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Obdachlosigkeit

In der Juristensprache hat "obdachlos" die Bedeutung "nicht-sesshaft, ohne feste Bleibe". Laut Bundessozialhilfegesetz sind Obdachlose "Personen, die ohne gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage umherziehen, alleinstehende Personen ohne Wohnung und regelmäßige, sozialversicherungspflichtige Arbeit, ohne abgesicherte Existenzverhältnisse und häufig ohne existenziell tragende Beziehungen zu Familie oder anderen Lebensgemeinschaften", kurzum: "Personen, deren besondere soziale Schwierigkeiten der Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft entgegenstehen."

Eben diese Gemeinschaft drückt es umgangssprachlich weit weniger vornehm aus: Obdachlose werden im so genannten Volksmund vielfach als "Penner". "Stadtstreicher" oder "Landstreicher" bezeichnet. Ohne festen Wohnsitz (wer "umherstreicht", wohnt nicht) und Arbeit (wer "pennt", arbeitet nicht) bilden sie die Prototypen sozialer Outcasts. Dass sie in den Innenstädten häufig durch Betteln und Ansprechen der Passanten auf sich aufmerksam machen, ist ihrer Integration erst recht abträglich. So führen sie, auch wenn dies paradox klingen mag, ein Leben mitten in und zugleich am Rande der Gesellschaft.

1.1 Allgemeine Situation in Deutschland

BettlerIn Deutschland gibt es insgesamt etwa 860.000 Obdachlose. Diese Zahl setzt sich aus 591.000 Menschen ohne mietvertraglich abgesicherten Wohnraum und 269.000 wohnungslosen Aussiedlern zusammen. Allerdings sind diese Zahlen in keiner Bundesstatistik erfasst (lediglich Nordrhein-Westfalen führt seit den 60er Jahren eine Obdachlosenstatistik). Es sind vielmehr Schätzungen, die von Wohlfahrtsverbänden aufgestellt wurden.

Angesichts dieses Befundes stellt sich die Frage, wer sich hinter diesen abstrakten, mehr oder minder sicher geschätzten Zahlen verbirgt. Die nüchterne Antwort: Etwa ein Drittel derjenigen, die auf der Straße leben, stellen die Frauen. Knapp 30 Prozent sind Kinder und Jugendliche. Männliche Obdachlose kommen in Deutschland auf 39 Prozent. Darüber hinaus ist eine weitere Million Menschen akut von Obdachlosigkeit bedroht.

Man kann bei Obdachlosen zwischen Einzelpersonen und obdachlosen Familien unterscheiden. Oft gerät eine Familie schon in die Obdachlosigkeit, wenn ein Elternteil den Arbeitsplatz verliert. Obwohl ihre Lebensumstände sicherlich oft schwieriger sind als die von allein Lebenden, stehen obdachlose Familien bei Wohlfahrtsverbänden häufig besser da als Einzelpersonen. Familien erhalten meist schnell bei staatlichen und kirchlichen Einrichtungen vorübergehend Unterkünfte, während im Gegensatz dazu zum Beispiel im Winter 1997 27 Einzelpersonen auf der Straße erfroren sind, weil sie keine Wohnung hatten. Wahrscheinlich liegt die Bevorzugung der Familien an der Anwesenheit von Kindern, denen, mehr als anderen, die Möglichkeit einer festen Bleibe gegeben werden soll.

Die Aufenthaltsorte der Obdachlosen sind typischerweise Bahnhöfe, Unterführungen und Fußgängerzonen. Hier können sich die Betroffenen einerseits vor Wettereinflüssen schützen, leben aber zugleich in der Nähe der "Wohlhabenden", von denen sie sich Unterstützung in Form einer Spende erhoffen.

Der Anblick von Obdachlosen in Fußgängerzonen mag in ländlichen Gebieten noch für Aufsehen sorgen; in Großstädten ist er jedoch inzwischen völlig normal.

1.2 Gründe für Obdachlosigkeit

Köln, Hohe StraßeBei 37,5 Prozent der Obdachlosen liegt der Wohnungsverlust in der Trennung oder Scheidung vom Partner begründet. 21,5 Prozent leben aufgrund des Auszuges aus der elterlichen Wohnung auf der Straße. Etwa 10 Prozent fliehen vor (meist sexueller) Gewalt. Weitere Faktoren, wie zum Beispiel Mietschulden, sind ein häufiger Grund vor allem für Männer, in die Obdachlosigkeit zu fallen.

Ein Grund, warum viele Frauen obdachlos werden, ist, dass Frauen in Deutschland rund 30 Prozent weniger verdienen als Männer. Aufgrund der hohen Prozentzahl von Frauen in Teilzeit- und geringfügigen Beschäftigungen haben sie kleinere Renten, so dass Altersrenten von Frauen um mindestens die Hälfte niedriger sind als die von Männern. Billiger Wohnraum ist jedoch knapp.

Allgemein, also nicht auf Geschlechter bezogen, liegen die Ursachen für Obdachlosigkeit vor allem im Beruflichen, genauer: in der Krise auf dem Arbeitsmarkt. So kann man zum Beispiel erkennen, dass proportional zum Anstieg der Arbeitslosenquote die Zahl der Obdachlosen ansteigt. Dazu kommt, dass ein Grund für die Obdachlosigkeit häufig eine fehlende Berufsausbildung ist. So ist es beispielsweise nicht erstaunlich, dass etwa 50 Prozent aller Obdachlosen keinen Beruf haben. Einige der Obdachlosen haben zwar Berufe erlernt, doch sind es solche, die inzwischen von der Automatisierung und strukturellen Arbeitslosigkeit betroffen sind (z. B. Melker, Bergmann). Infolgedessen arbeiten einige Obdachlose illegal und ohne rechtliche Absicherung, da sie keine Chancen haben, auf dem regulären Arbeitsmarkt unterzukommen. Eine Hauptursache für das soziale Aus, die in der Regel mit der Arbeitslosigkeit einher geht, bilden die schon erwähnten Mietschulden.

1.3 Folgen der Obdachlosigkeit

Am Rande der GesellschaftNicht immer ist zu klären, wo in punkto Obdachlosigkeit die Ursache, wo die Wirkung liegt. Soziale, psychische und gesundheitliche Probleme sind zwar einerseits Folgen der Obdachlosigkeit, verursachen aber umgekehrt möglicherweise auch erst das Abrutschen in diese.

So lebten laut Statistik 30 Prozent der Wohnungslosen zeitweise oder permanent in Heimen oder bei wechselnden Bezugspersonen. Daraus können psychische Probleme entstehen, welche die Betroffenen in ihrem Leben beeinträchtigen können, so dass sie deshalb auf der Straße landen.

Andererseits entwickelt sich aus den weiter oben genannten Ursachen - fehlende Berufsqualifikation, Arbeitslosigkeit und finanzielle Schwierigkeiten - schnell eine gestörte Persönlichkeitsstruktur, die bei vielen Nichtsesshaften als Konsequenz der Obdachlosigkeit auftritt. Denn eins ist offensichtlich: Das Leben auf der Straße, ohne in irgendeiner Weise abgesichert zu sein, macht krank. Dies belegt eine empirische Studie aus dem Jahr 1998, in der festgestellt wurde, dass 50 Prozent der in Unterkünften untergebrachten Obdachlosen psychisch krank sind. 77,9 Prozent hatten in ihrem Leben schon einmal eine Psychose oder eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung.

Dazu kommt, dass ein hoher Prozentsatz der Obdachlosen alkoholabhängig ist, und 20 bis 30 Prozent wurden schon einmal straffällig oder mussten eine Haftstrafe verbüßen.


©  Laura Heisterkamp und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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