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Wirtschaftspolitik

Thema

Die irische Wirtschaftspolitik in der Diskussion

Die wirtschaftliche Entwicklung in Irland

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 2002 im 2. Fach (Leistungskurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2002


Aufgaben:

  1. Analysieren Sie die Ihnen vorliegenden Daten zur europäischen Wirtschaftslage unter besonderer Berücksichtigung Irlands!
  2. Erörtern Sie, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen angesichts der momentanen ökonomischen Situation in Irland erforderlich sind! Wägen Sie hierbei Ihnen bekannte Konzeptionen gegeneinander ab und diskutieren Sie deren Möglichkeiten und Grenzen!
  3. Nehmen Sie abschließend Stellung zu den Überlegungen einiger irischer Politiker, in ihrem Land ab der zweiten Jahreshälfte 2002 nach deutschem Vorbild Ökosteuern zu erheben!

Quelle:

Die wirtschaftliche Entwicklung in Irland.
In: Jahresgutachten des Sachverständigenrats vom 14.11.2001, 2. Kapitel, Tabelle 8, S.78f [gekürzt]. Hier zitiert nach:
http://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/gutacht/01_ii.pdf
Ferner in: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute vom 23.4.2002, Tabelle 1.1, S.4 [gekürzt].

Materialien

Die wirtschaftliche Entwicklung in Irland

Indikator Irland Europa 4)
1998 1999 2000 2001 2002 2003 5) 1998 1999 2000 2001 2002 2003 5)
Bruttoinlandsprodukt 1) 2) +8,6 +10,8 +11,5 +6,0 +3,7 +5,0 +2,9 +2,6 +3,3 +1,7 +1,4 +2,8
Konsumausgaben
  der priv. Haushalte 1) 2) 3) +7,3 +8,3 +10,0 +6,2 +3,2 +3,3 +2,8 +2,3
  des Staates 1) 2) +5,7 +6,3 +5,4 +5,6 +1,4 +2,2 +1,7 +1,8
Verbraucherpreise 2) 6) +2,1 +2,5 +5,3 +4,0 +4,0 +3,3 +1,3 +1,2 +2,1 +2,6 +1,9 +1,8
Staatsquote 7) 31,8 32,8 30,0 32,3 46,1 45,7 44,2 46,8
Industrieproduktion 2) +19,8 +14,8 +15,4 +15,3 +3,6 +1,8 +4,8 +1,6
Bruttoanlage-
investitionen 1) 2)
+15,7 +13,5 +7,3 +3,4 +6,2 +4,8 +4,6 +1,0
Lohnstückkosten 2) 8) -1,4 +1,2 ??? +0,5 +1,0 ??? ??? +0,1
Erwerbstätige 2) +6,9 +6,1 +4,7 +2,2 +1,6 +1,6 +1,7 +0,8
Arbeitslosenquote 9) 7,5 5,6 4,2 4,1 4,2 4,0 9,9 9,1 8,2 7,7 7,8 7,5
Exporte 1) 2) 10) +21,4 +15,7 +17,8 +8,4 +6,7 +5,4 +11,6 +3,3
Importe 1) 2) 10) +25,8 +11,9 +16,6 +5,4 +9,9 +7,2 +10,6 +2,7
1) In Preisen von 1995.
2) Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent.
3) Einschließlich Konsumausgaben der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck.
4) Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien.
5) Zum Teil Schätzungen (2001: Sachverständigenrat, 2002/2003: Wirtschaftsforschungsinstitute.
6) Harmonisierter Verbraucherpreisindex.
7) In Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt in Prozent.
8) Arbeitnehmerentgelte in Relation zum realen Bruttoinlandsprodukt in Prozent.
9) Von der EU harmonisierte Arbeitslosenquoten; Arbeitslose in Prozent der Erwerbspersonen.
10) Waren und Dienstleistungen.

Als Grafik


1998 - 2001: Jahresgutachten des Sachverständigenrats vom 14.11.2001, 2. Kapitel, Tabelle 8, S.79f.
2002 - 2003: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschugnsinstitute vom 23.4.2002, Tabelle 1.1, S.4.

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Die Aufgabe bezieht sich auf Inhalte vor allem der 4. Unterrichtsreihe (12/1) zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen (Neoliberalismus, Keynesianismus, policy mix usw.). Hier lernten die Schülerinnen und Schüler auch die wichtigsten Indikatoren (BSP/BIP, Preisindex, Staatsquote, Anlageinvestitionen usw.) kennen und einschätzen. Speziell die dritte Teilaufgabe fordert zudem Kenntnisse aus dem Bereich der ökologischen Wirtschaftspolitik (besonders der ökologischen Steuerreform der Regierung Schröder) ein, die in der 7. Reihe (13/2) vermittelt wurden. - Die Aufgabenstellung berührt im Übrigen eine Reihe sozialpolitischer Grundsatzfragen, die in der 5. Reihe (12/2) - z. B. unter den Stichworten "Armutsrisiken", "Arbeits- vs. Freizeitgesellschaft", "Globalisierung" - thematisiert wurden. Eine Analyse der aktuellen Wirtschaftsdaten Westeuropas oder gar der Republik Irland (wie sie in der vorliegenden Aufgabe eingefordert wird) war jedoch nie Unterrichtsgegenstand.

Methodisch bezieht die Aufgabe Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit Statistiken ein (Methodenfeld [MF] 3), die die Lerngruppe bereits in der 11/2 (2. Reihe: empirische Daten und ihre Darstellung) erworben sowie in der 5. und 7. Reihe (12/2 bzw. 13/2: Analyse von Statistiken zur Sozialstruktur und zum Energieverbrauch) vertieft hat. Ferner beansprucht die Aufgabenstellung Kenntnisse im Umgang mit komplexen fachwissenschaftlichen Theorien (hier besonders hinsichtlich des Vergleichs konkurrierender Theorien, MF 5). Diese Methodenkenntnisse hat sich die Lerngruppe, bezogen auf wirtschaftspolitische Fragestellungen, schwerpunktmäßig in der 4. Reihe (12/1) angeeignet.

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Die Republik Irland wurde für die vorliegende Aufgabe nicht willkürlich ausgewählt. Die irische Volkswirtschaft steht zur Zeit in der europäischen Statistik einzigartig da, bildet einen deutlichen Kontrast zu traditionellen ökonomischen "Zugpferden" der EU, vor allem zu Deutschland, und bietet sich damit für wirtschaftspolitische Überlegungen abseits hinlänglich betretener Pfade geradezu an.

Methodisch sollten die Schülerinnen und Schüler in der Lage sein,

Inhaltlich sollten die Schülerinnen und Schüler in etwa zu folgender Einschätzung gelangen:

(1) Die Länder der Europäischen Union befinden sich zur Zeit insgesamt in einer Phase verhaltenen Wachstums. Nach einer unbefriedigenden (wenn auch nicht wirklich schlechten) Entwicklung in den Jahren 2001/2002 zeichnet sich für 2003 eine leichte Aufschwungphase ab. Diese günstige Prognose spiegelt sich auch in den Verbraucherpreisen und der (allerdings immer noch viel zu hohen) Arbeitslosenquote wider.

(2) Der beschriebene Konjunkturverlauf findet sich zwar tendenziell auch in der Volkswirtschaft der Republik Irland, jedoch kann hier in den letzten Jahren von Stagnation bzw. unbefriedigender Entwicklung keine Rede sein. Im Gegenteil: "Boomende" Wirtschaftsdaten liegen deutlich über dem EU-Durchschnitt. Diese ungewöhnlich positive Entwicklung scheint allerdings in den kommenden Jahren abzuflachen. Möglicherweise - doch das ist Spekulation - hat das Land zwischenzeitlich lediglich einen konsumptiven "Nachholbedarf" gegenüber den anderen EU-Ländern gestillt.

Im Einzelnen lassen sich für Irland folgende Tendenzen ins Feld führen:

Insgesamt verlangt die 1. Teilaufgabe Leistungen teils im Anforderungsbereich [AFB] 1 (Verwendung fachwissenschaftlicher Begriffe, Tabellenbeschreibung), vor allem aber im AFB 2 (Analysieren, Verarbeiten und Ordnen neuer Sachverhalte, Erschließen von Arbeitsmaterial).

Teilaufgabe 2 (Darstellung, Erörterung)

Zweckmäßig erscheint es, die Konzeptionen, die den ins Auge gefassten wirtschaftspolitischen Maßnahmen zugrunde liegen (z. B. von Keynes, Friedman), zunächst kurz zu referieren. Allerdings kann dies auch innerhalb der Erörterung geschehen.

In dieser Erörterung ist eine weitgehend freie Abwägung fiskalpolitischer (pump-priming-artiger oder antizyklischer), monetaristischer, angebotsorientierter und flankierender außenwirtschaftlicher Maßnahmen zu erwarten. Am Ende der Diskussion kann dabei sowohl eine eindeutige Entscheidung für eine der Konzeptionen einerseits, ein Verwerfen der gängigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen andererseits wie auch der Kompromiss eines (näher zu erläuternden) policy mix stehen. Gefordert sind keine "Patentrezepte"; wünschenswert erscheint, gerade für eine Beurteilung im oberen Notenbereich, vielmehr eine Problematisierung der bestehenden Konzeptionen (etwa unter dem Aspekt ihrer Wachstumsfixiertheit oder ihrer mangelhaften Berücksichtigung "globaler" Effekte). Werden darüber hinaus eigenständige Vorstellungen und Lösungsansätze - etwa in Hinblick auf die Einleitung ökologisch-wirtschaftspolitischer oder auch sozialpolitischer Maßnahmen - entwickelt und adäquat präsentiert, so kann die Aufgabe als in besonderer Weise erfüllt gelten.

