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Soziale Ungleichheit

Thema

Soziale Ungleichheit in der Diskussion

Paul Nolte: Unsere Klassengesellschaft

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 2001 im 2. Fach (Leistungskurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2001


Aufgaben:

  1. Analysieren Sie Paul Noltes Bild unserer gegenwärtigen Gesellschaft!
  2. Vergleichen Sie seine Ansichten zur Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland mit denen anderer Autoren!
  3. Nehmen Sie zu Noltes Überlegungen Stellung!

Quelle:

Paul Nolte: Unsere Klassengesellschaft. Wie könnten die Deutschen angemessen über ihr Gemeinwesen sprechen? Ein unzeitgemäßer Vorschlag.
In: Die Zeit, 56. Jg., Nr. 2 (4.1.2001), S. 7 [gekürzt].

Hier zitiert nach dem Internet-Dokument:
http://www.zeit.de/2001/02/politik/200102_essay_-nolte.html

Erläuterungen:

Paul Nolte, Jahrgang 1963, lehrt neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Im Jahr 2000 publizierte er ein Buch über "Die Ordnung der deutschen Gesellschaft" im abgelaufenen Jahrhundert.

egalitär: Gleichheit anstrebend, sich einander angleichend
Sensorium: Bewusstsein, Empfinden
Duopol: Marktform mit zwei gleich starken marktbeherrschenden Unternehmen

Materialien

Paul Nolte: Unsere Klassengesellschaft

Vor einiger Zeit präsentierte das Magazin Spiegel-reporter eine Titelgeschichte über die "Internet-Deutschen". [...] Deutschland [teile] sich - in diejenigen mit Internet-Anschluss auf der einen Seite und die minder Privilegierten ohne Internet auf der anderen. [...] Die internetlosen Deutschen [seien] das neue "Proletariat", ganz Deutschland "ist auf dem Weg in die Zwei-Klassen-Gesellschaft".

Man staunt und stutzt. [...] Schaut man aber genauer hin, wird klar: Was hier als neue Spaltung der deutschen Gesellschaft entlang der "Internet-Linie" verkauft wird, ist alles andere als neu. Es ist vielmehr ein getreues Abbild der alten Klassengesellschaft, die wir verdrängt haben, ohne ihre Realität beseitigen zu können. Die Internet-Linie trennt in altbekannter Manier diejenigen, die in ungesicherten, schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen leben, die viel fernsehen und wenig Bücher lesen, von den anderen, die von der ökonomischen Entwicklung profitieren, vielleicht selbstständig sind, in jedem Fall gut verdienen und an der Bildungs- und Informationsflut partizipieren. Sagen wir es deutlich: Bildung und Besitz sind immer noch die Grundlage dieser neu-alten Klassengesellschaft. [...]

Gewiss ist manches an den Spannungslinien unserer Gesellschaft durchaus neu. Drei wichtige Beispiele liegen auf der Hand: Der private Konsum hat, zum Beispiel mit dem auffällig gesteigerten Markenbewusstsein, eine größere Bedeutung für die Selbststilisierung des Einzelnen und seinen Platz in der Gesellschaft gewonnen. Internet-Nutzer sind vergleichsweise jung - ein Beleg dafür, dass Alter und Generation in den sozialen Verteilungskämpfen eine größere Rolle spielen. Und jeder weiß, dass zwischen "alter Bundesrepublik" und "Ex-DDR" eine soziale und kulturelle Kluft liegt, die sich in den vergangenen Jahren eher vergrößert als geschlossen hat. [...] Trotzdem sind wir erstaunlich blind dafür, wie eng solche Phänomene mit dem Grundproblem der sozialen Schichtung, mit den Funktionsmechanismen der Klassengesellschaft, zusammenhängen. [...]

Eigentlich müsste soziale Ungleichheit ein großes Thema unserer Zeit sein. In allen westlichen Industrieländern hat sich der Trend zu einer immer egalitäreren Einkommensverteilung seit den achtziger Jahren markant umgekehrt. Zeitweise schien sich ein Sensorium für die damit neu entstehenden, oder wieder verschärfenden, sozialen Probleme herauszubilden - aber wer spricht heute noch über die "Zweidrittelgesellschaft"? [...] Im Westen suggeriert die neue Unterschichtung durch Einwanderer aus Südeuropa und der Türkei den "Deutschen", für sich hätten sie das Problem einer Klassengesellschaft gelöst. Es gibt eine "neue Armut", aber im Allgemeinen ist das Wohlstandsniveau in der Ära Kohl auch für diejenigen gestiegen, die weniger als der Durchschnitt besaßen oder verdienten: Der soziale "Fahrstuhleffekt", das Anheben des allgemeinen Lebensstandards, machte vergessen, dass die Abstände wuchsen und sich neue, subtile Mechanismen der sozialen Differenzierung herausbildeten.

Diese neuen Mechanismen der Klassengesellschaft findet man nicht so sehr, wie früher, in der Sphäre der Arbeit, sondern in Konsum und Alltag. [Man stellt] eine neue Polarisierung des Gütermarktes in ein "Oben" und "Unten" fest, während das ehemals dominierende, solide mittlere Segment immer mehr Schwierigkeiten [hat], Käufer zu finden. [...] Für Waren aller Art etabliert sich ein hochtrabend "Premium-Segment" genannter Markt, während am anderen Ende der Preiskampf der "Discounter" immer härter wird. Man kann Mineralwasser für 30 Pfennig verkaufen und ab einer Mark aufwärts - dazwischen ist es schwierig; und es sind klassische Einzelhandelsunternehmen wie Karstadt, die darunter am meisten leiden.

Auffallend wenig wird darüber gesprochen, wie eng dem jeweiligen Angebot bestimmte soziale Käufer- oder Nutzertypen entsprechen. Die Vervielfachung der Offerten hat den Blick darauf verstellt, dass der Zuwachs an Optionen sehr klassenspezifisch genutzt wird, mehr noch: der Demonstration und Verfestigung von Klassenunterschieden dient. Das Fernsehen ist das beste Beispiel: Der Aufstieg der Privatsender hat ja nicht einfach zu einer "Bilderflut" geführt, er hat vor allem eine Klassendifferenzierung des Fernsehens bewirkt, die es zur Zeit des Duopols von ARD und ZDF nicht gab. Mit RTL und Sat 1 ist ein spezielles Unterschichtfernsehen entstanden, und deshalb war es nur konsequent, dass sich am anderen Ende der sozialen Skala Sender wie 3sat oder Arte etablierten.

Wenn es in den fünfziger und sechziger Jahren jene Tendenz zur "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" gegeben hat, von der der Soziologe Helmut Schelsky sprach, hat sich der Trend inzwischen umgekehrt. Von solchen Unterschieden will die Gesellschaft zwar nichts wissen - und doch passt sich fast jeder den Spielregeln der neuen Differenzierung an und kennt die geheimen Codes. Trotz vieler kluger Konzepte der Sozialwissenschaften ist die klassenprägende Kraft von Konsum und Lebensstil in unserer Gesellschaft im Grunde noch immer unverstanden.


Paul Nolte: Unsere Klassengesellschaft. Wie könnten die Deutschen angemessen über ihr Gemeinwesen sprechen? Ein unzeitgemäßer Vorschlag.
In: Die Zeit, 56. Jg., Nr. 2 (4.1.2001), S.7 [gekürzt].
Hier zitiert nach dem Internet-Dokument:
http://www.zeit.de/2001/02/politik/200102_essay_-nolte.html

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Die Aufgabe bezieht sich auf die Thematik der 5. (13/1) und der 6. Reihe (13/2), in denen die Lerngruppe diverse Modelle zur Beschreibung der Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland sowie mehrere "Visionen" zur Struktur zukünftiger Gesellschaften kennen gelernt hat.

Einige Begriffe der Textvorlage ("Klassengesellschaft", "Proletariat", "klassenprägende Kraft") verweisen zudem auf den Marxismus, der ausführlich in der 1. Reihe (12/1) vorgestellt wurde.

Darüber hinaus greift die Aufgabenstellung Aspekte der 2. Reihe (12/1) auf: Paul Noltes Überlegungen zur klassenspezifischen TV-Nutzung lassen sich zu Postmans Kritik an der Sozialisationsinstanz Fernsehen in Beziehung setzen.

Der methodische Zugriff auf Texte in der Art des vorliegenden Essays ist der Lerngruppe hinlänglich geläufig, da Textanalysen und -erörterungen selbstverständlich Gegenstand sämtlicher Unterrichtsreihen waren.

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Erwartet werden kann, dass die Schüler/-innen in Paul Noltes Ausführungen folgende Zusammenhänge erkennen:

(1) Seine Kernthese bildet die Feststellung, von einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (Schelsky) könne in Deutschland keine Rede sein; vielmehr lebe die "alte" - an Bildung und Besitz orientierte - Klassengesellschaft (die früher existiert habe) wieder auf. Deren Strukturen würden lediglich verdrängt bzw. verdeckt.

(2) Die genannte Verdrängung macht der Autor an drei Aspekten fest:

  1. an der "Unterschichtung" der deutschen Gesellschaft durch südeuropäische und türkische Einwanderer, die im Bewusstsein der Deutschen zu einer Pseudo-Egalisierung der "deutschen" Sozialschichten geführt habe,
  2. am sozialen "Fahrstuhleffekt", der den Unterschichten einen bescheidenen Wohlstand gebracht (aber eben auch den sozialen Abstand nach "Oben" erhalten) habe,
  3. an der Verlagerung der Klassengegensätze weg vom "klassischen" Feld des Klassenkampfs, der "Sphäre der Arbeit", hin zu "Konsum und Alltag".

(3) Für den letztgenannten Aspekt führt Nolte zwei Beispiele an:

  1. die Polarisierung des Gütermarkts (Beispiel Mineralwasser),
  2. die "Klassendifferenzierung des Fernsehens".

(4) Bei allen Gegensätzen zwischen "Oben" und "Unten" konstatiert der Autor aber immerhin auch einige zusätzliche "Spannungslinien" (Ausmaß der "Selbststilisierung des Einzelnen", Generationenkonflikte, "soziale und kulturelle Kluft" zwischen West- und Ostdeutschland).

Ausschlaggebend für die Benotung der Schüler-Analyse ist - neben der inhaltlichen Richtigkeit - der Grad des selbstständigen Zugriffs (über ein bloßes "Entlanghangeln am Text" hinaus).

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

Die Textvorlage bietet vielfältige Möglichkeiten zum Vergleich mit aus dem Unterricht bekannten Theorien und Modellen. Notwendig ist ein Verweis auf Schelsky (1953), dessen "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" im Text selbst erwähnt wird. Darüber hinaus sollten Vergleiche zu den Modellen von Dahrendorf (1968), Bolte (1974), Geißler (1992), Martin/Schumann (1994) und vor allem Abendroth (1967) gezogen werden, der ebenfalls eine bundesdeutsche "Klassengesellschaft" diagnostiziert.

Denkbar (und als besondere Schülerleistung zu werten) sind auch Hinweise auf Bells "nachindustrielle Gesellschaft" sowie auf Tofflers Vision einer "Informationsgesellschaft", in der sich Proletariat und Kognitariat gegenüberstehen.

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

Nahe liegend (und verführerisch) ist es, Noltes Einschätzung unbesehen zu übernehmen und lediglich nach weiteren Beispielen für Klassendifferenzierungen in unserer Gesellschaft zu suchen. Die Auseinandersetzung mit dem Autor sollte sich jedoch - gerade in Hinblick auf eine höhere Benotung - nicht in bloßer Zustimmung erschöpfen, sondern deutlich auch Negativkritik einschließen. Diese kann im Formalen beginnen (Noltes Terminologie ist unscharf; mal spricht er von Klasse, mal von Schicht), sollte aber auch inhaltlich tragen:

Die Teilaufgabe 2 schließt Leistungen im Bereich I ein. Ansonsten liegen die Leistungsanforderungen der Aufgabe jedoch vorrangig in den Bereichen II und III.


   Achtung! Bis 2001 folgten die Abiturvorschläge den Maßgaben der alten NRW-Richtlinien! Diese differenzierten nicht zwischen Inhalts- und Methodenfeldern, sondern zwischen Lernbereichen. Auch wurde bis 2001 keine notenstufenspezifische Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung eingefordert.
   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!