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Pressebericht 1

Westfälische Rundschau vom 2.7.2004

Gymnasiasten als Bettler: "Erste halbe Stunde furchtbar"

Erfahrungen bei außergewöhnlichem Schulexperiment in Fußgängerzonen

Attendorn. "Bin 18 und arbeitslos", steht auf dem Schild des jungen Mannes, der in der Fußgängerzone am Straßenrand kauert. "Habe Hunger" signalisiert eine verhärmte junge Frau auf einem Zettel an einer anderen Stelle. Dieses eher aus Großstädten bekannte Bild bot sich kürzlich auch den Bürgern in Attendorn und Gummersbach.

Es war Teil des Experiments "Bettelarm", das einige Oberstufenschüler des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums im Rahmen des Sozialwissenschaften-Unterrichts durchführten. Sie gingen Fragestellungen nach wie: Wie reagieren die Passanten? Wie ist es um ihre Spendenbereitschaft bestellt? Aber auch: Was empfindet man selbst in der Position des Almosenempfängers?

Nora 'konnte niemandem in die Augen sehen.' Einige der gewonnenen Erkenntnisse lauten: Frauen geben häufiger als Männer, die dafür tendenziell mehr. Als großzügig erweisen sich eher die Älteren; die Jüngeren spenden meist nichts. Und: Soweit erkennbar, scheint es vor allem eine Solidarisierung der unteren Einkommensklassen zu geben. Von den offensichtlich "Reichen" ist wenig Hilfe zu erwarten.

Das vielleicht erstaunlichste Ergebnis des Experiments ist für die beteiligten Schülerinnen und Schüler, dass sich die Passanten insgesamt recht wohlwollend zeigten. Kritik oder offene Aggressionen gegenüber den "Bettlern" gab es nicht, im Gegenteil: Einige der Vorübergehenden äußerten Verständnis für die "perspektivlose Lage der Jugendlichen", und so konnte zum Beispiel Fabio innerhalb von zwei Stunden mehr als 23 Euro einsammeln.

Lediglich Sven tat sich etwas schwer. Seine Pappe mit der Aufschrift "Muss später drei Rentner versorgen - Bitte helft!" erregte bisweilen Unmut. Aber auch ihm wurden ein paar Euro zugesteckt.

Selbstverständlich behalten die Schüler das Geld nicht für sich. Laura: "Wir denken, es ist im Sinne der Spender, wenn wir die Einnahmen an die Attendorner Tafel weiterleiten." Diese gibt einmal im Monat Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs an Bedürftige aus.

Dass das Betteln ganz schön an die Nieren gehen kann, ist eine weitere Erfahrung der Schüler. "Die erste halbe Stunde war furchtbar", berichtet Nora. "Ich konnte niemandem in die Augen sehen." Und Fabio ergänzt: "Man ist im wahrsten Sinne des Wortes in einer untergeordneten, demütigenden Position. Ständig hat man das Gefühl, als schauten alle auf einen herab."

Und noch eine Besonderheit zeigte das Experiment: Offenbar machen Kleider Leute. Während Nora im verwaschenen Holzfällerhemd mit ihrem Schild auf dem Pflaster hockte, ging ihre Zwillingsschwester Laura adrett gekleidet in unmittelbarer Nähe umher und befragte einige Passanten nach ihrem Spendenverhalten. Keiner der Angesprochenen brachte die beiden Schwestern miteinander in Verbindung.


Aus: Westfälische Rundschau, Nr.152 (2.7.2004), S.ROE_1
(Der Text folgt im Wortlaut im Wesentlichen der Pressemitteilung der Schule.)


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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