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Wirtschaftspolitik

Thema

Die wirtschaftliche Sanierung des Ostens in der Diskussion

Interview mit Milton Friedman

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 1993 im 2. Fach (Leistungskurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1993


Aufgaben:

  1. Fassen Sie Milton Friedmans Ausführungen thesenartig zusammen!
  2. Vergleichen Sie Friedmans Vorschläge zur ökonomischen Sanierung Osteuropas mit Maßnahmen, die ein Anhänger des Keynesianismus ergreifen würde!
  3. Nehmen Sie Stellung zu Friedmans Ansichten! Erörtern Sie, ob bzw. inwiefern Ihnen seine wirtschaftspolitischen Vorschläge praktikabel erscheinen!

Quelle:

Forbes-Wirtschaftsmagazin, Heft 8 (August 1990), S.3ff [gekürzt].

Materialien

Isabel Mühlfenzl: Interview mit Milton Friedman

MÜHLFENZL: Sie haben einmal gesagt: Nichts ist mächtiger als eine Idee, die zur rechten Zeit kommt. Siegten jetzt im Osten auch Ihre Ideen?

FRIEDMAN: Es ist ein Fehler, die Ereignisse im Osten der Macht der Ideen zuzuschreiben. Menschen wählen normalerweise gegen jemanden und nicht für jemanden, gegen ein System, nicht für ein System. Die Menschen im Osten machten keine Revolution, weil sie die Marktwirtschaft wollten. Sie gingen auf die Barrikaden, weil ihre wirtschaftliche Situation katastrophal war und der Wunsch nach Freiheit auf Dauer nicht zu unterdrücken ist.

Jetzt erst beginnt die Macht der Ideen. Werden die Menschen im Osten tatsächlich eine Politik verfolgen, die notwendig ist, um wirtschaftlichen Wohlstand und persönliche Freiheit zu erlangen? [...]

MÜHLFENZL: [In den osteuropäischen Staaten ist der Sozialismus zwar tot, aber die Marktwirtschaft lebt noch nicht.] Was kann man tun, um sie zum Leben zu erwecken?

FRIEDMAN: Der Sozialismus ist tot als intellektuelle Idee. Aber in der Praxis ist er noch lange nicht tot. Im Gegenteil! In jedem westlichen Land ist der Sozialismus auf dem Vormarsch. Nehmen Sie einmal die Grünen: Sie wollen Sozialismus, verlangen, dass der Staat den Bürgern sagt, wie sie ihre Ressourcen, ihre Rohstoffe verwenden sollen. Überall ist der Trend zu einem größeren Staatsapparat, zu höheren Staatsausgaben, zu mehr Bürokratie zu verspüren. Marktwirtschaft hingegen bedeutet: Ein kleinerer Regierungsapparat gibt weniger Geld aus und regelt weniger.

Da der Sozialismus, wie gesagt, in der westlichen Welt noch längst keine Leiche ist, laufen die Staaten des Ostens, wenn sie so genannte kapitalistische Staaten kopieren wollen, große Gefahr.

MÜHLFENZL: Welches Modell sollen denn die Staaten im Osten wählen?

FRIEDMAN: Hongkong. Von allen Plätzen der Welt, die ich kenne, kam Hongkong in den 40 Jahren britischer Herrschaft dem Ideal einer freien, privaten Marktwirtschaft am nächsten.

Die meisten von uns würden nicht gern in Hongkong leben - ein Ort mit keinerlei Ressourcen, enorm übervölkert. Das einzige, was es hat, ist ein großer Hafen. Trotzdem hat es im Verlauf der 40 Jahre eine Bevölkerung verkraftet, die sich verzehnfacht und ihren Lebensstandard vervierfacht hat. Das zeigt, wie der freie Markt auch unter schlechtesten Bedingungen Wunder wirken kann, wenn man die Marktkräfte wirksam werden lässt. Das gleiche könnte geschehen in Polen, in Ungarn, in der Tschechoslowakei.

MÜHLFENZL: Wie präsent darf der Staat sein?

