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Betriebswirtschaft

Thema

Unternehmenspolitik in der Diskussion

Wolfgang Gehrmann: Die Arbeit kommt aus dem Takt

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 1991 im 3. Fach (Grundkurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1991


Aufgaben:

  1. Analysieren Sie anhand der Textvorlage die Arbeitsbedingungen im "Volvo"-Werk unter ökonomischen und sozialen Aspekten!
  2. Erläutern Sie die eingangs formulierte Feststellung, der "Volvo"-Chef Pehr Gyllenhammar wolle sich den Ruhm sichern, "Taylor besiegt zu haben"!
  3. Nehmen Sie zu Pehr Gyllenhammars Unternehmenspolitik Stellung! Welche Chancen, welche Gefahren birgt sein Konzept?

Quelle:

Wolfgang Gehrmann: Die Arbeit kommt aus dem Takt. In der Autoindustrie sollen neue Strukturen die Fließbandfron beenden.
In: Die Zeit. Nr.28 (7.7.1989). S.17 und 19 [gekürzt].

Materialien

Wolfgang Gehrmann: Die Arbeit kommt aus dem Takt

Der Mann, der sich den Ruhm sichern will, Taylor besiegt zu haben, heißt Pehr Gyllenhammar. Der Chef des schwedischen Volvo-Konzerns hat der Industriearbeit einen neuen, einen freien Rhythmus verordnet.

Aus einem Radio ist leise Jazzmusik zu hören, und das Stück, das gespielt wird, ist nicht der "Blue Collar Blues". Nicht in blaue Overalls sind die Frauen und Männer gekleidet, die sich da an etlichen Fahrzeugkörpern zu schaffen machen - in einer taghellen, sauberen Werkhalle, deren raumhohe Fensterfront freien Blick gibt auf das klare Wasser des Byfjorden vor der schwedischen Kleinstadt Uddevalla. Sie alle tragen Freizeitkleidung: Jogginghosen, Sportschuhe und bunte Polohemden.

Hier montiert eine gerade ein Armaturenbrett in eine auf der Seite stehende Karosse. Dort klemmt einer einen Plastikhimmel in einen fast fertigen Volvo 740 GL. Ein dritter nimmt einen Auspuff von einem der Transportroboter. Das Schnurren dieser Elektrowagen, die unentwegt führerlos, aber zielsicher durch die weitläufige Halle kurven, ist neben der Radiomusik das einzige auffallende Geräusch.

Nirgends ein Fließband. Keine technische Anordnung, die den Uneingeweihten einen Produktionsfluss wahrnehmen ließe, einen vorgegebenen Prozess, der Schritt für Schritt aus den erkennbaren Teilen fertige Autos werden ließe. Und doch gleiten immer wieder fertige Wagen von irgendwoher auf Transportplattformen zum Rollenprüfstand im Zentrum der Halle.

Eine der jungen Arbeiterinnen lacht und nimmt sich die Zeit für ein paar erstaunliche Erklärungen. "Fließbänder und Taktzeiten haben wir hier nicht", sagt Susanne Dunkel, "wir montieren die Wagen komplett zusammen. Unsere Arbeit ist getan, wenn aus all den Teilen ein Auto geworden ist - eins, das fährt."

Wir - das ist ein Team von zehn Arbeiterinnen und Arbeitern. Jede(r) von ihnen muss sich mit mindestens zwei Siebteln der Arbeiten auskennen, die zur Montage eines Autos nötig sind. So haben die Arbeitsplaner von Volvo das berechnet: Von zehn Leuten werden im ungünstigsten Fall drei ausfallen, wegen Krankheit, freier Tage, Fortbildung. Von den sieben übrigen muss je einer wenigstens einen anderen ersetzen oder ihm helfen können - macht zwei Siebtel des Jobs für jeden. Wo am traditionellen Fließband die Taktzeit zwei Minuten beträgt, sollen die Arbeiter in Uddevalla erst nach ein bis zwei Stunden einen Arbeitsgang wiederholen müssen.

Die Praxis allerdings sieht noch anders aus. Susanne Dunkel hat in zwanzig Monaten gelernt, Türen und Armaturenbretter zu montieren. Tatsächlich aber kann sie längst mehr: "Ich mache das jetzt ein Jahr. Weil wir gut zusammenarbeiten, habe ich den Kollegen schon abgeguckt, auch die Handbremse, die Beleuchtung und den Motor einzubauen. Bald kann ich allein ein halbes Auto montieren." Früher hat sie als Verkäuferin gearbeitet - ein langweiliger und dennoch anstrengender Job. "Das hier", sagt sie, "könnte ich mein Leben lang machen."

Mit solchen Lern- und Motivationseffekten haben die Volvo-Manager insgeheim gerechnet. Sie kommen der Firma, aber auch den Arbeitern zugute. Je mehr jeder Einzelne kann, desto leichter erreicht das Team sein Produktionsziel - gegenwärtig sind das 48 Autos im Monat. Mit je acht Teams in drei Werkhallen will Volvo dieses Jahr in Uddevalla 10 000 Wagen herstellen - später sollen es mit doppelter Mannschaft einmal 40 000 sein.


Wolfgang Gehrmann: Die Arbeit kommt aus dem Takt. In der Autoindustrie sollen neue Strukturen die Fließbandfron beenden.
In: Die Zeit. Nr.28 (7.7.1989). S.17 und 19 [gekürzt].

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Im Rahmen der 2. Reihe (12/I) lernten die Schülerinnen und Schüler sowohl ökonomische als auch soziale Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität kennen (Rationalisierung, Modernisierung, psychologische Sozialpolitik). Der Taylorismus wurde hierbei ebenso thematisiert und problematisiert wie z. B. der Human-Relations-Ansatz und die Qualitätszirkel-Bewegung. Zur Sprache kamen auch verschiedene betriebliche Leitungsstrukturen und Organisationsformen (Stab-Linien, Matrix), wobei das hier vorgestellte "Volvo"-Team-Konzept allerdings ausgenommen wurde.

Die Aufgabenstellung tangiert darüber hinaus aber ebenso Fragen der sozialen Schichtung bzw. des sozialen Wandels (neue Identität der Arbeiterschaft, Überwindung entfremdeter Arbeit), die im Rahmen der 5. Reihe (13/I) diskutiert wurden.

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Gefordert ist hier ausdrücklich keine technische, sondern eine sozialwissenschaftliche Analyse der Produktion im "Volvo"-Werk:

Aus ökonomischer bzw. systemtheoretischer Sicht zeichnet das Zusammenwirken von Robotern und "außer Takt" arbeitenden Menschen ein hoher Grad an Komplexität (Dezentralisierung von Planungen) sowie eine große Effektivität (geringe Ermüdungserscheinungen auf Seiten der Arbeiter) aus, so dass sogar eine Produktionssteigerung erwogen werden kann.

Unter soziologischer Fragestellung kann ein Trend zu einer neuen Arbeiter-Identität (Aufhebung hierarchischen Denkens durch Abbau skalarer Strukturen / Überwindung entfremdeter Arbeit durch de-anonymisierende Teamarbeit, größere Überschaubarkeit des Produktionsprozesses und freiere Gestaltung der Produktion) sowie zu einem Anstieg der beruflichen Qualifikation (Fortbildungen) und damit zu einem Statuswandel ehemals ungelernter Berufe beobachtet werden.

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

Zu erwarten ist hier ein Kurzreferat über die Prinzipien des Taylorismus (Ablösung des auf den Arbeitsprozess bezogenen Wissens und der entsprechenden Fertigkeiten von den Arbeitern, systematische Trennung von geistiger und ausführender Arbeit, Pensumbildung). Unter Einbeziehung der Kritik am Taylorismus kann dem dann Gyllenhammars Modell gegenübergestellt werden.

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

In der Schwerpunktsetzung und der Gliederung der Erörterung sind den Schülerinnen und Schülern weit gehende Freiheiten gelassen. Zweckmäßig erscheint es jedoch, die Chancen und Gefahren für unterschiedliche soziale Gruppen (Firmeneigentümer, Arbeitnehmer, evtl. Kunden) getrennt abzuwägen und dann auf die Makroebene zu projizieren. Denkbar (aber keineswegs obligatorisch) ist hier die Diskussion folgender Problemfelder:

Die 2. Teilaufgabe schließt Leistungen im Bereich I ein, im Übrigen liegen die Anforderungen der Aufgabe jedoch in den Bereichen II u. III.


   Achtung! Bis 2001 folgten die Abiturvorschläge den Maßgaben der alten NRW-Richtlinien! Diese differenzierten nicht zwischen Inhalts- und Methodenfeldern, sondern zwischen Lernbereichen. Auch wurde bis 2001 keine notenstufenspezifische Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung eingefordert.
   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!