Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Szenario 2: "Habe Hunger"

6.1 Beschreibung des Experiments

Am Nachmittag des 29.06.2004 fanden in Gummersbach in der Fußgängerzone zwei Versuche parallel statt. Sie unterschieden sich durch die Beschriftungen auf den Pappkartons und in der Aufmachung der "Bettler". Die Agenten waren diesmal Nora und Sven, beide ebenfalls Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn.

Die Bettlerin Das 2. Szenario mit dem weiblichen "Bettler" bestand darin, mit einem Schild mit der Aufschrift "Habe Hunger" in der Nähe des Eingangs des Einkaufszentrums "Bergischer Hof" (Karstadt) zu sitzen. Dazu war die Agentin in etwa wie der Attendorner "Bettler" gekleidet (mit Holzfällerhemd und Jeans, allerdings mit normalen Turnschuhen und ohne Mütze, lediglich mit "zerzaustem" Haar). Auch hier wurden "Verschmutzungen" und Augenringe geschminkt. Außerdem saß die Agentin ebenfalls auf der alten roten Wolldecke und hatte denselben kleinen Becher wie in Szenario 1 vor sich stehen. Ihr Sitzplatz befand sich unmittelbar neben einem Straßenkunstwert, einer etwa zwei Meter großen Metallstatue, halb menschlicher Körper, halb Buch. Wie schon beim ersten Experiment in Attendorn lag unmittelbar vor ihr ein Eiscafé, hinter ihr war eine kleine Erhöhung mit einigen Bänken. Etwa zehn Meter von ihr entfernt hockte ein "richtiger" Obdachloser, der dort gewohnheitsmäßig bettelte. Da sie mit dem Rücken zu ihm saß, nahm er sie jedoch nicht als Konkurrenz wahr. Der Beginn des Experiments war um 16.15 Uhr.

Die ersten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Schon zwei Minuten nach Beginn gab der Agentin ein Mann eine Tüte vom Bäcker. Um 16.33 Uhr erschien eine Rollstuhlfahrerin und gab ihr ebenfalls eine Tüte mit Essen. Um 16.40 Uhr kam eine etwa 30-jährige Frau auf die Bettlerin zu und reichte ihr ein Brötchen. Eine Minute später gab ihr ein Mann (Mitte 50) Geld. Um 17.02 Uhr erhielt die Agentin von einer Frau ein Stück Gebäck.

Natürlich gab es während dieser Zeit auch viele, die nicht spendeten. Die Fußgänger gingen einfach an der verhärmt wirkenden jungen Frau vorbei und drehten sich dabei immer wieder um, ohne ihr jedoch etwas zukommen zu lassen.

Um 17.15 Uhr ging ein älterer Mann auf sie zu und gab ihr Geld. Um 17.20 Uhr kamen zwei Frauen mit Kindern zu der Agentin; auch sie spendeten Geld. Um 17.35 gab ein etwa 30-jähriger Mann ebenfalls Geld.

Zwischenzeitlich, gegen 17.40 Uhr, steuerte ein Pärchen die Bettlerin an und fragte, ob die Situation echt oder gestellt sei. Die beiden glaubten nicht, dass das Szenario authentisch war, da die Versuchsperson Nike-Sportschuhe trage.

Um 17.48 Uhr kamen einige Kinder und spendeten der Bettlerin Kleingeld. Um 17.50 Uhr erschien dann noch ein ca. 12-jähriger Junge und gab ihr ebenfalls Geld.

Innerhalb von guten anderthalb Stunden spendeten insgesamt 11 Personen etwas. Davon waren vier Spenden Nahrungsmittel, bei einem Bäcker in der Nähe gekauft, wie wir später anhand der Tüten feststellen konnten. Auch ein Schoko-Riegel fand sich im Spendentopf. Der Rest waren Geldspenden. Insgesamt kamen 11,71 Euro zusammen, wobei - ähnlich wie schon in Szenario 1 in Attendorn - kaum "kleine" Münzen gegeben wurden. Die Münzwerte im Einzelnen:

0 x 5,00 Euro 2 x 2,00 Euro
4 x 1,00 Euro 6 x 0,50 Euro
2 x 0,20 Euro 3 x 0,10 Euro
0 x 0,05 Euro 0 x 0,02 Euro
1 x 0,01 Euro  

Der Betrag von über 11 Euro erscheint, rechnet man die Nahrungsmittelspenden hinzu, recht hoch, relativiert sich jedoch dadurch, dass der bereits erwähnte "echte" Bettler, der wenige Meter neben unserer Agentin saß, in derselben Zeit erkennbar mehr einnahm - vermutlich, weil er den Vorübergehenden seine Spenden-Schale aus Styropor deutlich entgegenhielt. Auch schien er für viele Spender bereits ein "alter Bekannter" zu sein.

Aus Interesse befragten wir ihn zu seinen Einkünften; hierzu sagte er jedoch nichts. Er teilte uns lediglich mit, er sei 27 Jahre alt, sitze bereits seit zwei Jahren in Gummersbach, habe noch nie gearbeitet und habe auch nicht vor, dies zu tun. Er schlafe gelegentlich bei einem Kumpel, häufig aber auch draußen bzw. im Parkhaus. Nun aber sollten wir weitergehen und ihm nicht durch Herumstehen das Geschäft verderben.

6.2 Auswertung des Experiments

Almosenempfang Auffällig an dem Experiment in Gummersbach war, dass viele Menschen spontan ihr Essen mit der Bettlerin teilten. So kam zum Beispiel eine ältere Frau auf die Agentin zu und teilte ihr gerade gekauftes Teilchen mit ihr. Eine andere Frau schenkte ihr ihre soeben erworbenen Brötchen. Bei den Geldspendern war auffällig, dass mindestens zwei Personen erst weitergingen und dann umdrehten, um doch noch etwas zu spenden.

Außerdem fand in Gummersbach kein anonymes Spenden statt, wie es in Attendorn der Fall war. Einige Leute suchten das Gespräch mit der Bettlerin. So sagte zum Beispiel die vorher erwähnte Rollstuhlfahrerin: "Ich wünsche dir von Herzen alles Gute!" Ein Mann gab der Agentin eine Brötchentüte und fragte sie dabei: "Du hast Hunger, oder?" Eine Frau, die ganz spontan ihr Brötchen mit der Versuchsperson teilte, sagte zu ihr: "Du hast es nötiger als ich, das hilft dir vielleicht weiter!" Eine weitere Frau, die ihren Kuchen mit der Probandin teilte, sagte zu ihr: "Nimm du die andere Hälfte! Wenn ich zu Hause reinbeiße, denke ich an dich!"

Der Grund für diese rege Anteilnahme, die auch die Agentin überwältigte, könnte sein, dass es ein junges Mädchen war, das in der Fußgängerzone saß und bettelte. Da sie wirklich hungrig aussah, hatten die Menschen eher Mitleid mit ihr. Dazu kam, dass sie an einem sehr zentral gelegenen Platz saß: Praktisch alle Leute, die ins Karstadt-Kaufhaus gehen wollten, mussten an ihr vorbei. Doch der wichtigste Grund für die rege Spendenbeteiligung war wohl, so unsere These, die Beschriftung der Pappe. Jeder kennt das Gefühl, Hunger zu haben; die Aufschrift klingt "ehrlicher" als das Verlangen nach schnödem "Geld" (das dann vielleicht - in den Augen der Spender zweckentfremdet - für Schnaps ausgegeben wird). Hunger zu haben ist außerdem sozusagen elementarer als "lediglich" arbeits- oder obdachlos zu sein.

Kinderspiel Die Altersverteilung der Spender wich gegenüber der in Attendorn leicht ab; denn in Gummersbach spendeten auch einige Kinder. Bei den übrigen Spendern hielten sich die Altersklassen die Waage: Jeweils gleich viele Personen über und unter 40 schenkten der Bettlerin entweder Essen oder Geld.

