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Internationale Beziehungen

Thema

Möglichkeiten und Grenzen der Friedenssicherung

SPIEGEL-Gespräch mit Professor Samuel Huntington

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 1997 im 3. Fach (Grundkurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1997


Aufgaben:

  1. Fassen Sie Samuel Huntingtons Ausführungen thesenartig zusammen!
  2. Prüfen Sie vor dem Hintergrund des von Huntington entwickelten Szenarios Ihnen bekannte Friedenssicherungskonzepte auf ihre Tauglichkeit!
  3. Nehmen Sie zu den Überlegungen des Harvard-Professors Stellung!

Quelle:

"Und dann die Atombombe". Professor Samuel Huntington über seine Angst vor einem Krieg der Kulturen und der Schwäche des Westens. In: Der Spiegel, Nr.48 (25.11.1996), S.178-186 [gekürzt].

Erläuterungen:

Samuel P. Huntington ist Politikprofessor und Leiter des Instituts für Strategische Studien an der Universität Harvard (USA). 1993 schrieb er seinen richtungweisenden Essay "The Clash of Civilizations?", den er 1996 zu einem Buch erweiterte.

Hanoi: Hauptstadt Vietnams
konfuzianisch: unter dem Einfluss des Konfuzianismus stehend (Konfuzianismus: im Fernen Osten verbreitete - ursprünglich chinesische - ethisch-philosophische Lehre)

Materialien

SPIEGEL-Gespräch mit Professor Samuel Huntington

Der kulturelle Graben zwischen West und Ost SPIEGEL: Professor Huntington, in Ihrem neuen Buch lassen Sie die große Weltkrise so beginnen: ein wirtschaftlich und militärisch immer selbstbewussteres China greift beim Streit um die riesigen Ölfelder vor den Küsten seinen Nachbarn Vietnam an. Hanoi bittet Washington um Hilfe, und einer der wenigen in der Region verbliebenen amerikanischen Flugzeugträger-Verbände läuft zum Vergeltungsschlag aus. [...] Sie beschwören die "gelbe Gefahr" eines aggressiven China, verbündet mit einer feindseligen islamischen Staatengemeinschaft. Brauchen wir im Westen nach dem Ende des Kommunismus neue Feindbilder? Und warum liefert die ausgerechnet ein anerkannter Harvard-Professor wie Sie?

HUNTINGTON: Ich bastle nicht an neuen Feindbildern, das ist Unsinn. Es ist eine Verleumdung, wenn manche Leute sagen, ich wünschte mir den Kalten Krieg zurück oder gar einen neuen, "heißen". Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die Weltpolitik künftig nicht mehr primär von konkurrierenden Ideologien oder von Nationalstaaten oder Wirtschaftsblöcken bestimmt wird - sondern vom Zusammenprall verfeindeter Kulturen. Wenn es einen nächsten Weltkrieg geben sollte, wird es ein Krieg zwischen unterschiedlichen Zivilisationen sein. Die Schlachtfelder der Zukunft liegen entlang der kulturellen Fronten.

SPIEGEL: Dabei steht Ihrer Meinung nach der Westen gegen den Rest der Welt. Sie behaupten außerdem noch, dieser Konflikt könne blutiger und verrohter ausgetragen werden als alle zuvor; Sie warnen vor weiterer Abrüstung in den USA und Europa. Wie kann Sie wundern, dass Scharfmacher Ihnen Beifall spenden?

HUNTINGTON: Ich habe Abrüstungsschritte in der Vergangenheit befürwortet, bin jetzt allerdings in der Tat der Meinung, Washington müsse eine Pause einlegen und nicht noch mehr Waffensysteme abbauen. Aber ich rede doch keine internationalen Konflikte herbei, wenn ich darauf hinweise, wie sie in der heutigen Welt entstehen. [...]

SPIEGEL: Wo hat sich Ihre Theorie vom "Kampf der Kulturen" als Erklärungsmuster denn bewährt?

HUNTINGTON: Bei so gut wie allen großen Krisen der Welt in den Jahren nach dem Kalten Krieg. Denken Sie an den Balkankonflikt, wo die orthodox-christlichen Serben auf die moslemischen Bosnier trafen; an den Krieg in Tschetschenien, wo Russen gegen fundamentalistische Mudschahidin kämpften; an die Versuche islamischer und konfuzianischer Staaten, Atomwaffen zu erwerben; an den kulturell geprägten Handelskonflikt zwischen den USA und Japan, wie er ja so zwischen den USA und Europa undenkbar wäre.

SPIEGEL: Wo liegen die großen Bruchlinien zwischen den Kulturen, an denen Ihrer Meinung nach die Kriegsgefahr am größten ist?

HUNTINGTON: Entlang der islamischen Welt, die blutige Grenzen hat. Im Balkan, im Kaukasus, in Zentralasien, in Nahost, quer durch Nordafrika; aber auch in Südostasien existieren Kontroversen zwischen moslemischen Fanatikern und ihren Nachbarn - verstärkt durch den demographischen Druck: Islamische Gesellschaften haben extrem hohe Geburtenraten.

SPIEGEL: Gibt es eine gefährliche kulturelle Frontlinie auch in Europa?

HUNTINGTON: Der Eiserne Vorhang wird von einem kulturellen Graben abgelöst, der sich nach dem Ende des Kalten Krieges zwischen dem christlichen Westeuropa und dem orthodoxen Osten beziehungsweise dem Islam vertieft hat. Die Bruchlinie verläuft etwa entlang der Grenzen der christlichen Konfessionen vom Jahr 1500 [...].

