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Zeitzeuge Manfred Lohölter

Manfred Lohölter, Jahrgang 1948, ist seit 1966 in der Firma Kutsch/Kirchhoff. Er arbeitete als Fertigungsmeister und ist seit 2001 stellvertretender Betriebsratsvorsitzender und in dieser Funktion freigestellt.

Arbeitszeiten

  Manfred Lohölter
Manfred Lohölter.
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Wie ich hier angefangen habe, haben wir 48 Stunden gearbeitet. Das heißt, der Samstag war ein normaler Arbeitstag. Aber dann haben sich ja im Laufe der Zeit durch die Verhandlungen der Gewerkschaften mit den Arbeitgebern die Arbeitszeiten verändert. Heute gibt es teilweise Mitarbeiter, die noch 40 oder 35 Stunden arbeiten. Wir haben dann aber einen Standortsicherungsvertrag gemacht. Das heißt, wir - jeder Mitarbeiter - arbeiten pro Woche anderthalb Stunden länger. Das ist gemacht worden, um bei den Kunden wie Ford und Opel Aufträge zu kriegen. Durch diese 18 Minuten am Tag, die die Mitarbeiter mehr abliefern, kann man billiger arbeiten, kriegt dadurch mehr Aufträge und sichert dadurch auch Arbeitsplätze.

Mittagspausen sind dadurch, dass das hier ein Drei-Schicht-Betrieb ist, abgeschafft worden, was auch mit der Arbeitszeitordnung vereinbar ist. Das Einzige, was noch besteht, ist eine viertelstündige Kaffeepause. Da ist in der Arbeitszeitregelung festgehalten, nach wie vielen Stunden die eingelegt werden muss. Die muss praktisch gemacht werden.

Früher hatten wir 24 Tage Urlaub. Aber dann ist man im Laufe der Zeit durch Tarifverträge und durch Verhandlungen der IG Metall auf 30 Tage gekommen. Wer nicht in der IG Metall organisiert ist, bei dem könnte der Arbeitgeber eigentlich sagen: Der kriegt nur 24 Tage Urlaub. Aber welcher Arbeitgeber macht das schon? Ich sage mal so: Um zu verhindern, dass alle Leute in die IG Metall gehen, sich organisieren, geht man dann als Arbeitgeber den einfachen Weg...

Betriebsrat und Geschäftsleitung

Wir als Betriebsrat haben eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zur Geschäftsleitung. Das heißt nicht, dass wir immer mit dem einverstanden sind, was uns auf den Tisch gelegt wird. Es gibt auch harte Diskussionen. Der eine gibt mal ein bisschen mehr, der andere gibt mal ein bisschen weniger, aber im Großen und Ganzen ist das Verhältnis gut.

Denn es ist ja eigentlich alles durch Tarifverträge abgedeckt, dass der Arbeitgeber sich auch an Spielregeln halten muss und nicht über gewisse Dinge einfach hinwegschreiten kann. Und wenn dann tatsächlich irgendetwas ist, worüber man sich nicht einig wird, dann haben wir auch keine Scheu davor, mal vor das Arbeitsgericht zu gehen oder andere Stellen in Anspruch zu nehmen. Aber an und für sich ist das Klima eigentlich ganz gut.

Arbeitsschutz

Im Arbeitsschutz hat sich gewaltig was getan. Wir haben ja hier im Betrieb auch eine Person, die praktisch nur Umwelt- und Arbeitsschutz macht, eine Arbeitssicherheitsfachkraft, die all die Sicherheitsvorkehrungen, die eingehalten werden müssen, durch tägliche Rundgänge überprüft. Dann werden Audits gefahren, ob diese Sicherheitsmaßnahmen hier auch tatsächlich durchgeführt werden. Man sieht es auch an Hinweisschildern. Wenn man zum Beispiel in die Schweißerei geht, dann sieht man: Hier muss Augenschutz getragen werden. Und die Mitarbeiter, die mit Blechen in Kontakt kommen, die müssen Handschuhe und auch Sicherheitsschuhe tragen, um Fußverletzungen zu vermeiden. Das ist durch das Arbeitsschutzgesetz geregelt, und das sind Dinge, die die Firma den Mitarbeitern zur Verfügung stellen muss.

Als ich bei Kutsch angefangen habe, hatte die Firma ja einen speziellen Ruf. Da hieß es: Kutsch - Finger futsch! Das hieß, die Maschinen waren gar nicht so abgesichert wie heute. Die Maschinen machen ja einen Hub, rasten wieder auf einer Raste ein, und das war früher nicht so abgesichert wie heute. Dann fiel die durch, und in dem Moment, wo die Leute beim Einlegen waren, dann - aber das ist vierzig Jahre her - kam das Ding runter, und dann war's passiert.

Heute sind da Durchlaufsicherungen dran. Wenn eine Sicherung ausfällt, hält die eine Raste, dann die andere Raste an. Da sind praktisch drei Auffangsicherungen drin, dass das nicht mehr passieren kann. Durch Lichtkontrollen dort, wo die Leute reinpacken müssen, kommt die Maschine erst runter, wenn sie durch Zurückziehen die Kontrolle wieder aufheben. Das ist also elektronisch ganz anders abgesichert als früher.

Das hat sich auch auf die Arbeitsunfälle ausgewirkt. Denn die meisten Arbeitsunfälle - oder Krankheiten - sind heute Schnittverletzungen oder Verletzungen durch Teile, die einem auf die Finger fallen (die sind nicht so abgesichert wie die Füße). Es sind also praktisch Brüche oder sowas. Aber diese Verletzungen wie früher, dass man sich den Finger abgehackt hat oder Schlimmeres, die kommen fast gar nicht mehr vor - man kann sagen: überhaupt nicht mehr.

Ein schwerer Unfall ist mal gewesen, da ist eine Maschine vom Stapler angehoben worden. Der Staplerfahrer hat nicht gemerkt, dass er zu nah an diese Maschine herangekommen ist, und durch die Länge der Gabeln packte der unter die Maschine (das war ein kleiner Rundteller), und die Frau, die dahinter war, ist unter diese Maschine gekommen und dabei zu Tode gekommen.

Oder es gab mal Quetschungen quer über die ganze Handfläche drüber, so dass zwei, drei Finger betroffen waren. Das hat man früher schon erlebt.

Man musste ja, wenn diese Unfälle früher passiert waren, die Maschine so verlassen, wie es passiert war - weil in solchen Fällen die Berufsgenossenschaft kommt und den Unfall rekonstruieren will.

Die frühen und die späten Jahre

Sagen wir mal so: Die früheren Jahre waren stressfreier. Man hielt morgens, wenn das Wochenende vorbei war, noch ein Pläuschchen und erzählte sich unter den Kollegen, was am Wochenende passiert war. Heute steht man unter einem ganz anderen Arbeitsdruck. Man hat nicht mehr die Zeit, weil: Die Maschinen haben viel Geld gekostet; die Maschinen müssen praktisch 24 Stunden laufen; und dadurch werden diese Dinge, so traurig, wie es ist, ein bisschen eingeschränkt.

Es war also stressfreier. Vom Klima her, untereinander, mit den Kollegen, weil man mehr Zeit hatte, sich zu unterhalten, war es anders. Das kann man mit heute nicht mehr vergleichen.

Zur Audiodatei Zum externen Player   Manfred Lohölter über den Firmenbrand 1970  


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2009

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