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Sozialer Wandel

Thema

Chancen und Risiken der Bevölkerungsentwicklung

Francis Fukuyama: Alt, steinalt und kein bisschen weise...?

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 2002 im 2. Fach (Leistungskurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2002


Aufgaben:

  1. Analysieren Sie Francis Fukuyamas Überlegungen zur aktuellen bzw. zukünftigen Bevölkerungsentwicklung, indem Sie herausarbeiten, wie er das quantitative und das qualitative Verhältnis der Generationen zueinander darstellt!
  2. Vergleichen Sie Fukuyamas Ausführungen mit anderen Theorien zur Zukunft unserer Gesellschaft! Erläutern Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten!
  3. Erörtern Sie Chancen und Risiken, die sich aus der von Fukuyama beschriebenen Entwicklung ergeben können!

Quelle:

Francis Fukuyama: Alt, steinalt und kein bisschen weise...?
In: Changes.de - Online-Magazin der HypoVereinsbank 2001 [gekürzt]. Interviewdatum: 10.5.2001. Hier zitiert nach:
http://www.changes.de/big/society/fukuyama.html

Erläuterungen:

Francis Fukuyama, Jahrgang 1952, Professor für politische Wissenschaften an der George Mason Universität in Washington, ist seit der Veröffentlichung seines Buches "Das Ende der Geschichte" (1992) einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten amerikanischen Autoren. Seine jüngste Publikation ist "The Great Disruption" (1999). - Bei dem vorgelegten Text "Alt, steinalt und kein bisschen weise...?" handelt es sich um einen Auszug aus einem Interview, das der Sozialpsychologe Fabian Pollozek mit dem Gastredner Fukuyama am 10.5.2001 auf dem sechsten deutschen Trendtag in Hamburg geführt hat.

retrospektiv: rückblickend
Populationsringe: "Bevölkerungsringe" (entsprechend den Jahresringen am Baum)
rigide: starr, streng geordnet, einengend
Wahlzyklus: regelmäßige Abfolge demokratischer Wahlen

Materialien

Francis Fukuyama: Alt, steinalt und kein bisschen weise...?

Die Vergreisung der Gesellschaft und die Errungenschaften der Biotechnologie ergeben einen Zukunftscocktail, der es in sich hat. [...] Man wird [zukünftig] wahrscheinlich zwei Altersperioden unterscheiden müssen: Die erste Phase bezeichnet die 20 Jahre zwischen dem Alter von 60 bis 80, in denen ein aktives Leben ohne fremde Hilfe noch möglich ist. Die zweite Phase beginnt mit circa 80 Jahren und ist hauptsächlich von Abhängigkeit und Pflege bestimmt. Hier rutscht der Mensch von seinem produktiven Dasein in die Abhängigkeit und wird einen signifikanten Niedergang mentaler Fähigkeiten durch beispielsweise Alzheimer und das Nachlassen physischer Kräfte erleben. Das künftige Gesellschaftsbild hängt stark vom Verhältnis der zweiten Phase zur ersten ab. [...]

Die Hierarchien, die wir auf dieser Welt haben, basieren auf dem Alter, das heißt, mit zunehmendem Alter steigt man in der Hierarchie auf. Ein klassisches Beispiel ist die Anstellung auf Lebenszeit in einem einzigen Unternehmen; das war das übliche Schema. Das alte Modell bestand aus einer Ausbildung zwischen 20 und 30, die bis zur Pensionierung irgendwann um 65 ausreichend war. Aber bereits heute arbeiten Menschen bis in ihre 70er, 80er und sogar 90er Jahre, und damit wird es offensichtlich, dass man die Fähigkeit, mehrmals im Leben umzulernen, anlernen, akzeptieren und mitbringen muss. Man muss des Weiteren akzeptieren, dass man während der diversen Umschulungen in einem Leben an sozialem Status einbüßt. Der soziale Status wird während einer neuen Ausbildung quasi verschoben, und folglich kann man auch nicht erwarten, dass man in einem neuen Tätigkeitsfeld, welches neue und andere Fähigkeiten verlangt, dort beginnt, wo man zuletzt aufhörte. Mit anderen Worten: Es muss eine große soziale Anpassung erfolgen. Mit zunehmendem Alter werden sich Menschen an den wiederholten Verlust von sozial Erreichtem gewöhnen müssen und natürlich auch daran, sich ein ums andere Mal wieder in den Hierarchien hochzuarbeiten. Diese Veränderungen haben - ökonomisch motiviert - bereits begonnen: Hierarchische Strukturen sind ja bereits aus Kostengründen von vielen Unternehmen abgebaut worden. [...]

[Gleiches gilt für das Familienleben:] Die Zeiten, in denen die Alten einen besonderen kulturellen Wert im Sinne von Weisheit und Lebenserfahrung besaßen, die sie an die nachfolgende Generation weitergaben, scheinen mir vorüber zu sein. Momentan leben alte Menschen bereits in Altersheimen an den Stadträndern - besonders in mittelgroßen Städten in den USA ist dies der Fall. Hier findet - lokal unbewusst unterstützt - eine Separation zwischen Jung und Alt statt.

Das Problem ist unser Streben nach einem modernen Individualismus. Sobald es finanziell zu bewerkstelligen ist, zieht die jüngere Generation aus dem Elternhaus aus. Retrospektiv war das ein beständiger Trend in den letzten 400 Jahren in Europa: Paare ziehen aus dem Elternhaus aus, um die Pflege ihrer Großeltern professionellen Pflegern zu überlassen, anstatt die Pflege selbst in die Hand zu nehmen. Ich glaube, dass wir zukünftig nicht nur für unsere Großeltern, sondern auch für unsere Urgroßeltern und Ur-Urgroßeltern verantwortlich sind. Bis zu sechs Generationen werden gleichzeitig nebeneinander leben. Und das ist natürlich eine völlig neue Situation, und es ist noch nicht geklärt, inwiefern wir uns mit jemandem, der drei oder vier Generationen entfernt ist, identifizieren können. [...]

Wenn ich aufgrund der momentanen Trends Prognosen abgeben müsste, würde ich behaupten, dass es [bald] nur noch nach Alter gestaffelte Populationsringe und zwischen den einzelnen Generationen keinen Kontakt gibt. Das größte Problem, das das Altern mit sich bringt, ist mentaler Natur. [...] Es ist erheblich schwerer, bestimmte Denkstrukturen im Alter zu ändern, da die wichtigsten Denkmuster durch die verschiedenen Erfahrungen zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr gefestigt werden. Die Weltanschauung wird im frühen Leben entscheidend und nachhaltig geprägt. Egal, was später alles geschehen mag, es gibt fast nichts, was diese Prägungen erschüttern kann. [...] Ganz krass kann man sagen, dass ohne den Tod kein Fortschritt möglich ist; nur durch neues Erleben funktioniert intellektuelle Entwicklung. Und wenn Sie nun eine Welt haben, in der die Menschen lange leben und die Spitze der vorhin angesprochenen Hierarchien blockieren, dann denke ich, dass wir zukünftig wahrscheinlich in einer intellektuell und politisch rigideren Welt leben werden. Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Schauen Sie sich die Erbfolge in autoritären Systemen an wie zum Beispiel Kuba oder Nordkorea, in denen kein regulärer Wahlzyklus existiert. Im Wesentlichen muss man den Tod des Diktators abwarten - dann übernimmt der Sohn die Herrschaft. Nun muss man wieder warten, bis der Sohn stirbt, um Veränderung zu erfahren. Und nun stellen Sie sich nur vor, diese Menschen würden nicht sterben, dann hätten wir ein echtes Problem.


Auszug aus einem Interview, das der Sozialpsychologe Fabian Pollozek mit dem Gastredner Fukuyama am 10.5.2001 auf dem sechsten deutschen Trendtag in Hamburg geführt hat.