Die Waage hielten sich auch die Geschlechter. Der Anteil an Männern und Frauen unter den Spendern war etwa gleich groß - ähnlich wie in Attendorn. (Die meisten Nahrungsmittel kamen freilich von den Frauen.)

Wie in Attendorn war andererseits zu erkennen, dass viele Menschen zwar interessiert an der Bettlerin vorbeigingen, aber trotzdem nichts spendeten. Zwei junge Männer hielten sich sogar fast zwanzig Minuten in ihrer Nähe auf und schauten immer wieder zu der Agentin hin, bevor sie letztlich ohne zu spenden oder sie anzusprechen weitergingen.

Sie gehörten damit - ähnlich wie im Attendorner Szenario 1 - zu der typischen Gruppe der "Nicht-Spender", nämlich der Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Jugendlichen, die an der Bettlerin vorbeigingen und schätzungsweise in demselben Alter waren, machten nur durch laute Sprüche und Lachen auf sich aufmerksam. Die Annahme, dass Gleichaltrige vielleicht in einer Art "Kohorten-Solidarität" dazu neigen würden, einer "obdachlosen" Altersgenossin etwas zu geben, bestätigte sich auch hier nicht.

Eine weitere Auffälligkeit war außerdem, dass die Bettlerin während des gesamten Experiments von Kindern umringt war, die neben ihr auf der Statue spielten. Die Kinder hatten offenbar keine Berührungsängste mit der Agentin. Bemerkenswert war freilich, dass einige Mütter, deren Kinder auf die Agentin (oder auch nur auf die Statue neben ihr) zugingen, sie von der "Obdachlosen" wegzogen, als wollten sie jeglichen Kontakt vermeiden.

Zweifler Festzustellen war im Übrigen, dass vor allem Menschen aus anscheinend unteren Einkommensklassen etwas spendeten, während sich die sichtlich Wohlhabenden zurückhielten. Ein wichtiger Indikator war für uns die Kleidung der Spender. Offenkundig "gut Betuchte" gingen einfach an der Bettlerin vorbei, während Menschen in eher einfacher, zum Teil auch ärmlicher Kleidung sowie andere sozial Benachteiligte, etwa die Rollstuhlfahrerin, wie selbstverständlich spontan teilten oder spendeten.

Im direkten Vergleich zu Attendorn fiel auch in Gummersbach auf, dass (immerhin bzw. nur) zwei Menschen die Authentizität der "Obdachlosen" anzweifelten. Ein junger Mann wartete in der Nähe der Agentin offenbar auf seine Freundin und hatte so Gelegenheit, die Bettlerin eine Weile zu betrachten. Später kam das Pärchen dann auf die Agentin zu und beschuldigte sie, aus Langeweile dort zu sitzen und Essen nur deshalb "schnorren" zu wollen, um selber kein Geld ausgeben zu müssen. Als die Agentin versuchte, sich zu rechtfertigen, gab einer der beiden an, dass die Tatsache, dass sie Nike-Turnschuhe trage, den Eindruck erwecke, dass es sich um eine gestellte Situation handle. Die beiden sahen den Vorgang als einen "üblen Scherz" an.

6.3 Befragung von Passanten

Um Vergleiche zwischen den Passanten in Attendorn und denen in Gummersbach ziehen zu können, befragten wir einige Fußgänger, warum sie nichts gespendet hätten und einfach an den Bettlern (!) vorbeigegangen seien. Ein Mann, der sich immer wieder nach der Agentin umgedreht hatte, sagte, er habe sich gefragt, ob das Mädchen wirklich Hunger gehabt habe. Anhand seiner Aussagen, die ziemlich konfus erschienen und nicht auf unsere Frage bezogen waren, konnte man leicht feststellen, dass er sich ertappt fühlte und sich "herauszureden" versuchte. Außerdem wies er auf die Masse der Bettler hin und dass weiter oben tatsächlich ein Junge mit einem Schild "Muss später drei Rentner ernähren, bitte helft!" sitze. Der Mann schien aufgrund dieser "Entdeckung" stark verunsichert zu sein, insgesamt machte er einen nervösen und verwirrten Eindruck.

