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Unternehmer Arndt G. Kirchhoff

Arndt Günter Kirchhoff, Jahrgang 1955, ist Geschäftsführender Gesellschafter der Kirchhoff Gruppe und Vorsitzender der Geschäftsführung der Kirchhoff Automotive Gmbh & Co. KG. Nach dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens Maschinenbau arbeitete er zunächst bei der Deutschen Babcock Werke AG. Seit 1990 leitet er die Attendorner Firma Kutsch/Kirchhoff.
   Arndt G. Kirchhoff ist im Übrigen Vorsitzender des Mittelstandsausschusses des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und in dieser Funktion mittelstandspolitischer Sprecher des BDI.

Mitbestimmung

  Arndt G. Kirchhoff
Arndt G. Kirchhoff.
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Ich fang mal an mit der Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - mit dem, was man auch "Mitbestimmung" nennt. Das gab es vor vierzig, fünfzig Jahren nicht in dem Maße wie heute. Heute besprechen wir alle wesentlichen Schritte, die hier im Unternehmen passieren, zusammen mit der Vertretung der Belegschaft, dem Betriebsrat, und verständigen uns, bevor wir etwas machen, über den Weg und über die Maßnahmen, gegebenenfalls auch über die Kosten.

Das haben wir jetzt auch ganz aktuell getan, in der jetzigen Krise. Wir haben ab Oktober 2008 ja alle miterlebt, was passiert ist. Da sind auch bei uns die Aufträge runtergegangen. Und da haben wir uns zunächst mal verständigt, dass wir die Urlaubstage abbauen. Dann haben wir uns verständigt, dass wir die Zeitkonten abbauen. Dann haben wir uns verständigt, dass wir die Leiharbeiter den Leihfirmen zurückgeben, damit wir unsere Stammbelegschaft schützen.

Dann haben wir uns im Februar diesen Jahres verständigt, dass wir wohl ab März Kurzarbeit machen müssen. Daraufhin haben wir mit der Kurzarbeit begonnen - aber nur für drei Monate: März, April und Mai. Dann haben wir festgestellt, dass wir jetzt wieder genug Arbeit haben; und so machen wir seit 1. Juni keine Kurzarbeit mehr.

All diese Prozesse laufen in Abstimmung mit dem Betriebsrat, also mit der Belegschaft. Das gab es früher so nicht.

Arbeitsbedingungen

Heute haben wir, wenn Sie sich hier umgucken, eine ganz moderne Arbeitswelt. Denn die Menschen sind ja den wesentlichen Teil des Tages im Büro; da sind sie länger als zu Hause. Deshalb muss man dafür sorgen, dass die sich hier auch wohlfühlen. Wenn Sie hier rausgehen, dann sehen Sie: Da stehen Kaffeemaschinen, wo die Leute sich bedienen können. Da ist ein Fernseher, wo man, wenn einen etwas interessiert, zwischendurch mal fernsehen kann. Man hat alle Einrichtungen der Kommunikation zur Verfügung, sodass man neben der Arbeit hier und da auch schon mal etwas Privates machen kann, was man nämlich zu Hause sonst anschließend nicht mehr erledigen könnte.

Dafür ist man aber länger am Arbeitsplatz. Wir strecken die Arbeitszeit, insbesondere im Büro, sehr, weil wir heute, im Gegensatz zu früher, sehr international arbeiten. - Wenn wir internationale Projekte leiten, dann haben wir hier unsere Videokonferenzen in der Regel mittags. Da schalten sich die Amerikaner ein, die haben dann frühmorgens. Und da schalten sich dann auch die Chinesen und die Koreaner ein, die haben dann spätabends. - Dann passiert es aber natürlich auch, dass der Amerikaner mittags noch anrufen will; dann haben wir hier schon abends. Oder der Chinese ruft am frühen Morgen an. Insofern haben wir heute praktisch 24 Stunden am Tag offen. Wir arbeiten ja auch in der Produktion 24 Stunden am Tag - natürlich mit wechselnden Belegschaften; aber wir müssen sehen, dass wir die Arbeitszeiten über den ganzen Tag verteilen, weil wir mit der ganzen Welt auch über 24 Stunden hinweg arbeiten.

Das ist ein Riesenfortschritt - das macht manchen Menschen auch Angst, denn das gab es früher so nicht -, aber es ist ein Fortschritt insofern, als Sie die Arbeit auch weiterreichen können. Mit den modernen Medien, die wir heute haben, können Sie zum Beispiel eine Zeichnung morgens in Deutschland beginnen. Und mittags reichen Sie die Zeichnung nach Amerika weiter; dann kann der Mitarbeiter da weiterzeichnen. Das geht ja wie eine SMS, wie eine E-Mail. Dann arbeitet der an der Zeichnung weiter. Und wenn er damit aufhört, dann schickt er die Zeichnung nach Asien; dann arbeiten die daran weiter. Und am nächsten Morgen haben Sie Ihre Zeichnung - wesentlich weiter entwickelt - wieder hier auf dem Tisch.

Das machen Sie so nicht nur in der Industrie. Das machen Sie in vielen Berufen wie im Grafik- oder Modedesign. Man nutzt praktisch die Arbeitsmöglichkeiten, das Arbeitspotenzial einmal um den Globus herum. Das sind neue Dinge.

Was ist noch neu? Noch neu ist natürlich die Aufteilung zwischen Arbeit und Freizeit. Früher hatte man ganz feste Arbeitszeiten. Doch durch diese neue Art zu arbeiten sind die Arbeitszeiten flexibler geworden, weil man eben mal morgens schon da sein muss, mal später abends noch da sein muss. Dafür kann man aber auch schon mal mittags eher nach Hause gehen; oder man macht mal freitags oder montags frei. Wir arbeiten ja deshalb in der Summe nicht mehr: 40 Stunden, 42 Stunden, je nach Vereinbarung. Auch das vereinbaren wir mit dem Betriebsrat. Wir können hier 43 Stunden arbeiten; wir können aber auch nur 33 Stunden arbeiten. Das erlauben unsere Betriebsvereinbarungen. Und so versuchen wir eine möglichst gute Symbiose herzustellen zwischen Arbeitsleben und Privatleben. Man nennt das auch auf Englisch Work-Life-Balance. Je besser die Work-Life-Balance ist, desto lieber arbeiten die Menschen. Und wenn sie lieber arbeiten, mehr Spaß haben bei der Arbeit, dann arbeiten sie auch erfolgreicher. Das kann man alles messen.

Und das ist natürlich das Ziel von unserem Unternehmen, dass wir besser sind als andere. Das bedingt das Konkurrenzprinzip; das ist der freie Wettbewerb. Und wenn man sich da mit seiner gesamten Belegschaft einig ist, dann hat man die Nase auch ein Stückchen vorne.

Das ist also auch anders als früher. Da war das alles statischer.

Anforderungen

Die Anforderungen steigen sehr. Das liegt an Folgendem:

Wir erleben es jeden Tag, ich erlebe es auch mit meinen Kindern: Die haben überhaupt kein Verständnis dafür, dass wir ohne Handy aufgewachsen sind. Aber ein Handy gibt es nun mal erst seit zwanzig Jahren. Vorher gab es keine Handys. Das erste, das ich hatte (das war vor etwa zwanzig Jahren), das war so ein Koffer! Den hatte ich hinten im Auto, da war ein dicker Hörer drauf, und das Ganze sah mehr aus wie ein Feldtelefon. Aber das, was Sie heute kennen, gab es nicht; das war auf der Welt nicht zu erhalten. - Wir sind auch ohne PC aufgewachsen. Es gab keinen PC. Es gab Schreibmaschinen: unterschiedliche Typen, schicke, weniger schicke. Es gab zuerst auch kein Fernsehen - und viele weitere Beispiele.

Aber durch diese Neuerungen - PC, Handy und so weiter - sind natürlich die Arbeitsprozesse beschleunigt worden. Früher hat man 14 Tage Zeit gehabt, um einen Brief zu beantworten. Heute wird erwartet, dass Sie nach spätestens zwei Minuten reagieren, wenn Sie eine SMS oder eine E-Mail bekommen. Ansonsten wird die andere Seite schon unruhig - egal wo die sitzt, ob die in China sitzt oder in Amerika. In letzteren Fällen reichten übrigens früher die 14 Tage nicht; da musste die Nachricht nämlich mit dem Schiff überbracht werden; da dauerte der Brief auch schon mal sechs Wochen.

Die Geschwindigkeiten sind also sehr beschleunigt worden. Insofern muss man sich dann auch im Arbeitsleben ändern. Man muss sich anders coachen, man muss sich fit halten, dass man diesen Anforderungen, die dann vielfältiger sind in dieser kurzen Zeit, noch gerecht wird. Es ist nicht mehr so gemütlich und muss alles ein bisschen schneller gehen. - Das muss aber nicht schlechter sein; man muss die Menschen nur daran gewöhnen.

Und so wie in dem Beispiel, das ich gerade erzählt habe, ist es jetzt auch in den Technologien unten im Betrieb immer weiter gegangen. Von dem, was die Menschen vor dreißig Jahren mal gelernt haben, können sie heute außer den sozialen Fähigkeiten (der Umgang mit Menschen ist gleich geblieben, denn wir haben uns nicht so geändert) nichts mehr gebrauchen. Denn da unten steht nicht eine Maschine mehr, die dreißig Jahre alt ist. Vor dreißig Jahren hatten Maschinen keine Steuerung. Unten hat jede Maschine eine Steuerung; und da sind dann Bits und Bytes dahinter - von Siemens und anderen. Und da muss ich dieses Wissen dann erlangt haben. - Das haben die Menschen auch gemacht.

