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Interview mit Bettelagentin Ivonne

Ivonne, Sie haben als "Agentin" an dem Experiment "Bettelarm" teilgenommen. Was waren Ihre Motive?

  Ivonne
Bettelagentin Ivonne.
Mein Motiv war es, einmal in die Rolle eines anderen zu schlüpfen. Ich wollte wissen, wie ich mich fühle, wenn ich mich selbst in eine doch sehr erniedrigende, demütigende Lage bringe.

Hatten Sie keine Angst, dass Ihnen "auf der Straße" etwas passieren könnte (offene Anfeindungen, Pöbeleien usw.)?

Mulmig war mir bei der ganzen Geschichte schon, aber in dem Moment muss man mögliche Anfeindungen oder Pöbeleien einfach in Kauf nehmen. Wobei es zugegebenermaßen nicht leicht war, sich nichts von den hässlichen Anmerkungen einiger Passanten anzunehmen - auch wenn man wusste, dass man später ins Auto steigen und wieder nach Hause fahren würde.

Gab es in Ihrer Umgebung Leute (Eltern, Freunde usw.), die sich in dieser Hinsicht Sorgen gemacht haben?

Nein, eigentlich nicht. Zumindest hat man es mir gegenüber nicht erwähnt, vielleicht um mich nicht zu verunsichern. - Meine Eltern und auch der Rest der Familie sahen das Experiment auch eher als Erfahrung und weniger als Gefahr.

Beschreiben Sie Ihre Gefühle, während Sie als Bettlerin in der Fußgängerzone saßen!

Zunächst muss ich sagen, dass es mich einige Überwindung gekostet hat, mich überhaupt "auf die Straße" zu setzen. Es bedeutete schließlich gleichzeitig, dass ich mich erniedrigte und mit einer menschenunwürdigen Situation fertig zu werden hatte.
   Während ich dann da saß, habe ich mich doch sehr unwohl gefühlt. Ich wurde ununterbrochen beobachtet und teilweise auch "gemobbt". So komisch es klingt, aber ich habe mich wirklich wie eine Schneekönigin gefreut, wenn mir jemand Geld gab oder sich einfach nur für mein Schicksal interessiert hat. Es verlieh mir ein bisschen das Gefühl, doch nicht der "letzte Dreck" zu sein. Aber trotz allem fühlte ich mich insgesamt schmutzig und zwischenzeitlich sogar auch schuldig, obwohl ich diese Lage ja nur spielen musste.

Waren Sie sich während des Experiments Ihrer - gespielten - Rolle immer bewusst? Oder wurden Sie für diese Zeit sozusagen zu einer "echten" Bettlerin?

Am Anfang war die Rolle eindeutig gespielt; aber dann wurde ich mehr und mehr zu einer "echten" Bettlerin. Wenn ich das bemerkte, habe ich allerdings sofort versucht, daran zu denken, dass ich gleich nach Hause fahre und alles nur ein "Spiel" ist.

Welche Beobachtungen konnten Sie machen? Wie haben die Passanten reagiert?

Die meisten Passanten haben mich wahrgenommen und im Vorbeigehen mein Schild gelesen, gespendet wurde jedoch meist nichts. Kinder haben die ganze Zeit, während sie vorbeigingen, geguckt, was aber auch an den Engelsflügeln gelegen haben mag, die ich als "gefallener Engel", der um eine Spende bittet, umhatte. Vielfach wurden die Kinder aber auch daran gehindert zu gucken, indem die Eltern mit ihrer Hand den Kopf des Kindes in eine andere Richtung gelenkt haben.
   Auffällig war auch, dass meistens Männer gespendet haben. Frauen sind meist in Distanz vor dem Schild stehen geblieben, haben es gelesen und mich dann von Kopf bis Fuß gemustert. Von Spendenbereitschaft konnte man bei ihnen kaum reden.
   Besonders sind mir zwei Männer im Gedächtnis geblieben. Der eine hat zwar nichts gespendet, war aber sichtlich an meinem Schicksal interessiert und machte sich auch Sorgen - da fiel es mir sehr schwer, ihn anzulügen. Der andere Mann ging in einem äußerst schnellen Tempo an mir vorbei, blieb plötzlich stehen, zückte seine Geldbörse, spendete und verschwand in der gleichen Eile, in der er gekommen war.
   Ferner war noch zu bemerken, dass die meisten etwas erschrocken reagierten, wenn ich mich für eine Spende bedankte. Das wurde meist mit einer Handbewegung oder einem "Schon gut" abgetan.
   Kurz gesagt: Obwohl ich eine "Schädigung" für das Kölner Stadtbild war, wurde ich von überraschend vielen positiv angenommen.

