Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht

Zeitzeuge Willy Springob

Willy Springob, Jahrgang 1938, kam als Werkzeugmacher 1953 zur Firma Kutsch. 1980 wurde er Ausbildungsleiter.

Lehrjahre

  Willy Springob
Willy Springob.
Zum Video Zum externen Player
Zum Video
Wir wurden, weil wir 1953 im Betrieb noch keine eigene Ausbildung hatten, zur Lehrwerkstatt geschickt. Da hatte jedes Lehrjahr ungefähr 50 Burschen - Mädchen nur ganz selten, nur technische Zeichnerinnen. Drei Jahrgänge und die, die in der Prüfung waren - da waren wir so knappe 200 Burschen auf der LEWA, der Lehrwerkstatt Attendorn.

Wir waren kleine Kerlchen. 48 ½ Stunden in der Woche. Die Ausbilder in der Lehrwerkstatt, die haben sich wohl in ihrem Rahmen alle Mühe gegeben; aber das waren keine ausgebildeten Ausbilder wie heute. Da wurde auch schon mal ein 44er Arbeitsschuh irgendwohin transportiert - auf gut Deutsch: in den Hintern getreten. Das kam vor.

Und dann diese verdammte lange Arbeitszeit! Sie war entsetzlich lang - und des Samstags noch! Oder wir hatten samstags noch Berufsschule. Wir waren die Ersten, die drüben in dem Gebäude waren, 1953. Das war hart. Zwölf Tage Urlaub, und zwei Samstage wurden abgezogen, also standen dann praktisch nur zehn Tage zur Verfügung.

Man konnte auf der Lehrwerkstatt genau sehen, wer im zweiten Lehrjahr war. Der hatte nämlich so eine Verlängerung an der Arbeitshose. Die Eltern früher... - Man kann sich ja gar nicht vorstellen, wie arm das alles gewesen ist. Das war halt so. Die, die im zweiten Lehrjahr waren, die waren in einem Jahr zehn, zwölf Zentimeter gewachsen, und dann wurde die Blaumannhose länger gemacht.

Wir haben erst 1980 eine einheitliche Kleidung für die Auszubildenden eingeführt - kostenlos! Die kriegten dann ihre Unfallschuhe, kriegten ihre Latzhosen und ihre Jacken. Die Farbe? Dunkles Rot...

Weibliche Auszubildende

Zum Schluss habe ich in die Ausbildung auch Mädels genommen. Das war ja nun wie bei jedem Handwerksbetrieb: Dann musste ein eigener Waschraum her, eigene Duschmöglichkeiten, eigene Toiletten. Dieser ganze Strang musste ja für die Mädchen separat sein. Das haben wir dann auch gestellt.

Aber das ist nicht so einfach mit den Mädchen, wenn die so 18, 19 werden. Eine wurde dann schwanger. Wir haben die so betreut - der Betriebsrat, die Jugendvertretung! Das wäre alles machbar gewesen, natürlich! Aber sie hat aufgehört.

Nach drei, vier Jahren war sie dann mal wieder bei mir und hat sich schwarz geärgert. Wir hätten sie durch die Prüfung gezogen! Dann hätte sie eine Ausbildung gehabt.

Die anderen beiden, die sind durchgekommen. Die sind heute im Kontrollwesen. Die brauchen nicht schwer zu heben oder schwer zu arbeiten. Die dokumentieren, die messen - tadellos! Das geht alles.

Heutzutage werden ja Mädchen, die Technikinteresse haben, geradezu gesucht. Am besten sind momentan die Auszubildenden, die eine handwerkliche Vorbelastung von Seiten der Eltern haben - oder die von den Dörfern, die mit 13 Jahren Trecker fahren. Die furteln da selber an ihren Treckern rum, montieren, basteln, bauen, fahren in die Berge und holen Holz und so weiter. Das sind Gute! Die kann man im Prinzip ohne Aufnahmeprüfung nehmen.

Gastarbeiter

Als die kamen - da gibt es auch wieder Anekdoten dazu zu erzählen. Wir hatten sowas ja noch nie gesehen. Die kauften sich einen Semmel, schnitten - oder brachen - den in der Mitte durch; dann wurde der ausgehöhlt, eine Dose Ölsardinen rein; und das war dann ihr Mittagessen.

