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Zeitzeuge Dietrich Meier

Dietrich (Dieter) Meier, Jahrgang 1939, kam 1954 zur Firma Kutsch. Er arbeitete dort als Meister in der Fertigung und in der Endkontrolle.

Arbeitszeiten

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Ja, anfangs, auf der Lehrwerkstatt, da hatten wir 48 Stunden. Pausen gab's von 9 bis Viertel nach 9 und von 12 bis 1 - eine Stunde Pause hatten wir mittags. Später, als wir im Betrieb waren, ging es langsam runter. Wir haben dann aber auch noch 6 Tage die Woche gearbeitet - samstags entweder im Werkzeugbau gearbeitet oder geputzt.

Im Werkzeugbau mussten die Maschinen alle tipptopp sauber sein, obwohl sie schon alt waren. Da konnte man eigentlich nichts mehr dran putzen, höchstens noch ein bisschen ab. Und die Lehrlinge mussten im Betrieb die Exzenterpressen und was noch so da war putzen. Das wurde damals nicht von den Mitarbeitern gemacht, die brauchten nur grob ihren Schrott zusammenzukehren. An die Maschinen brauchten die nicht dran, das mussten die Lehrlinge machen.

Urlaub gab es 12 Tage. Dabei wurden dann noch zwei Samstage abgezogen; wir hatten also wirklich nur zwei Wochen Urlaub. Bis dass es dann mal später durch die Gewerkschaft durchgesetzt wurde, dass 45 Stunden kamen, da ging es dann langsam abwärts.

Und dann kam es ja dazu, dass der Samstag nicht mehr der Regelarbeitstag war: "Samstags gehört Vati mir!" Aber der Werkzeugbau hatte immer so viel Arbeit, dass wir freitags gefragt wurden: "Kommt ihr morgen?" Und meistens war dann die volle Besetzung da.

Arbeitskleidung

Arbeitskleidung mussten wir uns am Anfang selber besorgen. Das heißt, wir kriegten gesagt: "Kauft euch einen Blaumann!" Und den haben wir dann natürlich am Wochenende mit nach Hause genommen, da wurde der gewaschen. Später - aber viel später! - wurden wir dann angehalten: Die Kunden, die uns besuchen, die wundern sich über die vielen Blaumänner! Da hieß es: "Ihr kauft euch Kittel!" Der Betriebsleiter sagte uns das persönlich: "Aber bei der Farbauswahl habt ihr aufzupassen … nicht dass ihr so einen Kittel anhabt, wie ich den anhabe!" Das heißt, er hatte einen braunen Kittel, und wir mussten uns graue Kittel kaufen; aber das war auch zu machen.

Das haben wir auch getan, bis dass die Firma Kirchhoff das übernommen hat. Denen gefiel das nicht so gut, und im Schwesterwerk in Iserlohn hatten sie das wohl schon; da kriegten wir dann nämlich Leiharbeitskleidung. Das heißt, wir mussten uns Kittel anziehen, die wir gestellt kriegten. Die wurden immer abgeholt und gewaschen und gebügelt wieder angeliefert. Wir hatten jeder drei. Wenn man also den Kittel schmutzig hatte, konnte man immer wechseln, sich einen neuen Kittel nehmen. Das galt dann auch für die Fertigungsleute, dass die einheitliche Arbeitskleidung kriegten. Die konnten sie dann auch zum Waschen abgeben. Das war eine Erleichterung.

Arbeitsschutz

Der Arbeitsschutz wurde am Anfang wirklich klein geschrieben, ganz klein geschrieben. Wenn einer sich was in den Finger gerissen hatte, hieß es nur: "Kannst besser aufpassen!" Das war der Arbeitsschutz!

Später ging es damit los, dass man Brillen trug. Das war die erste Aktion, dass wir alle Schutzbrillen kriegten, denn immer wieder passierte es beim Schleifen, dass einer was im Auge hatte. Deswegen kriegten wir dann Schutzbrillen, jeder seine, für seinen eigenen Bedarf. Das wurde auch angenommen.

Dann ging es natürlich damit weiter, dass es zu laut wurde im Betrieb. Im Werkzeugbau war es bei uns nicht laut, es wurde kein Lärmschutz vorgeschrieben; aber im Lärmbereich gab es dann alle möglichen Ohrenschützer. "Micky Mäuse" sagten sie dazu. "Die wollen wir nicht!" Darum gab es dann Ohrenstöpsel. Die wurden dann natürlich angenommen. Es wurde darauf geachtet von den Vorgesetzten, dass die auch getragen wurden. Das hat auch geklappt; nach einiger Zeit lief es von alleine.

Schuhe konnten wir uns verbilligt über die Firma kaufen, Sicherheitsschuhe. Hinterher gab es die sogar von der Firma gestellt.

Gastarbeiter

Die ersten Gastarbeiter, die hat Mathias Kutsch in Spanien angeworben, als Touristen getarnt, die den Kölner Dom besuchen wollten. Er hat hier Wohnungen und Zimmer besorgt, und die sind hier geblieben. Da hatten wir in ganz Attendorn noch keine Gastarbeiter.

  Dietrich Meier mit Karl Thiedig
Dietrich Meier mit Karl Thiedig.
Aber Mathias Kutsch brauchte Leute. Er hatte eine Vorliebe für Spanien, und er ist dort selber gewesen, hatte einen Bus angeheuert und hat dann Leute mitgebracht, die sie überredet hatten, in Deutschland zu arbeiten: Sie könnten da gut Geld verdienen. - Davon sind einige bis zur Rente geblieben.

Einigen hat das natürlich gar nicht gefallen. Die hatten zu Hause im wahrsten Sinne des Wortes nur Schafe gehütet, und denen kam das in der Fabrik gar nicht zupass.

Dabei waren welche, die bei Familien untergebracht wurden. Die brachten morgens ihr Frühstück mit, guckten nur: Dunkles Brot kannten die gar nicht. Da klappten sie es wieder zusammen; das haben sie nicht gegessen. Die holten sich dann stattdessen Baguettes und ein Stück Fleisch und haben das dann im Werkzeugbau im Ofen gebraten. Das haben die so gegessen. Diese Lebensart kannten wir so natürlich gar nicht; das war für uns alles neu. Aber es hat geklappt. Auch sprachlich: Mit Händen und Füßen konnten wir uns ganz gut verständigen.

Die Kommunikation der Gastarbeiter untereinander war allerdings nicht allzu gut: Türken und Griechen konnten sich nicht vertragen. Aber es hat bei uns im Betrieb bis auf einen Fall immer gut gegangen. Wir haben sie immer schön auseinanderhalten können. Man hat natürlich auch drauf geachtet, dass sie nicht zusammen an einer Maschine arbeiteten, wenn zwei Leute daran arbeiten mussten. Da musste man schon ein wenig drauf achten; aber damit haben wir keine Probleme gehabt; das kann man nicht sagen.

Das Einzige, wo es uns allen seltsam gegangen ist, war, wie wir angekündigt kriegten, dass wir jetzt auch Türken kriegen: Die wären ein bisschen anders. Da hat man uns erzählt, die brächten ihren Gebetsteppich mit, und wir sollten uns nur ja nicht dran stören, wenn die auf einmal hergehen würden und ihren Teppich ausrollen würden. Wir haben uns das natürlich so vorgestellt, dass das so passiert im Betrieb. Ist es aber nicht. Das Einzige, was wir mitbekommen haben, war, wenn die nicht gegessen und nicht getrunken haben, den ganzen Tag, wegen dem Ramadan. Das ist aber auch das Einzige, was wir so mitbekommen haben.

Der Firmenbrand

Dann kam natürlich der verhängnisvolle Brand, 1970. Da sah es so aus, als ob Mathias Kutsch aufgeben und den Betrieb schließen wollte.

Wir haben aber - der gesamte Werkzeugbau - eine Woche komplett an der Baustelle zugebracht, nachts gelöscht, am Tage Werkzeuge zusammengesucht unter dem Schutt, damit es weiterging. Man muss sagen, nach zwei Tagen lief schon wieder die nötigste Fertigung. Da waren viele Leute, die unter diesen erschwerten Bedingungen arbeiteten: Wasser tropfte von oben, es zog, es wurde nur abgeteilt mit Planen; aber es wurde gearbeitet. Der Betrieb stand noch unter Wasser, das kam noch dazu. So ging es halt weiter. Da sagte der Chef: "Ihr habt euch so eingesetzt, ich kann den Betrieb nicht schließen. Es muss weitergehen!"

Und er hatte auch Kunden, die nicht abgesprungen sind. Die hätten ja auch andere Firmen beschäftigen können. Nein, er hat weitergemacht.

Betriebsrat und Gewerkschaften

Der Betriebsrat hat für uns eigentlich am Anfang gar keine Rolle gespielt. Es gab einen Betriebsrat, es wurde auch gewählt, aber zu tun hatten wir nicht viel damit.

Und zur Gewerkschaft: Jeder, der von der Lehrwerkstatt in die Firma zurückkam, wurde von einem Gewerkschaftsvertreter gleich angesprochen: "Gehst du in die Gewerkschaft? Kostet nur soundso viel, aber die müssen wir haben." Das haben die meisten auch so gemacht und sind dabei geblieben. Da bin ich heute noch drin.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2009

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