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Zeitzeuge Thomas Ley

Thomas Ley, Jahrgang 1965, eigentlich gelernter Tischler, arbeitet seit 1989 in der Firma Kirchhoff. Er ist Meister in der Fertigung.

Die Maschinen

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Früher haben wir ausschließlich mit einfachen Schweißmaschinen gearbeitet. Heute sind überall Computersysteme zugange - CNC-Techniken und sehr viele Computer in Form von Überwachung.

Wenn wir unsere Schweißmaschinen sehen, dann war es früher eigentlich so, dass Leute davorgesessen haben, Teile in ein Werkzeug eingelegt haben und die geschweißt haben. Und wenn sie die Teile geschweißt hatten, haben sie sich die angeschaut, für gut befunden und in den Behälter geworfen.

Darauf verlässt man sich heutzutage nicht mehr - weil man sagt, dass mindestens vier Prozent der Dinge, die ein Mensch in der Form fabriziert, schlecht sind, obwohl er glaubt, dass sie gut sind. Da der Kunde mittlerweile keine Fehler mehr verzeiht und jede Kleinigkeit reklamiert, bei der er früher gesagt hat, na gut, das ist menschlich, das macht nichts, und die Teile beiseite getan oder verschrottet hat und uns vielleicht mal irgendwann informiert hat, dass was nicht in Ordnung war, erwartet der Kunde heute definitiv zu hundert Prozent perfekte Teile (was ich verstehen kann).

Deshalb hat man angefangen, Maschinen - ja, man kann fast sagen: - zu digitalisieren. Man hat Programme entwickelt. Es sind Sensoren in den Maschinen und in den Werkzeugen, die die Teile abfragen, ob die Teile auch alle da sind. Man fragt die Schweißungen ab, ob genug Strom - oder zu wenig Strom - geflossen ist, ob das Teil - wie wir sagen - "i. O.", also "in Ordnung" ist oder "n. i. O.", also "nicht in Ordnung" ist.

Und die Teile werden heute auch teilweise automatisch separiert. Zwar nicht so wie bei Aschenputtel früher: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen; aber heute schmeißt die Maschine alle Teile, die schlecht sind, in Extra-Behälter, und die guten Teile kommen in die "guten" Behälter.

Das ist dann nachher so weit gegangen, dass man angefangen hat, mit Robotern zu arbeiten. Ganz am Anfang nur, um schwere Arbeiten zu machen; heute werden Roboter aber auch dazu benutzt, leichte Arbeiten zu machen - weil ein Roboter sich einfach nicht vertut. Ein Roboter tut immer das, was man ihm einprogrammiert hat. Und wenn man ihn gut programmiert hat, dann macht er eigentlich auch immer nur dieses Ding.

Dadurch ist die Arbeit leichter geworden; die Arbeit ist schneller geworden; die Arbeit ist genauer geworden. Aber die Menschen werden so eigentlich ein wenig nach hinten gedrückt - obwohl wir immer wieder feststellen, dass ein Mensch im Endeffekt dann doch nicht durch einen Roboter ersetzt werden kann. In vielen Dingen muss der Mensch immer noch drüberschauen und immer noch sagen, ob das Teil gut ist oder schlecht ist, wenigstens stichprobenartig. All unsere Teile, die wir machen, werden stündlich kontrolliert, über Lehren gefahren. Und wenn die Teile "n. i. O.", also nicht in Ordnung sind, dann werden alle Teile, die seit der letzten Prüfung gemacht worden sind, gesperrt, nachgearbeitet oder teilweise auch verschrottet.

Das ist das, was heute stattfindet. Der Vorteil an den Robotern ist, dass die Leute heute nicht mehr so stark körperlich arbeiten müssen, dass die Stückzahl höher ist und damit auch der Gewinn höher ist. Das heißt aber auch, dass Menschen heute weniger Arbeit haben als früher. Die Arbeit ist leichter geworden, aber für den Menschen auch weniger.

Arbeitsunfälle

  Thomas Ley in seinem Büro
Thomas Ley in seinem Büro.
Arbeitsunfälle gibt es jeden Tag, in kleinen und in großen Formen. Die kleinen Formen sind winzige Stichlein oder irgendwelche kleine Beulen in Formen, die nicht wirklich wahrgenommen werden, die einem zu Hause im Garten auch passieren.

Die großen, schweren Arbeitsunfälle, vor allem die ganz schweren Arbeitsunfälle, sind eigentlich gar nicht mehr vorhanden. Den letzten großen, schweren Arbeitsunfall hatten wir vor neun Jahren. Da hat es jemandem den Arm abgerissen, der ihm glücklicherweise wieder angenäht worden ist.

Durch die neuen EU-Gesetze und die Änderung der Gesetzeslage, dass Meister quasi als kleine Unternehmer in einem Unternehmen behandelt werden, sind wir als Meister jetzt speziell dafür verantworlich, dass solche Arbeitsunfälle nicht mehr passieren. Und wenn hier Arbeitsunfälle passieren, sind wir privatrechtlich dafür haftbar.

Frauen im Betrieb

Der Frauenanteil geht von Jahr zu Jahr runter, weil die Teile immer größer und schwerer werden. Frauen wird es wohl immer in solchen Firmen geben, und das ist auch gut so; das ist gut für's Betriebsklima. Männer allein taugen nichts; Frauen allein taugen nichts; das bringt nichts, da kriegen die sich nur in die Haare. Aber der Frauenanteil geht runter, weil die Teile einfach auf die Dauer zu schwer werden.

Betriebliche Kommunikation

Viel zu viel mit Mail-System. Das war früher schöner. Früher traf man sich auf einen Kaffee und hat die Sachen besprochen. Heute kriegt man Mails. Wenn man heute mal drei Tage nicht da war, dann hat man ungefähr zwei DIN-A4-Seiten nur an Mails. Wenn man die dann öffnet, ergibt jede Mail mindestens zwei weitere DIN-A4-Seiten.

Da kann man sich ungefähr vorstellen, was ich nach einer dreitägigen Dienstreise durchzuschauen habe.

Die Gewerkschaften

Die Gewerkschaften haben immer weniger Macht. Viele Leute treten aus der Gewerkschaft aus. Das liegt einfach daran, weil die Gewerkschaft nicht mehr überall streikt, sondern nur noch in speziellen Betrieben. Die Gewerkschaft sucht sich also ganz speziell irgendeinen Betrieb aus, von dem sie ganz genau weiß, dass es die große Industrie schwächt, und lässt dabei andere Betriebe raus.

Das ist im Prinzip ein einfacher Trick: Man bestreikt einen kleinen Betrieb und legt einen großen Autokonzern lahm. Das hat man so früher nicht gemacht. Früher sind alle Leute auf die Straße gegangen.

Seitdem das so gemacht wird, haben die Leute kein großartiges Interesse mehr, den Gewerkschaften beizutreten, weil sie einfach das Gefühl haben, dass sie nicht mehr dazugehören.

Früher und heute

Jede Zeit hat ihre guten und ihre schlechten Seiten. Die frühen Zeiten hatten den Vorteil, dass Menschen mehr zusammengearbeitet haben. Diese Zeiten jetzt sind viel bürokratischer geworden, und es ist alles viel enger geworden in Form von Regelungen. Es ist alles sehr, sehr stark geregelt. Das liegt aber hauptsächlich an unseren Kunden, die diese Regelungen wünschen.

Man muss heute alles dokumentieren. Es muss alles aufgeschrieben, alles archiviert werden. Jedes Gespräch muss in irgendeiner Weise aufgeschrieben werden.

Was sich stark geändert hat, ist, dass, wenn man es heutzutage nicht aufgeschrieben hat, man ein Problem hat. Früher galt immer noch: Ein Mann, ein Wort. Und wenn einer etwas gesagt hat, dann war das auch so. Darauf kann man sich heute nicht mehr verlassen.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2009

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