Die sind ja in den Anfängen untergebracht worden - das wäre heute ja gar nicht mehr zulässig. Aber mit der Zeit hat das gut funktioniert. Die Spanier und Portugiesen, die zuerst da waren, die haben ihren Job gemacht. Die wohnten in der Stesse in dem Behelfsheim, aber das hat astrein geklappt.

Am Anfang hatten wir einen Dolmetscher. Aber das geht ganz schnell! Der Arndt Kirchhoff brachte mal vor zehn Jahren aus Mexiko einen Azteken mit, der sprach kein Wort Deutsch. Da haben wir den Bildschirm halbiert, oben auf Deutsch, unten auf Englisch. Der Isphording, mein Nachfolger, hat ihm das dann verklickert. Innerhalb von drei Wochen kam der mit jedem klar. Das geht ganz schnell, die Begriffe zu lernen.

Das ist heute das A und O: technisches Englisch! Wer heute kein technisches Englisch kann, der wird nie eine Führungsposition erreichen. Das ist unheimlich wichtig.

Technologischer Wandel

Über den Technologiewandel müssen wir noch reden. Früher haben wir gesagt: Alle acht Jahre hat sich alles überholt. Dann waren es fünf Jahre. Heute sind es wahrscheinlich noch zweieinhalb, drei Jahre, dann ist die Technik schon wieder überholt. Wenn ich da jetzt unsere neuen Pressen sehe, die 1.600-Tonnen-Pressen: Da sind Einschübe - die Werkzeuge wiegen zusammen hinterher, wenn alle sieben Einschübe drin sind, ungefähr 28 Tonnen. Unsere Werkzeuge hatten wir früher noch im Schraubstock.

Und alles ist jetzt drahterodiert, auf ein Hundertstel genau. Wir mussten im Werkzeugbau unsere Folgen noch selber machen. Angenommen, man hat fünf Folgen und liegt jeweils um ein Zehntel daneben, dann sind es bei der sechsten Folge schon sechs Zehntel. Das summiert sich ja. Das ist dann alles Ausschuss.

Früher haben wir die Teile ausgeschnitten und dann verformt. Und heute werden die - nach der Revolution mit dem Drahterodieren - frei geschnitten, im Werkzeug verformt (egal wie groß, wir machen ja halbe Autos), die ganzen Frontteile, und werden dann hinterher abgeschnitten. Das heißt, bei jedem Hub gibt es sieben Arbeitsgänge: erst Freistellen, Hochstellen, Verformen, Freischneiden, Abschneiden - dann fällt das fertige Teil hinten raus. Das ist nicht nur bei Kutsch bzw. Kirchhoff so. Das haben auch die Gebrüder Kemmerich, das hat Gedia - das ist heute Standard.

Der Kontakt zu den Kollegen

Da ist die Arbeitswelt anders geworden. Alles ein bisschen mehr auf Distanz, ein bisschen anonymer.

Aber da spielt ja auch noch viel mehr mit: Früher waren die meisten Arbeitnehmer aus dem Raum Attendorn, kamen zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Na ja, und freitagabends, wenn ein guter Monat war, dann wurde einmal im Monat auch mal einer getrunken. Dann gab die Firma einen Imbiss; da wurden dann zwei, drei Kisten Bier getrunken. Aber das geht ja heute nicht mehr! Die kommen aus dem Umfeld bis von Winterberg her; und jeder fährt.

Das war das, was uns so zusammengeschweißt hat. Das ist heute nicht mehr. Früher hatten wir nur eine Schicht - oder Früh- und Spätschicht. Heute gibt es Früh-, Spät- und Nachtschicht. Da greift das nicht mehr so. Heute fliegt alles auseinander nach Hause. Manche haben auch einen zweiten Job, weil sie mit einem nicht über die Runden kommen.

Das ist die Arbeitswelt von heute. Das ist für uns nichts mehr. Gut, dass das für uns vorbei ist.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2009

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter