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Fazit

Aus einem Experiment, das lediglich aus drei einmal durchgespielten Szenarien besteht, ein abschließendes, womöglich repräsentatives Fazit zu ziehen fällt naturgemäß schwer. Angesicht der Komplexität dieses Feldversuchs können hier allenfalls Tendenzen beschrieben werden, die gegebenenfalls in Folgeexperimenten verifiziert werden müssen.

Zwillinge (1) Auffällig ist, dass die Spender bei der Übergabe von Almosen offenbar eine bestimmte kommunikative Grenze nicht überschreiten. Entweder spenden sie anonym, also ohne etwas zu sagen, ohne sich zu erkennen zu geben, oder sie sprechen einige durchaus herzliche, allerdings sehr allgemein gehaltene Worte zu dem jeweiligen Bettler. In keinem einzigen Fall erkundigten sie sich während unseres Experiments jedoch nach den näheren Lebensumständen des bzw. der Betroffenen, obwohl es zum Beispiel schon eine Frage wert gewesen wäre, weshalb eine 18-Jährige in unserer Wohlstandsgesellschaft Hunger leiden muss. - Wir erklären uns diesen Umstand mit der - vielleicht auch nur unbewussten - Haltung, das Schicksal des Anderen zwar durchaus empathisch wahrzunehmen, andererseits aber nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen, um nicht plötzlich, über die reine Spende hinaus, für diesen Anderen "verantwortlich" zu werden.

(2) Entgegen unserem spontanen Ersteindruck (der sich auch im ersten Pressebeitrag findet) scheinen Frauen bei genauerer Betrachtung nicht grundsätzlich häufiger zu spenden als Männer. Die quantitative Auswertung unserer Aufzeichnungen spricht jedenfalls dagegen. Dass dieser Eindruck trotzdem entsteht, hängt vielleicht damit zusammen, dass Frauen sich länger bei dem Almosenempfänger aufhalten, emotionaler reagieren, ihm vielleicht eher "ein nettes Wort" sagen als Männer. Männer agieren, wenn sie geben, offenbar geschäftsmäßiger (und damit tendenziell kürzer). Bezeichnend sind die Formulierungen, mit denen die Bettlerin in Szenario 2 konfrontiert wurde. Während eine Frau sich mit der Agentin unterhielt und ihr dann beim Überreichen der Spende "von Herzen alles Gute" wünschte, beschränkte sich der einzige Mann, der überhaupt etwas sagte, auf ein kurzes "Du hast Hunger, oder?"

(3) In weiteren Studien zu überprüfen wäre die Beobachtung, dass Männer tendenziell etwas mehr geben als Frauen. Zumindest für die 5-Euro-Scheine, die in Attendorn gespendet wurden, lässt sich dies nachweisen. Repräsentativ ist dieser Befund im gegenwärtigen Stand der Forschung allerdings nicht.

(4) Von der Altersstruktur her gehören die Spender eher zu den Älteren, häufig sind sie bereits im Rentenalter. Jüngere gaben allenfalls der Bettlerin in Szenario 2 etwas. Die Altersgruppe der unter 30-Jährigen fällt als Geldgeber ganz aus.

Eine Spende (5) Die wahrscheinlich bedeutsamste Erkenntnis unseres Experiments ist, dass es eine Solidarisierung der sozial Schwachen zu geben scheint. Soweit sich dies per Augenschein feststellen ließ, gaben vor allem Angehörige der unteren bis untersten Einkommensschichten, offenkundig besser Gestellte "vermieden" hingegen das Spenden.

(6) Und noch eine Erkenntnis ist wichtig: Offene Kritik an den Bettlern gibt es im Normalfall augenscheinlich nicht. Im Gegenteil: Die Empathie und die Bereitschaft zu spontaner Hilfe, auch zu Sachspenden (Szenario 2), gingen im konkreten Fall weit über unsere ursprünglichen Erwartungen hinaus. Selbst wenn sich ein 18-jähriger "Arbeitsloser" auf die Straße setzt, weckt das heutzutage offenbar nicht (bzw. nicht mehr) automatisch Unmut. Angesichts der derzeitigen konjunkturellen Schieflage, angesichts des bedrohten eigenen Arbeitsplatzes oder im Angesicht des Schicksals der eigenen Kinder oder Enkel bleibt möglicherweise vielen potenziellen Kritikern die Kritik an den "Arbeitsscheuen" inzwischen im Halse stecken.

(7) Wie sich ein Arbeitsloser, Obdachloser, Hungernder oder sonstwie Bedürftiger, der bettelnd auf der Straße sitzt, tatsächlich fühlt, ließ sich in dem vorliegenden Experiment natürlich nur im Ansatz überprüfen. Aus den Äußerungen unserer Agenten lässt sich allenfalls ablesen, was man empfindet, wenn man am Anfang einer solchen Bettlerkarriere steht. - Wahrscheinlich ist, dies deutet sich in den Aussagen der Agenten jedenfalls an, dass man mit der Zeit abstumpft und über seine bizarre Lage am Rande der Gesellschaft nicht mehr nachdenkt.

Vielleicht, so unsere Überlegung, sollte aber gerade diese Abstumpfung ein besonderer Anlass zur Beunruhigung, will heißen: zu politischem Handeln sein.


©  Laura Heisterkamp und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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