Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Pressebericht 2

Westfalenpost vom 7.7.2004

Mitleid mit denen, die am Rand leben?

St.-Ursula-Schüler probierten es aus und saßen als Bettler
auf dem Attendorner Alten Markt und in Gummersbach

Attendorn (opa) Immer wieder waren auf dem Wochenmarkt in Attendorn mitleidige Kommentare zu hören. "Dass es das auch in Attendorn gibt." "So weit ist es schon gekommen, dass auch Jugendliche betteln müssen."

Das Objekt des Mitleides [- ein junger Mann -] saß auf dem Markt und hatte ein Schild vor sich, auf dem stand "Bin 18 und arbeitslos." Er sah verwahrlost aus, und immer wieder blieben Marktbesucher stehen und spendeten.

Fabio saß zwei Stunden auf dem Alten Markt und erbettelte 23 Euro. Nach zwei Stunden hatte Fabio [...] etwa 23 Euro erbettelt. Ob das zum Leben reicht? Für Fabio stellt sich diese Frage glücklicherweise nicht, denn er ist nur Versuchsperson in einem Experiment, das Laura Heisterkamp im Rahmen ihrer Facharbeit "Bettelarm" zusammen mit Lehrer Frank Kugelmeier durchführt. Dabei geht es ihr um das Verhalten gegenüber und von Personen, die am Rand der Gesellschaft leben. Deshalb setzte sie zunächst Fabio in Attendorn in die Fußgängerzone und platzierte einige Tage später auch ihre Zwillingsschwester Nora und Sven [...] in Gummersbach.

Auch Nora gegenüber waren die Leute sehr großzügig, sie erbettelte insgesamt 14 Euro und mehrere Tüten mit Brötchen, da sie ein Schild mit der Aufschrift "Habe Hunger" trug. Sven hingegen hatte einen schwereren Stand, da er eine neue Form der Rentenversorgung ausprobierte und mit "Habe später drei Rentner zu versorgen" sein Glück versuchte. Er war der einzige, der von zumeist älteren Leuten aggressiv angepöbelt wurde. Nora und Fabio hingegen wurden eher ignoriert, wobei interessant war, dass Nora eben "sachbezogene" Spenden bekam und dieses den Leuten offensichtlich einfacher fiel.

Frank Kugelmeier war überrascht von der Spendenbereitschaft der Attendorner und Gummersbacher und erklärt es sich damit, dass es in wirtschaftlich schweren Zeiten eher zu einer Identifikation mit den Ärmeren kommt. Die meisten Kommentare der Vorbeieilenden waren mitleidig, lediglich von Jugendlichen hörte man Kommentare wie: "Der soll sich doch Arbeit suchen!" Dazu passt, dass unter den Gebern lediglich ein Jugendlicher war.

Aber nicht nur das Verhalten der Spender sollte untersucht werden, auch die Bettler selbst standen im Blickpunkt. Es war auffällig, wie schnell sie sich mit ihrer Rolle identifiziert hatten. Das demütige Sitzen "im Weg" brachte nicht nur eine schmerzende Unterseite mit sich, sondern auch, dass sich Sven und Nora wie Bettler fühlten. Man konnte an ihnen vorbeischlendern, ohne dass sie die Augen hoben oder es wagten zu lächeln. Und wer Nora beobachtete, hatte wirklich das Gefühl, eine Bettlerin vor sich zu haben. Sie erschreckte sich, als Eltern ihre Kinder von ihr wegzerrten, und war gleichzeitig verblüfft über die Hilfsbereitschaft einzelner Passanten, die spontan ihr eben gekauftes Essen mit ihr teilten. Am Ende des Tages konnte sie sich so gut in die Bettler hineinversetzen, dass sie meinte: "Ich gebe denen jetzt allen was!"

Und diesen wirklich Armen, um die es Laura ja geht, wird mit dem erbettelten Geld [auch] geholfen - sie spendet es der Attendorner Tafel. Dabei ist es der Gruppe wichtig klarzustellen, dass es kein weiteres Experiment dieser Art in Attendorn [geben wird] - sollte also noch einmal ein Bettler auf dem Marktplatz sitzen, ist er "echt" und kann hoffentlich auf die gleiche Großzügigkeit hoffen.


Aus: Westfalenpost, Nr.156 (7.7.2004), S.POEA-1
(Die Autorin Katharina Opalka war selbst Beobachterin des Experiments in Gummersbach.)


©  Katharina Opalka/Westfalenpost, Hagen und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter