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Sozialer Wandel

Thema

Chancen und Gefahren der Virtualisierung

Interview mit dem Zukunftsforscher Matthias Horx

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das mündliche Abitur 2003 im 4. Fach (Grundkurs)

©  Ralf Wesbuer, Attendorn 2003


Aufgaben:

  1. Analysieren Sie Matthias Horx' Äußerungen, indem Sie die Kernthesen des Interviews formulieren!
  2. Vergleichen Sie Horx' Ansichten mit den Äußerungen anderer Zukunftsforscher! Arbeiten Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten heraus!
  3. Erörtern Sie die Chancen und Gefahren, die sich aus einer "Internetgesellschaft" ergeben könnten!

Quelle:

"Wir sind einfach analoge Wesen." Ein Interview mit dem Zukunftsforscher Matthias Horx über die Grenzen der Virtualisierung. (Das Interview führte Sylvia Englert.)
©  changeX (7.3.2002) [gekürzt]. Hier zitiert nach:
http://www.changex.de/d_a00535.html

Erläuterungen:

Matthias Horx ist einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Durch seine inzwischen mehr als zehn Bücher - darunter das 2001 erschienene "Smart Capitalism" - wurde er auch einem breiten Publikum bekannt. 1996 gründete er das Zukunftsinstitut, das er heute leitet.

Dot.com-Firmen: hier: Unternehmen, die Waren und Dienstleistungen über das Internet verkaufen
Revival: Rückkehr, Wiederbelebung
Substitution: Ersetzung
E-Business/E-Commerce: Handel über das Internet
Kokolores Unsinn, Quatsch

Materialien

"Wir sind einfach analoge Wesen."
Ein Interview mit dem Zukunftsforscher Matthias Horx
über die Grenzen der Virtualisierung

Während Dot.com-Firmen mit Begeisterung an virtuellen Assistenten tüfteln, prophezeien Sie eher ein Revival des menschlichen Kontakts [...]. Haben die Leute genug von den virtuellen Welten?

Horx: Ich glaube schon. Wir sind einfach analoge Wesen. Außerdem gibt es einen gewissen Überdruss an elektronischen Substitutionen. [...] Einen großen Mangel gibt es dagegen bei den Humandienstleistungen, also bei der Frage, wie wir unsere Kinder babysitten und unseren Haushalt putzen lassen. [...]

Ihre überraschende These in "Smart Capitalism" ist: "Das Internet wird kein Massenmedium." Aber ist es das nicht schon? [...]

Horx: Das Internet war nie ein Massenmedium. Das war es nur in der Propaganda der Analysten. [...] Der primäre Träger für das Internet, das wir heute haben, ist der PC, und der PC stagniert bei 35 bis 40 Prozent der Haushalte. Zwar wird ein Internetanschluss nach dem anderen geschaltet, aber nur deshalb, weil Sie es inzwischen fast umsonst hinterhergeworfen bekommen. Was die Leute mit diesem Anschluss machen, ist ja eine ganz andere Frage. Das Internet ist ein wunderbares Werkzeug für Wissensarbeiter, die über große Mengen komplexer Informationen verfügen müssen. Das ist ein bestimmter Anteil an der Bevölkerung, der heute bei 20 bis 25 Prozent liegt, und darüber hinaus ist das Internet zunächst einmal wenig mit den wirklichen Bedürfnissen der Leute kompatibel.

Das Web, so schreiben Sie, dient der Kommunikation - und es bestraft alle Versuche, es als Verkaufsmaschine zu missbrauchen. Ist E-Business ein Irrweg, von dem Unternehmen möglichst schnell Abschied nehmen sollten?

Horx: Nein. Aber E-Commerce ist eben nur eine von vielen Möglichkeiten, Vertrieb zu betreiben - und nicht unbedingt die originellste. Wenn Sie sich anschauen, wie sich der Handel entwickelt, dann stellen Sie fest: Wo Sie zeitknappe Gesellschaften wie zum Beispiel England und Amerika haben, da findet sich ein hoher E-Commerce-Anteil. Die Leute haben schlicht keine Zeit mehr, in Geschäfte zu rennen. [...] Es gibt also sinnvolle Anwendungen, aber der mächtige Gegentrend ist natürlich der zum sinnlichen Konsum. Die Menschen wollen anfassen, fühlen, riechen. Wenn sie schon einkaufen gehen, wollen sie dabei ein viel positiveres Erlebnis haben als bisher. Daher die vielen Konzepte für Erlebniswelten, Einkaufstempel mit Freizeitwert. Diese beiden Trends - E-Commerce und Erlebniseinkauf - existieren nebeneinander her.

Also spaltet es sich in diese beiden Extreme auf.

Horx: Ja, das kann man sagen. [...] So müssen Sie die Wirklichkeit betrachten: Es ist immer ein Auffächern, ein Differenzieren und ein Entwickeln. Die einzelnen Bereiche ersetzen einander nicht. Viele dachten ja, der Fernseher würde das Kino verdrängen. Das war natürlich Unsinn. Auch das Internet ist, wie sich letzten Endes herausstellt, nicht das gigantische Universalmedium, in dem alles verschwindet, sondern ein recht potentes Auch-Medium. Wir werden in 20 Jahren noch einen Fernseher im Wohnzimmer stehen haben. [...] Auch die Idee einer individuellen Zeitung ist Kokolores, denn durch eine Zeitung will ich mich ja nicht nur informieren, ich will auch kommunizieren. Diesen Faktor vergessen viele. Ich will, wenn ich in der Straßenbahn jemanden treffe oder auf einem Managerseminar bin, sagen können: "Haben Sie heute dieses oder jenes gelesen, das in der FAZ stand?" Und ich will, dass mein Gesprächspartner dasselbe liest wie ich.

Es geht also um den gemeinsamen Nenner?

Horx: Ja. Deshalb wird es auch immer Nachrichtensprecher geben. [...] Über einen Moderator kann man sich mit anderen austauschen. Man kann sich über bestimmte Sichtweisen und Kommentare ärgern. Massenmedien konstruieren Wirklichkeit und Sinnzusammenhänge, und sie sind damit auch viel mehr als nur Information. [...]

(Das Interview führte Sylvia Englert.)


"Wir sind einfach analoge Wesen." Ein Interview mit dem Zukunftsforscher Matthias Horx über die Grenzen der Virtualisierung.
©  changeX (7.3.2002) [gekürzt]. Hier zitiert nach:
http://www.changex.de/d_a00535.html

Erwartungen

Erläuterungen:

Die stichwortartige Darstellung der zu erwartenden Schülerleistungen verwendet folgende Abkürzungen:

IF    Inhaltsfeld (vgl. NRW-Richtlinien).
AFB    Anforderungsbereich (vgl. NRW-Richtlinien).
12/1, 12/2 usw.    Jahrgangsstufe/Halbjahr.
["1"]    Die Fragestellung bietet die Möglichkeit zu einem problemorientierten, ggf. problemlösenden Zugriff, zur Vernetzung von Wissensbereichen (Notenbereich: "sehr gut").
["2"]    Die Fragestellung bietet die Möglichkeit zu einem problemorientierten Zugriff (Notenbereich: "gut").
["3"]    Die Fragestellung bietet die Möglichkeit zu Transferleistungen (Übertragung von Gelerntem auf neue Zusammenhänge, Notenbereich: "befriedigend").
["4"]    Die Fragestellung bietet die Möglichkeit zur Reproduktion von Gelerntem (Notenbereich: "ausreichend").
["1 - 4"], ["2 - 4"], ["1 - 2"] usw.    Die Fragestellung bietet differenzierte Antwortmöglichkeiten (s. o.). Notenbereiche in eckigen Klammern gelten grundsätzlich für den gesamten vorausgegangenen Text ab der vorherigen eckigen Klammer (bzw. ab dem Anfang).
F:    Frage des Prüfers im 2. Prüfungsteil.
A:    Mögliche Antwort(en) des Schülers/der Schülerin im 2. Prüfungsteil.

Erwartungen:

Prüfungsteil 1: Wirtschaftspolitik (IF 4, 12/1)

Teilaufgabe 1 (Analyse; AFB 1, 2)

Kernthese: Das Internet wird kein Massenmedium. ["4"]

Unterthesen:

Begründung:

Teilaufgabe 2 (Darstellung, AFB 1, 2, 3)

Inhaltliche Vergleichskriterien:

Formale Vergleichskriterien:

Vergleichsmöglichkeiten:

Es bieten sich vor allem Vergleiche mit Toffler ("Freizeitgesellschaft"; "Informationsgesellschaft") sowie Rifkin ("Tätigkeitsgesellschaft") an, da diese sich ebenfalls mit den Auswirkungen des Internet befasst haben. ["1 - 4"]

Darüber hinaus:
Hansen: Stagnationsprognose
Rostow: Stufentheorie
Bell: Postindustrielle Gesellschaft
Meadows: Grenzen des Wachstums; Neue Grenzen des Wachstums ["1 - 4"]

Teilaufgabe 3 (Erörterung, AFB 3)

Chancen:

Gefahren:

Prüfungsteil 2a: Kriege der Zukunft (IF 6, 13/1) (AFB 1, 2, 3)

F: Mit welchen neuen sicherheitspolitischen Bedrohungen müssen "Internetgesellschaften" möglicherweise rechnen?

A: "Cyberwar" (möglicherweise schon vorher genannt / ggf. Ergänzungen). Erläuterungen. ["2 - 4"]

F: Lässt sich diese Gefahr mit den herkömmlichen Mitteln zur Friedenssicherung bekämpfen?

A: Prüfung: NATO- Konzepte (Massive Vergeltung, flexible Erwiderung, Neues Strategisches Konzept). Alternativen (Einseitige Vorleistungen, atomare Abrüstung, Pazifismus, soziale Verteidigung, Neutralität).
Voraussetzungen für die Konzepte:
    - "Sichtbarkeit" des Gegners und seiner Motive
    - Angreifbarkeit des Gegners
    - territoriale Interessen des Gegners
    - rational denkende Gegner ["1 - 4"]
Vermutliches Fazit: Die traditionellen Konzepte sind ungeeignet. ["4"]

F: Welche Auswirkungen könnte diese neue Art der Kriegsführung auf das Kräfteverhältnis zwischen den Staaten haben? (ggf. Hilfestellung: Industriestaaten vs. Rest der Welt)

A: Kräfteverhältnis verschiebt sich möglicherweise zu Ungunsten der Industrienationen.
Begründungen:
    - Industrienationen sind besonders verwundbar (durch die Vernetzung).
    - Die Art der Kriegsführung ist vergleichsweise "preiswert".
    - Die "Waffen" sind frei verfügbar.
    - Eine direkte Konfrontation mit den militärisch oft überlegenen Gegnern wird vermieden.
    - Räumliche Distanzen spielen keine Rolle. ["1 - 4"]

Prüfungsteil 2b: Ökonomie und Ökologie (IF 4, 12/1) (AFB 1, 2, 3)

F: Einige Sozialwissenschaftler versprechen sich von der Entwicklung zur "Internetgesellschaft" auch positive Auswirkungen für den Umweltschutz. Welche Auswirkungen könnten das sein?

A: Weniger Straßenverkehr (Autoabgase), Beschleunigung des (umwelt-)technischen Fortschritts.

F: Welche grundsätzlichen Ursachen für das Umweltproblem unterscheidet man?

A: Entwicklungsbedingte Ursachen (Bevölkerungswachstum, Wirtschaftswachstum, technische Entwicklung), sozio-ökonomische Ursachen (umweltfeindliches Verhalten, "Gefangenendilemma"). Erläuterungen. ["2 - 4"]

F: Welche umweltökonomischen Instrumente stehen dem Staat zur Verfügung?

A: Umweltzertifikate, Umweltauflagen, Umweltabgaben / "Öko-Steuer", Umwelthaftungsvorschriften, freiwillige Selbstverpflichtung. Erläuterungen. ["2 - 4"]

F: Welchem Instrument ist das neue Zwangspfand für Getränkedosen zuzuordnen?

A: Umweltauflagen. Begründung. ["1 - 4"]

F: Wie beurteilen Sie die Einführung dieses Zwangspfands?

A: Begründete Stellungnahme. ["1 - 4"]

Alternativthema: Bevölkerungsentwicklung (IF 5, 12/2)


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