SPIEGEL: Sie meinen im Ernst, dass es entlang dieses Grabens überall in Europa zum Krieg kommen könnte?

HUNTINGTON: Nicht zu einem größeren Krieg. Aber in Jugoslawien wurde gekämpft, zwischen Serben und Albanern schwelt Gewalt, Griechen und Türken haben brüchige Beziehungen. Differenzen bedeuten nicht notwendigerweise Eskalation bis zum Krieg, aber die Spannungen können bösartiger werden.


"Und dann die Atombombe". Professor Samuel Huntington über seine Angst vor einem Krieg der Kulturen und der Schwäche des Westens.
In: Der Spiegel, Nr.48 (25.11.1996), S.178-186 [gekürzt].

Konkrete Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Die Aufgabenstellung (insbesondere Teilaufgabe 2) fordert - inhaltlich - vorrangig Wissen über sicherheitspolitische Konzepte ein, die in der 13/1 Gegenstand der 5. Reihe (Probleme der Friedenssicherung) waren: Erörtert wurden dort nicht nur "offizielle" militärstrategische Doktrinen, sondern ebenso alternative Verteidigungs- und Friedenssicherungskonzepte.

Darüber hinaus setzt die Aufgabe - auf einer eher methodischen Ebene - Kenntnisse über Möglichkeiten und Grenzen soziologischer Prognostik voraus, die in der 6. Reihe (13/2) am Beispiel der Zukunftsvisionen von Bell, Packard, Toffler u. a. erworben wurden.

Teilaspekte der Aufgabe (nämlich Dimensionen sozialer Ungleichheit) waren im Übrigen Thema der 4. Reihe (13/1).

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Das SPIEGEL-Gespräch lässt sich in (maximal) fünf Sinnabschnitte gliedern. Herausgearbeitet werden sollte, dass Huntington (1) ein Weltkrieg-III-Sandkastenspiel "inszeniert", um daran (2) seine Kernthese zu veranschaulichen, dass nämlich "die Weltpolitik künftig nicht mehr primär von konkurrierenden Ideologien oder von Nationalstaaten oder Wirtschaftsblöcken bestimmt wird, sondern vom Zusammenprall verfeindeter Kulturen". Der Rest des Gesprächs besteht (3) aus der Andeutung notwendiger Konsequenzen für die westliche Welt (Abrüstungsstopp) sowie aus (4) globalen bzw. (5) europabezogenen "Belegen" für seine These.

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

Zu erwarten ist, dass sich die Schüler/-innen (im Sinne der in der 6. Reihe gemachten Erfahrungen) zunächst einmal auf Huntingtons Szenario einlassen und bei der Überprüfung sicherheitspolitischer Konzepte klar zwischen "traditionellen" Strategien einerseits und Alternativkonzeptionen andererseits unterscheiden. Zur Debatte stehen sollten zum einen die Strategien der "massiven Vergeltung" und der "flexiblen Antwort" sowie Elemente der Entspannungspolitik (z. B. Abrüstungsverhandlungen) bzw. der NATO-Reform (z. B. die geplante Osterweiterung, UNO-Missionen), zum anderen die Konzepte "Ohne Rüstung leben", "Soziale Verteidigung" und "politisch-militärische Neutralität".

Reflektiert werden kann in diesem Zusammenhang, inwiefern sich die genannten Konzepte auf spezifische Prämissen (etwa ökonomischer oder ideologischer Art) gründen und ob diese im "Zusammenprall verfeindeter Kulturen", die sich ethnisch und/oder religiös definieren, noch "greifen". Auch sollte überdacht werden, ob bzw. inwiefern den Strategien (mehr oder minder unausgesprochen) eine christlich-abendländisch geprägte Weltsicht zugrunde liegt, die so von anderen Kulturen u. U. nicht geteilt wird.

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

Selbst bei grundsätzlicher Zustimmung sollten die Schüler/-innen hier einige Einwände formulieren. Etwa:

(1) Huntingtons Kulturbegriff bleibt schwammig; seine strikte Trennung zwischen ideologisch und religiös motivierten Konflikten ist nicht nachvollziehbar.

(2) Schuldig bleibt er den Nachweis, dass es sich bei den zitierten Konflikten nicht doch um (ökonomische) Verteilungskämpfe handelt (sein "Ölinteressen"-Beispiel China vs. Vietnam spricht nämlich dafür).

(3) Seine "kulturellen Grenzen" (hier christliche Serben, dort moslemische Bosnier) erscheinen z. T. wie mit der Axt gezogen.

(4) Das Fortbestehen traditionellen (Ost-West-)"Blockdenkens" ignoriert er ebenso wie (5) die Chance zur Deeskalation durch weltweite Vernetzungen.

Die Teilaufgaben 1 und 2 implizieren Leistungen im Bereich I, ansonsten liegen die Anforderungen vorrangig in den Bereichen II und III.


   Achtung! Bis 2001 folgten die Abiturvorschläge den Maßgaben der alten NRW-Richtlinien! Diese differenzierten nicht zwischen Inhalts- und Methodenfeldern, sondern zwischen Lernbereichen. Auch wurde bis 2001 keine notenstufenspezifische Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung eingefordert.
   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!