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Interview mit Bettelagent Jan

Jan, Sie haben als "Agent" an dem Experiment "Bettelarm" teilgenommen. Welche Motive hatten Sie?

  Jan
Bettelagent Jan.
Ich finde, jeder Schüler muss einmal an einem dieser krassen Experimente teilgenommen haben, die bei uns im Fach Sozialwissenschaften angeboten werden.

Hatten Sie keine Angst, dass Ihnen "auf der Straße" etwas passieren könnte (offene Anfeindungen, Pöbeleien usw.)?

Nein. Ich halte mich für redegewandt bzw. kräftig genug, um eventuell auftretende Konflikte umgehend beizulegen...

Gab es in Ihrer Umgebung Leute (Eltern, Freunde usw.), die sich in dieser Hinsicht Sorgen gemacht haben?

Nein, die fanden es gut. Schlimmstenfalls war es ihnen egal.

Beschreiben Sie Ihre Gefühle, während Sie als Bettler in der Fußgängerzone saßen!

Ich fühlte mich bloßgestellt, aber trotzdem als Teil der Szenerie - und durch den abgesonderten Status vielleicht sogar als etwas Besonderes.

Waren Sie sich während des Experiments Ihrer - gespielten - Rolle immer bewusst? Oder wurden Sie für diese Zeit sozusagen zu einem "echten" Bettler?

Ich habe mir zwar entsetzlich Mühe gegeben, elendig auszusehen, doch bin ich, ehrlich gesagt, keine Sekunde lang zu einem "echten" Bettler geworden.

Welche Beobachtungen konnten Sie machen? Wie haben die Passanten reagiert?

Die meisten Leute gaben, falls sie überhaupt gaben, einfach ohne ein Wort. Sie suchten zwar Augenkontakt, doch schwiegen dabei. Wenn ich mich lächelnd bedankte, lächelten sie nicht zurück. Viele Leute fingen bei meinem Anblick an, in ihren Taschen zu kramen, doch sie gingen weiter, wenn sie offensichtlich nichts fanden. Wahrscheinlich war es ihnen zu anstrengend, Zeit dafür zu opfern, Geld zusammenzusuchen.
   Ein paar Jugendliche haben sich im Übrigen darüber belustigt, dass mein Pappschild Rechtschreibfehler enthielt. Meine Legende lautete ja: "Geben Sie mir eine Chance für ein neues Leben!" Allerdings waren "Sie" und "Leben" klein geschrieben - und "Chance" mit s in der Mitte.

Was hat Sie während des Experiments am meisten beeindruckt? Womit haben Sie gerechnet, womit nicht?

Ich fand den Mann beeindruckend, der mir 5 Euro persönlich - nämlich in die Hand - gab, weil er nicht dem allgemeinen Schema folgte. Ansonsten war es wohl zu erwarten, überhaupt nicht beachtet zu werden.

Hatten Sie Skrupel, die Passanten sozusagen "anzulügen"? Schließlich waren Sie ja nicht der, für den Sie sich in Ihrer Rolle als Bettler ausgaben.

Nein, Skrupel hatte ich nicht. Schließlich war die Aktion doch, zumindest indirekt, für einen guten Zweck.

Ist das Experiment Ihrer Ansicht nach optimal verlaufen? Was ließe sich bei ähnlichen Experimenten in Zukunft verbessern?

Vielleicht sollte man in Zukunft auch mal das Spendenaufkommen von Straßenmusikern untersuchen. Und was die Bettler angeht, könnte ich mir noch extremere Legenden vorstellen.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien (Fernsehteam, Zeitungsreporter) in Hinblick auf das Experiment? Waren die Journalisten eher störend, eher hilfreich oder keins von beidem?

Die Journalisten waren nett und freundlich, nicht störend.

Wurden sie nach der Veröffentlichung der Zeitungsartikel bzw. nach dem Sendetermin auf Ihre Rolle angesprochen?

Nein! Die Herrschaften haben ja leider meinen Wortbeitrag für's RTL-Fernsehen rausgeschnitten! Sehr deprimierend. Unter den Folgen werden noch meine Enkel leiden...

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Experiment gezogen?

Was soll ich sagen? Das, was zu vermuten war - dass Bettler es wahrhaftig nicht leicht haben.

Würden Sie noch einmal als Bettler bei einem solchen Experiment mitmachen?

Wahrscheinlich nicht aus freien Stücken: zu kalt, zu laut, zu unbequem. Wenn man mich bittet, werde ich aber schnell weich...


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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