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Sozialer Wandel

Thema

Chancen und Gefahren der Informationsgesellschaft

Interview mit dem US-Zukunftsforscher Alvin Toffler

Prüfungsvorschlag, eingereicht für das schriftliche Abitur 1996 im 2. Fach (Leistungskurs)

©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1996


Aufgaben:

  1. Fassen Sie die Ausführungen des US-Zukunftsforschers Alvin Toffler thesenartig zusammen!
  2. Vergleichen Sie Tofflers Überlegungen mit anderen Ihnen bekannten sozialwissenschaftlichen Prognosen! Arbeiten Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten heraus!
  3. Erörtern Sie mögliche Chancen und Gefahren, die einer Gesellschaft, wie Toffler sie für die Zukunft beschreibt, innewohnen!

Quelle:

Das Ende der Romantik. Zukunftsforscher Alvin Toffler über das Überleben in der Informationsgesellschaft.
In: Spiegel special: Abenteuer Computer - Elektronik verändert das Leben, Nr.3 (März)/1995, S.59-61 [gekürzt].

Erläuterungen:

Kognitariat: von lat. "cognoscere": kennen(lernen), erkennen, erfahren, lesen

Materialien

Interview mit dem US-Zukunftsforscher Alvin Toffler

Special: Herr Toffler, [... auf] welche Zukunft sollten [wir uns] vorbereiten?

Toffler: Wie wir leben, arbeiten, spielen und denken - all das wird einem gigantischen Wandel unterworfen werden. Die Welt wird sich in drei Sphären aufteilen: Länder oder Regionen der Ersten Welle, wie wir sie nennen, die hauptsächlich agrarisch strukturiert sind; Länder der Zweiten Welle, die billige Arbeitskräfte für die Massenproduktion von Konsumprodukten bereithalten; und an der Spitze die Länder der Dritten Welle, der dritten gesellschaftlichen Revolution - ihr Hauptprodukt sind Information, Ideen und immaterielle Dienstleistungen.

In der Wirtschaft der Dritten Welle wird Wissen zum wichtigsten Rohstoff, Kommunikation wird wichtiger als Warentransport. Mit Hilfe neuer Technologien, die sich noch im Kindheitsstadium befinden, wird sich abstumpfende körperliche Arbeit mit der Zeit durch befriedigendere geistige Arbeit ersetzen lassen. [...]

Die Wissenschaftler der modernen Gesellschaft, das Kognitariat, verfügen selbst über ihre Produktionsmittel: Wissen, Information, Einschätzung. Das Kognitariat bildet bei uns bereits die Mehrheit der beschäftigten Bevölkerung. [...]

Special: Ihr Buch "War and Anti-War" heißt auf deutsch "Überleben im 21. Jahrhundert". Wer überlebt im 21. Jahrhundert?

Toffler: Die größten Probleme in der Informationsgesellschaft werden die Menschen haben, die unzureichend dafür ausgebildet sind und nicht über die notwendigen Kulturtechniken verfügen. Im globalen Maßstab schneiden diejenigen Länder am besten ab, die am schnellsten den Übergang von der Erste- oder Zweite-Welle-Wirtschaft zur Dritten Welle schaffen.

Computer und Telekommunikation wirken in hohem Maße dezentralisierend: Dadurch lässt sich die Warenproduktion auf die ganze Welt verteilen, sie findet nicht mehr nur in wenigen, hochgradig überbevölkerten Ballungszentren statt. Das könnte einen Prozess der Deurbanisation zur Folge haben, der wiederum die Umwelt entlastet. Wir könnten den Berufsverkehr radikal verringern, auf diese Weise ließen sich auch Energieverbrauch und Autoabgase reduzieren.

Die neuen Technologien verlagern die Arbeit aus den Fabriken und Großraumbüros zurück in die Wohnung. Als meine Frau und ich das in den achtziger Jahren prophezeit haben, sind wir ausgelacht worden. Heute erledigen in den USA mehr als 30 Millionen Menschen ihre Arbeit teilweise zu Hause. Es gibt neuerdings eine Fülle neuer Firmen, die sich auf diesen Heimarbeitsmarkt spezialisieren. [...]

[Aber nicht] nur die Arbeit, sondern auch die medizinische Pflege wird wieder in die Familie verlagert. Sogar die Schule findet zu Hause statt. Der PC macht das möglich.

Special: Wie soll das funktionieren?

Toffler: Früher galt doch die Grundannahme, dass die Eltern unwissend, ungebildet und dumm sind. Also übergaben sie ihre Kinder der gebildetsten Person im Dorf, die lesen und Klavier spielen konnte und womöglich sogar schon einmal in der großen Stadt gewesen war. Heute übergeben wir unsere Kinder an Lehrer, die meist schlechter ausgebildet sind als die Eltern und von Zukunftstechnologien oft weniger verstehen als die Kinder.

Der erste Schritt muss sein, die fabrikähnlichen Massenschulen abzuschaffen. Während die Eltern zu Hause arbeiten, können die Kinder zeitweilig zu Hause lernen. Dabei kommt es zunächst auf den Erwerb bestimmter sozialer Fähigkeiten an und nicht allein darauf, dass alle diszipliniert dieselben mathematischen Formeln pauken.

Special: Die soziale Komponente dürfte allerdings ziemlich darunter leiden, wenn die Kinder Johnny oder Jane ihre Schulzeit im Jahr 2020 zu Hause vor dem PC verbringen.

Toffler: Möglich, dass sie einen Computer benutzen. Allerdings wird das Gerät bis dahin nicht mehr PC heißen, sondern als Kombination von TV, Heimrechner und Telefon funktionieren. So können sie sich mit anderen Kindern kurzschließen, die womöglich Tausende von Meilen entfernt sind, um gemeinsam zu lernen oder um sich Spezialwissen anzueignen. Gleichwohl gehen sie womöglich auch weiter zur Schule, um mit anderen Kindern umgehen zu lernen. Auf dem Stundenplan steht dann womöglich Action Learning, Praxisunterricht, bei dem sich Schüler, Lehrer und Eltern gemeinsam etwa einem Umweltproblem in der Gemeinde widmen oder sich um ältere Mitbürger kümmern und das Gelernte anschließend schulisch aufarbeiten.

Special: Wie wird die Firma aussehen, für die Johnny und Jane später arbeiten, womöglich ebenfalls von zu Hause aus?

Toffler: Gut möglich, dass sie ihre eigene gründen. Denn zukünftig wird es viel mehr kleinere, hochspezialisierte Firmen geben. Größere Unternehmen wiederum werden nichts mehr mit dem gemein haben, was heute eine Firma ausmacht, multinationale Organisationen ähneln dann nicht mehr General Motors oder Siemens. Es kommt, jetzt schon, zu neuartigen, vorübergehenden Firmenzusammenschlüssen, die projektgebunden arbeiten. [...] Das bedeutet, dass Organisationsformen für die Vergänglichkeit statt für die Ewigkeit geschaffen werden, Unternehmen, die sich nach Erreichen des Unternehmensziels selbst auflösen. Diese Organisationen gehören dann nicht einem Großunternehmen, sie gehören auch nicht einer einzelnen Nation. Solche Unternehmen sind freischwebende Organismen im Blutstrom der Weltwirtschaft - ein neues Phänomen.


Das Ende der Romantik. Zukunftsforscher Alvin Toffler über das Überleben in der Informationsgesellschaft.
In: Spiegel special: Abenteuer Computer - Elektronik verändert das Leben, Nr.3 (März)/1995, S.59-61 [gekürzt].

Erwartungen

Unterrichtliche Voraussetzungen:

Alvin Toffler kennen die Schüler/-innen aus der 6. Reihe (13/2), in der der Autor peripher mit der Vision einer "Freizeitspezialisten-Gesellschaft", einem kurzen Auszug aus seinem 1970 publizierten Buch "Der Zukunftsschock", zu Wort kam. Neuere Veröffentlichungen Tofflers (vor allem "War and Anti-War", 1993) wurden selbstverständlich nicht thematisiert. Im Zentrum der Reihe standen hingegen einige andere Zukunftsprognosen bzw. -visionen (u. a. D. Bell, V. Packard, D. Meadows, die Studie "Global 2000"), die für die Bearbeitung der vorliegenden Aufgabe bedeutsam sind.

Die Aufgabe fordert aber ebenso soziologisches Basiswissen - etwa zu den Sozialisationsinstanzen Familie und Schule sowie zur Sozialstruktur - ein, das in der 2. (12/1) bzw. 4. Reihe (13/1) erworben wurde. Darüber hinaus können N. Postmans Überlegungen zur "Medienökologie" (ein Exkurs innerhalb der 3. Reihe in der 12/2) in die Erörterung einbezogen werden.

Erwartungen:

Teilaufgabe 1 (Analyse)

Tofflers eher assoziative als stringente Aussagen lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen: (1) Langfristig werden Wissen, Ideen und Kommunikation zu den wichtigsten globalen Rohstoffen werden. (2) Zu beobachten ist schon jetzt die Herausbildung eines (Massen-)"Kognitariats" selbstbestimmter (Informations-)Wissenschaftler. Auf Dauer führt dies (3) zum Abbau "abstumpfender körperlicher Arbeit", (4) zur Deurbanisation, (5) zur Veränderung der Sozialisationsinstanzen Familie und Schule, (6) zur Atomisierung der Wirtschaftsstrukturen.

Teilaufgabe 2 (Darstellung)

Zu erwarten sind hier Vergleiche mit Rostows "Gesellschaft im Überfluss", mit Bells "nachindustrieller Gesellschaft", Packards "Schöner Neuer Welt", Postmans "Informationsgesellschaft" sowie den einschlägigen empirischen Studien (Meadows, "Global 2000"). Thematisiert werden kann auch, ob Tofflers Vision einen Paradigmenwechsel (Raschke) bzw. postmaterialistische Werthaltungen erkennen lässt.

Teilaufgabe 3 (Erörterung)

Einige Chancen der von Toffler dargestellten zukünftigen Gesellschaft werden im Text selbst angerissen (Befreiung von körperlicher Arbeit, Entlastung der Umwelt durch Deurbanisation, Stärkung der Institution Familie, Revision der Institution Schule, Entflechtung von Wirtschaftsmonopolen), die Benennung weiterer Vorteile liegt nahe (z. B. Abbau von Feindbildern durch weltweite Vernetzung).

Breiter gefächerte Möglichkeiten bieten sich der Lerngruppe dagegen bei der Erörterung der Gefahren. Denkbar (jedoch nicht zwingend) erscheint die Berücksichtigung folgender Aspekte:

Die Teilaufgaben 1 und 2 schließen Leistungen im Bereich I ein, ansonsten liegen die Anforderungen vorrangig in den Bereichen II und III.


   Achtung! Bis 2001 folgten die Abiturvorschläge den Maßgaben der alten NRW-Richtlinien! Diese differenzierten nicht zwischen Inhalts- und Methodenfeldern, sondern zwischen Lernbereichen. Auch wurde bis 2001 keine notenstufenspezifische Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung eingefordert.
   Beachten Sie bitte in jedem Fall das Copyright des Textmaterials!