Francis Fukuyama: Alt, steinalt und kein bisschen weise...?
In: Changes.de - Online-Magazin der HypoVereinsbank 2001 [gekürzt]. Interviewdatum: 10.5.2001. Hier zitiert nach:
http://www.changes.de/big/society/fukuyama.html

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Inhaltlich fordert die Aufgabe Kenntnisse aus dem Bereich der Sozialstruktur und des sozialen Wandels ein (Schichtungsmodelle, "Typen" zukünftiger Gesellschaften, 5. Reihe, 12/2). Ferner berührt sie wirtschaftspolitische Aspekte (etwa hinsichtlich der Vollbeschäftigungsproblematik, 4. Reihe, 12/1) und verlangt vor allem Hintergrundwissen zur sozialwissenschaftlichen Prognostik (Meadows) sowie zum Zusammenhang von Wohlstand und Bevölkerungsentwicklung (Vester) aus der 7. Unterrichtsreihe (13/2). Fragen zur Bevölkerungsentwicklung wurden peripher - und nur unter militärstrategischen Aspekten - auch im Zusammenhang mit der Besprechung des Huntington-Buchs "Kampf der Kulturen" erörtert (Geburtenraten westlicher vs. islamischer bzw. sinischer Kulturen). Die "Vergreisung" westlicher Industriegesellschaften war allerdings nie expliziter Gegenstand des Unterrichts.

Methodisch setzt die Aufgabe Kenntnisse im Umgang mit hermeneutischen Verfahren voraus (Reduktionen, idealtypische Zuspitzungen usw., Methodenfeld [MF] 4). Diese Kenntnisse wurden schwerpunktmäßig in der 4. Reihe (12/1) erworben und in der 6. Reihe (13/1) vertieft. Eine weitere Voraussetzung für die Bewältigung der Aufgabe ist der Umgang mit komplexen fachwissenschaftlichen Theorien (hier vor allem unter den Aspekten: Prämissen, Reichweite, Vergleich mit konkurrierenden Theorien, MF 5), den die Lerngruppe schwerpunktmäßig in der 5. Reihe (12/2) eingeübt hat.

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Vordergründig lassen sich Fukuyamas Aussagen dichotomisch beschreiben (Alt vs. Jung); die eingeforderte Analyse sollte jedoch differenzierter erfolgen. Immerhin unterscheidet der Autor bis zu sechs Generationen (Z.40), von denen er drei ins Blickfeld rückt: die (undifferenziert) "Jungen", die "Alten" und die "ganz Alten" (oder, in der Diktion der Überschrift: die "Steinalten").

Quantitativ lässt sich das Verhältnis dieser Generationen eindeutig festmachen: Bedingt durch medizinische bzw. biotechnische Fortschritte "vergreist" die Gesellschaft (gemeint sind hier, stellvertretend für westliche Industriegesellschaften, vor allem die USA). Durch das Hinzutreten der nunmehr "Steinalten" gewinnen die (insgesamt) "Alten" gegenüber den "Jungen" demografisch an Gewicht.

Die Qualität des Verhältnisses der (insgesamt) "Alten" zu den "Jungen" ist dagegen schwieriger zu charakterisieren, da Fukuyama hier ambivalente, z. T. gegenläufige Tendenzen beschreibt.

Insgesamt fordert die 1. Teilaufgabe Leistungen im Anforderungsbereich [AFB] 1 (Exzerpierung eines Texts, Wiedergabe von Sachverhalten), vor allem aber im AFB 2 (selbstständige Anordnung, Verarbeitung, Darstellung des neuen Sachzusammenhangs) ein.

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

Die Bearbeitung der 2. Teilaufgabe sollte sich nicht auf ein bloßes Aufzählen und "Abhaken" verschiedener Theorien beschränken; anzustreben ist vielmehr eine Klassifizierung und Abwägung der unterschiedlichen Modelle und Ansätze unter übergeordneten Gesichtspunkten. Formale Kriterien für die vergleichende Betrachtung können z. B. sein:

Vor dem Hintergrund der genannten Kriterien lassen sich z. B. Fukuyamas Ausführungen als regional gebunden (nämlich auf westliche Industriegesellschaften bezogen), einsträngig (lediglich die soziale Überalterung problematisierend), von der Methode her hermeneutisch (sinnerschließend, phänomenologisch, Alltagsbeispiele einbeziehend) und in der Bilanz pessimistisch beschreiben (vgl. den Schlusssatz: "dann hätten wir ein echtes Problem").