FRIEDMAN: Seine wichtigsten Funktionen in meinen Augen: Sicherung des Privatbesitzes gegen innere und äußere Feinde; ein Gerichtswesen, das Streitereien schlichtet; eine gesetzgebende Funktion, um die Definition des Privateigentums festzulegen; eine monetäre Funktion, um die Versorgung mit stabilem Geld sicherzustellen. Dazu braucht man aber nicht diese Art Regierung, die die westlichen Staaten heute fast durchweg haben. Wenn die Wirtschaft privatwirtschaftlich ausgerichtet wäre, dürften die Staatsausgaben nicht höher sein als 10% des Volkseinkommens.

MÜHLFENZL: Schön wär's.

FRIEDMAN: In den USA betragen die Staatsausgaben etwa 45% vom Volkseinkommen, in Deutschland, Großbritannien und anderen europäischen Staaten ist der Prozentsatz noch höher. In Schweden ist er ungefähr 60%. Das meiste sind sozialistische Staatsausgaben, nicht die Art von Ausgaben, die eine freie Marktwirtschaft fördern. Wir können uns das leisten, denn wir sind im 20. Jahrhundert wohlhabend genug geworden, um auf diese Weise unser Geld zu verschwenden. Die osteuropäischen Staaten können sich das nicht leisten. Ihr Modell sollte das 19. Jahrhundert oder Hongkong sein. [...]

MÜHLFENZL: [Die osteuropäischen] Staaten gehen [allerdings] davon aus, dass wir unseren Reichtum an sie verteilen.

FRIEDMAN: Nichts würde sie schneller zerstören. Schauen Sie sich doch einmal die Rekordzahlen der ausländischen Wirtschaftshilfe in den vergangenen Jahren an. Indien war einer der größten Wirtschaftshilfeempfänger. Ist dort ein wunderbares Wirtschaftswachstum zu verzeichnen? Ausländische Wirtschaftshilfe ist der Todeskuss für ein Land, das sie nimmt. Hongkong hat nie einen Pfennig bekommen, genauso wie Singapur. Taiwan hat anfangs etwas erhalten, nutzte die Gelder aber im Wesentlichen nur für militärische Zwecke. Bei ihnen allen ging es aufwärts. Da Regierungen und Systeme die ausländische Hilfe bekommen, nicht die Menschen, war sie fast überall ein Unglück.

MÜHLFENZL: Wie werten Sie die westdeutschen Leistungen für die DDR?

FRIEDMAN: Tatsache ist, daž Ostdeutschland momentan ein Objekt der Wohltätigkeit Westdeutschlands ist. Ihr Land hat unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mit Ludwig Erhard eine Wirtschaftspolitik praktiziert, die der reinen Marktwirtschaft viel näher kam als die heutige Politik. Deshalb ist es heute reich genug, um sehr viel Geld an seinen Wohlfahrtsstaat zu verschwenden, und nun ist es dabei, Ostdeutschland miteinzubeziehen. Denken Sie nur an die Umtauschquoten für die Ostmark. Die können Sie als Geschenk an die Menschen in Ostdeutschland betrachten oder als den Preis, den Sie bezahlen, um die Vorherrschaft über die ostdeutsche Zentralbank zu kaufen.

MÜHLFENZL: Wie sehen Sie die Zukunft Osteuropas?

FRIEDMAN: Das hängt davon ab, ob es wirklich eine radikale Wende vollzieht. Wenn es nur eine graduelle Umwandlung versucht, dann werden es die "vested interests" - die vielen einzelnen begründeten Ansprüche und Anrechte - umbringen. Wenn die Staaten des Ostens versuchen, gegenwärtige Ansprüche, gegenwärtige Praktiken zu konservieren, wenn sie Lohn- und Preiskontrollen beibehalten, wenn sie versuchen, feste Wechselkurse beizubehalten, anstatt die Wechselkurse freizugeben, dann fürchte ich, wird es eine Periode der Not werden, die die Leute dann ausschließlich auf die Unzulänglichkeit der Marktwirtschaft zurückführen, obwohl sie es der Unfähigkeit zuschreiben sollten, eine radikale Wende zum Markt durchzuführen.


Forbes-Wirtschaftsmagazin, Heft 8 (August 1990), S.3ff [gekürzt].

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Wirtschaftspolitische Grundlagen wurden bereits in der 11/II gelegt; dieser zunächst rein theoretischen Annäherung folgten dann in der 3. Reihe (12/II) praktische Analysen anhand der wirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik. Die Positionen der Ökonomen Keynes und Friedman sind dem Leistungskurs aus dieser Zeit hinlänglich bekannt.

Die Probleme Ostmittel- und Osteuropas standen im Zentrum der 5. Reihe (13/I), wobei die wirtschaftliche Lage allerdings nur ein Aspekt unter mehreren (politische Entwicklung, Militärstrategien, Nationalitätenkonflikte) war. Dementsprechend wurden auch keine ökonomischen Sanierungskonzepte im Sinne der Aufgabenstellung thematisiert bzw. problematisiert.

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Friedmans wirtschaftspolitische Position (neoklassisch-monetaristischer Ansatz) ist dem Kurs bekannt; daher ist mit kurzen Erläuterungen zu seiner Person zu rechnen. Darüber hinaus sollte allerdings - als Novum - erfasst werden, dass Friedman seine "klassisch" geprägten, auf westliche Industriestaaten zugeschnittenen Ideen ohne Abstriche auf kapitalismusunerfahrene, ehemals sozialistische Staaten überträgt. Im Einzelnen können hierbei folgende Kernthesen herausgearbeitet werden:

(1) Der Zusammenbruch der östlichen Systeme ist keine Konsequenz theoretischer Diskurse, sondern unmittelbarer ökonomischer Not.

(2) Es wäre fatal, aus dieser Not heraus die Strukturen der westlichen Industriestaaten kritiklos zu übernehmen, da diese keineswegs klassisch-marktwirtschaftlich, sondern ebenfalls sozialistisch "infiziert" sind.

(3) Stattdessen empfiehlt sich die (Rück-)Besinnung auf die frühkapitalistischen Strukturen des 19. Jahrhunderts oder eines "freien" Marktes à la Hongkong (hinsichtlich der genannten Staatsaufgaben sind hier sogar deutliche Parallelen zu Adam Smith zu verzeichnen).

(4) Westliche Finanzhilfen sind dysfunktional und können "bestenfalls" als Ausdruck eines latenten Wirtschaftsimperialismus gewertet werden.

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

Gefordert ist hier nicht das Referieren idealtypischer Standards, sondern die reflektierte Anwendung keynesianischen Denkens vor dem Hintergrund des in Ostmittel- und Osteuropa tatsächlich Machbaren. Die Vorstellung der Politik des pump priming, der antizyklischen Fiskalpolitik sowie flankierenderaußenwirtschaftlicher Maßnahmen sollte deshalb von kritischen Fragen begleitet sein (Wie weit kann ein bankrotter Staat das deficit spending treiben? Inwieweit muss ein sozialistisches System marktwirtschaftlich "konvertiert" sein, damit die Verbesserung von Abschreibungsmöglichkeiten "greift"? usw.). Der Vergleich mit Friedmans Position lässt sich sowohl im ökonomischen (Umfang der Staatstätigkeit) als auch im Humanitären (Bewältigung sozialer Risiken bei Einführung einer Marktordnung) ansetzen.

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

Die Erörterung der Friedman-Thesen kann auf vielerlei Weisen erfolgen, denen hier nicht im Detail vorgegriffen werden soll. Denkbar sind ökonomische (z. B. keynesianische), sozial-humanitäre (Vorwurf des Rückfalls in den Frühkapitalismus), ökologische oder auch "geographische" Kritikansätze (Problematisierung des "frag-würdigen" Vergleichs von Hongkong und Osteuropa). Wünschenswert erscheint darüber hinaus die Einbeziehung der Perestroika-Politik Gorbatschows.

Die Teilaufgaben 1 und 2 schließen Leistungen im Bereich I ein, im Übrigen fordert die Aufgabe vorrangig Leistungen aus den Bereichen II und III.


   Achtung! Bis 2001 folgten die Abiturvorschläge den Maßgaben der alten NRW-Richtlinien! Diese differenzierten nicht zwischen Inhalts- und Methodenfeldern, sondern zwischen Lernbereichen. Auch wurde bis 2001 keine notenstufenspezifische Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung eingefordert.
   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!