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Die ersten zwölf Jahrzehnte

Die Firmengründung

Das älteste noch existierende Industrieunternehmen des Kreises Olpe ist die Attendorner Firma Kirchhoff Automotive, vormals Kutsch. Sie datiert auf das Jahr 1828.

Die Gründung des Unternehmens gestaltete sich unspektakulär. Der Lüdenscheider Kaufmann Mathias Kutsch (im Folgenden Mathias Kutsch I genannt) heiratete 1828 die Attendornerin Emilie Zeppenfeld und ließ sich daraufhin in der Hansestadt nieder. Hier übernahm er 1830 die Wohn- und Geschäftsgebäude seiner Schwiegermutter und betrieb von dort aus sein Handelsgeschäft.

Kutschs kaufmännische Kontakte reichten bis in die Schweiz. In Deutschland verkaufte er seine Waren vor allem im Süden: in Frankfurt, Darmstadt, Freiburg, Stuttgart, Augsburg, München, Nürnberg und Passau.

Die Artikel, mit denen Mathias Kutsch I handelte, entstammten vorrangig der Produktion von Metallwarenunternehmen der umliegenden Regionen. Zu seinem Sortiment gehörten Federn, Haken und Ösen, Feilen, Raspeln, Stichel- und Hobeleisen, Kandaren, Steigbügel und Sporen sowie Sattlerstifte, Polsternägel und Nadeln.

Den Schwerpunkt seines Verkaufsprogramms bildeten indessen Knöpfe, vor allem solche aus Metall. Vermutlich war es die hohe Nachfrage gerade nach diesen Produkten, die den Kaufmann veranlasste, sie selbst herzustellen. Am 11. Juni 1831 meldete sich die Firma Mathias Kutsch, Fabrikant und Handel mit Eisenwaren in Attendorn an.

Produziert wurde im eigenen Geschäftsgebäude und den angrenzenden Scheunen im Schüldernhof (dem Standort des heutigen Seniorenzentrums St. Liborius). Versuche, die beengten Betriebsstätten vor die "Stadttore" auszulagern, scheiterten aus finanziellen Gründen. Gleichwohl beantragte Mathias Kutsch I das freie Bürgerrecht der Stadt Attendorn. Zur Begründung seines Antrags führte er - und darin unterscheidet er sich kaum von heutigen Unternehmern - vor allem das Arbeitsplatzargument an:

[Ich erhebe] Anspruch auf freies Bürgerrecht, weil mein Gewerbe Fabrike und Engroß-Handlung ist, wodurch viele Arbeiter ernähret werden, Gelder aus entfernten Gegenden und fremden Ländern gezogen, der hiesigen Stadt in Circulation kommen. - Ein solches Fabrikgeschäft dehnt sich durch die Zeit in verschiedene Branchen immer mehr aus und wird somit für das allgemeine Interesse im Orte immer wichtiger: Mein Recht auf freies Bürgerrecht kann mithin keinem Zweifel unterworfen sein. [KA175, 43]

  Gewerbeschein
Gewerbeschein des Königreichs Preußen für Mathias Kutsch (1837). [KA175, 47]
Die Stadt Attendorn zeigte sich dem Jungunternehmer gegenüber zunächst sehr wohlwollend und nahm ihn unentgeltlich als Bürger auf. Auch die Beschäftigten der Firma wurden vom Aufnahmegeld befreit. 1836 hatte die "Knopffabrik des Herrn Kutsch", wie der Bürgermeister freudig vermerkte, bereits einen Personalstand von 30 Beschäftigten. [KA175, 43]

Die positiven Beziehungen blieben freilich nicht lange ungetrübt. So neigte Mathias Kutsch I, inzwischen zum Stadtverordneten gewählt, häufiger zu Streitigkeiten mit der Obrigkeit, aber auch mit den Beschäftigten seiner Firma. Ein ehemaliger Mitarbeiter klagte sein Leid:

Bis hierhin bin ich noch vertragsmäßiger Werkmeister des Fabrikherrn Kutsch, und der desfallsige Vertrag besteht vom 1.11.1835 ab 5 Jahre lang. Auch läuft mein Gehalt fort, wenn sich auch Kutsch in gewohnter Art mit mir, so wie mit den meisten seiner Arbeiter, in einen Rechtsstreit begeben hat, und fähig ist, zu behaupten, der Vertrag sei ohne seine Vollmacht abgeschlossen. Von dem Gehalte lebe ich, und muß ich leben, so lange der Vertrag nicht rechtskräftig aufgehoben ist. Auch kann ich insolange kein anderes eigenes Geschäft anfangen. [KA175, 43]

Hinzu kam der lässige Umgang des Unternehmers mit der Sicherheit am Arbeitsplatz. Trotz eines großen Brandes, der im Dezember 1836 den Dachstuhl des Fertigungsgebäudes vernichtete, errichtete Mathias Kutsch I im Jahre 1838 eine Schmiede, die in keiner Weise den brandpolizeilichen Schutzvorschriften entsprach und für erneuten Ärger mit der Obrigkeit sorgte.

