, Dortmund 1985.
K.-O. Bauer/P. Zimmermann: Jugend, Joystick, Music-Box. Eine empirische Studie zur Medienwelt von Jugendlichen in Schule und Freizeit. Opladen 1989.

Fragebogenausschnitt und Datensätze hier entnommen aus:
Bruno Pollok/Horst Stasch: "FBG - Fragebogen" Version 2.5. - Software zur Durchführung und Analyse von standardisierten Befragungen (im Auftrag des Landesinstituts für Schule und Weiterbildung, Soest). Bielefeld 1991.

Materialien

Jugend vor dem Bildschirm

Fragebogen zum Freizeitverhalten Dortmunder Jugendlicher

Frage 1:
Bist du ein Mädchen oder ein Junge?   ( 1 )   Mädchen
( 2 )   Junge

Frage 2:
Wie alt bist du?   ________   Jahre

Frage 3: [Bitte nur eine Antwort ankreuzen!]
Welche Deutsch-Note hattest du
auf dem letzten Zeugnis?
  ( 1 )   sehr gut
( 2 )   gut
( 3 )   befriedigend
( 4 )   ausreichend
( 5 )   mangelhaft
( 6 )   ungenügend

Frage 4: [Bitte nur eine Antwort ankreuzen!]
Welche Englisch-Note hattest du
auf dem letzten Zeugnis?
  ( 1 )   sehr gut
( 2 )   gut
( 3 )   befriedigend
( 4 )   ausreichend
( 5 )   mangelhaft
( 6 )   ungenügend

Frage 5: [Bitte nur eine Antwort ankreuzen!]
Welche Französisch-Note hattest du
auf dem letzten Zeugnis?
  ( 1 )   sehr gut
( 2 )   gut
( 3 )   befriedigend
( 4 )   ausreichend
( 5 )   mangelhaft
( 6 )   ungenügend

Frage 6: [Bitte nur eine Antwort ankreuzen!]
Welche Latein-Note hattest du
auf dem letzten Zeugnis?
  ( 1 )   sehr gut
( 2 )   gut
( 3 )   befriedigend
( 4 )   ausreichend
( 5 )   mangelhaft
( 6 )   ungenügend

Frage 7: [Bitte eine Markierung auf der Skala ankreuzen!]
Wie viele Stunden verbringst du pro Woche durchschnittlich am Computer?
Skala

Frage 8: [Es können mehrere Antworten angekreuzt werden!]
Wozu benutzt du deinen Computer?   ( 1 )   Spiele
( 2 )   Fertige Programme
( 3 )   selbst programmieren

Frage 9: [Bitte eine Markierung auf der Skala ankreuzen!]
Wie viele Stunden siehst du pro Tag durchschnittlich fern?
Skala

Frage 10: [Es können mehrere Antworten angekreuzt werden!]
Welche Sendungen interessieren
dich beim Fernsehen?
  ( 1 )   Spielfilme
( 2 )   Musiksendungen
( 3 )   Sportübertragungen
( 4 )   Politische Sendungen
( 5 )   Jugendsendungen
( 6 )   Natursendungen

Frage 11:
Interessieren sich deine Eltern
für deine Fernsehgewohnheiten?
  ( 1 )   ja
( 2 )   nein

Frage 12:
Bist du beim Fernsehen meist
allein?
  ( 1 )   ja
( 2 )   nein


Umfrageergebnisse

Tab. 1: Deutsch-Note (Frage 3)

Datensätze: 300 Alle Antworten Mädchen Jungen
 
sehr gut 0,3 % 0,6 % 0,0 %
gut 16,0 % 17,6 % 14,1 %
befriedigend 41,5 % 44,7 % 37,8 %
ausreichend 37,8 % 34,6% 41,5 %
mangelhaft 4,4 % 2,5 % 6,7 %
ungenügend 0,0 % 0,0 % 0,0 %
 
Stichprobe: 294 159 135

 

Tab. 2: Täglicher Zeitaufwand vor dem Fernseher (Frage 9)

Datensätze: 300 Alle Antworten Mädchen Jungen Deutsch-
Note 1-2
Deutsch-
Note 3
Deutsch-
Note 4-6
 
Stunden:   0 4,3 % 2,5 % 6,5 % 8,3 % 4,1 % 2,4 %
1 8,7 % 8,7 % 8,6 % 12,5 % 8,2 % 7,3 %
2 25,0 % 22,4 % 28,1 % 31,3 % 28,7 % 20,2 %
3 23,0 % 21,1 % 25,2 % 25,0 % 22,1 % 24,2 %
4 18,3 % 21,7 % 14,4 % 6,3 % 16,4 % 24,2 %
5 11,0 % 12,4 % 9,4 % 4,2 % 13,1 % 10,5 %
6 5,3 % 7,5 % 2,9 % 8,3 % 1,6 % 8,1 %
7 2,7 % 2,5 % 2,9 % 4,2 % 2,5 % 2,4 %
8 0,0 % 0,0 % 0,0 % 0,0 % 0,0 % 0,0 %
9 0,7 % 0,6 % 0,7 % 0,0 % 1,6 % 0,0 %
10 1,0 % 0,6 % 1,4 % 0,0 % 1,6 % 0,8 %
 
Stichprobe: 300 161 139 48 122 124

 

Tab. 3: Interesse an Fernseh-Sendungen (Frage 10)

Datensätze: 300 Alle Antworten Mädchen Jungen Deutsch-
Note 1-2
Deutsch-
Note 3
Deutsch-
Note 4-6
 
Spielfilme 84,6 % 85,4 % 83,7 % 88,9 % 84,0 % 83,7 %
Musiksendungen 56,3 % 65,2 % 45,9 % 64,4 % 52,9 % 57,7 %
Sportübertragungen 39,9 % 19,6 % 63,7 % 48,9 % 30,3 % 45,5 %
Politische Sendungen 4,8 % 1,3 % 8,9 % 4,4 % 6,7 % 3,3 %
Jugendsendungen 51,5 % 58,9 % 43,0 % 44,4 % 49,6 % 56,9 %
Natursendungen 38,9 % 35,4 % 43,0 % 46,7 % 38,7 % 35,8 %
 
Stichprobe: 293 158 135 45 119 123


Fragebogenausschnitt und Datensätze hier entnommen aus:
Bruno Pollok/Horst Stasch: "FBG - Fragebogen" Version 2.5. - Software zur Durchführung und Analyse von standardisierten Befragungen (im Auftrag des Landesinstituts für Schule und Weiterbildung, Soest). Bielefeld 1991.

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Mit empirischen Erhebungsmethoden sind die Schülerinnen und Schüler seit der 2. Reihe (12/II) hinreichend vertraut: Hier konzipierte der Leistungskurs einen umfangreichen Fragebogen (40 Fragen) zum Freizeitverhalten von Jugendlichen im Großraum Attendorn (Schulweglänge, Hausaufgabendauer, Haushaltspflichten, Freizeitbudget und -präferenzen usw.). Die Untersuchung konnte am Schuljahresende durchgeführt und ausgewertet werden (über 1000 Befragte aus Realschule und Gymnasium); sie liegt inzwischen in gedruckter Form vor und hat ein reges Medienecho gefunden (WDR, Presse).

Theoretisch begründet war die Fragebogenkonzeption auf der Erörterung schülerspezifischen Rollenverhaltens im ersten Teil der 2. Reihe (12/I). Dort gewonnene Erkenntnisse können auch bei der Bewältigung der vorliegenden Aufgabenstellung berücksichtigt werden.

Methoden der Grafiken- und Tabellenanalyse wurden mit den Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern im Rahmen der 2. Reihe (s. o.) geübt und in der 4. Reihe (13/I) anhand von Daten zur Sozialstruktur vertieft. In letztgenannter Reihe wurde auch der Kenntnisstand bezüglich empirischer Untersuchungsmethoden (diesmal auf der makrosoziologischen Ebene) erweitert. Die Unterrichtsergebnisse können in die in der 3. Teilaufgabe verlangte Reflexion (Ergänzungen/Alternativen) einfließen.

Eine wissenschaftstheoretische Problematisierung empirischer Forschungsmethoden ist den Schülerinnen und Schülern seit der 6. Reihe (13/II) möglich (hier wurde u. a. Adornos "Freizeit"-Essay thematisiert und der erfahrungswissenschaftlichen Methode gegenübergestellt).

