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Wirtschaftspolitik

Thema

Probleme der US-Wirtschaft

"Jetzt sparsamer sein."

Interview mit Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 2002 im 3. Fach (Grundkurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2002


Aufgaben:

  1. Analysieren Sie Milton Friedmans Äußerungen zur Politik der US-Regierung vor dem Hintergrund der wirtschaftspolitischen "Schule", der er angehört!
  2. Erläutern Sie die zu Beginn des Interviews zu findende Formulierung, aus den Ruinen des World Trade Center schaue Friedmans alter Widersacher John Maynard Keynes hervor!
  3. Verfassen Sie aus der Sicht des Managers einer US-amerikanischen Fluglinie einen "Offenen Brief" an den Nobelpreisträger! Beziehen Sie in Ihre Überlegungen den im Interview angesprochenen Antagonismus Friedman vs. Keynes mit ein! Begründen Sie Ihre Position!

Quelle:

"Jetzt sparsamer sein." Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman über die neue Sehnsucht nach dem starken Staat und seinen Glauben an das kapitalistische Wirtschaftssystem.
In: Der Spiegel, Nr.44/2001 (29.10.2001) [gekürzt].

Hier zitiert nach:
http://www.spiegel.de/druckversion/0,1588,164817,00.html bzw.
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,164817,00.html

Erläuterungen:

Gates: Flugsteige

Materialien

"Jetzt sparsamer sein."

Interview mit Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman

SPIEGEL: Mister Friedman, als Vordenker des Neoliberalismus sahen Sie lange Zeit aus wie der strahlende Sieger. Nun aber schaut aus den Ruinen des World Trade Center Ihr alter Widersacher John Maynard Keynes hervor. Immer mehr Regierungen starten Milliardenprogramme, um ihre angeschlagene Wirtschaft zu stützen. Ärgert Sie das?

Friedman: Diese staatlichen Ausgabenprogramme sind eine miserable Idee, alles andere als wünschenswert und vollkommen unnötig. Keynes steht wieder hoch im Kurs, die Schleusentore sind weit geöffnet, und es lastet ein enormer Druck auf den Regierungen, Geld auszugeben. Es stimmt, die Atmosphäre hat sich seit dem 11. September vollkommen geändert.

SPIEGEL: Zahlreichen Fluglinien droht der Bankrott, Versicherungen stehen vor Milliardenforderungen, ein verängstigtes Volk muss mit Antibiotika versorgt werden. Ist es in solchen Krisenzeiten nicht sinnvoll, dass der Staat eingreift?

Friedman: Betrachten wir den Schaden vom 11. September doch mal realistisch. Kein Zweifel, wir sind ärmer geworden. Zwei riesige Gebäude wurden zerstört, die Aufräumarbeiten und der Wiederaufbau werden viel Geld verschlingen. Aber das rechtfertigt nicht, dass die Regierung mehr Geld ausgibt. Im Gegenteil, wie jeder Bürger auch sollte sie jetzt sparsamer sein.

SPIEGEL: Unterschätzen Sie da nicht die psychologische Komponente von Politik? Die Menschen rufen nach einem starken Staat.

Friedman: Nein, sie rufen nach einer starken Führung. Das Militär muss stark sein, nicht der Regierungsapparat. Die Aufgabe lautet, einen Krieg gut zu führen, und nicht, für die Luftfahrtindustrie oder Versicherungsunternehmen den Kopf hinzuhalten.

SPIEGEL: Damit soll den Menschen die Angst vor einer Weltwirtschaftskrise genommen werden. Selbst die "New York Times" nannte es nach dem Anschlag eine patriotische Pflicht, zu konsumieren, und schickte [ihre] Leser in die Einkaufszentren zum Shoppen für Amerika. Soll die Regierung da außen vor stehen?