Was hat Sie während des Experiments am meisten beeindruckt? Womit haben Sie gerechnet, womit nicht?

Ich hatte damit gerechnet, mir viele Beschimpfungen anhören zu müssen. Das hat sich, Gott sei Dank, als Irrtum herausgestellt.
   Beeindruckt hat mich, dass es doch so viele Leute gibt, die mal eben einen Euro für Bedürftige übrig haben. Dass aber Eltern ihre Kinder vom "Elend" weglenken, damit hatte ich nicht gerechnet.

Hatten Sie Skrupel, die Passanten sozusagen "anzulügen"? Schließlich waren Sie ja nicht die, für die Sie sich in Ihrer Rolle als Bettlerin ausgaben.

Ja, das Lügen-Müssen war sehr schwer für mich. Mir tat es richtig leid, Leute anzulügen, die an mir und meinem Schicksal interessiert waren und sich Sorgen machten. Ganz schwer fiel es mir, als ein echter Bedürftiger zu mir kam und mir sagte, dass er für mich und meine Familie beten wolle. Da hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen.

Ist das Experiment Ihrer Ansicht nach optimal verlaufen? Was ließe sich bei ähnlichen Experimenten in Zukunft verbessern?

  Ivonne mit Flügeln
Ivonne mit Flügeln.
Im Prinzip würde ich sagen, dass alles ziemlich gut geklappt hat. Was man vielleicht anders machen sollte, ist die Sache mit den Medien: Als zwischenzeitlich das RTL-Team auftauchte und die Kamera zu sehen war, wirkte meine Situation zeitweilig nicht mehr besonders echt.

Sie beurteilen die Rolle der Medien also eher als störend...

Wie gesagt: Während der Kameraaufnahmen wirkte alles nicht mehr echt. Es haben zwar mehr Leute auf mich geachtet, aber mehr gespendet wurde deshalb nicht. Von daher waren die Fernsehleute eher störend als unterstützend.

Wurden sie nach der Veröffentlichung der Zeitungsartikel bzw. nach dem Sendetermin auf Ihre Rolle angesprochen?

Ich wurde mehrmals angesprochen. Meine Freunde und Bekannten, die den Hintergrund kannten, neckten mich mit "kleiner Fernsehstar". Meine zuvor nicht informierten Verwandten und Bekannten erzählten, dass sie mich im Fernsehen gesehen hätten, fragten dann nach den Beweggründen und waren sehr interessiert zu erfahren, wie man sich in so einer Situation fühlt.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Experiment gezogen?

Ich sehe Bettler jetzt mit völlig anderen Augen. Es ist für die meisten bestimmt nicht einfach, sich selbst zu erniedrigen und um Geld zu bitten. Meiner Meinung nach muss man ziemlich am Ende sein und keinen anderen Ausweg mehr wissen, um sich dieser Situation auszusetzen. Sich demütigen lassen zu müssen ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann.
   Natürlich habe ich aber noch eine andere Erkenntnis gewonnen: Wie man an meinem eigenen Beispiel sehen kann, kann es auf der Straße immer Simulanten geben, die auf schnellem Weg an das Geld der Passanten wollen. Vorsicht ist also geboten.

Würden Sie noch einmal als Bettlerin bei einem solchen Experiment mitmachen?

Wohl eher nicht. Es war zwar eine große Erfahrung für mich, aber alles in allem doch sehr demütigend.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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