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Szenario 3: "Muss später 3 Rentner versorgen"

7.1 Beschreibung des Experiments

Der Bettler Wie schon erwähnt, testeten wir in Gummersbach zwei Szenarien, die parallel angelegt wurden. Im zweiten Gummersbacher Versuch (also insgesamt in Szenario 3) war Sven der Agent. Er hielt eine Pappe mit der Aufschrift "Muss später 3 Rentner versorgen - Bitte helft!" vor sich. Dieser Spruch sollte auf die Mahnung der Sozialpolitiker anspielen, dass sich die derzeitige Situation, in der etwa drei Arbeitnehmer durch ihren Rentenbeitrag statistisch gesehen einen Rentner "ernähren", angesichts der demografischen Entwicklung in einigen Jahren dramatisch ins Gegenteil verkehren könnte, so dass dann in der Tat ein Arbeitnehmer drei Rentner zu versorgen hätte.

Mit seinem Schild saß der Agent auf einem Pappkarton - ebenfalls in der Fußgängerzone - an einer kleinen Bruchsteinmauer, direkt neben einem Mülleimer. Der "Bettler" war nicht geschminkt und behielt auch seine normale Kleidung an, da er ja in der momentanen Situation (noch) kein "Obdachloser", sondern lediglich ein "kritischer Geist" war, der sich auf die finanziellen Belastungen der Zukunft vorbereiten wollte.

Bei diesem Experiment kamen an Spenden 4,27 Euro zusammen, die sich auf folgende Münzwerte verteilten:

0 x 5,00 Euro 1 x 2,00 Euro
1 x 1,00 Euro 1 x 0,50 Euro
2 x 0,20 Euro 0 x 0,10 Euro
5 x 0,05 Euro 2 x 0,02 Euro
8 x 0,01 Euro  

Insgesamt spendeten fünf Passanten etwas, darunter eine Rentnerin, ein Rentner, ein Ausländer und eine Frau, die eigenem Bekunden nach zumindest schon einmal obdachlos gewesen (und dies eventuell immer noch) war. Unter den Spendern war auch die Rollstuhlfahrerin, die vorher schon bei "unserer" Bettlerin in Szenario 2 gespendet hatte. Anschließend fuhr die Rollstuhlfahrerin übrigens weiter in Richtung Busbahnhof; unterwegs hielt sie dann bei einer weiteren Gruppe von (echten) Nichtsesshaften, mit denen sie ebenfalls in Kontakt trat.

Zweimal wurde der Agent von älteren Passanten verbal angegriffen, was in den anderen beiden Szenarien nicht der Fall war.

Jugendliche fanden die Idee auf dem Schild hingegen lustig und lachten darüber im Vorbeigehen.

7.2 Auswertung des Experiments

Auffällig in diesem Szenario war, dass viele Menschen kopfschüttelnd an dem Agenten vorbeigingen. Einige (meist Ältere) regten sich sogar lautstark über ihn auf. Zwei dieser Situationen, in denen der Agent offen angegangen bzw. beschimpft wurde, konnten wir im Wortlaut aktenkundig machen. Bei der ersten Attacke rief eine Frau (geschätzt über 50): "Das ist eine Unverschämtheit! Wer unterstützt Sie, das sind doch wir!" - Eine andere Person rief dem Agenten zu: "Frechheit, wenn du dich später um drei Rentner kümmern musst, dann solltest du dich jetzt um Arbeit kümmern und nicht hier sitzen!"

Ein Gespräch, (c) Stefan Burghaus Natürlich hatten wir mit diesen Reaktionen gerechnet. Das ganze Szenario war ja darauf zugeschnitten zu provozieren; denn auf diese Weise wollten wir feststellen, inwiefern ein Bettler in einer Fußgängerzone überhaupt mit seinem Schild Aufmerksamkeit erregt. Umso erstaunter waren wir, dass das Feedback zum Teil auch ganz anders ausfiel.

Es gab nämlich auch durchaus positive Reaktionen, in einem Fall sogar von einer Rentnerin. Eine (geschätzt) 80-Jährige fragte den Bettler, wie das Schild gemeint sei. Nach der Erklärung des Agenten zur zukünftigen Entwicklung des Generationenvertrags gab sie ihm einen Euro mit dem Hinweis, dass er dann ja jetzt schon vorsorgen könne.

Eine außergewöhnliche Reaktion auf das Schild kam darüber hinaus von einer einfach gekleideten Frau, für die nach eigener Aussage "das Wort Obdachlosigkeit kein Fremdwort" war. Offen blieb in dem kurzen Gespräch, das sie mit dem Agenten führte, ob sie in der momentanen Situation immer noch obdachlos war. Sie gab dem Agenten jedoch ihr - Zitat - "letztes Kleingeld". Die Erklärung dazu war, dass sie nicht wolle, dass man denke, sie sei ein Unmensch. Außerdem sagte sie, dass sie selber wisse, dass der Staat nichts tue.

In Bezug auf das parallel angelegte Szenario 2 kann man sagen, dass im Vergleich mit dem Bettler des Szenarios 3 das Mitgefühl der Passanten mit der "Bettlerin" erheblich größer war, da sich ihre "Legende" nicht so dreist wie die des männlichen Agenten ausnahm.

Dafür zweifelte andererseits aber niemand an der Identität des Agenten. Mutmaßungen, das Szenario sei arrangiert, gab es nicht. Der Bettler erweckte offenbar einen provokanten, doch "ehrlichen" Eindruck.

7.3 Eindrücke und Gefühle des Agenten

Bettler, Beobachterin, Bodyguards In der Nachbesprechung gab der Agent Sven an, dass die Zeit in Gummersbach "nicht immer schön", zum Teil auch ausgesprochen langweilig gewesen sei. In emotionale Konflikte sei er - bis auf eine Ausnahme, nämlich die Begegnung mit der "Obdachlosen" - schon deshalb kaum gekommen, da er in den knapp zwei Stunden, die er an seiner Mauer zugebracht habe, kaum Kontakt zu den Passanten gehabt habe und auch nur wenige Leute gespendet hätten.

Auffällig groß erschien ihm allerdings die Zahl der Leute, die einfach stur vorbeigingen, dazu aber spöttisch lachten.

Als der Agent zweimal "angepöbelt" wurde, habe er sich gefühlt "wie ein Kind, wenn es etwas falsch gemacht hat und deswegen Ärger kriegt". Gleichwohl seien die negativen Erfahrungen jedoch nicht so gravierend, dass er sich nicht noch ein weiteres Mal als Bettler irgendwo in eine Fußgängerzone setzen würde.

Zum Schluss merkte Sven noch an, er habe zeitweilig den Eindruck gehabt, als hätten einige Passanten - und möglicherweise auch einige Spender - den Sinn seines Pappschildes nicht ganz verstanden. "Ich habe ein-, zweimal gedacht, dass die vielleicht meinen, ich müsste jetzt, hier und heute, wenn ich nach Hause komme, tatsächlich meine kranke Oma und meine frühverrenteten Eltern versorgen." Insofern beruhe zumindest ein Teil seiner "Einkünfte" von gut 4 Euro vielleicht auf einem grandiosen Missverständnis.


©  Laura Heisterkamp und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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