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Interview

Fabio, Nora und Sven, in dem Experiment "Bettelarm" waren Sie gewissermaßen die Hauptpersonen, nämlich die bettelnden "Agenten" bzw. die "Agentin". Was hat Sie überhaupt dazu bewogen, an einem solchen Projekt teilzunehmen?

Fabio: Mich hat vor allem der Rollentausch interessiert, ein Rollentausch, der einem nicht alle Tage geboten wird: Ich wollte sehen, oder besser: erleben, wie sich ein Bettler fühlt - oder wie zumindest ich mich als Bettler fühlen würde.

Nora: Bei mir war die Motivation eine etwas andere. Zunächst mal wollte ich einfach nur meiner Schwester helfen, die ja die Leiterin des ganzen Projekts war. Kurz vor Beginn war ich dann aber auch selbst gespannt, wie das Experiment ablaufen würde, wie die Reaktionen sein würden. Außerdem wollte natürlich auch ich wissen, wie man sich fühlt, wenn man auf der Straße um Geld bettelt.

Sven: Für mich gilt im Prinzip das Gleiche. Für Rollenwechsel, für neue Situationen, in denen man sich "ausprobiert", bin ich immer zu haben, zum einen, um mich selbst zu beobachten, zum andern, um die Reaktionen der Umwelt zu testen. Im Übrigen war ich schon deshalb motiviert mitzumachen, weil ich im letzten Jahr erfolgreich bei dem Experiment "Die Stummen" dabei war.

Hatten Sie keine Angst, dass Ihnen "auf der Straße" etwas passieren würde? Offene Anfeindungen, Pöbeleien oder etwas Derartiges?

Fabio: Nein, seltsamerweise nicht.

Sven: Auch ich nicht. Vielleicht, weil ich der (fälschlichen?) Auffassung bin, dass ich auch in schwierigen Situationen ganz gut zurechtkomme.

Nora: Bei mir war es so, dass ich dem Projekt erst einmal gelassen entgegensah. Dann bekam ich aber irgendwann doch Angst vor verschiedenen Reaktionen. Meine größte Sorge war, dass ich von anderen Menschen angepöbelt, vielleicht auch von anderen Jugendlichen offen angefeindet werden würde.

Gab es in Ihrer Umgebung Leute, beispielsweise Eltern, Freunde usw., die sich in dieser Hinsicht Sorgen gemacht haben?

Sven: Nein.

Fabio: Auch bei mir nicht.

Nora: Mein Vater hatte anfänglich Sorgen um mich, da niemand die Reaktionen auf der Straße einschätzen oder vorhersehen konnte.

Wie fühlten Sie sich, als Sie in der Fußgängerzone saßen?

Fabio: Die ersten 10 Minuten waren relativ schlimm, da man sich erst an die musternden Blicke und überhaupt an die ungewohnte Lage gewöhnen musste. Danach war es erträglich. Als ich dann tatsächlich zwei Fünf-Euro-Scheine bekam, war ich sogar richtig glücklich und vor allem erstaunt. Die letzten 10 bis 15 Minuten waren dann wieder unangenehm. Die Zeit zog sich; es wurde allmählich irgendwie ungemütlich, da auf dem Boden zu sitzen. Außerdem wollte ich ganz gerne meine Rolle wieder ablegen.

Nora: Auch für mich war die schlimmste Situation der Augenblick, als ich mich mit der Decke neben das Eiscafé setzen musste. In diesem Moment habe ich mich vor den Menschen und vor allem den Gleichaltrigen in dem Café geschämt. Im weiteren Verlauf wechselten meine Gefühle dann zwischen Angst und tiefem Gedemütigt-Sein. Während ich auf der Decke saß, fühlte ich mich schlecht und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Als dann auch noch Mütter ihre Kinder von mir wegzogen, empfand ich mich wie eine Krankheit, so als wäre ich eine Bedrohung für alle anderen. Wie eine Aussätzige.

Sven: Ich fühlte mich vor allem ausgesprochen fehl am Platz. Ich war lästig, eine Belästigung für andere Leute, und das ließen sie mich zum Teil auch spüren. Ich wurde zum Außenseiter und wusste, dass ich, der ich eigentlich doch ganz "nett" war, trotzdem nicht akzeptiert wurde.

Haben Ihnen da nicht die Gespräche mit einigen Spendern weiter geholfen?

Sven: Es gab, ehrlich gesagt, kaum welche. Selbst die Rollstuhlfahrerin, die mir großzügig zwei Euro gestiftet hat, war letztlich nicht an einem Gespräch interessiert, sondern sagte mir, als ich mich irgendwie für mein Dasein rechtfertigen wollte: "Ich muss jetzt weiter."

Waren Sie sich während des Experiments Ihrer gespielten Rolle immer bewusst - oder wurden Sie für diese Zeit sozusagen zu einem "echten" Bettler?

Nora: Bei Versuchsbeginn und etwa eine halbe Stunde danach war ich mir bewusst, dass ich nur eine "Agentin" in einem Projekt war. Doch bis kurz vor Schluss war ich mir dieser Rolle nicht mehr bewusst, ich kam mir tatsächlich vor wie eine "echte" Bettlerin. Ich dachte kaum mehr an das eigentliche Projekt und sprach mit den Leuten wie - oder genauer gesagt: - als eine echte Bettlerin. Erst am Ende war mir wieder bewusst, dass ich nur eine "Versuchsperson" war.

Fabio: Das war bei mir anders. Ich war mir meiner Rolle eigentlich immer bewusst.

Welche Beobachtungen konnten Sie während des Experiments machen? Wie haben die Passanten reagiert?

Nora: Zunächst muss ich sagen, dass ich von den Reaktionen immer noch, auch heute noch, überrascht bin. Insgesamt haben die Passanten sehr positiv reagiert. Ein junges Pärchen hat mich zwar aufgrund meiner Nike-Schuhe "angemacht", aber das war auch der einzige Fall. Die anderen Personen waren freundlich und gingen offen auf mich zu. Sie fragten - zumindest ansatzweise - nach den Umständen, warum ich bettle, und gaben mir meist einen Rat oder ein gutes Wort mit, natürlich alles nur sehr kurz, mehr floskelhaft, aber immerhin. Zudem gaben mir viele Menschen nicht nur Geld, sondern auch ihre gerade gekauften Backwaren. Eine Frau teilte sich sogar mit mir ein Teilchen, obwohl sie selber kaum etwas hatte. - Aufgefallen ist mir, dass vor allem gleichaltrige Jungen und besonders Mädchen mich anstarrten, aber letztlich nichts abgaben. Nur ältere Menschen und anscheinend sozial Schwächere fühlten mit mir und gaben mir etwas.

Fabio: Meine Anwesenheit sorgte irgendwie für Aufruhr, nein, sagen wir lieber: Aufmerksamkeit, da ich zugegebenermaßen einen für einen Bettler ungewöhnlichen Standort hatte. Auch machte die Tatsache, dass ein 18-Jähriger arbeitslos im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße sitzt, die Passanten irgendwie nachdenklich. Viele beschäftigte das schon. Es gab aber vereinzelt natürlich auch welche, die im Vorbeigehen meinten: "Wer Arbeit will, bekommt auch Arbeit." - Außerdem meine ich, dass Frauen häufiger gespendet haben als Männer. Blickkontakt wurde von den wenigsten gesucht. Manche mieden den Blickkontakt zu mir ganz, nachdem sie mich das erste Mal gesehen hatten.

Was hat Sie während des Experiments am meisten beeindruckt?

Nora: Am meisten beeindruckt hat mich die Frau, die mit mir ihre Backware auf der Straße teilte, da sie mir noch etwas Nettes mit auf den Weg gab. Sie sagte, dass sie am Abend an mich denken würde. - Am schlimmsten war es, wie gesagt, als Mütter ihre Kinder von mir wegzogen.

Fabio: Mich hat, ehrlich gesagt, am meisten die Menge der Spenden beeindruckt. Ich hätte nicht damit gerechnet, in zwei Stunden 23 Euro zu "verdienen". So einen Lohn bekommt man, wenigstens als Schüler, meistens noch nicht mal erarbeitet.

Hatten Sie Skrupel, die Passanten sozusagen "anzulügen"? Schließlich waren Sie ja nicht diejenigen, für die Sie sich in Ihrer Rolle als Bettler ausgaben...

Nora: Während des Versuchs hatte ich kein schlechtes Gewissen, danach allerdings schon. Mir war es zwar schon während des Versuchs unangenehm, die Sachspenden anzunehmen, aber so richtig schlecht und als Lügnerin kam ich mir erst vor, als ich nach dem Versuch rückblickend an die netten Worte und Gesten der Menschen dachte.

Sven: Ich hatte ein "Problem" mit einer Frau Ende 30, Anfang 40, von der ich annehmen konnte, dass sie selbst obdachlos war oder zumindest gewesen war. Sie hat wohl mein Schild nicht registriert und sprach davon, dass wir als Bedürftige zusammenhalten müssten. Sie hatte zwar, wie sie sagte, selber nichts, wollte aber nicht als Unmensch dastehen und gab mir deshalb ihr letztes Kleingeld, 10 bis 12 Cent. Sie sagte, das sei nicht schlimm; es sei ja Monatsende, und sie würde am nächsten Tag wieder was kriegen. - Da hatte ich schon moralische Skrupel, dieses Geld, auch wenn es nur ein paar Cent waren, anzunehmen. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, mich ihr gegenüber zu "outen".

Aber getan haben Sie es nicht?

Sven: Stimmt. Vielleicht aus der Hilflosigkeit heraus, wie ich reagieren sollte, weil man eine solche Rolle ja nicht alle Tage spielt. Vor allem aber aus Angst davor, dass sie negativ reagieren könnte, weil ich ja ihre Situation gewissermaßen persifliert habe.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Experiment gezogen?

Nora: Eine Erkenntnis ist, dass es nur wenig Aufwand braucht, um einen "normalen" Menschen in einen Bettler zu verwandeln. Es genügen, das war ja im Fall von meiner Zwillingsschwester und mir gut zu erkennen, nur ein paar Attribute, und schon ist man entweder "draußen" oder "drinnen". - Interessant war für mich auch zu sehen, dass es trotz der immer anonymer werdenden Gesellschaft immer noch viele Menschen gibt, die aus Menschlichkeit und Nächstenliebe an die sozial Schwachen denken.

Fabio: Man könnte auch so sagen: Bettler sein ist ein hartes Leben. Allerdings verdient man dabei - wenigstens an sonnigen Tagen - nicht schlecht.

Sven: Für mich war bemerkenswert, dass es die sozial gut Eingebundenen nicht so zu interessieren scheint, wenn da jemand bettelt. Solidarität gab es eher unter den sozial Schwachen. Gerade von diesen habe ich die deutlicheren Beweise von Menschlichkeit erhalten.

Christina, Sie waren Beobachterin. Welches sind Ihre bleibenden Eindrücke?

Christina: Die Reaktionen der Passanten waren ganz unterschiedlich. Im Fall von Fabio, der in der Attendorner Fußgängerzone saß, hatte ich schon damit gerechnet, dass viele Leute ihn ignorieren würden, aber nicht, dass sie ihn mit solch abwertenden Blicken strafen würden. Die hohe Geldsumme, die Fabio sammelte, überraschte mich vor diesem Hintergrund sehr, da ich zum Beispiel nicht mit Einzelspenden im Wert von 5 Euro gerechnet hätte. - Interessant waren auch die Reaktionen von Kleinkindern, die entweder einen großen Bogen um ihn machten oder aber ganz unbefangen mit ihm umgingen. Eine weitere Erfahrung waren die Reaktionen von Gleichaltrigen, die sich eigentlich gut in seine Situation hätten hineinversetzen können, die ihn jedoch ebenfalls kaum beachtet haben.

Fabio, Sie hatten ja eine "Doppelrolle": In Attendorn waren Sie "Bettler", in Gummersbach Bodyguard. Welche Position war Ihnen die liebere?

Fabio: Natürlich die des "Aufpassers", denn die war erheblich entspannter. Als Bettler saß man in ständiger Anspannung da, man stand mehr unter Stress.

Was hat Sie, Christina, als Beobachterin am meisten beeindruckt?

Christina: Beeindruckt hat mich die Reaktion einer Frau, die sich direkt neben Fabio setzte und ein Gespräch mit ihm begann, ohne Scheu oder gar "Ekel" vor ihm zu zeigen. Sie behandelte ihn - wie nur wenige Passanten - wie einen "normalen" Menschen, nicht wie eine Bedrohung.

Und was nehmen Sie als Beobachterin aus dem Experiment mit?

Christina: Auch wenn das jetzt etwas eigenartig klingt: Eine Erkenntnis, die ich aus dem Experiment gezogen habe, ist, dass man mit ein bisschen Schminke und einer Decke viel mehr Geld verdienen kann, als ich gedacht hätte. Das hat für mich etwas Beunruhigendes. Beunruhigend für mich ist daran, dass man seine Mitmenschen so leicht täuschen kann. Deshalb weiß ich auch nicht, ob ich meinen Vorsatz, den ich eigentlich aus dem Experiment gezogen habe, nämlich demnächst einem Bettler tatsächlich Geld zu geben und nicht nur vorbeizugehen, einhalten werde, da ich mir aufgrund meiner "Erfahrungen" zu unsicher bin, was mit meinem Geld passiert und ob dieser Jemand es wirklich braucht.

Zum Schluss eine Frage an alle: Würden Sie noch einmal - oder im Fall von Christina erstmalig - als Bettlerin oder Bettler bei einem solchen Experiment mitmachen?

Nora: Ja, ich denke schon, da ich jetzt ungefähr weiß, wie so ein Versuch abläuft und wie die Menschen reagieren.

Fabio: Auch ich stände für eine Wiederholung zur Verfügung.

Sven: Ich bin nicht sicher. Mit einem anderen Schild, in einer anderen Rolle vielleicht.

Und Christina?

Christina: Eigentlich hätte ich ja gesagt, dass es mir auch nichts ausmachen würde. Aber wenn ich jetzt so Nora, Fabio und Sven höre, dann würde ich wohl doch eher ablehnen. Ich glaube, ich würde in echte Gewissensnöte kommen, wenn ich mich bei alten Frauen für Geldspenden bedanken sollte, auch wenn ich genau wüsste, dass die Almosen einem guten Zweck zukommen.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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