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Szenario 1: "Bin 18 und arbeitslos"

5.1 Beschreibung des Experiments

Der Bettler Das erste Experiment fand am Morgen des 26.06.2004 zwischen 10.00 und 12.00 Uhr in Attendorn statt. Dieser Termin eignete sich besonders gut: Erstens ist samstags in der Innenstadt Wochenmarkt, der viele Besucher anzieht; zweitens zeigte der besagte Samstag den ersten schönen Sonnenschein nach einer verregneten Woche, so dass man mit einer wohlwollenden Grundstimmung der Passanten rechnen konnte.

Der "bettelnde" Agent war an diesem Tag Fabio, ein Schüler der Jahrgangsstufe 12 des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn, dessen Gesicht allerdings in der Stadt kaum bekannt war.

Als Platz, an dem das Experiment stattfinden sollte, wählten wir eine Nische neben dem Eingang eines Fotogeschäfts, direkt am Marktplatz, vor einem Straßencafé und neben dem historischen Gebäude des "Südsauerland-Museums". Der Ort war - unseres Erachtens - für einen Bettler ideal, da alle Flaneure, die den Wochenmarkt besuchten, an dieser Stelle vorbeikommen mussten.

Dem Agenten wurden, wie bereits angedeutet, dunkle Augenringe und ein schmutziges Gesicht geschminkt. Als Kleidung trug er ein altes, kariertes Hemd, eine kaputte Hose, ein Paar kaputte Schuhe sowie eine Mütze. Der Agent saß auf einer alten roten Decke und hatte einen Pappbecher vor sich stehen, in dem sich bereits ein paar (kleinere) Münzen befanden. Als Schild präsentierte er "Bin 18 und arbeitslos".

Die übrigen Mitarbeiter hielten sich die ganze Zeit (neben vielen anderen Gästen) im Außenbereich des nahe gelegenen Straßencafés auf; die Beobachterinnen saßen etwa fünf Meter von dem Agenten entfernt an einem der kleinen Bistro-Tische.

Nachdem sich der Agent um 10 Uhr an die genannte Stelle gesetzt hatte, geschah etwa 20 Minuten lang nicht viel. Die meisten Menschen gingen an ihm vorbei, ohne ihn direkt anzusehen. Auffällig war, dass viele Erwachsene in die entgegengesetzte Richtung schauten, so dass der Verdacht nahe lag, dass sie ihn "bewusst ignorierten". Einige sahen mäßig interessiert zu ihm herüber, gingen dann jedoch weiter.

Kinder beachteten den Agenten im Allgemeinen gar nicht. Um 10.19 Uhr ging allerdings eine Frau mit Kindern, geschätztes Alter etwa 30, auf den Agenten zu und gab ihm einen Euro. Daraufhin gaben in den nächsten elf Minuten sechs weitere Personen dem Bettler Geld. Von den sechs Personen waren fünf Frauen, drei der fünf Frauen waren im Alter zwischen 50 und 70. Dann gab es wieder eine Zeitspanne von 30 Minuten, in der nichts gespendet wurde. Die Passanten gingen lediglich an dem Bettler vorbei.

Ein Gespräch Gegen 11 Uhr spendete eine ältere Frau einen Euro, daraufhin gaben zwei ältere Männer im Abstand von zehn Minuten weitere Almosen, der eine 50 Cent, der andere einen 5-Euro-Schein. Bei diesen Passanten konnte man feststellen, dass auch sie zwischen 50 und 70 Jahren alt sein mussten.

Um 11.14 Uhr sprach den Agenten auf einmal eine Frau an. Später, in der Nachbesprechung, gab der Agent an, dass die Frau ihm erzählt habe, dass sie ebenfalls arbeitslos sei und sein Schicksal teile. Während die Frau mit dem Bettler sprach, erregte dies Aufsehen bei den anderen Passanten; ziemlich viele Flaneure beobachteten die Szene. Daraufhin kam - noch während des Gesprächs - ein 12- bis 13-jähriger Junge auf den Agenten zu und gab ihm ebenfalls Geld. Das Gespräch kam zu einem relativ plötzlichen Ende, als der Ehemann der Frau auf der Bildfläche erschien; er hatte offenbar in dem Fotogeschäft zu tun gehabt, und aus seiner Körpersprache war zu erkennen, dass ihm die ganze Situation nicht geheuer war. Ziemlich schnell verließ er mit der Frau den Ort des Geschehens.

Kurz darauf bekam der Agent von einem Besucher der benachbarten "Milchbar" einen Keks (eine Zugabe zu einer Eisportion) und dazu eine Handvoll Kleingeld geschenkt. Die Situation hatte etwas Groteskes, Gönnerhaftes, denn der Spender kommentierte seine Gabe mit der Bemerkung, er, der Bettler, habe die ganze Zeit die Leute im Café vor der Nase, wie sie ihr Eis äßen, da solle er jetzt wenigstens mal ein Plätzchen kriegen.

Um 11.40 Uhr kam der Bürgermeister an dem Agenten vorbei. Man muss dazu wissen, dass das Attendorner Stadtoberhaupt für seine Bürgernähe bekannt und deshalb gewöhnlich samstags morgens auf dem Markt anzutreffen ist, um dort für Gespräche aller Art "zur Verfügung zu stehen".

Das Aufeinandertreffen von Bürgermeister und Bettler war etwas eigenartig. Fest steht, dass der Bürgermeister den Almosenempfänger schlichtweg übersah. Trefflich spekulieren (mehr aber auch nicht) lässt sich darüber, ob er den Agenten trotz dessen exponierter Lage tatsächlich nicht bemerkte oder ob er ihn womöglich "gezielt ignorierte".

Von 11.38 Uhr bis 12.00 Uhr gaben dem Agenten dann noch zwei Personen Almosen.

5.2 Auswertung der Experiments

Wie man sehr gut erkennen konnte, ging die Anzahl der Spender zurück, je später es wurde. Zu Beginn wurde also viel mehr gespendet. Dies kann man vielleicht auf die Tatsache zurückführen, dass es immer voller auf dem Wochenmarkt wurde. Folglich hatten die Passanten möglicherweise "weder Kopf noch Hand frei", um ein Almosen zu geben. Zudem lässt sich die These aufstellen, dass eine halbwegs leere Fußgängerzone den einzelnen - sozusagen einsamen - Passanten moralisch wesentlich mehr in die Pflicht nimmt als das hektische Gedränge gegen Samstagmittag.

Insgesamt haben dem Agenten in den zwei Stunden (von 10 bis 12 Uhr) 14 Passanten Geld gespendet. Dabei kamen 23,30 Euro zusammen. Interessant ist in diesem Kontext die Zusammensetzung der Spenden, die zumindest im Groben aus der Anzahl der Münzen bzw. Scheine zu erschließen ist:

2 x 5,00 Euro 2 x 2,00 Euro
4 x 1,00 Euro 6 x 0,50 Euro
10 x 0,20 Euro 3 x 0,10 Euro

Man kann klar erkennen, dass sich beim Auseinanderrechnen der Spendenbeträge vier Hauptspender herauskristallisieren, die jeweils fünf oder zwei Euro gespendet haben. Es ist außerdem auffällig, dass die Passanten nicht ihr lästiges Kleingeld, also Ein-, Zwei- und Fünf-Cent-Stücke abgegeben haben, sondern größere Münzen. Die "Einstiegsmünze" für Spenden ist offenbar das Zwanzig-Cent-Stück. Auffällig viele davon wurden in dem Becher gefunden.

Bemerkenswert ist außerdem die Altersstruktur der Spender. Von 14 Spendern gab es nur einen einzigen unter zwanzig Jahren. Vier Spender waren zwischen zwanzig und vierzig, neun über vierzig. Über die Motive der Spender kann man nur Mutmaßungen anstellen; gezielte Interviews hierzu wurden in dem relativ eng umgrenzten Szenario auf dem Attendorner Marktplatz nicht durchgeführt.