Bodyguards und Beobachterin Ein junger Mann, der ebenfalls sehr interessiert an der Agentin vorbeigegangen war, gab im späteren Interview an, dass er selber Hunger und kein Geld habe. Dreisterweise stellte sich dieser geschätzt 20-Jährige etwa zwanzig Minuten später mit einem Brötchen genau vor die Agentin hin, ohne ihr etwas abzugeben.

Es konnte auch eine (versuchte) Befragung aufgezeichnet werden, bei der ein offenbar angetrunkener Mann auf die Frage hin, warum er nichts gespendet habe, den Beobachtern mit Prügeln drohte. Daraufhin wurde diese Befragung abgebrochen, denn der Mann rief den Beobachtern zu: "Verpisst euch! Betteln könnt ihr woanders!", woraufhin sie sich vorsorglich zurückzogen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass alle Befragten peinlich berührt waren. So ging nach der Befragung eines etwa 12-Jährigen zum Beispiel ein anderer Junge noch einmal zurück und gab der Bettlerin doch etwas Kleingeld (das wir, streng genommen, da es lediglich auf unseren "Impuls" hin gespendet wurde, aus der "Gesamtrechnung" unserer Einnahmen herausziehen müssten).

Erwähnenswert ist noch, dass wir die Befragung in Anlehnung an Szenario 2a durchführten; Fragestellerin war nämlich Laura, die Zwillingsschwester der Bettlerin. Trotz der frappierenden Ähnlichkeit der beiden eineiigen Zwillige, die sich praktisch nur durch ihre Kleidung bzw. "Aufmachung" unterschieden, stellte keiner der Befragten eine Verbindung zwischen den zwei Schwestern her. - Auch das schon erwähnte kritische Pärchen, das die Authentizität der Bettlerin anzweifelte, nutzte in keiner Weise die adrett gekleidete Schwester als Argumentationshilfe.

6.4 Eindrücke und Gefühle der Agentin

Am Ende des Experiments gab die Agentin an, dass es "sehr schlimm" gewesen sei. Es sei ihr vor allem peinlich gewesen, dass die Mütter ihre Kinder von ihr weggezogen hätten. Wie schon kurz erwähnt, war die Agentin zeitweise so überwältigt von der Anteilnahme und Masse der Spenden, dass sie im Nachhinein ein schlechtes Gewissen hatte, da sie die Menschen ja direkt angelogen habe. Manchmal habe sie sich auch gedemütigt gefühlt, außerdem allein gelassen bzw. verlassen und von den Passanten verachtet. Besonders die erste halbe Stunde sei furchtbar gewesen. Sie habe niemandem in die Augen sehen können. Am Ende sei sie froh gewesen, dass es vorbei gewesen sei. Ab etwa 17.47 Uhr habe sie nicht länger dort sitzen wollen, die Situation sei ihr zu viel geworden. Auch aufgrund der Anteilnahme der Menschen sagte sie mit Bezug auf Bettler in Fußgängerzonen abschließend: "Ich gebe ab jetzt allen was!" - Die Erfahrung, "ganz unten" gewesen zu sein, zeigte offenbar Wirkung.

Im Zusammenhang mit diesen Nachbetrachtungen kamen wir zu der Erkenntnis, dass das "Habe Hunger"-Szenario aus ethischer Sicht ein echter Grenzfall ist. Geldspenden im Sinne der Spender an echte Bedürftige weiterzuleiten ist recht unproblematisch. Problematisch bis unmöglich ist es jedoch, die Sachspenden weiterzureichen und auch das dem Almosenempfänger entgegengebrachte Mitgefühl adäquat zu verarbeiten. Hätten wir im Vorfeld gewusst, wie viele Nahrungsmittelspenden uns dieses Szenario konkret einbringen würde, hätten wir vermutlich ganz darauf verzichtet. Wir würden es auch kein zweites Mal "arrangieren".


©  Laura Heisterkamp und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter