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Sozialisation / Sozialer Wandel

Thema

Chancen und Risiken der Mediengesellschaft

Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 1995 im 3. Fach (Grundkurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1995


Aufgaben:

  1. Fassen Sie Neil Postmans Ausführungen zum "Verschwinden der Kindheit" thesenartig zusammen!
  2. Stellen Sie vor dem Hintergrund dieser Ausführungen die Sozialisationsinstanz "Fernsehen" den traditionellen Instanzen "Familie", "Schule" und "Peer group" gegenüber! Arbeiten Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten heraus!
  3. Erörtern Sie, welche Chancen und Gefahren sich aus der von Postman beschriebenen gegenwärtigen Sozialisationssituation für die zukünftige Entwicklung einer Gesellschaft ergeben können!

Quelle:

Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt/M. 1987. S.100-105 [gekürzt].
Das amerikanische Original datiert auf das Jahr 1982.

Erläuterungen:

egalitär: gleich, angleichend, gleichmachend
Gutenberg: Erfinder des Buchdrucks
Literalität: Lesefähigkeit, Lesebereitschaft

Materialien

Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit

Das Fernsehen [...] ist eine Technologie des freien Eintritts, die keine praktischen, ökonomischen, wahrnehmungs- oder vorstellungsspezifischen Schranken kennt. Ob sechs oder sechzig Jahre alt - jeder ist gleichermaßen qualifiziert, mitzuerleben, was das Fernsehen anzubieten hat. In diesem Sinne ist Fernsehen das egalitäre Kommunikationsmedium schlechthin und übertrifft darin sogar noch die gesprochene Sprache. Denn wenn wir sprechen, können wir sehr wohl auch flüstern, damit die Kinder etwas nicht hören. Oder wir können Wörter verwenden, die sie nicht verstehen. Das Fernsehen aber kann nicht flüstern, seine Bilder sind konkret und erklären sich von selbst. Die Kinder sehen alles, was es vorführt.

Eine besonders deutlich zutage tretende und überall feststellbare Wirkung dieser Situation besteht darin, dass die Exklusivität des Wissens über den Lauf der Welt und damit einer der Hauptunterschiede zwischen Kindheit und Erwachsenenalter getilgt werden. Diese Wirkung beruht auf einem Grundprinzip sozialer Strukturen - eine soziale Gruppe wird zu einem erheblichen Teil durch die Exklusivität des Wissens bestimmt, das ihren Mitgliedern gemeinsam ist. Wenn jeder wüsste, was Rechtsanwälte wissen, dann gäbe es keine Rechtsanwälte. Wenn Schüler wüssten, was ihre Lehrer wissen, brauchte man zwischen Schülern und Lehrern keinen Unterschied zu machen. Und wenn die Schüler der fünften Klasse wüssten, was die Schüler der achten Klasse wissen, dann hätte es keinen Sinn, überhaupt Klassen zu bilden. [...]

Selbstverständlich beruhen Rollendifferenzierung oder Gruppenidentität nicht in jedem Falle auf dem Zugang zu bestimmten Informationen. Die Zugehörigkeit zum männlichen und zum weiblichen Geschlecht ist biologisch determiniert. Aber in den meisten Fällen wird die soziale Rolle durch die Bedingungen einer bestimmten Informationsumwelt geprägt, und das gilt ganz sicher auch für die soziale Kategorie "Kindheit". Kinder sind eine Gruppe von Menschen, die von bestimmten Dingen, über die die Erwachsenen Bescheid wissen, keine Ahnung haben. Im Mittelalter gab es keine "Kinder", weil auch die Erwachsenen keine Möglichkeit hatten, exklusives Wissen zu erlangen. Im Zeitalter Gutenbergs entwickelte sich ein solches Mittel. Im Zeitalter des Fernsehens zerfällt es wieder. [...]

[Zum Beispiel verlieren die Höflichkeitsformen immer mehr an Bedeutung.] Tischsitten, gesittetes Sprachverhalten, Kleidersitten - sie alle sollen offenbaren, in welchem Maße man es gelernt hat, sich zu beherrschen; und gleichzeitig sind sie Mittel, die Selbstbeherrschung einzuüben. Die Gesittung [...] nahm, wie schon gesagt, bei der Masse des Volkes erst nach der Erfindung des Buchdrucks eine ausgeprägte Gestalt an, vor allem deshalb, weil die Literalität ein hohes Maß an Selbstbeherrschung und Befriedigungsaufschub sowohl forderte als auch förderte. Gesittung, so könnte man sagen, bildet das soziale Gegenstück zur Literalität. Beide verlangen die Unterwerfung des Körpers unter den Geist. Beide setzen einen ausgedehnten Lernprozess voraus. Beide gebieten eine intensive Unterweisung durch Erwachsene. So wie die Literalität eine intellektuelle Hierarchie hervorbringt, so erzeugt die Gesittung eine soziale Hierarchie. Kinder müssen die Erwachsenheit erwerben, indem sie sich sowohl Lesen und Schreiben als auch Manieren aneignen. In einer Informationsumwelt aber, in der die Literalität als Metapher für die menschliche Entwicklung nichts mehr taugt, müssen auch die Anstandsformen an Bedeutung verlieren. Die neuen Medien bewirken, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Altersgruppen überflüssig erscheinen, und arbeiten insofern der Idee einer differenzierten Sozialordnung entgegen.


Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt/M. 1987. S.100-105 [gekürzt].

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Die Aufgabenstellung greift Inhalte der 2. Unterrichtsreihe (12/II) auf. Als Sozialisationsinstanzen thematisiert wurden dort die Familie, die Schule und die Peer group, nicht hingegen die Massenmedien; Postman und seine Thesen sind der Lerngruppe aus dem Unterricht nicht bekannt.

Zur Bearbeitung der 3. Teilaufgabe können darüber hinaus Diskussionpunkte der 4. Reihe (13/I) zum sozialen Wandel (Stichworte: Freizeitgesellschaft, Materialismus/Postmaterialismus) herangezogen werden.

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Postmans Argumentation lässt sich etwa wie folgt resümieren:

(1) Das Fernsehen ist "das egalitäre Kommunikationsmedium schlechthin"; seine Informationen erreichen ungefiltert Erwachsene und Kinder in gleicher Weise.

(2) Hierdurch wird die seit der Erfindung des Buchdrucks festgeschriebene soziale Hierarchie zwischen Kindern und Erwachsenen, die auf der Exklusivität des "Erwachsenenwissens" beruht, aufgehoben.

(3) Das Buch als das Instrument zur Erlangung dieses exklusiven Wissens verliert mit zunehmendem TV-Konsum an Bedeutung.

(4) Fazit: "Die neuen Medien [...] arbeiten [...] der Idee einer differenzierten Sozialordnung entgegen."

Die thesenhafte Zusammenfassung des Texts kann auf zweierlei Arten erfolgen: entweder durch das sukzessive Herausarbeiten der oben genannten Argumente oder aber durch die sofortige Präsentation (und anschließende Herleitung) der Kernthese (vgl. These 4).

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

Ein Vergleich zwischen dem Massenmedium Fernsehen und den traditionellen Sozialisationsinstanzen kann im vorgegebenen Rahmen naturgemäß nur Teilaspekte erfassen. Entsprechend groß soll der Argumentationsspielraum sein, den die Schülerinnen und Schüler bei der Bearbeitung dieser Teilaufgabe ausschöpfen dürfen. Denkbar (!) ist eine Analyse der Instanzen u. a. in Bezug auf ihren Organisationsgrad bzw. ihre Komplexität, ihre Ziel(gruppen)orientierung, ihre Funktionalität bzw. Effektivität, ihre Selbstreferentialität und ihre Historizität.

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

Die geforderte Erörterung der Chancen und Gefahren des von Postman beschriebenen Szenarios kann gleichermaßen textimmanent wie unter Hinzuziehung von aus dem Unterricht bekannten Zukunftstheorien (Bell, Toffler) erfolgen. Dabei dürfte die Zielrichtung der Argumentation in erster Linie davon abhängen, inwieweit die Schülerinnen und Schüler Postmans negativer Einschätzung zu folgen bereit sind. Erwartet werden kann einerseits die gedankliche Fortführung der Postmanschen Befürchtungen (Stichworte: Werterelativismus, soziale Orientierungs- und Bindungslosigkeit), andererseits die Relativierung seiner Ausführungen (indem z. B. die Egalisierung ehemals differenzierter Sozialordnungen als emanzipatorische Chance für Unterprivilegierte - nicht nur für Kinder! - begriffen wird).

Teilaufgabe 2 schließt Leistungen im Bereich I ein, im Übrigen liegen die Anforderungen der Aufgabe vorrangig in den Bereichen II und III.


   Achtung! Bis 2001 folgten die Abiturvorschläge den Maßgaben der alten NRW-Richtlinien! Diese differenzierten nicht zwischen Inhalts- und Methodenfeldern, sondern zwischen Lernbereichen. Auch wurde bis 2001 keine notenstufenspezifische Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung eingefordert.
   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!