Auch das Betriebsklima ließ offenbar immer mehr zu wünschen übrig. Schon 1837 notierte der Attendorner Bürgermeister, dass in der Knopffabrik statt der 30 Arbeitskräfte des Jahres 1836 nur noch eine Anzahl von 15 bis 20 Personen beschäftigt werde, "jedoch scheint dieselbe mehr ab- als zuzunehmen, welches hauptsächlich in dem reizbaren Temperament und der Unverträglichkeit des Fabrikherrn Kutsch seinen Grund haben mag" [KA175, 46].

Nachdem ein weiterer Versuch, die Fabrikation vor die Stadt zu verlagern, an den nunmehr kritischen Stadtoberen gescheitert war, beschäftigte die Firma im Jahre 1839 sogar nur noch drei Personen.

Die Industrielle Revolution

Angesichts der Firmengründung durch Mathias Kutsch I in Attendorn von einer "Industriellen Revolution" zu sprechen wäre vermessen. Außer der Knopffabrik gab es in der Hansestadt nur noch die Limburger Wollgarnspinnerei und einige Gerbereien. Auch deren Beschäftigtenzahlen hielten sich in Grenzen. In der Spinnerei arbeiteten in besseren Zeiten 26 Personen, in den Hungerjahren 1847/1848 nur noch 15. Die Zahl der Beschäftigten in der Knopffabrik dümpelte bei 2 bis 7 Personen; zwischendurch vermerkten die städtischen Akten, der Betrieb der Firma sei praktisch zum Erliegen gekommen. Anfang der 60er Jahre sah sich Mathias Kutsch I sogar genötigt, zur Sicherung des Unternehmens zusätzlich einen Tapetenhandel aufzuziehen. Keine Revolution - allenfalls eine Evolution also.

Auch die lang ersehnte Eröffnung der Eisenbahnlinie Finnentrop - Olpe im Jahre 1874, durch die Attendorn an die Industriezentren an Ruhr und Sieg angeschlossen wurde, zeigte zumindest in Sachen Kutsch wenig "revolutionäre" Wirkung. Die Firma konnte hiervon nicht nennenswert profitieren.

Mathias Kutsch I war bereits 1866 verstorben, seither führten sein Schwager Engelbert Zeppenfeld und sein Sohn Mathias Kutsch II das Unternehmen, das sich nunmehr allerdings mehr auf den Handel als auf die Produktion verlegte. Nach dem frühen Tod des "zweiten" Kutsch im Jahre 1886 schien das Schicksal der Firma besiegelt. In der aufkommenden Industrielandschaft Attendorns spielte sie ohnehin schon lange keine Rolle mehr. Während der Betrieb 1890 in der Gewerbesteuerrolle gerade mal als "Kommissionsgeschäft in Kurzwaren mit 1 Reisenden, 1 Comis und 1 Packer" notiert wurde [KA175, 82], hatten sich andere Unternehmen in den Vordergrund geschoben:

Messinggußwaren werden von der Firma Engelb. Isphording hergestellt, die etwa 55 Arbeiter beschäftigt, und jährlich ca. 60.000 Kg. fertige Waren herstellt. Außerdem arbeiten noch sechs kleinere Meister dasselbe Fabrikat und beschäftigen im Ganzen noch an 40 bis 45 Arbeiter.
   Das Eisenwalzwerk von Althaus & Liebrecht arbeitet mit 70 Personen und stellt jährlich ca. 4.700.000 Kg Eisenblech her. Die Firma hat die Anlage um etwa die Hälfte vergrößert [...]. Die Firma W. Borgmann fabriziert verzinkte Schwarzblechwaren als Eimer, Waschkübel u.s.w. und arbeitet mit 36 Mann.
   Lohgerbereien betreiben hier fünf Firmen, die zusammen 36 Arbeiter beschäftigen, zwei betreiben Lohmühlen mit Dampfkraft, zwei mit Wasserkraft.
   Eine handwerksmäßig betriebene Holzsägemühle arbeitet mit Dampf- und Wasserkraft und hat drei Sägen in Betrieb.
   Eine Fruchtmahlmühle mit drei Gängen arbeitet nur für den lokalen Bedarf mit Wasserkraft. Die Brauerei hier mit Dampfbetrieb stellt jährlich etwa 2.500 Hectoliter Bier her, das in den umliegenden Ortschaften abgesetzt wird.
   Mit Cigarrenherstellung befassen sich zwei Meister (Handarbeit), die ungefähr 18 Arbeiter beschäftigen. [KA175, 82]

