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Politisches System

Thema

Die Perestroika in der Kritik

SPIEGEL-Interview mit Michail Gorbatschow

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 1994 im 3. Fach (Grundkurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1994


Aufgaben:

  1. Fassen Sie Michail Gorbatschows Ausführungen thesenartig zusammen!
  2. Vergleichen Sie seinen heutigen politischen Standpunkt mit seinen Thesen aus den 80er Jahren! Arbeiten Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten heraus!
  3. Nehmen Sie Stellung zu Gorbatschows Erklärungen für das Scheitern der Perestroika!

Quelle:

"Russland wird auferstehen". Michail Gorbatschow über die Politik Jelzins und über seine Chancen einer Rückkehr zur Macht.
In: Der Spiegel, Nr.3 (18.1.1993). S.126-130 (hier S.126-128 [gekürzt]).

Materialien

SPIEGEL-Interview mit Michail Gorbatschow

SPIEGEL: Michail Sergejewitsch, [...] Sie waren als Generalsekretär der KPdSU 1985 einer der mächtigsten Männer der Welt. Sie haben einen großen Prozess der friedlichen Transformation eingeleitet, der abgebrochen ist; es kam zu Blutvergießen. Warum ließ sich die kontrollierte Entwicklung nicht mehr fortsetzen?

GORBATSCHOW: Ein großer Bewusstseinswandel hatte stattgefunden. Bei dem Versuch, das neue Denken in die Praxis umzusetzen, kam die Revolution von oben zum Stillstand. Jetzt ging es darum, das ganze Volk einzubeziehen, damit die Nomenklatura den Reformprozess nicht abwürgen konnte.

SPIEGEL: Das System begann sich zu wehren.

GORBATSCHOW: Die Parteibürokratie, die Ministerien, all diese Lehnsfürsten leisteten Widerstand. Auch die Industrieherren, die Direktoren, fürchteten um ihre Macht. Es war wie der Sturm in der Taiga: In den Wipfeln rauschte es, am Boden aber blieb es still. So war es schon hundert Kilometer hinter Moskau.

SPIEGEL: Den einen ging es zu langsam, den anderen war alles zu radikal.

GORBATSCHOW: Und Gorbatschow musste das Schiff der Perestroika durch die Klippen steuern. Dabei konnte man noch nicht Dinge ankündigen, für die das Volk noch nicht reif war. Man hätte mich für verrückt erklärt, das Volk wäre zerrissen worden, es hätte zum Bürgerkrieg kommen können. Man musste Geduld zeigen, bis die Parteibürokratie so entmachtet war, dass sie das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen konnte. Am Ende hatte die Partei zum Fahren nicht mehr genug Dampf, ihre Kraft reichte gerade noch, ein letztes Mal die Hupe zu betätigen.

SPIEGEL: Demnach war die Macht der Nomenklatura gebrochen.

GORBATSCHOW: Und da ist mir die russische Führung in den Rücken gefallen. Das russische Parlament berief sich darauf, dass seine Gesetze über den Gesetzen der Union stünden. Ich habe Jelzin entgegengehalten, die Union kann nicht ohne Russland existieren, Russland aber auch nicht ohne die Zusammenarbeit mit anderen Republiken, sonst droht Russland der gleiche Leidensweg, wie ihn die Union gehen musste. Genau das, was ich damals, im Dezember 1991, vorausgesagt habe, ist eingetreten. Diese Entwicklung war also kein Zufall und auch keine historische Notwendigkeit.

SPIEGEL: Die Union ist tot...

GORBATSCHOW: ... aber das Land lebt noch. Krank, verwundet, gelähmt - aber es ist noch am Leben. Das, was an alten Unionsbeziehungen noch vorhanden ist, bewahrt uns vor der Katastrophe. Die Ukraine, Kasachstan, Litauen - sie stecken alle in einer tiefen Krise.

SPIEGEL: In Litauen haben aber gerade eben Kommunisten eine freie Wahl gewonnen. Was wünschen Sie sich mehr?

GORBATSCHOW: Wer da gewonnen hat, das sind nicht mehr die alten Kommunisten. Sie nennen sich auch nicht mehr so. Ehemalige Kommunisten sind wir alle, auch Jelzin [...].

SPIEGEL: Michail Sergejewitsch, Sie sind kein Kommunist mehr?

GORBATSCHOW: Wenn Sie meine Aussagen nehmen, dann wird Ihnen klar, dass meine politischen Sympathien der Sozialdemokratie gehören und der Idee von einem Sozialstaat nach der Art der Bundesrepublik Deutschland.

SPIEGEL: Wie bitte?

GORBATSCHOW: Ich möchte Ihr Land nicht idealisieren, aber ich bin für einen Staat, der für soziale Sicherheit sorgt, einen Rechtsstaat mit einem funktionierenden Parlamentarismus, der eine Föderation von weitgehend selbstständigen Bundesländern mit einem kräftigen Zentrum darstellt. [...] Und ich habe Hochachtung für das starke demokratische Bewusstsein der Bevölkerung, die sich den Neonazis widersetzt. Bei grundsätzlichem Bekenntnis zum Liberalismus greift der deutsche Staat aktiv in das soziale Leben und in die Volkswirtschaft ein, ich halte das für richtig.

SPIEGEL: [...] Was betrachten Sie als Ihr größtes Versäumnis, solange Sie noch an der Macht waren?

GORBATSCHOW: Wir kamen zu spät mit der Parteireform. Wir haben die Schwierigkeiten des Reformprozesses in der multinationalen Föderation unterschätzt - diese Dinge haben uns die Separatisten aus der Hand genommen. Auch in der Wirtschaftspolitik hätte man damit anfangen müssen, Landwirtschaft, Lebensmittel- und Leichtindustrie zu reformieren.


"Russland wird auferstehen". Michail Gorbatschow über die Politik Jelzins und über seine Chancen einer Rückkehr zur Macht.
In: Der Spiegel, Nr.3 (18.1.1993). S.126-130 (hier S.126-128 [gekürzt]).

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Michail Gorbatschow und seine Politik der Perestroika bildeten einen thematischen Schwerpunkt der 5. Reihe (13/I). Dass er - trotz aller marktorientierten Reformversuche - in den 80er Jahren auf seinem sozialistischen Standpunkt beharrte, wurde hinreichend thematisiert. - Der Sozialismus selbst war (im Zusammenhang mit der Marxschen Erklärung sozialer Ungleichheit) Unterrichtsgegenstand der 4. Reihe (13/I). Begriffe wie "Nomenklatura" sind dem Kurs bekannt.

Gorbatschows Verweis auf das "Modell" Deutschland fordert zudem Kenntnisse des bundesdeutschen politischen Systems ein, die in der 1. Reihe (12/I) erworben wurden. Die Analyse seiner Ausfhrungen zur wirtschaftspolitischen Rolle des Staates kann auf der Basis der in der 3. Reihe (12/II) thematisierten ökonomischen Unterrichtsinhalte (z. B. Globalsteuerung) erfolgen.

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Das Interview hat zwei thematische Schwerpunkte: zum einen versucht Gorbatschow, das Scheitern seiner Perestroika-Politik zu erklären, zum andern umreißt er seinen derzeitigen politischen Standort.

Gorbatschows Erklärungen können thesenartig wie folgt zusammengefasst werden:

  1. Der Prozess der Umgestaltung sei von der Nomenklatura sowie dem "Mittelbau" (Parteibürokraten, Industriedirektoren) nur mangelhaft unterstützt, wenn nicht gar bekämpft worden.
  2. Auch an der Basis habe es an Unterstützung gefehlt, denn er, Gorbatschow, habe das Volk, um keinen Bürgerkrieg heraufzubeschwören, nur teilweise über den Umgestaltungsprozež informieren und damit nicht genügend motivieren können.
  3. Die Alleingänge des russischen Parlaments hätten eine abgestimmte, umfassende Politik der Umgestaltung verhindert.
  4. Die innerparteiliche Reform der KPdSU sei zu spät vorangetrieben worden.
  5. Es habe an konkreten Reformen der Landwirtschaft sowie der Lebensmittel- und Leichtindustrie gefehlt.

Seine politische Position bezeichnet Gorbatschow als "sozialdemokratisch", wobei dieser Begriff weniger parteipolitisch als vielmehr als Synonym für das System der Bundesrepublik zu verstehen ist.

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

Herausgearbeitet werden können einige Konstanten in Gorbatschows politischer Haltung, etwa der Gedanke des Föderalismus bei gleichzeitiger Beibehaltung einer starken Zentrale oder die Idee eines in das Wirtschaftsgeschehen eingreifenden Staates.

Deutlich gekennzeichnet werden sollte aber auch der Wandel in seinem Denken: seine Abkehr vom Kommunismus und seine Hinwendung zur "reinen" Sozialstaatlichkeit (ohne sozialistische Heilserwartung) und zum Liberalismus (einen maßvollen Wirtschaftsliberalismus eingeschlossen). Thematisiert werden kann auch, dass Gorbatschow - im Unterschied zu früheren Jahren - einem "funktionierenden Parlamentarismus" große Bedeutung beimisst.

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

Aufgrund der unterrichtlichen Voraussetzungen wird hier eine primär politische Auseinandersetzung mit den Aussagen Gorbatschows erwartet, wobei die Schülerinnen und Schüler verschiedene Schwerpunkte bilden können.

(1) Problematisiert werden kann z. B. die Rechtfertigung, das Volk sei wegen seiner fehlenden "Reife" nicht hinreichend informiert worden.

(2) Diskussionswürdig erscheint auch die Klage, man habe die Wirtschaft nicht reformiert (obwohl dies doch ein vorrangiges Ziel der Perestroika war).

(3) Zu hinterfragen ist zudem, ob die Sabotierung der Gorbatschowschen Politik durch die Führungsschichten nicht strukturell in der Perestroika (als einer Reform "von oben") angelegt war.

Insgesamt liegen die Anforderungen in den Teilaufgaben 1 und 2 in den Bereichen I und II, in der Teilaufgabe 3 in den Anforderungsbereichen II und III.


   Achtung! Bis 2001 folgten die Abiturvorschläge den Maßgaben der alten NRW-Richtlinien! Diese differenzierten nicht zwischen Inhalts- und Methodenfeldern, sondern zwischen Lernbereichen. Auch wurde bis 2001 keine notenstufenspezifische Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung eingefordert.
   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!