Inhaltlich kann der Vergleich der Frage nachgehen, ob andere Theorien, Modelle, Prognosen, Visionen mit Fukuyamas Ansatz übereinstimmen, ob sie zu diesem zumindest in Teilbereichen kompatibel sind oder ob sie ihm gar widersprechen.

Die von der 2. Teilaufgabe eingeforderten Leistungen liegen teils im AFB 1 (Wieder-gabe von Sachverhalten), teils im AFB 2 (selbstständiges Auswählen, Anordnen, Verarbeiten, Übertragen von Gelerntem), teils aber auch im AFB 3 (Reflexion der Gültigkeit von Theorien).

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

Augenfälliger als die Chancen sind in Fukuyamas Szenario, da er sie besonders betont, natürlich die Gefahren. Letztere sollten von den Schülerinnen und Schülern dann auch möglichst facettenreich skizziert werden (je differenzierter, desto höher die Notenstufe). Grundsätzlich können dabei die in der Textvorlage bereits genannten Risiken einer überalterten Gesellschaft aufgegriffen werden:

Darüber hinaus sollte die Diskussion der Gefahren aber eine Reihe weiterer Aspekte umfassen:

Als besondere Leistung kann das Herausarbeiten von Chancen, also positiven Aspekten, des Fukuyama-Szenarios gewertet werden. Denkbar ist hier z. B. die Argumentation, dass (1) die in der Textvorlage beschriebene Entwicklung den Abbau verkrusteter Hierarchien in der Arbeitswelt fördert (der Autor deutet dies in Z.26f selbst an) und dass (2) der Konservatismus der "Alten" als (notwendiges) Korrektiv zur Schnelllebigkeit und zum "Jugendkult" der derzeitigen "SMS-Gesellschaft" gesehen werden kann.

Insgesamt ist die 3. Teilaufgabe in ihren Ansprüchen an Reflexionsvermögen und selbstständiges Urteilen dem AFB 3 zuzurechnen.

Als "ausreichend" kann die Bearbeitung der Gesamtaufgabe dann gewertet werden, wenn die Analyse der 1. Teilaufgabe die zentralen Aussagen des Texts erfasst und diese zumindest grob ordnet (ein pures "Entlanghangeln" an den Formulierungen der Textvorlage wird diesem Anspruch allerdings kaum gerecht). Ferner muss die Darstellung der 2. Teilaufgabe verständlich, strukturiert und erkennbar auf Fukuyamas Ausführungen bezogen erfolgen (Methodenfeld [MF] 1). Im Übrigen müssen in der 3. Teilaufgabe mögliche Konsequenzen einer "vergreisten Gesellschaft" herausgearbeitet und im Ansatz problematisiert werden. - "Ausreichend" ist die Leistung aber auch dann, wenn sich in der Bearbeitung der ersten beiden Teilaufgaben Lücken finden, die Beiträge andererseits jedoch eine hinreichende Basis für die Argumentation im 3. Teil bieten. In jedem Fall müssen die Schülerinnen und Schüler zeigen, dass sie grundlegende Fachtermini anwenden können (MF 2).

"Gut" oder "sehr gut" ist die Bearbeitung hingegen dann, wenn die Analyse der 1. Teilaufgabe fachlich angemessen und systematisch (wie zu Anfang beschrieben) vorgenommen wird, wenn im 2. Teil eine Kategorisierung der einschlägigen Theorien in der weiter oben skizzierten Form erfolgt (MF 5) und wenn die 3. Teilaufgabe facettenreich, problembewusst, kategorisierend (s. o.), evtl. sogar unter Einbeziehung von Lösungsansätzen angegangen wird (MF 5 und 6).


   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!