Im Gegensatz zu dem zweiten Szenario in Gummersbach spendeten Kinder (mit Ausnahme des bereits erwähnten Jugendlichen) in Attendorn nichts, da sie den "Bedürftigen" überhaupt nicht als solchen erkannten. Man konnte außerdem feststellen, dass ebenso viele Männer wie Frauen gespendet haben. Jedoch gaben die Frauen eher spontan und gingen direkt auf den Agenten zu. Männer zeigten sich hier eher verhalten. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Selbstbeobachtung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Die weiblichen Spender fielen diesen nämlich wesentlich mehr ins Auge als die männlichen; die Frauen spendeten (subjektiv gesehen) "auffälliger".

Die Beobachterinnen Eine Erwähnung wert ist auch das Verhalten der Nicht-Spender, das wir anhand einer Stichprobe zu quantifizieren versuchten. Wir stellten fest, dass zur besten Einkaufszeit (etwa um 11 Uhr) innerhalb von zehn Minuten 160 Menschen die Stelle, an der der Agent saß, passierten; davon sahen 97 Marktbesucher den Bettler an, der Rest schaute weg. Dieses Verhalten erschien uns ziemlich untypisch, denn ein Obdachloser in einer Kleinstadt wie Attendorn hätte eigentlich für mehr Aufmerksamkeit, wenn nicht Aufregung sorgen müssen. Der Grund für das Verhalten der Passanten könnte sein, dass sie nach dem Motto "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" handelten, dass sie also vorsätzlich wegsahen, um dem Obdachlosen nichts geben zu müssen.

Erstaunlich, aber vielleicht auch die notwendige Konsequenz aus diesem Verhalten ist zudem, dass der Agent während der gesamten Zeit seines Da-Seins nicht ein einziges Mal "zur Rede gestellt", nicht angepöbelt wurde. Man hätte im konservativen Attendorn erwarten können, dass Passanten ihn ansprechen würden oder ihn die Stadtwacht des Platzes verweisen würde. Doch im Gegensatz zu diesen Annahmen waren die Reaktionen der Passanten positiv, wie man den Gesprächsfetzen von Vorübergehenden entnehmen konnte. Wie die vorher erwähnte Frau, die sich zu dem Bettler gesellte, waren auch andere Passanten der Meinung, dass der Entschluss, sich als 18-jähriger Arbeitsloser in die Fußgängerzone zu setzen, richtig und mutig sei. Die einzig negativen Aussagen konnte uns eine Mitarbeiterin des Fotogeschäfts berichten. Kunden seien erstaunt in den Laden gekommen und hätten gefragt, warum ein Obdachloser vor dem Eingang sitze. Ein Kunde habe den Laden betreten und in Bezug auf das Schild gereizt von sich gegeben: "Ich bin 50 und auch arbeitslos!" Ein anderer Kunde sei der Versuchsperson gegenüber ebenfalls negativ eingestellt gewesen, er habe geäußert: "So jung und schon arbeitslos, das kann ja nicht wahr sein!"

Bemerkenswert ist im Übrigen, dass zwei Personen, mit denen wir sprachen, nicht der Meinung waren, dass der Agent ein echter Obdachloser sei. Obwohl sie nichts von dem Experiment wussten, zweifelten sie die Authentizität des Bettlers an. Die eine Person "entlarvte" den Agenten durch die Feststellung, seine Finger seien für einen echten Obdachlosen zu gepflegt. Die zweite Person sagte lediglich, dass der Agent nicht wie ein richtiger Obdachloser aussehe, auch wenn er alte Kleidung trage.

Festzuhalten ist noch, dass viele Leute keine Berührungsängste mit dem Obdachlosen zu haben schienen. Obwohl der Bettler relativ nah an dem Straßencafé saß, ließen sich trotzdem Passanten dort nieder. Außerdem standen einige Rentner und später auch eine Gruppe Radfahrer eine Zeit lang direkt neben dem Agenten, um miteinander (nicht mit ihm) ein Schwätzchen zu halten.

5.3 Interview mit einer Passantin

Die Interviewte ist eine 24-jährige Berufsschülerin, die aushilfsweise als Kellnerin arbeitet. Auf die Frage hin, warum sie nichts gespendet habe, gab sie an, dass sie erst überlegt, sich aber dann nicht mehr getraut habe. Sie habe allerdings Mitleid mit dem Obdachlosen gehabt. Aufgrund seiner äußeren Erscheinung bezeichnete sie ihn als "armseliges Würstchen". Weiter gab sie an, dass sie sich ertappt fühle, weil sie nichts gespendet habe. Ihre erste Empfindung sei, wie gesagt, Mitgefühl gewesen. Außerdem habe sie sich gefragt, wie verzweifelt man sein müsse, um sich einfach so in die Fußgängerzone zu setzen. Die Beschriftung des Schildes habe insofern auf sie gewirkt, als sie überlegt habe, ob ihr Chef ihn wohl einstellen könne.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Befragte große Sympathie mit dem Bettler hatte und sich sehr für seine momentane Situation und Zukunft interessierte. Trotz dieser Beteuerungen bleibt allerdings die Frage offen, warum sie nichts gespendet hat, wenn ihr der Obdachlose doch so am Herzen lag.

5.4 Eindrücke und Gefühle des Agenten

Straßenszene Der Agent Fabio gab nach Ablauf des Experiments im Nachgespräch an, sich buchstäblich "wie der letzte Penner" und den anderen Menschen "untergeordnet" gefühlt zu haben. "Die Blicke kriegt man mit, die Leute wollen mit einem nichts zu tun haben!", so der Agent nach dem Versuch. Er empfand sein Dasein als Bettler als demütigend. Nach der Hälfte der Zeit hätten ihm die Blicke zwar nichts mehr ausgemacht, trotzdem könne er so etwas nicht den ganzen Tag machen, zumal es auf dem Boden sehr unbequem sei.

Wenn er als "Bettler" Geld bekommen habe, sei dies für ihn ein schönes Gefühl gewesen, obwohl es ihn gleichzeitig nachdenklich gemacht habe. "Immerhin bettelt man Leute um Geld an, obwohl man es eigentlich gar nicht nötig hat."

Auf die Frage hin, ob er es verstehen könne, dass Menschen diese Tätigkeit "hauptberuflich" machen, antwortete er, dass er es einerseits nachvollziehen könne, denn man verdiene immerhin mehr als eine Aushilfe. Trotzdem hätte er diesen Job nicht gerne als Nebenjob. Weiter sagte er, dass man nach einiger Zeit abstumpfe, nach einiger Zeit sei es einem egal, was auf dem Pappschild stehe und was die Leute von einem dächten. Die Situation sei für ihn aber teilweise trotzdem sehr unangenehm gewesen, denn er habe jemanden spielen müssen, der er sonst nicht sei. Er gab weiter an, dass es ihm unter der Beobachtung teilweise sehr schwer gefallen sei, ernst zu bleiben.

Auffällig sind die unterschiedlichen Sichtweisen der Beobachterinnen und des Agenten. Die Beobachterinnen stellten fest, dass Kinder keine Berührungsängste im Umgang mit dem Obdachlosen hatten. Diese Fremdbeobachtung deckt sich jedoch nicht mit der Selbstbeobachtung des Agenten. Er habe den Eindruck gehabt, so Fabio, dass die Kinder einen Bogen um ihn gemacht hätten.

Zu einem späteren Zeitpunkt sagte Fabio noch, dass dies das Schlimmste gewesen sei, das er je gemacht habe. Seine Erfahrungen hielten ihn jedoch erfreulicherweise nicht davon ab, im folgenden Szenario in Gummersbach zumindest als Bodyguard mitzuwirken.


©  Laura Heisterkamp und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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