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Interview mit Bettelagentin Jasmin

Jasmin, Sie haben als "Agentin" an dem Experiment "Bettelarm" teilgenommen. Was waren Ihre Motive?

Abgesehen davon, dass ich schon durch "Die Stummen", das erste Schulexperiment, an dem ich teilgenommen habe, sehr experimentierfreudig geworden bin, interessiere ich mich halt für die unteren sozialen Schichten der Gesellschaft, weil ich in dieser Richtung später auch beruflich etwas machen möchte. Man kann sich nur schwer in die Lage eines wirklich armen Menschen versetzen. Um ihn zu verstehen, sollte man das aber können. Nach diesem Projekt bin ich, so finde ich, dem Verständnis für Bettler ein Stück näher gekommen.

Hatten Sie keine Angst, dass Ihnen "auf der Straße" etwas passieren könnte (offene Anfeindungen, Pöbeleien usw.)?

Nein, ich hatte keine Angst vor Anfeindungen. Ich habe auch nicht mit solchen gerechnet; vielleicht war ich da sogar etwas naiv. Selber vermeide ich es, die Schilder der Bettler auf der Straße zu lesen, um kein Mitleid zu entwickeln und jedem von ihnen etwas geben zu müssen. Vor dem Experiment dachte ich, dass die meisten Menschen denken wie ich, doch als ich da saß mit meinem provokanten Schild, musste ich mich schnell eines Besseren - oder eher Schlechteren - belehren lassen; denn tatsächlich gab es ja Anfeindungen.

Gab es in Ihrer Umgebung Leute (Eltern, Freunde usw.), die sich in dieser Hinsicht Sorgen gemacht haben?

Nein, es hat sich niemand Sorgen gemacht. Als ich erzählte, was meine Legende ist (nämlich "Habe Handyschulden"), meinten meine Freunde zwar, dass dies nicht gerade der harmloseste Spruch sei, aber es war keiner beunruhigt.

Beschreiben Sie Ihre Gefühle, während Sie als Bettlerin in der Fußgängerzone saßen!

Die Gefühle als Bettlerin im Nachhinein zu beschreiben ist nicht so einfach. Anfangs waren mir die Sprüche der Passanten gleich. Ich versuchte mich traurig und schlecht zu fühlen, damit ich "echter" aussah. Wenn man mir irgendetwas an den Kopf warf - wie "Selbst schuld!" oder "Du spinnst wohl! Geh arbeiten! Da könnte sich ja jeder hier hinsetzen!" -, dann war mir das egal. Anfangs musste ich mir fast ein Lachen verkneifen, weil ich dachte: "Wenn ihr wüsstet!" - Als mir dann aber jemand eine Zigarette in meine Tasche schnipste, war ich empört und schließlich auch ein wenig niedergeschlagen. Ich konnte nicht verstehen, wie jemand so gemein zu jemandem sein kann, und dann noch zu einem, der sowieso nichts hat. Von dem Zeitpunkt an ließen mich die Sprüche der anderen dann nicht mehr so kalt.

Waren Sie sich während des Experiments Ihrer - gespielten - Rolle immer bewusst? Oder wurden Sie für diese Zeit sozusagen zu einer "echten" Bettlerin?

Zu einer "echten" Bettlerin wurde ich erst, wie gerade schon gesagt, nachdem mir jemand die Zigarette in die Tüte geworfen hatte. Auch dazu beigetragen hat der Müllmann, der den Mülleimer hinter mir geleert hat und der mich behandelte wie Luft. Dieses Gefühl der "echten" Bettlerin hörte erst auf, als meine Rückenschmerzen aufgrund der unbequemen Sitzlage anfingen. Denn ab da musste ich mich mit dem Gedanken bei Laune halten: Du hast es gleich geschafft!

  Vorbereitungen - Foto (c) Julian Hageböck
Vorbereitungen: Leiter Kugelmeier, Agentin Jasmin, Beobachter Stefan.
Welche Beobachtungen konnten Sie machen? Wie haben die Passanten reagiert?

Die Passanten haben eigentlich alle gleich reagiert. Sie lasen mein Schild und wiederholten es laut voller Empörung. Ältere Menschen reagierten noch mit einem "Das darf doch wohl nicht wahr sein!", während mich jüngere Passanten eher direkt ansprachen: "Du bist selber schuld!" "Geh arbeiten!" "Du spinnst ja wohl" und so weiter.
   Die meisten hatten das Schild schon gelesen, bevor sie an mir vorbei waren. Eine Frau jedoch ging noch mal zurück, um sich zu vergewissern, dass sie richtig gelesen hatte.
   Jugendliche blieben einmal stehen in einer etwas größeren Gruppe, und einer meinte: "Boah, habt ihr das gesehen..." - Aber ob die Passanten das Schild gelesen haben oder nicht, ob sie einen Spruch dazu abgelassen haben oder nicht - bis auf zwei bis drei Gruppen gingen sie weiter in ihrem Kaufrausch, ohne sich weiter an mir zu stören.
   Am wenigsten störten sich die Menschen, die von links nach rechts, also entgegen der Masse, hinter mir hergingen: Sie stießen mich des Öfteren an und gingen unbeeindruckt weiter. Auch die drei Personen, die meinen Spendenbecher umkippten, gingen weiter, ohne sich auch nur umzugucken.
   Ein älterer Mann hielt ziemlich zu Anfang neben mir an und fragte mich, ob etwas mit mir sei und ob es mir gut ginge. Ich habe mich erschreckt, weil er hinter mir stand und seine Hand auf meine Schulter legte. Doch als er erkannte, dass ich eine Bettlerin war, verschwand er so schnell, wie er gekommen war.
   Eine Frau, so Anfang vierzig, fragte mich auch nach meinem Wohlbefinden. Als ich ihr die Lügengeschichte von meinen Handyschulden erzählte und sie das Schild las, wollte sie die Flucht ergreifen. Sie ging einen Schritt zur Seite, zögerte kurz und erbarmte sich letztendlich dann doch. Sie gab mir 50 Cent. Zwei andere Spender warfen mir im Vorübergehen etwas Geld in meinen Spendenbecher.
   Dann war da noch der Reporter vom Kölner "Express", der auf mich aufmerksam wurde, weil er "so etwas noch nie gesehen" hätte. Er war erschüttert von der Geschichte, die ich ihm erzählte, doch im Grunde war er nur an einem Zeitungsbericht interessiert. Jedenfalls bot er mir keine Hilfe an und spendete auch nichts.