  Mathias Kutsch III
Mathias Kutsch III [KA175, 99]
Ein Jahr später sah die Lage für die Firma Kutsch noch schlimmer aus: "Handelsgeschäft geht immer mehr zurück. [...] Betrieb schläft ganz sachte ein", hieß es hierzu in der Firmenchronik. [KA175, 82] Dies stellte sich allerdings als Irrtum heraus. Mathias Kutsch III, Enkel des Firmengründers, kehrte 1893 nach längeren Auslandsaufenthalten in Frankreich, Belgien und England nach Attendorn zurück und war, gegen den ausdrücklichen Rat seiner Mutter, offenbar fest entschlossen, die Metallwarenfabrikation seiner Vorfahren wiederzubeleben. 1894 bestätigte der damalige Bürgermeister bereits die Arbeit der neuen Fabrik M. Kutsch: "[Sie] fertigt Metallknöpfe, hauptsächlich Militärknöpfe und beschäftigt insgesamt 15 Arbeiter." [KA175, 90] Von da an ging es mit dem Betrieb bergauf. Bis zur Jahrhundertwende vervierfachte sich sein Umsatz.

In diese Zeit des Aufstiegs fiel auch der erste Betriebsunfall, der behördlich vermerkt wurde. An einer Knopfstampfe quetschte sich ein 19-jähriger Beschäftigter einen Finger. Das Gewerbeaufsichtsamt in Siegen nahm den Vorfall zum Anlass, das (wieder) aufstrebende Unternehmen an einige amtliche Auflagen zum Arbeits- und insbesondere Jugendarbeitsschutz zu erinnern. So durften Jugendliche (und das waren damals alle Personen unter 21) nur arbeiten, wenn sie im Besitz eines sogenannten Arbeitsbuches waren. Mathias Kutsch III meldete seine minderjährigen Beschäftigten daraufhin ordnungsgemäß an, wobei er auch deren Arbeitszeiten notierte:

Letztere [die Jugendlichen] arbeiten an allen Wochentagen 9 ½ Stunden täglich, die Arbeiterinnen eben so lange, Samstags indessen nur bis 5 ½ Uhr Nachmittags. Die Arbeit der weiblichen und der jugendlichen Arbeiter besteht in leichter Maschinenarbeit, sowie darin, Knöpfe einzulegen, zu firnissen, zu verzinken und dergleichen. [KA175, 92]

Im Jahr 1905 fixierte der Unternehmer den rechtlichen Rahmen seines Betriebs in einer Arbeitsordnung für die Fabrik von M. Kutsch in Attendorn. Diese vermerkte vor allem die Pflichten, weniger die Rechte der Beschäftigten. Sie regelte besonders die Arbeits- und Pausenzeiten, aber auch die Unfallverhütung, den Jugendschutz und die Sonderkonditionen für Frauen. Die folgenden Ausschnitte aus der insgesamt 21 Paragraphen umfassenden Ordnung geben einen kleinen Einblick in die damaligen Rechtsauffassungen:

§ 1 - Jeder von mir aufgenommene männliche oder weibliche Arbeiter unterwirft sich den Bestimmungen der gegenwärtigen Arbeits-Ordnung und hat die Pflicht, sich bei seiner Annahme mit dieser Arbeits-Ordnung bekannt zu machen. [...]

§ 4 - Arbeitstage sind sämtliche Wochentage, mit Ausnahme der auf einen Wochentag fallenden allgemeinen Feiertage. [...] Bei schwachem Geschäftsgang wird die Arbeitszeit entsprechend gekürzt.

§ 5 - Die tägliche Arbeitszeit dauert für sämtliche Arbeiter regelmäßig, mit Ausnahme der Sonnabende und der Tage vor Festtagen, 9 ½ Stunden, sie beginnt im Sommer, d. h. vom 1. April bis 30. Sept., morgens um 7 Uhr und endigt Abends um 7 Uhr, im Winter, d. h. vom 1. Okt. bis 31. März, morgens um 8 Uhr und endigt abends um 8 Uhr mit Unterbrechung durch eine Vormittagspause von 9.30 bis 10 Uhr, mit Unterbrechung durch die Mittagspause von 12 bis 1 ½ Uhr und eine Vesperpause von 4 bis 4.30 Uhr. An Sonnabenden und den Vorabenden der gesetzlichen Feiertage beginnt die Arbeitszeit stets um 7 Uhr morgens und ist die Mittagspause von 12 bis 1 Uhr. Die Arbeitszeit endigt an diesen Tagen für weibliche Arbeiter um 5 ½ Uhr, für männliche um 6 Uhr.

§ 6 - Kinder unter 14 Jahren werden nicht beschäftigt. Jugendliche Arbeiter unter 16 Jahren haben Vormittags eine Erholungspause von 9.30 bis 10 Uhr. [...]

§ 7 - [...] Die Arbeitszeiten sind pünktlich einzuhalten. Die Fehlstunden werden den im Tagelohn Arbeitenden bei der Löhnung in Abzug gebracht. Zuspätkommende haben auf Arbeitsantritt an den betreffenden Vor- und Nachmittagen keinen Anspruch.

§ 8 - In Fällen, wo eilige Arbeiten, sowie Arbeiten zu erledigen sind im Interesse der Reinigung und Instandhaltung des regelmäßigen Betriebes, überhaupt in Notfällen, sind sämtliche Arbeiter zur Arbeit über die festgesetzte Zeit und zwar bis zu 13 Stunden, und ferner auch zur Sonntags- und Feiertagsarbeit innerhalb der gesetzlich zulässigen Grenzen verpflichtet. [...]

§ 18 - Wiederholtes Zuspätkommen, sowie das Verlassen der Fabrik während der Arbeitszeit ohne Erlaubnis, wird bei erwachsenen Arbeitern mit 50 Pfg., bei jugendlichen und weiblichen mit 25 Pfg. bestraft. [...] [KA175, 104f/109]

Wirtschaftlich ging es für die Firma Kutsch auch im neuen Jahrzehnt bergauf. Von 1900 bis 1910 verdreifachte das Unternehmen noch einmal seinen Umsatz. Mathias Kutsch III ließ die Firmengebäude erweitern und brachte die Anlagen auch in technischer Hinsicht auf den neuesten Stand. Als Sensation wurde empfunden, dass die Knopffabrik ab 1907 Strom aus der benachbarten Firma A. A. Ursell erhielt. Kutsch versorgte damit einen 5 bis 6 PS starken Elektromotor, der eine Exzenterpresse und eine Knopfösenmaschine antrieb.

Julius Ursell hatte Mitte des Jahrzehnts ein kleines Elektrizitätswerk errichtet und lieferte Strom an "ausgewählte" Nachbarn und Bekannte. 1909 kam das Städtische Elektrizitätswerk hinzu. Später bezogen die Attendorner Unternehmen zudem Strom aus dem Kraftwerk an der Lister-Sperrmauer. Die Elektrifizierung der Hansestadt, erkennbar vor allem an der zunehmenden Straßenbeleuchtung, schritt voran.

Auch andere Verbesserungen der Infrastruktur brachten das Unternehmen weiter vorwärts. So ließ Mathias Kutsch III 1910 eine firmeneigene Wasserversorgungsanlage bauen. Hierdurch konnte er eine erste kleine Galvanik und eine Stand-Entgiftungsanlage betreiben.

Kriegs- und Zwischenkriegszeiten

Der Beginn des Ersten Weltkriegs brachte der Firma keine nennenswerten Einschnitte, im Gegenteil. Uniformknöpfe waren gefragter denn je. Die Umsatzzahlen schnellten von 224.834 Mark im Vorkriegsjahr 1913 auf 378.717 Mark im Jahr 1915 hoch. Die Zahl der Mitarbeiter lag 1914 bei 55 Personen, 27 Männern und 28 Frauen, und nahm auch im Verlauf des Krieges nicht nennenswert ab, da ab 1916 zwar keine Knöpfe mehr, dafür aber Sprengkapselhülsen aus Ansonit gefertigt wurden. Zu diesem Zweck orderte Kutsch weitere Exzenter- und Friktionspressen sowie Abstechbänke.

  Notgeld
Von der Firma Kutsch 1920 geprägte Notgeldmünzen. [KA175, 124]
Bei Kriegsende stellte sich dem Firmenchef allerdings das Problem, seine Produktpalette komplett überarbeiten zu müssen. Weder an Uniformzubehör noch gar an Geschosshülsen herrschte jetzt sonderlich Bedarf. Als vorübergehende Rettung erwies sich ein Beschluss der Attendorner Stadtverordnetenversammlung aus dem Jahre 1920, die Firma Kutsch solle 30.000 Zehn-Pfennig-Münzen und 20.000 Fünfzig-Pfennig-Münzen als Notgeld herstellen. Noch einmal schnellten die Umsatzzahlen in die Höhe; danach wurde in Folge der Hyper-Inflation von 1923 die Lage für das Unternehmen jedoch immer bedrohlicher. Produziert wurden zwar weiterhin Knöpfe, außerdem Zwingen, Strahlregler, Aluminiumdosen und Dichtungsscheiben, doch blieb der Absatz weit hinter den Erwartungen zurück. Mathias Kutsch III zog daraufhin die Notbremse und kürzte allen Beschäftigten das Gehalt um 50 Prozent. Allerdings wäre der Betrieb auch hierdurch nicht zu retten gewesen, wenn nicht Kutschs in London wohnende Schwägerin mit einem Kredit von 500 Pfund ausgeholfen hätte.

Als sich das Unternehmen daraufhin mühsam mit einer Palette von Sanitärartikeln neu aufgestellt hatte, brach 1929 die zweite, diesmal weltweite Wirtschaftskrise über die Deutschen herein. Mehr schlecht als recht hielt sich das Unternehmen in den nächsten Jahren über Wasser.

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten sah Kutsch dann eine Chance, die Tradition der Knopfherstellung weiterzuführen, und stellte hierzu 1934 den Antrag, die Parteiabzeichen der NSDAP fabrizieren zu dürfen. Dem Ansinnen wurde 1935 entsprochen, nachdem der Attendorner Bürgermeister den Fabrikanten wärmstens empfohlen hatte:

Der Inhaber der Firma, Math. Kutsch, hat stets auf nationalem Boden gestanden und bejaht den nationalsozialistischen Staat rückhaltlos. Sein Sohn ist SA-Mann und als Fürsorgereferent in der SA-Riege tätig. Der in der Firma tätige Schwiegersohn Richard ist Ortsgruppenführer des Reichsluftschutzbundes [...]. Vom nationalsozialistischen Standpunkt aus gesehen ist die Familie würdig, in der Zuweisung von Aufträgen unterstützt zu werden. [KA175, 134f]

Als Mathias Kutsch III 1936 starb, hinterließ er ein Unternehmen in unsicherer Lage und in sehr bedenklichem Zustand. Während die meisten anderen Fabriken bereits in den zwanziger Jahren umgerüstet bzw. automatisiert und damit eine "Zweite Industrielle Revolution" ausgelöst hatten, war in der Metallwarenfabrik alles beim Alten geblieben. Der Sohn des Verstorbenen, Mathias Kutsch IV, der nun die Firma übernahm, zog später eine bittere Bilanz:

Der Betrieb selbst war 1936 in hohem Grade unrationell und in jeder Beziehung veraltet: die verbauten Räumlichkeiten waren in sehr schlechtem teilweise verwahrlosten Zustand; die Maschinen hatten im Durchschnitt ein Alter von 20 Jahren und mehr; bei fast völlig fehlendem Nachwuchs lagen die wichtigsten Funktionen (kaufmännische Leitung, Betriebsleitung, Expedient, Meister, die wichtigsten Posten im Fach- und Spezial-Arbeitsstab) in den Händen von Greisen.
   Die Kreditquellen der Firma Kutsch waren bis zum letzten ausgeschöpft. Geldmittel zur Rationalisierung waren also von dritter Seite nicht zu beschaffen. Das Fabrikationsprogramm war preislich ausgedroschen und versprach selbst bei rationellster Fertigung keinen geldlichen Ertrag. Der noch vorhandene Konnex zu Geschäftsfreunden und Banken beruhte auf alter Tradition und nicht auf der Leistungskraft des Unternehmens. [KA175, 142]

Zu allem beschriebenen Elend kam es gut hundert Jahre nach dem ersten Feuer im April 1937 zu einem neuerlichen Großbrand in der Firma, der die Gebäude erheblich beschädigte und das Inventar zu einem Großteil vernichtete. Obwohl der Betrieb vollkommen unterversichert war, begann Mathias Kutsch IV unmittelbar nach der Katastrophe unter umfangreicher Beteiligung der Belegschaft mit dem Wiederauf- bzw. Neubau.

In den Folgejahren schien sich die Geschichte zu wiederholen: Mit Kriegsbeginn 1939 stieg die Nachfrage nach Uniformknöpfen (auch wenn sie unter den Nazis schon in Friedenszeiten nicht gering gewesen war); und das Unternehmen begann zu "brummen". Kutsch investierte kräftig: in eine Metallkreissäge, eine Stahlbandsäge, in Abschneide- und Schleifmaschinen, eine Drehbank, je eine Stanz- und eine Ziehpresse sowie im Februar 1940 in eine doppelwirkende Presse zum stolzen Preis von 3.400 Reichsmark. Auch richtete der Fabrikant ein Zink- und Kadmiumbad ein.

Sorgen bereitete Kutsch allerdings der Umstand, dass im Laufe des Krieges das Fachpersonal des Unternehmens nach und nach zum Fronteinsatz abgezogen und durch Fremdarbeiter ersetzt wurde. 51 Personen, die teils aus Frankreich, überwiegend jedoch aus Russland kamen, sind in den Unternehmensakten als ausländische Arbeitskräfte vermerkt. Untergebracht waren sie zum Teil in unmittelbarer Nähe der Fabrik, zum größeren Teil jedoch in einer Holzbaracke außerhalb der Stadt, im damals noch unerschlossenen Gebiet der "Stesse".

Im vorletzten Kriegsjahr erhielt das Unternehmen eine Anzeige wegen angeblicher Kriegswirtschaftsvergehen, was dazu führte, dass wichtige militärische Aufträge annulliert wurden. Gleichwohl investierte Mathias Kutsch IV weiterhin in seinen Betrieb: Im Juli ließ er eine neue Tellerpresse aufstellen. Viel nutzte ihm dies freilich nicht: Bei der Bombardierung Attendorns am 28. März 1945 und durch die Munitionsexplosion am Rathausplatz im Juni (also nach Kriegsende) erlitt das Unternehmen beträchtliche Schäden; den Rest besorgten Diebe. Die Schadensbilanz fiel düster aus:

Große Schäden am Dach und Fenstern nach S[üden] zerstört. Lager Turwitt zerstört. Lager Kuckel, Schützenhalle geplündert und bestohlen; Lager Schnepper Mecklinghausen schwer bestohlen; Lager Rathaus im Juni in die Luft geflogen; Ostarbeiterlager Stesse unbewohnbar zerstört. [KA175, 154]

  Kerzenständer
Notproduktion nach 1945: Kerzenständer.
[KA175, 156]
Nach dem Krieg war also ein neuerlicher Wiederaufbau der Fabrikationsstätten angesagt. Die etwa 30 Mitarbeiter der Firma konnten hierzu allerdings zunächst nicht in vollem Umfang eingesetzt werden, da Mathias Kutsch IV 14 von ihnen - einer Übereinkunft der Attendorner Unternehmer folgend - bis Mitte August 1945 für allgemeine Aufräumarbeiten in der Stadt freistellte.

Nach den notdürftigsten Reparaturen begann die Firma dann mit der Verarbeitung von Restmaterialien aus der Kriegszeit. Bis zur Währungsreform 1948 hielt sie sich mit der Produktion von "Kunstgewerbeartikeln" über Wasser: mit Kerzenleuchtern, Buchstützen und Aschenbechern.

Mathias Kutsch IV errichtete, da seine bisherige Wohnung zerstört war, aus den Überresten der ehemaligen Ostarbeiter-Baracke in der Stesse ein Holzhaus, in dem er die folgenden Jahrzehnte wohnte. Dass der Unternehmer vor die Stadt zog, war vermutlich kein Zufall. Schon sein Vater und sein Urgroßvater hatten mit dem Gedanken gespielt, den beengten Fabrikationsverhältnissen in der mittelalterlich geprägten Kleinstadt zu entfliehen und den Betrieb in die Stesse zu verlagern. Nichts anderes plante nun auch der "vierte" Mathias. Allerdings sollte es noch etliche Jahre dauern, bis er seine Vorstellungen verwirklichen konnte.

Zum Video Zum externen Player   Arndt G. Kirchhoff zur Geschichte des Unternehmens  


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2009

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