Friedman: Da wird doch mit den Ängsten der Leute gespielt. Richtig ist, dass wir uns schon seit Ende 2000, Anfang 2001 in einer Rezession befinden. Die wird meines Erachtens im ersten oder zweiten Quartal 2002 vorbei sein. Sicherlich, der Terrorangriff hat den Abschwung beschleunigt und verstärkt - und dient nun als Vorwand für ein Eingreifen des Staates. Doch höhere Staatsausgaben führen nicht zu einer Stabilisierung der Wirtschaft, das wissen wir aus Erfahrung. Die Berufung auf Keynes dient den Politikern nur als Ausrede, mehr Geld für ihre Interessen auszugeben, denn das ist es, was Gesetzgeber tun: das Geld der anderen ausgeben. Die Frage ist immer nur: Lässt man sie gewähren? Die Umstände des 11. September haben Geldausgeben nun wieder salonfähig gemacht. [...]

SPIEGEL: Ist es in Ihren Augen nicht vernünftig, die Fluglinien zu retten?

Friedman: Die Flugaufsichtsbehörde zwang die Fluglinien tagelang auf den Boden. Für diesen Ausfall müssen sie entschädigt werden, doch dafür sollte die eine Milliarde Dollar genügen, nicht die 15 Milliarden, die die Regierung bereits bewilligt hat. Es ist nicht einzusehen, dass sie auch darüber hinaus etwas bekommen.

SPIEGEL: Dann werden viele Pleite gehen.

Friedman: Na und? Lasst diese Airlines doch ruhig Bankrott gehen. Privates Unternehmertum unterliegt nun mal dem System von Gewinn und Verlust. Das Verlieren ist fast wichtiger als das Gewinnen.

SPIEGEL: Sie würden den Verkehr in den USA lahm legen, der Reinheit der kapitalistischen Lehre zuliebe?

Friedman: Was würde denn schon passieren? Alle physischen Werte existieren weiter, die Flugzeuge, die Flughäfen, die Gates. Die Firmen können trotz Konkursantrag weiter operieren. Alles, was passieren würde, ist ein Wechsel der Kontrolle von einer Gruppe von Leuten zu einer anderen. Die Aktionäre würden verlieren, die neuen Besitzer würden gewinnen. Sehr wahrscheinlich würde ein gutes Management ein schlechteres ersetzen, was wiederum die Luftfahrtindustrie stärken würde. Das ist doch gerade die Schönheit des Systems: Die Notwendigkeit, Profite zu machen, führt zwangsläufig dazu, dass das Geld in die Hände der effektivsten Leute kommt. [...]

SPIEGEL: Der von Ihnen entwickelte Wirtschaftsliberalismus erlaubt das Eingreifen des Staates in Fällen nationaler Sicherheit. Ist diese Situation nicht mittlerweile gegeben?

Friedman: Unser Militär ist dafür gemacht, Kriege gegen Länder zu führen. Dagegen ist dieser Vorstoß gegen Terroristen doch ein sehr begrenzter Einsatz. Der sollte locker aus dem laufenden Budget bestritten werden können, so wie der Einsatz im Kosovo auch. Es gibt in Wahrheit keinen Grund für weitere Militärausgaben. [...]


"Jetzt sparsamer sein." Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman über die neue Sehnsucht nach dem starken Staat und seinen Glauben an das kapitalistische Wirtschaftssystem.
In: Der Spiegel, Nr.44/2001 (29.10.2001) [gekürzt].
Hier zitiert nach:
http://www.spiegel.de/druckversion/0,1588,164817,00.html bzw.
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,164817,00.html

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Die Aufgabenstellung kombiniert - erstmalig - zwei Schwerpunktthemen der Qualifikationsphase: Wirtschaftspolitik und Friedenssicherung. Wirtschaftspolitische Fragestellungen und Theorien (Neoliberalismus, Keynesianismus, policy mix usw.) waren Gegenstand der 4. Unterrichtsreihe (12/1); Diskussionen über mögliche (allerdings nur implizit ökonomische) Reaktionen auf die Anschläge vom 11. September 2001 ergaben sich im Verlauf der 6. Reihe (13/1). - Die Aufgabenstellung berührt im Übrigen eine Reihe sozialpolitischer Grundsatzfragen, die in der 5. (12/2) sowie der 7. Reihe (13/2) - z. B. unter den Stichworten "Armutsrisiken", "Globalisierung", "Risikogesellschaft" - thematisiert wurden.

Methodisch verlangt die Aufgabe Fähigkeiten und Fertigkeiten im produktiv-gestaltenden Umgang mit Texten (Methodenfeld [MF] 1), die in der 6. Reihe (13/1) trainiert wurden (Rollenspiele, Planspiele, Verfassen von Statements aus der Sicht eines US-Sicherheitsberaters, des russischen Präsidenten usw.). Gestaltungs-Aufgaben waren selbstverständlich auch Bestandteil von Klausuren. - Darüber hinaus setzt die Aufgabenstellung die Einübung folgender Methodenfelder voraus:

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Den Schülerinnen und Schüler ist Milton Friedman hinlänglich bekannt; sie müssen mit seinem Namen Begriffe wie "Monetarismus" oder "Chicago-Schule" verbinden (zumal im Text selbst vom Neoliberalismus die Rede ist). Sie sollten den Nobelpreisträger als einen kompromisslosen Wirtschaftsliberalen einordnen, der als wirtschaftspolitisches Organ allenfalls die Notenbank (und in jüngsten Äußerungen aus dem Jahr 2001 nicht einmal mehr diese) gelten lässt. Seine Kompromisslosigkeit auch in Fragen der "Bewältigung" der Terroranschläge lässt sich am vorliegenden Interviewtext deutlich ablesen und in etwa unter folgende Stichworte fassen:

Soweit es sich um Darstellungsleistungen zum Neoliberalismus handelt, liegen die Anforderungen der 1. Teilaufgabe im Anforderungsbereich [AFB] 1, hinsichtlich der Analyse des Interviews (d. h. des neuen Sachzusammenhangs) im AFB 2.

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

In ihren Ausführungen sollten die Schülerinnen und Schüler zwei im Wortlaut der Aufgabenstellung angelegte Aspekte berücksichtigen: zum einen (Stichwort: "Keynes") den Keynesianismus, zum anderen (Stichwort: "Friedmans alter Widersacher") den Antagonismus der beiden Lehren. Im Einzelnen sollte die geforderte Erläuterung folgende Punkte umfassen:

Hinsichtlich der Darstellung des Keynesianismus liegen die Anforderungen der 2. Teilaufgabe im AFB 1; die Übertragung der "Lehre" auf die im Interview konkret angesprochene politische Situation setzt Leistungen im AFB 2 voraus.

Teilaufgabe 3 (Gestaltung)

Die Aufgabenstellung gibt in drei Formulierungen den Rahmen der Gestaltung vor:

(1) Die Rolle des Managers einer Luftfahrtgesellschaft ist (aus Schülersicht) affektiv nicht besetzt und zudem (relativ) unspezifisch; sie wird lediglich durch Friedmans "Angriffe" auf die Luftfahrtindustrie fokussiert. Damit leistet sie zum einen der unverfälschten, "objektiven Empathie" der Schülerinnen und Schüler Vorschub und lässt sich zum anderen ohne Spezialkenntnisse übernehmen.

(2) Der Offene Brief verleiht der eingeforderten Argumentation stärkeres Gewicht als etwa ein (allenfalls der Tagespolitik zuzurechnender) "einfacher" Leserbrief und erscheint zudem "überlegter" als z. B. eine mündliche Stellungnahme (die Schülerinnen und Schüler wissen um diese Unterscheidung!).