Aufgrund ihrer besonderen Struktur fordert die 2. Teilaufgabe Leistungen sowohl im AFB 1 (Wiedergabe von Sachverhalten) als auch im AFB 2 (selbstständiges Auswählen, Anordnen, Verarbeiten und Darstellen; Übertragung des Gelernten auf neue Sachzusammenhänge) und im AFB 3 (Entwickeln und Erörtern von Problemlösungen; selbstständiges Urteil) ein.

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

Die Formulierung "abschließend" in der Aufgabenstellung können die Schülerinnen und Schüler dahingehend einordnen, dass von ihr hier keine umfangreiche Darstellungsleistung zur "Theorie" der Ökosteuer eingefordert wird, wohl aber ein (knappes) begründetes Urteil in Kenntnis der ökologischen Steuerreform der Regierung Schröder.

Dieses Urteil kann in drei Richtungen laufen:

(1) Ablehnung der Einführung einer Ökosteuer aus grundsätzlichen Erwägungen

Begründung: Ökosteuern sind auf Vermeidung abzielende Steuern; sie tendieren damit dazu, sich selbst überflüssig zu machen, und tragen insofern auf Dauer nicht zur Konsolidierung des Staatshaushalts bei. Darüber hinaus sind sie ökologisch gesehen ohne EU-weite Harmonisierung wirkungsarm. Im Übrigen treiben sie bestimmte Branchen ins ökonomische Aus.

(2) Plädoyer für die modifizierte Einführung einer Ökosteuer

Begründung: Trotz der insgesamt guten Wirtschaftslage in Irland erscheint der Zeitpunkt der Einführung (Sommer 2002) zu früh. Angesichts der Prognose für 2003 empfiehlt sich ein Aufschub der Maßnahmen. So wird die Nachfrage der privaten Haushalte momentan nicht belastet, im Übrigen bleibt der Investitionsspielraum der Unternehmen erhalten. - Zudem sollte zunächst eine Harmonisierung der Steuern im EU-Raum angestrebt werden.

(3) Uneingeschränktes Plädoyer für die sofortige Einführung einer Ökosteuer, evtl. sogar über das "deutsche Modell" hinaus

Begründung: Nachhaltigkeit geht kurzzeitigem ökonomischem Nutzen vor. Auch kann eine konjunkturelle Dämpfung dem boomenden Land momentan nicht schaden.

Ausschlaggebend für die Bewertung der Stellungnahme ist nicht die Richtung der Antwort an sich, sondern deren stringente Begründung unter Berücksichtigung von Alternativen, u. U. auch unter Beschreibung des moralischen Dilemmas "Umweltschutz vs. Arbeitsplätze".

Insgesamt liegen die in der 3. Teilaufgabe zu erbringenden Leistungen im AFB 3 (Reflexion von Zielsetzungen und Theorien, Überprüfen von Vorschlägen auf ihre Realisierungsbedingungen im aktuellen Bedingungsfeld).

Als "ausreichend" ist die Bearbeitung der Gesamtaufgabe einzustufen, wenn die Schülerinnen und Schüler in der 1. Teilaufgabe die konjunkturelle Lage tendenziell richtig einordnen und angemessen präsentieren (Methodenfeld [MF] 1 und 3), wenn sie in der 2. Teilaufgabe eine im Wesentlichen verständliche, geordnete Darstellung der beiden gängigen wirtschaftspolitischen Theorien Keynesianismus und Neoliberalismus bieten (MF 1) und vor dem Hintergrund dieser Darstellung hier und in der 3. Teilaufgabe "ihre" wirtschaftspolitischen Entscheidungen nachvollziehbar begründen. Unverzichtbar ist das Einbringen von Fachtermini (MF 2). Eine Bearbeitung insbesondere der 1. Teilaufgabe, die sich im mehr oder minder zusammenhanglosen, gleichwohl umfassenden Aufzählen von Einzeldaten verliert, setzt die Gesamtnote tendenziell herab.

"Gut" oder "sehr gut" ist die Bearbeitung hingegen dann, wenn im 1. Teil das Datengeflecht in größeren Zusammenhängen übersichtlich, folgerichtig und in fachbezogener Sprache vorgetragen, strukturiert und resümiert wird, wenn im 2. Teil die gängigen Wirtschaftstheorien (inklusive aktueller Mischformen) facettenreich dargestellt und in stringenten Begründungszusammenhängen reflektiert zur "Lösung" der derzeitigen ökonomischen Problemlage eingesetzt werden und wenn auch die in der 3. Teilaufgabe geforderte Stellungnahme diesem Niveau entspricht (MF 5, MF 6).


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