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Interview mit Bettelagentin Janina

Janina, Sie haben als "Agentin" an dem Experiment "Bettelarm" teilgenommen. Was waren Ihre Motive?

Eigentlich hatte ich keine bestimmten Motive. Ich habe im Unterricht einiges vom ersten Bettelarm-Projekt mitbekommen, und daher hat es mich interessiert, wie man sich als Bettler fühlt.

Hatten Sie keine Angst, dass Ihnen "auf der Straße" etwas passieren könnte (offene Anfeindungen, Pöbeleien usw.)?

Doch, die hatte ich schon. Jedoch fühlte ich mich sicherer als die anderen Bettelagenten, da ich erstens nicht alleine, sondern zusammen mit Stefan als "junges Paar (bald mit Kind)" gebettelt habe und ich zweitens eine nicht so provokante Legende hatte. Außerdem hatten wir ja "Leibwächter" in unserer Nähe.

Gab es in Ihrer Umgebung Leute (Eltern, Freunde usw.), die sich in dieser Hinsicht Sorgen gemacht haben?

Ja, meine ganze Familie und meine Freunde haben sich Sorgen gemacht. Besonders meine Mutter hatte Angst, dass ich die zwei Stunden als Bettlerin nicht aushalte.

Beschreiben Sie Ihre Gefühle, während Sie als Bettlerin in der Fußgängerzone saßen!

Ich hatte ziemlich gemischte Gefühle. Auf der einen Seite war ich mir im Klaren darüber, dass ich nur für zwei Stunden in der Fußgängerzone saß und danach wieder "ganz normal" nach Hause konnte. Auf der anderen Seite habe ich mich dennoch schlecht gefühlt. Besonders dann, wenn Leute stehen geblieben sind, auf uns runtergesehen haben oder manchmal sogar eine abfällige Bemerkung von sich gegeben haben. Außerdem fiel es mir persönlich sehr schwer, die ganze Zeit nach unten zu schauen; denn dadurch fühlte ich mich noch unterlegener.

Waren Sie sich während des Experiments Ihrer - gespielten - Rolle immer bewusst? Oder wurden Sie für diese Zeit sozusagen zu einer "echten" Bettlerin?

Zu einer "echten" Bettlerin bin ich nicht geworden. Dafür war mir viel zu stark bewusst, dass meine Zeit dort auf zwei Stunden begrenzt war. Ich habe mich aber schon in die Bettler-Rolle versetzt, einmal um glaubwürdig gegenüber Spendern zu wirken, aber auch um nachzuvollziehen, wie man sich als Bettler fühlt.

  "Junges Paar" - Foto (c) Julian Hageböck
"Junges Paar (bald mit Kind)".
Welche Beobachtungen konnten Sie machen? Wie haben die Passanten reagiert?

Was mir extrem aufgefallen ist, war die Altersklasse der Spender. Bis auf eine Ausnahme waren alle Spender schätzungsweise unter 50 Jahre alt. Die älteren Menschen sind nur stehen geblieben und haben unsere Legende aufmerksam gelesen; gespendet wurde jedoch nicht. Stefan und mir kam es so vor, als kämen die Spender wie aus dem Nichts. Ich schätze, sie sind erst an uns vorbeigelaufen und haben dann in einiger Entfernung angehalten und Geld gesucht. Dann sind sie zurückgekommen und haben das Geld in unser Spendentöpfchen geworfen. Denn niemand ist vor uns stehen geblieben und hat dann erst nach Geld für uns gesucht.
   Direkt angesprochen wurden Stefan und ich nur einmal; ansonsten wurde ohne Kommentar gespendet. Was mich auch sehr gewundert hat, war, dass wir bis auf ein "Selbst schuld" von einer älteren Frau keine abfälligen Kommentare gehört haben. Wir haben eher Unterstützung bekommen: Die Spendenbeträge sind sehr hoch ausgefallen. Einmal wurden fünf Euro und zweimal sogar zehn Euro gegeben. Ein Zehn-Euro-Spender meinte, wir sollten uns einen schönen Tag mit dem Geld machen.
   Sehr rührend waren auch die Sachspenden. Ein Paar hat uns zwei Schokoriegel geschenkt, und ich habe aus einem Fastfoodladen von einem Mädchen in meinem Alter einen vollen Becher Cola bekommen.
   Auch wenn die Leute so an uns vorbeigelaufen sind, ohne auffällig herunterzuschauen, müssen sie uns doch registriert haben. Denn obwohl die Fußgängerzone extrem voll war, ist niemand über uns gestolpert oder hat unser Spendentöpfchen umgeworfen.

Was hat Sie während des Experiments am meisten beeindruckt? Womit haben Sie gerechnet, womit nicht?

Mich haben besonders die hohen Spendenbeträge verwundert. Ich hätte niemals so große Unterstützung prognostiziert. Im Gegenteil: Ich hätte anstatt mit Mitleid viel eher mit Ablehnung und Unverständnis für unsere Situation gerechnet.

Hatten Sie Skrupel, die Passanten sozusagen "anzulügen"?

Ja, die hatte ich. Ganz besonders bei den Sach- und den hohen Geldspenden. Die Sachspenden kamen doch schon von Herzen. Der "Schokoriegelspender" sagte noch zu mir: "Und iss für's Baby mit!" Da hatte ich schon ein extrem schlechtes Gewissen. Ich hatte eigentlich allen Spendern gegenüber ein schlechtes Gewissen, da sie davon ausgingen, dass es Stefan und mir wirklich schlecht ging. Im Grunde haben wir ja tatsächlich jeden Spender angelogen.

Ist das Experiment Ihrer Ansicht nach optimal verlaufen? Was ließe sich bei ähnlichen Experimenten in Zukunft verbessern?

Meiner Meinung nach ist das Experiment gut verlaufen, daher habe ich keine Verbesserungsvorschläge.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien (Fernsehteam, Zeitungsreporter) in Hinblick auf das Experiment? Waren die Journalisten eher störend, eher hilfreich oder keins von beidem?

Eigentlich haben die Journalisten und das Fernsehteam nicht gestört. Jedoch war es sehr erstaunlich, wie schnell sich das Verhalten von Menschen verändert, wenn eine Kamera in ihrer Nähe ist. Das konnten wir besonders gegen Abend, nach Schluss des Experiments, feststellen, als RTL auf der Domplatte die Schlussinterviews mit den Bettelagenten gedreht hat und alle möglichen Gaffer mit ins Bild wollten.

Wurden sie nach der Veröffentlichung der Zeitungsartikel bzw. nach dem Sendetermin auf Ihre Rolle angesprochen?

Einige Leute haben den Bericht bei "Guten Abend RTL" gesehen und mich darauf angesprochen. Sie waren sehr interessiert und wollten noch mehr darüber wissen. Die meisten aber haben die Zeitungsartikel gelesen und mich danach gefragt.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Experiment gezogen?

Ich habe jetzt einen kleinen Eindruck davon bekommen, wie man sich als Bettler fühlt, und kann sagen, dass ich alles versuchen würde, damit es nicht so weit kommt, dass ich betteln muss. Den ganzen Tag in einer Fußgängerzone zu sitzen könnte ich mir nicht vorstellen. Das wäre zu demütigend.

Würden Sie noch einmal als Bettlerin bei einem solchen Experiment mitmachen?

Ja, das würde ich; dann aber einmal alleine. Es würde mich sehr interessieren, ob das ein Unterschied zu der Erfahrung ist, die ich dieses Mal gemacht habe. Ich könnte mir vorstellen, dass man sich allein viel unsicherer und angreifbarer fühlt.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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