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Zeitzeuge Karl Thiedig

Karl Thiedig, Jahrgang 1938, war von 1953 an bei der Firma Kutsch beschäftigt und arbeitete dort als stv. Meister im Werkzeugbau. Er war 1982 der Erste, der die neuen Drahterodiermaschinen programmierte.

Die Bewerbung

  Karl Thiedig
Karl Thiedig.
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Ja, dann ist der Vater mit mir zu der Firma Kutsch gegangen. Das war ja auch noch ein bisschen anders als heute, 1953 wurden noch nicht solche Bewerbungen geschrieben, wie das heute ist. Der größte Vorteil war, wenn man da einen Bekannten hatte, der einen empfehlen konnte. Ja, und so bin ich dann da 1953 hingekommen

Das heißt aber, wir mussten da dann drei Aufnahmeprüfungen machen, und die waren nicht ohne, das muss ich schon sagen. Erstmal wurde man zu der Firma Kutsch eingeladen, und dann mussten wir da einen Lebenslauf schreiben, ein Diktat schreiben, dann mussten wir soundsoviele Rechenaufgaben lösen, und dann kam die Frage, was man am liebsten in der Freizeit macht. Das wurde alles aufgenommen, und dann war ich der Meinung, ja, jetzt wirst du da wahrscheinlich ankommen.

Aber dann kriegte ich nochmal Post nach Hause, und dann musste man nochmal zum "Kaiserhof", dem alten Bahnhof gegenüber war da ja so ein großes Restaurant. Da waren wir mit, glaube ich, 100 Mann - oder noch mehr sogar, 120, ich weiß es jetzt nicht mehr so genau. Auf jeden Fall wurden von den ganzen, die da getestet wurden, 40 Mann über alle möglichen Firmen verteilt eingestellt, und ich war als Glücklicher mit dabei. Wir waren dann zu dreien und haben 1953 bei Kutsch angefangen.

Werkzeuge und Maschinen

Ich hab Werkzeugmacher gelernt und hab den Beruf dann auch, so wie das damals üblich war, bis 1981 ausgeübt. Bis zu der Zeit war Werkzeugmacher noch ein ziemlich schwerer Beruf, weil man alles mehr oder weniger noch von Hand machen musste, also viel Handarbeit. Das ging so los: Wenn die Matritzen oder Führungen ausgesägt werden mussten, dann wurde das alles per Hand auf so einer Bandsäge gemacht. Man musste dann ein Loch bohren, wo man das Blatt einführen konnte, dann wurde das wieder zusammengeschweißt, und dann musste die Kontur ausgesägt werden, und dann musste es hinterher von Hand weiterbearbeitet werden. Das heißt, wir haben in unserem Leben sehr, sehr viel mit der Feile arbeiten müssen.

Als Werkzeugmacher mussten wir unwahrscheinlich flexibel sein. Wir mussten im Werkzeugbau alle Maschinen bedienen können, die da waren. Fangen wir mit der einfachsten an: einer Bohrmaschine. Dann gab es die Bandsäge, die im Werkzeugbau zu der Zeit noch eine sehr wichtige Maschine war. Man hatte einfach noch keine andere Möglichkeit, die Formen in die Werkstücke zu bringen. Ja, und dann waren da die Drehmaschine, die Hobelmaschine, die Flächenschleifmaschine, die Fräsmaschine - das waren so die gängigsten Maschinen, die uns zu der Zeit zur Verfügung standen.

1982 im Januar kam zu uns in die Firma die erste Erodiermaschine, und zwar die Drahterodiermaschine, die sich für den Schnittbau eignet. Erodiermaschinen muss man unterteilen in zwei Gruppierungen. Da gibt es einmal die Senkerodiermaschine; die eignet sich besonders für Formenbau, zum Beispiel für die Armaturenfabriken. Und die zweite Art vom Erodieren, das ist eben die Drahterodiermaschine. Im Großen und Ganzen muss man sich die so rein äußerlich wie eine Bandsäge vorstellen, nur mit dem Unterschied, dass dann da statt des Sägeblatts ein ganz hauchdünner Messingfaden durchläuft. Der ist entweder 0,2 oder 0,25 Millimeter dick; wir haben immer mit 0,25 Millimetern gearbeitet. Und dieser Faden, der läuft dann da durch, ist dann praktisch der Stromüberträger. Die ganze Maschine ist so aufgebaut, dass die Form des Werkstücks praktisch im Computer hergestellt wird. Die Form muss genau berechnet sein, die muss erst aufs Papier gebracht werden, mit so einem Kopierschreiber aufgezeichnet werden - und dann natürlich auch auf dem Bildschirm. Und dann war es so, dass wir die Form über einen Lochstreifen in diese Maschine, die dieses dann bearbeitet hat, eingeben konnten. Die Form war dann praktisch so genau eingegeben, dass die Maschine auf einen Tausendstel Millimeter genau arbeitete. Das habe ich seit 1982 im Januar, ich war der Erste damals, bis 1990 gemacht.

Wenn ich noch was zu dem Erodieren sagen kann: Das war einfach eine unwahrscheinliche Erleichterung für uns. Wir brauchten dann nicht mehr diese schweren Platten - man kann sagen: - zu "stemmen" oder von Hand zu bewegen. Das war wirklich ein ganz großer Vorteil.

Der größte Vorteil war aber vor allen Dingen, dass man ja ein für allemal das Programm hatte; das wurde dann im Lochstreifen gespeichert (heute ist das ja anders, heute wird es ja auf Disketten gespeichert), und dann konnte man das beliebig oft wiederholen. Man hatte dann die exakt gleiche Form; und wenn mal was zu Bruch gegangen war, konnte man die exakt gleiche Form über dieses Programm wieder abrufen.

Die Produktpalette

Es sind ja jetzt nun schon über 50 Jahre her, wo wir angefangen haben. Da wurden anfangs ja teilweise sehr einfache Teile hergestellt: angefangen bei der Unterlegscheibe, das war praktisch das Einfachste; und dann wurde noch ein bisschen im Armaturenbereich, so einiges an Zubehör, von uns mitgefertigt. Was wir sehr zu der Zeit angefertigt haben, das waren die Hahnrosetten, die ja zum Beispiel hinter dem Wasserhahn an der Wand sind, dass diese Öffnung auf den Fliesen da abgedeckt wird. Diese Hahnrosetten wurden ja zu Millionen von uns hergestellt. Das war zum Beispiel so ein Teil.

Aber dann haben wir natürlich auch schon für die Firma Ford gearbeitet, Autozubehör. Und dann hat sich das so kontinuierlich immer weiterentwickelt, und vor allen Dingen wurden die einzelnen Teile dann immer größer; und weil die immer größer wurden, mussten ja auch zwangsläufig die Werkzeuge, um diese Teile herzustellen, größer werden. Und da hatten wir den großen Vorteil, wo wir dann in dem neuen Betrieb in der Stesse waren, dass wir Hebehilfen hatten. Wir hatten dann zum Beispiel so eine Laufkatze, so einen Laufkran, dass wir auch mal richtig etwas über Seilzug hochheben konnten oder rumdrehen konnten - was wir ja vorher alles nicht hatten.

Die Sorge um den Arbeitsplatz

Also diese Geschichte, die ist ja jetzt mehr oder weniger erst so richtig in den letzten fünf oder zehn Jahren losgegangen - dass Leute ständig um ihren Arbeitsplatz Angst haben mussten. Wir haben in unseren 45, 46 Jahren nicht eine Stunde Angst haben müssen, dass wir unseren Arbeitsplatz verlieren. Das gab es zu der Zeit noch nicht.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2009

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