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Straßenkinder in Deutschland

Eine Sondergruppe der Obdachlosen sind die Straßenkinder. Offiziell tauchen sie in keiner Statistik auf, da sie in der Regel formal der Wohnadresse ihrer Herkunftsfamilie zugerechnet werden. Zudem verbindet man mit dem Ausdruck "Straßenkinder" eher Minderjährige in Dritte-Welt-Ländern, in Afrika oder Südamerika, als solche in Deutschland. Gleichwohl sind sie natürlich auch bei uns anzutreffen.

2.1 Definition des Begriffs

Straßenclique Wie für alles gibt es auch für den Begriff Straßenkinder eine juristische Definition. Es handelt sich dabei um Minderjährige, die sich ohne Erlaubnis oder Vormund für einen nicht absehbaren Zeitraum abseits ihres gemeldeten Wohnsitzes aufhalten, also praktisch obdachlos sind.

Zu dieser Gruppe werden freilich nicht diejenigen Jugendlichen gezählt, die zwar zu Hause schlafen, aber sonst nicht zu Hause sind. Man argumentiert, dass bei dieser Gruppe wenigstens (noch) kein räumlicher Bruch zur Herkunftsfamilie eingetreten sei, was sonst bei Straßenkindern der Fall sei. Zu der definierten Gruppe gehören auch nicht die so genannten "Kurzausreißer", die weniger als zwei Wochen von zu Hause verschwinden.

2.2 Die Situation in Deutschland

Durchschnittlich leben in Deutschland 1.500 bis 2.500 Minderjährige als Straßenkinder in Obdachlosigkeit. Die jüngsten sind acht Jahre alt, die meisten jedoch über 13. Der Großteil stammt aus Deutschland selbst, über den Anteil der ausländischen Straßenkinder ist wenig bekannt.

Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Die meisten stammen aus ländlichen Gebieten und suchen in den Großstädten die Anonymität und den Schutz vor Entdeckung. Hierbei fungiert Berlin als wichtigster Treffpunkt; fast jedes Straßenkind "pilgert" sozusagen einmal in seinem Dasein nach Berlin. Im Winter trampen viele Straßenkinder außerdem nach Spanien und Portugal.

2.3 Gründe für die Situation der Straßenkinder

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie in einer "Wohlstandsnation" wie Deutschland die relativ hohe Zahl an Straßenkindern überhaupt zu erklären ist. Bei Interviews mit Betroffenen fand man heraus, dass Vernachlässigung, Beziehungslosigkeit und Misshandlung die Hauptgründe für die Flucht auf die Straße sind. Mit Misshandlungen haben 25 Prozent der Befragten Erfahrungen gemacht, 33 Prozent fühlten sich in ihrer Familie nicht geborgen, dazu kommt, dass ein Großteil der Eltern von Straßenkindern Alkoholprobleme hat. Eine besondere Rolle spielen Scheidungskinder und Kinder von Alleinerziehenden. Im Vergleich mit "intakten" Familien leben doppelt so viele Kinder und Jugendliche aus dieser Gruppe in Deutschland auf der Straße. Anders als oft angenommen ist die Instanz Schule kein ausschlaggebender Grund für den Gang auf die Straße. Einige Kinder und Jugendliche besuchen sogar trotz ihrer besonderen Lebensumstände weiterhin eine Schule.

Zusammenfassend kann man also festhalten, dass Beziehungslosigkeit, Vertrauensmangel, Vernachlässigung und Misshandlungen die Kinder auf die Straße getrieben haben.

2.4 Alltag der Straßenkinder

Auch wenn die Betroffenen ihre Situation gelegentlich romantisieren und von Freiheit und Unabhängigkeit schwärmen, stellt sich ihr Alltag, nüchtern betrachtet, meist wenig erfreulich dar. Deutlich gesagt: Straßenkinder leben meist von Betteln, Prostitution und Diebstählen. "Im Zentrum steht die Sicherung des Überlebens." (www.offroadkids.de)

Köln, Hohe Straße So haben sich zum Beispiel in den deutschen Groß- und Mittelstädten aus dem Straßenkindermilieu richtige Stricherszenen herausgebildet. Die Jungen, die dadurch ihr Geld verdienen, zeichnen sich vor allem durch ordentliche und teure Kleidung aus, wodurch sie sich von den anderen Straßenkindern unterscheiden. In der Stricherszene ist bekannt, dass angenehmes Auftreten und Aussehen Marktvorteile bringt; und so verdient ein Stricher je nach Aussehen und Alter 25 bis 100 Euro täglich. Die "Dienstleistungen" der Jungen umfassen dabei das gesamte Spektrum der Möglichkeiten, vom Posieren für Foto- und Filmaufnahmen mit ihrem Freier bis zu verschiedenartigsten sexuellen Kontakten. Im Gegensatz zu den Mädchen treten die Jungen auch oft in der Öffentlichkeit mit ihrem Freier auf, als Vater und Sohn. Mädchen aus dem Prostitutionsmilieu suchen sich meistens nach kurzer Zeit einen Freund, der sich dann häufig als Zuhälter entpuppt (oder dazu wird). Straßenkinder, die den "anderen" Weg wählen, nämlich sich mit Diebstählen durchzuschlagen, leben stärker als ihre sich prostituierenden Kumpel in der Gefahr, entdeckt zu werden.

Besonders problematisch ist die Situation für drogenabhängige Straßenkinder. Um an Drogen zu kommen, verdingen sie sich häufig bei Hehlern als Boten und Kuriere. Die meisten Straßenkinder rauchen Haschisch, "harte Drogen gefährden besonders Langzeitstraßenkinder" (www.offroadkids.de). Strichjungen verdrängen beim Haschrauchen das Erlebte, andere wollen einfach nur den Alltag vergessen und glücklich sein. Die meisten Straßenkinder versuchen sich möglichst lange von harten Drogen fernzuhalten. Doch aufgrund der Gefahr, dass sie auf der Straße unentwegt auf Drogenabhängige treffen, geraten sie unausweichlich an harte Drogen. Manche Langzeitstraßenkinder verzweifeln immer mehr an ihrer Situation und betäuben ihren Kummer mit Speed, Heroin oder Kokain.

Der Tagesablauf ist jedoch bei jedem Straßenkind gleich. Vom frühen Nachmittag an bis spät in die Nacht gehen sie ihren "Erwerbstätigkeiten" in der jeweiligen Szene nach. Bettelnde Straßenkinder verstecken sich im Winter schon nachmittags. Übernachtungsmöglichkeiten für Straßenkinder gibt es viele. Sie schlafen unter freiem Himmel, in Parks, unter Brücken, in Hauseingängen, Bauwagen, leer stehenden Häusern oder bei ihren Freiern.

2.5 Erwartungen der Straßenkinder

Zu dritt allein Wie man in Befragungen herausgefunden hat, streben Straßenkinder, obwohl sie sich meist anti-bürgerlich geben, erstaunlicherweise ein fast schon spießig zu nennendes Lebensidyll an.

Sie wünschen sich geordnete Lebensverhältnisse, die sie zu Hause offenbar nie gekannt haben. Sie suchen Geborgenheit, die sie daheim nie erfahren haben. Umso stärker ist der Wunsch nach einer heilen Familie, mit Partner und Kind, dabei wünschen sich die Straßenkinder jedoch nie in ihre Herkunftsfamilien zurück. Der Wunsch nach Selbstständigkeit ist bei den über 16-Jährigen stark ausgeprägt. Bei den Jüngeren ist die Sehnsucht nach Geborgenheit wichtiger. Sie suchen Bezugspersonen und Zuneigung, permanente Ansprechpartner und Perspektiven.

Die meisten hoffen auf eine Arbeit, eine Wohnung, einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung.

"Sie wollen 'drogenfrei' werden, keine 'erniedrigenden' Arbeiten mehr verrichten müssen und unabhängig vom Sozialamt werden." ("Überleben für den Moment", FAZ vom 03.06.1996)


©  Laura Heisterkamp und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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