Die Weiterbildung in den Betrieben ist heute größer als die Ausbildung in der Ausbildungszeit und in den Studienjahren. Das können Sie in Geld ausdrücken: Die deutsche Industrie investiert heute jedes Jahr 27 Milliarden in die innerbetriebliche Weiterbildung. Das heißt, wir bieten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern solche Weiterbildung an, egal auf welchem Gebiet, sei es ein Roboterlehrgang, sei es ein Schweißlehrgang, sei es ein Projektlehrgang, sei es Projektmanagement, Zeitmanagement, Kundenbetreuung. Für all diese Dinge können Sie Seminare organisieren. Das bieten wir denen an; und da werden die auch jedes Jahr, jedes zweite Jahr hingeschickt und werden dort weitergebildet. Es gibt auch viele Workshops. Man diskutiert dort über die neuen Formen der Zusammenarbeit, über die neuen Technologien, um dann auch wieder in der Lage zu sein, da mitzuhalten - das bedienen zu können, damit umgehen zu können, auch: mit dem Computer umgehen zu können, denn auch da gibt es jedes Jahr neue Programme. Das müssen wir das ganze Arbeitsleben über machen.

Wenn wir das nicht tun, werden die Menschen nicht nur ungeeignet; sie werden auch fürchterlich frustriert und werden ganz traurig und krank; denn das erzeugt ja Ängste. Stellen Sie sich vor, Sie kommen nicht mehr mit, alle anderen laufen Ihnen davon. Das ist dann auch persönlich eine Katastrophe. - Also sehen wir zu, dass wir da fit bleiben, dass wir auf dem Stand bleiben. Das ist das "lebenslange Lernen", von dem man spricht. Das heißt, dass das, was wir mal in der Schule oder später in der Ausbildung gelernt haben, einfach nicht ausreicht - auch nicht, das können wir heute ebenfalls sagen, für in zwanzig Jahren. Das wird nicht ausreichen, dass wir das dann noch als "Haupteinnahmequelle" in Form eines Berufes nutzen können. Da müssen wir dann eben die nächsten zwanzig Jahre schon dazulernen.

Globalisierung

  Im Gespräch
Im Gespräch.
Das Ganze hat in den letzten fünfzehn Jahren noch mal zugenommen. Das ist nämlich das Zeitalter der Globalisierung. Da hat es in der räumlichen Dimension zugenommen. Das Unternehmen hier und das Schwesterunternehmen in Iserlohn waren im Falle von Iserlohn 200 Jahre und hier 170 Jahre im Sauerland ganz allein, und die Kunden saßen in Deutschland und vielleicht in den angrenzenden Ländern. - In den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren haben die plötzlich Kunden in der ganzen Welt. Von hier aus liefern wir nach Amerika, wir liefern nach Asien, wir liefern von hier aus sogar nach Australien - das haben wir alles früher nicht gemacht. Andersherum liefern die natürlich auch hierhin.

Und so hat man heute das, was wir einen Fertigungsverbund nennen. Hier werden also Teile produziert, die wir nach Spanien schicken; da haben wir auch ein Werk. In Spanien verarbeiten wir die Teile weiter, und da ist gegenüber ein Autowerk, und das kriegt das dann. Oder umgekehrt.

Diese Verbünde hat man heute überall. Man hat einen Fertigungsverbund. Man hat auch einen Einkaufsverbund, denn wir haben in Asien natürlich Asiaten, die dort einkaufen; und wir haben hier Europäer, die in Europa einkaufen, und in Amerika für diesen Zweck dann Amerikaner. So nutzt man jetzt den ganzen Erdball.

Das macht manchen ebenfalls Angst, wenn sie nicht richtig darauf vorbereitet sind. Richtig darauf vorbereitet sein heißt: Sprachen können. Das ist das, was wir heute in der Schule natürlich besser machen als früher. Früher haben die Menschen die Sprachen nicht gelernt.

Als ich Ende 1990 hierher kam, habe ich einen einzigen Menschen vorgefunden, der Englisch sprach. Einen! - Da habe ich gesagt: So eine Katastrophe! Ich kam aus einem Unternehmen, das immer Englisch sprach. - Heute ist Englisch unsere Geschäftssprache. Heute sprechen hier alle Englisch, und heute ist die meiste Korrespondenz auf Englisch, weil wir uns sonst mit unseren Kolleginnen und Kollegen im Ausland gar nicht verständigen können - nicht nur mit den Kunden nicht, nein: mit den eigenen Unternehmen nicht verständigen können. - Das hat sich innerhalb von zwanzig Jahren geändert.

Und wir sprechen natürlich auch Spanisch, wir sprechen auch Französisch. Wir sprechen Polnisch, wir sprechen auch Russisch, wir sprechen Chinesisch. Hier bei uns sitzen übrigens auch Chinesinnen. - Das machen wir heute. Das haben wir vor zwanzig Jahren nicht gemacht. Und vor vierzig Jahren hat das gar keiner gemacht.

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©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2009

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