(3) Der Hinweis auf die Begründung der Position signalisiert deutlich, dass sich der Brief nicht in bekenntnishaften, unreflektierten Aussagen erschöpfen darf. Der Verweis auf Friedman/Keynes fordert vielmehr eine fachwissenschaftsbezogene Haltung ein. Art und Umfang der Begründung lassen - wichtig für die Benotung - implizit Rückschlüsse auf die Gesichtspunkte, die die Lösungsgestaltung geleitet haben, zu (vgl. Richtlinien, S.32).

Formal erscheinen drei unterschiedliche "Reaktionen" des Managers auf Friedmans Äußerungen denkbar:

Sachlogisch verbietet sich die erste Variante angesichts der Breitseite, die Friedman gegen die Luftfahrtgesellschaften feuert, von selbst (und zwar dermaßen, dass der ernsthaft betriebene Versuch eines Schülers/einer Schülerin, diese Position einzunehmen, ein - im wahrsten Sinne des Wortes: - "mangelhaftes" Textverständnis signalisieren würde).

Gedanklich nachvollziehbar sind hingegen Ausgestaltungen des Offenen Briefs im Sinne der Varianten 2 und 3, wobei die dritte Variante der Haltung "wirtschaftsliberaler" Unternehmer vielleicht sogar noch eher entspricht als die zweite.

Die (rollenspezifische) Kritik an Friedman kann naturgemäß recht vielschichtig ausfallen. Abgesehen davon, dass seine Einschätzung der Dimensionen des war against terror möglicherweise zu niedrig ansetzt und damit angreifbar ist, lassen sich folgende Argumentationsmuster finden:

An den letzten Punkt lässt sich im Übrigen geschickt anknüpfen, um grundsätzlich die moralische Verantwortung der Wirtschaftswissenschaften (hier u. U. unter Einbeziehung des Antagonismus Friedman vs. Keynes) zu überdenken.

Angesichts des hohen Grades an "Gedankenarbeit", den die Aufgabenstellung einfordert, sind die Gesamtleistungen der 3. Teilaufgabe im AFB 3 anzusiedeln.

Als "ausreichend" kann die Bearbeitung der Gesamtaufgabe gewertet werden, wenn die Schülerinnen und Schüler innerhalb der 1. Teilaufgabe Friedmans Position zumindest grob als "staatliche Eingriffe ablehnend" beschreiben und einen auf diese Erkenntnis bezogenen kurzen Abriss seiner "Lehre" liefern, in der 2. Teilaufgabe eine im Wesentlichen verständliche, geordnete Darstellung des Keynesianismus bieten (Methodenfeld [MF] 1) und in der 3. Teilaufgabe eine - an den Interessen der "Managerrolle" orientierte - im Grundsatz schlüssige Position formulieren. - "Ausreichend" ist die Leistung aber auch dann, wenn sich in der Bearbeitung der ersten beiden Teilaufgaben Lücken finden, die Beiträge andererseits jedoch eine hinreichende Basis für die Argumentation im 3. Teil bieten. In jedem Fall müssen die Schülerinnen und Schüler zeigen, dass sie grundlegende Fachtermini anwenden können (MF 2).

"Gut" oder sogar "sehr gut" ist die Gesamtleistung dann, wenn in der 1. Teilaufgabe Friedmans Haltung in der weiter oben skizzierten Form detailliert am Text belegt, ggf. sogar gegenüber konkurrierenden neoliberalen Ansichten (etwa denen des Sachverständigenrats) abgegrenzt wird. Darüber hinaus muss die Darstellung in der 2. Teilaufgabe zusammenhängend und klar geordnet erfolgen; sie sollte einen Hinweis auf das pump priming enthalten. Die 3. Teilaufgabe erfordert im Übrigen eine detaillierte und differenzierte, deutlich an die Position des Managers gebundene Auseinandersetzung mit Friedmans Haltung etwa in der weiter oben angedeuteten Form (MF 5). "Sehr gut" ist die Leistung, wenn diese Auseinandersetzung - auch - dezidiert die Problematisierung der moralischen Verantwortung des Wissenschaftlers Friedman einbezieht (MF 6).


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