Was hat Sie während des Experiments am meisten beeindruckt? Womit haben Sie gerechnet, womit nicht?

Vor dem Experiment habe ich mir keine großen Gedanken gemacht, was passieren könnte. Ich habe nicht mit vielen Geldspenden gerechnet und habe ja auch nicht viel bekommen. Mich hat allerdings verwundert, wie viele Menschen tatsächlich mein Schild gelesen haben. Dass sie empört reagierten, war nicht erstaunlich, doch dass selbst Jugendliche mit vielleicht ähnlichen Problemen einen dummen Spruch abließen, anstatt einfach schweigend weiterzugehen, hat mich dann doch erstaunt.

Hatten Sie Skrupel, die Passanten sozusagen "anzulügen"? Schließlich waren Sie ja nicht die, für die Sie sich in Ihrer Rolle als Bettlerin ausgaben.

Den ersten Mann, der mich ansprach, konnte ich nicht gut anlügen. Einerseits war ich erschrocken, weil er mich von hinten angesprochen hat, doch andererseits bekam ich auch kein Wort heraus, weil ich ihn nicht anlügen wollte. Er fragte mich immerhin nach meinem Wohlergehen!
   Die Frau, die auch zunächst wissen wollte, wie es mir geht, habe ich dann schweren Herzens angelogen. Mir tat leid, dass sie mein Schild erst gesehen hat, nachdem sie mich angesprochen hatte. Sie war daraufhin genauso empört wie alle anderen Passanten, doch meine Geschichte ließ sie mitleidig werden, und so gab sie mir dann schließlich Geld, welches ich in ihren Augen eigentlich nicht verdient hatte. Sie konnte offenbar nicht einfach weitergehen, ohne zu spenden.
   Bei dem Reporter fiel es mir dann allerdings gar nicht schwer, ihn anzulügen. Warum nicht, kann ich nicht sagen. Vielleicht musste ich mich auch erst "warm lügen".

Ist das Experiment Ihrer Ansicht nach optimal verlaufen? Was ließe sich bei ähnlichen Experimenten in Zukunft verbessern?

Ich denke schon, dass das Experiment optimal verlaufen ist. Es gab keine negativen Zwischenfälle, und man konnte die Reaktionen der Passanten gut erkennen. Meiner Ansicht nach sollten bei einem ähnlichen Projekt jedoch nicht mehr so viele Bettler gleichzeitig betteln, denn dadurch ist zum Beispiel die Reporterin der "Rundschau" auf uns aufmerksam geworden. So viele junge Bettler auf einmal, auch wenn sie etwas zeitversetzt gebettelt haben, sahen für "Insider", also Leute, die öfters durch die Kölner Fußgängerzone gehen, offenbar nicht mehr realistisch aus.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien, insbesondere die Rolle des Fernsehteams, in Hinblick auf das Experiment? Waren die Journalisten eher störend oder eher hilfreich?

Das Fernsehteam ist von keinem Passanten wahrgenommen worden, so lange es in der Nähe der Bettler stand und einfach irgendwas zu filmen schien. Auch als das Team mich als Bettlerin gefilmt hat, blieben die Passanten in der Regel nicht stehen. Manche Passanten reagierten empört, als mir der Reporter vom Fernsehen scheinbar mein Geld wegnehmen wollte und vorspielte, ich hätte zu wenig verdient und müsste noch länger da sitzen bleiben. Doch es setzte sich keiner für mich ein.
   Erst abends, als wir die Abschlussinterviews auf der Domplatte gemacht haben und die Kamera im Halbdunkel durch ihren Scheinwerfer auffiel, sammelte sich eine Traube von Menschen an, die alle mal ins Fernsehen wollten.
   Die Journalisten waren also insgesamt weder störend noch hilfreich.

Wurden sie nach der Veröffentlichung der Zeitungsartikel bzw. nach dem Sendetermin auf Ihre Rolle angesprochen?

Mich sprachen vor allem die Menschen an, die ich länger nicht gesehen hatte. Besonders als der Bericht auf RTL2 kam, riefen mich Freunde erstaunt an. Jemand schrieb mir eine SMS, dass er es recht mutig von uns fände, sich als "Penner" in die Kölner Straßen zu setzen.

Würden Sie noch einmal als Bettlerin bei einem solchen Experiment mitmachen?

Ich würde in jedem Fall nochmal an einem solchen Experiment als Bettlerin teilnehmen, allerdings nur unter der Bedingung einer anderen Legende. Es hat zwar auch Spaß gemacht, die Reaktionen der Passanten auf eine derart provokante Legende zu sehen, doch bin ich mir mittlerweile nicht mehr sicher, ob - erstens - wirklich alle Leute die Bettelsituation (Jugendliche braucht Telefongeld) ernst genommen haben und ob die Situation - zweitens - mit der eines echten Bettlers tatsächlich zu vergleichen ist.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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