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Sozialer Wandel

Thema

Gesellschaftlicher Wandel in der Diskussion

Jeremy Rifkin: Die dritte Säule der neuen Gesellschaft

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 1998 im 2. Fach (Leistungskurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1998


Aufgaben:

  1. Fassen Sie Jeremy Rifkins Ausführungen zur Zukunft unserer Gesellschaft thesenartig zusammen!
  2. Vergleichen Sie Rifkins Überlegungen mit anderen Ihnen bekannten sozialwissenschaftlichen Zukunftsvisionen bzw. Prognosen! Arbeiten Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten heraus!
  3. Nehmen Sie zu den Äußerungen des Autors Stellung!

Quelle:

Jeremy Rifkin: Die dritte Säule der neuen Gesellschaft.
In: Die Zeit, Nr.19 (2.5.1997), S.32 [gekürzt].

Erläuterungen:

Cyberspace: (künstliche) Computerwelt
virtuell: künstlich, im Computer geschaffen, "nicht wirklich"
Agenda: Liste abzuarbeitender Themen, Handlungs-, Planungskonzept

Materialien

Jeremy Rifkin: Die dritte Säule der neuen Gesellschaft

Weltweit wandelt sich die Arbeit - und zwar so grundlegend, dass dieser Prozess im 21. Jahrhundert auch die Zivilisation verändern wird. In allen Wirtschaftszweigen werden raffinierte Computer, Telekommunikation, Roboter und andere Technologien des Informationszeitalters mit rasender Geschwindigkeit menschliche Arbeitskraft ersetzen. [...] Noch bis vor kurzem hofften Wirtschaftswissenschaftler und Politiker, dass die entlassenen Arbeiter neue Jobs in den klassischen Dienstleistungsbranchen finden würden. Inzwischen hat auch in diesem Bereich die Automatisierung längst begonnen, viele Arbeitsplätze für Angestellte gehen verloren. Bei Banken und Versicherungen, im Groß- und Einzelhandel wird umstrukturiert. [...]

Deshalb setzen Ökonomen und Politiker ihre Hoffnungen nun auf neue Arbeitsplätze entlang der Datenautobahnen und im Cyberspace. Der Informationsbereich wird gewiss einige neue Arbeitsplätze schaffen, doch es werden zu wenige sein, um die Millionen von Angestellten und Arbeitern aufzunehmen, die von den neuen Technologien verdrängt wurden. Der Grund: dieser Bereich bietet schon seinem Wesen nach nur einer Elite, nicht aber den Massen Arbeit. Ingenieure, hochspezialisierte Techniker, Programmierer, Wissenschaftler, Ausbilder und Fachleute werden nie massenhaft gebraucht werden, um Güter und Dienstleistungen für das Informationszeitalter zu produzieren. Dies aber unterscheidet das Informations- vom Industriezeitalter. Das Industriezeitalter beendete die Sklavenarbeit, das Informationszeitalter wird die Massenbeschäftigung abschaffen. Die neuen Technologien verheißen für das 21. Jahrhundert einen enormen Anstieg der Produktion von Gütern und Dienstleistungen - doch dafür wird nur ein Bruchteil der heute beschäftigten Arbeitskräfte gebraucht werden. Da nahezu menschenleere Fabriken und virtuelle Firmen die Zukunft prägen werden, muss sich jede Nation mit der Frage befassen, was mit den Millionen von Menschen, deren Arbeitskraft immer weniger oder überhaupt nicht mehr benötigt wird, anzufangen ist. [...]

In Frankreich zieht der Staat nur noch etwa die Hälfte der vom Lohn einbehaltenen Abgaben ein, wenn die Unternehmen die Arbeitszeit um fünfzehn Prozent verkürzen und [dadurch] neue Jobs schaffen. Die Steuereinbußen werden, so argumentieren Ökonomen, wieder wettgemacht. [...] Auch in Deutschland sollte man erwägen, solchen Unternehmen Steuerabzüge einzuräumen, die sich verpflichten, die Arbeitszeit zu verkürzen [...]. Die 30-Stunden-Woche sollte die Hauptforderung der Beschäftigten in Deutschland werden. Kürzere Arbeitszeiten, mehr Freizeit, höhere Löhne und bessere Sozialleistungen waren die Qualitätskriterien für den Erfolg des Industriezeitalters in diesem Jahrhundert. Nichts weniger sollten wir vom Informationszeitalter des kommenden Jahrhunderts erwarten.

Doch auch bei einer kürzeren Wochenarbeitszeit wird Deutschland und jede andere Nation alternative Arbeit für die Millionen von Menschen suchen müssen, die für die Herstellung von Waren und Dienstleistungen nicht mehr gebraucht werden. Bislang setzte man fast ausschließlich auf den freien Markt und den öffentlichen Sektor. Heute, da die Wirtschaft immer weniger fähig ist, ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, und die Regierung sich von ihrer Rolle als Not-Arbeitgeber zurückzieht, ist es der dritte Bereich - der gemeinnützige -, von dem man sich noch am ehesten die Überwindung der Jobkrise erhoffen kann.

Der gemeinnützige Bereich ist ein Querschnitt der Gesellschaft. Gemeinnützige Aktivitäten umfassen ein breites Spektrum: soziale Dienste und Gesundheitswesen, Erziehung und Forschung, Kunst, Religion und Interessenvertretung. In Deutschland gibt es gegenwärtig mehr als 300 000 gemeinnützige Organisationen. Man findet sie praktisch in jedem Stadtteil und in jeder Gemeinde. Ihre Reichweiten stellen oft die von privatem und öffentlichem Sektor in den Schatten. Sie erstrecken sich über das Leben jedes einzelnen Bürgers und sind für ihn oft wichtiger als die Marktkräfte oder die öffentliche Bürokratie.

Neue Jobs im gemeinnützigen Bereich werden aber Geld kosten. Man müsste daher auf den Wohlstand, der in der neuen Cyberspace-Ökonomie erwirtschaftet wird, eine geringe Steuer erheben und die so gewonnenen Mittel in die Stadtteile und Gemeinden, in die Schaffung von Arbeitsplätzen und den Aufbau des sozialen Gemeinwesens umleiten. Das gäbe uns eine neue Agenda und eine kraftvolle Vision von der Gesellschaft im 21. Jahrhundert. [...]

Das Potential für eine neue Kraft im politischen Leben Deutschlands ist vorhanden, aber noch nicht zu einer breiten sozialen Bewegung erwacht. Es besteht aus den Millionen Bürgern, die Woche für Woche ihre Zeit, ob haupt- oder ehrenamtlich, in den Dienst der vielen gemeinnützigen Organisationen stellen. Diese Bürger wissen längst, wie wichtig es ist, soziales Kapital in ihren Gemeinden und Stadtteilen zu schaffen. Bisher haben sich diese Menschen noch nicht als Teil einer potentiell mächtigen Wählergruppe begriffen, die die politische Tagesordnung umschreiben könnte. Doch sie glauben an die Wichtigkeit ihres Dienstes an der Gemeinschaft. Könnte aus diesem gemeinsamen Grundwert eine gemeinsame Identität erwachsen, könnte die politische Landkarte neu gezeichnet werden.


Jeremy Rifkin: Die dritte Säule der neuen Gesellschaft.
In: Die Zeit, Nr.19 (2.5.1997), S.32 [gekürzt].

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Die Aufgabe erwächst aus der Thematik der 4. (13/1) und vor allem der 6. Reihe (13/2), in denen Chancen und Gefahren der "Neuen Technologien" sowie zahlreiche sozialwissenschaftliche Modelle und "Visionen" zukünftiger Gesellschaften diskutiert wurden.

Weiterhin greift die Aufgabenstellung aber auch ökonomische Aspekte der 3. Reihe (12/2) - etwa zur Steuergesetzgebung und, allgemeiner, zur Rolle des Staates - auf. Darüber hinaus werden, besonders im letzten Abschnitt der Textvorlage, Inhalte der 1. Reihe (12/1) tangiert (politische Partizipation in der Parteiendemokratie).

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Rifkins Argumentation lässt sich (grob) in vier Abschnitte gliedern.

(1) Zunächst beschreibt der Autor den Status Quo (Arbeitsplatzverluste durch neue Technologien).(2) Anschließend widerspricht er allen Hoffnungen, diese Verluste ließen sich ohne gezielte Eingriffe ausgleichen: Weder im klassischen Dienstleistungs- noch im neuen Informationsbereich sei die freigesetzte Zahl von Arbeitskräften unterzubringen. Aus diesem Befund erwachsen, so Rifkin, zwei Forderungen, deren Umsetzbarkeit er jeweils am konkreten Beispiel zu belegen versucht: (3) Zum einen plädiert er (festgemacht am Fall Frankreich) für marktkonforme staatliche Maßnahmen zur Schaffung von "Jobs" durch Arbeitszeitverkürzung (Steuerentlastung der Unternehmer), (4) zum anderen für eine ökonomische Um- und Neubewertung gemeinnütziger Tätigkeiten; diese böten das einzige adäquate Arbeitsplatzreservoir der Zukunft. Konkret befürwortet er eine steuerlich gelenkte Umverteilung von Gewinnen aus der "Cyberspace-Ökonomie" auf die (bislang unentgeltlich tätigen oder unterbezahlten) gemeinnützigen Institutionen, die "dritte Säule" der Gesellschaft.

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

Die Textvorlage bietet vielfältige Möglichkeiten zum Vergleich mit aus dem Unterricht bekannten Theorien und Modellen. Denkbar sind Verweise auf Bullingers Aufsatz über die "Neuen Technologien", auf Tofflers Vision einer "Informationsgesellschaft", in der sich "Kognitariat" und Proletariat gegenüberstehen, auf die "20-zu-80-Gesellschaft" der Autoren Martin/Schumann. Parallelen lassen sich auch zu Bells "nachindustrieller Gesellschaft" aufzeigen, einer "kommunalen" Gesellschaft, wie sie Rifkin ebenfalls andeutet. Auf der Hand liegen ferner Vergleiche zwischen der "Gemeinnützigkeit" im Sinne Rifkins und postmaterialistischen Werthaltungen, wie sie z. B. Pestalozzi und Hillmann beschreiben.

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

Die Auseinandersetzung mit Rifkin sollte sich nicht in Zustimmung erschöpfen, sondern deutlich auch Negativkritik einschließen. Diese kann im Formalen beginnen (Rifkins Definition der "Gemeinnützigkeit" ist unscharf: Schließt sie z. B. die Alimentierung parteipolitischer Tätigkeit ein? Und die der Hausfrauenarbeit, wieder einmal, aus?). Sie kann ferner die "dritte Säule" als bloße Fortsetzung der "zweiten Säule" (nämlich des umverteilenden [Dienstleistungs-]Staats) entlarven und, konkreter noch, die konjunkturellen Auswirkungen einer "Gemeinnützigkeits-Steuer" hinterfragen. Zudem lässt sich fragen, ob ökonomisch bewertete soziale Dienste eine Gesellschaft nicht inhumaner machen, da sie ständig in der Gefahr stehen, den Gesetzen eben dieser Ökonomie folgend wegrationalisiert zu werden.

Die Teilaufgabe 2 schließt Leistungen im Bereich I ein. Ansonsten liegen die Anforderungen der Aufgabe jedoch vorrangig in den Bereichen II und III.


   Achtung! Bis 2001 folgten die Abiturvorschläge den Maßgaben der alten NRW-Richtlinien! Diese differenzierten nicht zwischen Inhalts- und Methodenfeldern, sondern zwischen Lernbereichen. Auch wurde bis 2001 keine notenstufenspezifische Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung eingefordert.
   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!