Die Dortmunder Untersuchung ist dem Kurs natürlich weder methodisch noch inhaltlich (in Bezug auf Fragestellungen und Resultate) bekannt. Völlig neu ist für die Schülerinnen und Schüler im Übrigen der Aspekt, Verhalten in Beziehung zum Zeugnisnotenniveau zu setzen.

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Zu erwarten ist, dass die Schülerinnen und Schüler den vorliegenden Fragebogen in drei Teile gliedern: in den Stammdatenteil (Frage 1-6) sowie die beiden thematischen Teile mit Fragen zur quantitativen und qualitativen Computer- (Frage 7 u. 8) und Fernsehnutzung (Frage 9-12).

Als Auffälligkeit kann herausgearbeitet werden, dass die Stammdaten - gemessen am Gesamtkonzept (12 Fragen) - umfangreich, in ihrer Mehrzahl ausgesprochen "intim" und damit methodisch brisant (Zeugnisnoten) ausgefallen sind. Ihr quantitatives Gewicht lässt vermuten, dass die Initiatoren der Befragung vor allem einen Zusammenhang zwischen schulischen Leistungen und Bildschirmmedien-Konsum annehmen. Wenngleich offen bleiben muss, wo Ursache und wo Wirkung anzusetzen sind, können hier medienkritische Ausgangshypothesen bzw. -fragen (z. B. "Macht Fernsehen dumm?") unterstellt werden.

Teilaufgabe 2 (Analyse, Methodentransfer)

Die Auswahl der vorgelegten Teilergebnisse ist absichtlich eingeschränkt, da die Analyse nicht primär auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Umfrageresultaten abzielen, sondern vorrangig den Blick für die methodischen Stärken bzw. Unzulänglichkeiten der Untersuchung schärfen soll (vgl. 3. Teilaufgabe); deshalb wurde in der Aufgabenstellung auch bewusst auf einen Vergleich mit aus dem Unterricht bekannten Daten zum Freizeitverhalten verzichtet.

Herausgearbeitet werden können einige "Widersprüche" in den Teilresultaten: Jungen sehen offenbar erheblich weniger fern als Mädchen, ferner besteht eine positive Korrelation zwischen geringem TV-Konsum und guten Deutsch-Noten; gleichwohl sind bei den Mädchen die besseren Noten zu verzeichnen. Auch das Interesse an einzelnen Sendungen lässt sich bezüglich des Notenniveaus nicht eindeutig spezifizieren. Reflektiert werden sollte, ob hier Zusammenhänge durch intervenierende Variablen innerhalb (Alter) oder außerhalb des Fragebogens (z. B. Schultyp, soziale Herkunft) u. U. sinnvoller erklärt werden können.

Teilaufgabe 3 (Erörterung, evtl. auch Darstellung [von Alternativen])

Wünschenswert ist eine möglichst vielschichtige, begründete Kritik. Erste Ansatzpunkte können die Fragen-Formulierungen (bzw. Fragetypen-Auswahl) und der Fragebogen-Aufbau (Problematisierung der Häufung "intimer" Fragen zu Beginn) sein. In die Überlegungen einbezogen werden sollten zudem intervenierende Variablen (s. o.) sowie weiter gefasste Fragestellungen.

Methodisch nahe liegend erscheint es darüber hinaus, empirische Alternativen aufzuzeigen (z. B. Experiment oder Beobachtung statt standardisierter Selbsteinschätzungen der Befragten) und sich wissenschaftstheoretisch mit der Studie auseinander zu setzen (Hinterfragung empirischer Forschung "an sich").

Die Aufgabe erwartet bedingt Leistungen aus dem Anforderungsbereich I (etwa die Darstellung alternativer empirischer Konzepte), ansonsten liegen die eingeforderten Leistungen vorrangig in den Bereichen II und III.


   Achtung! Bis 2001 folgten die Abiturvorschläge den Maßgaben der alten NRW-Richtlinien! Diese differenzierten nicht zwischen Inhalts- und Methodenfeldern, sondern zwischen Lernbereichen. Auch wurde bis 2001 keine notenstufenspezifische Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung eingefordert.
   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!