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Interview mit den Beobachtern Inga und Julian

Inga, Sie haben an dem Experiment "Bettelarm" als Beobachterin teilgenommen. Weshalb?

Inga: Ich habe daran teilgenommen, weil ich es interessant fand, zu erfahren, wie Menschen auf Bettler und auch auf verschiedene "Legenden" von Bettlern reagieren.

Julian, Sie waren in diesem Projekt so ziemlich alles: teils Leibwächter, teils Beobachter; außerdem haben Sie etliche Passanten interviewt und viele Fotos gemacht. Was hat Sie an dem Experiment gereizt?

Julian: Na ja, man hat normalerweise wenig mit Bettlern zu tun und weiß wenig über sie. Ich wollte einfach mal sehen, wie viel Geld sich mit dem Um-Almosen-Bitten verdienen lässt und wie Bettler sich dabei fühlen müssen. - Außerdem muss man dabei sein, wenn Schule über langweiligen Unterricht hinausgeht und geniale Projekte anbietet - auch wenn es in der Freizeit ist.

Sie haben beide das "junge Paar (bald mit Kind)", also die Bettelagenten Janina und Stefan, begleitet. Welche Beobachtungen konnten Sie machen? Wie haben die Passanten reagiert?

Inga: Die meisten Passanten (wirklich auffallend viele) drehten sich zu den Bettlern um oder sprachen sogar über sie. Besonders Kinder und Rollstuhlfahrer, die sozusagen die passende Augenhöhe hatten, bemerkten die Bettler und sprachen sie manchmal sogar an. Ein Rollstuhlfahrer schüttelte den Kopf über das Paar. Außerdem fiel auf, dass besonders Frauen die "schwangere" Janina bemitleideten, den beiden etwas gaben oder sogar mit den eigenen Kindern zu ihnen kamen.

Julian: Ergänzend lässt sich sagen, dass das Spendengeld wohl am meisten von Menschen aus der mittleren oder auch unteren Mittelschicht kam. Auffällig waren demgegenüber Leute, die es sich finanziell wohl durchaus hätten leisten können, die aber nichts gaben - die das junge Paar ignorierten. Aufgeregt haben sich natürlich auch etliche. Zu den "Aufregern" gehörten vor allem Rentner, die im Vorbeigehen über die Bettler diskutierten. Die jüngeren und vielleicht nicht ganz so "reichen" Passanten registrierten hingegen die Situation ganz einfach und halfen dann teilweise. Mehrfach gaben sogar Kinder Geld - offensichtlich von den Eltern geschickt, die sich selbst nicht trauten, näher zu kommen.

Was hat Sie während des Experiments am meisten beeindruckt? Womit haben Sie gerechnet, womit nicht?

Inga: Ich habe mit ziemlich genau dem Verhalten der Passanten gerechnet, das auch eingetreten ist, allerdings nicht damit, dass ein solch hoher Betrag von den beiden erbettelt werden würde.

Julian: Das Gleiche gilt für mich: Beeindruckt hat mich der Betrag von etwa 43 Euro in zwei Stunden. Ich dachte, es käme weniger Geld herein, da unserer Beobachtung nach gar nicht so viele Leute gespendet haben. Ausschlaggebend war dann aber natürlich die Höhe der gespendeten Einzelbeträge. - Gerechnet hatte ich dagegen mit der aggressiven - teils auch nur non-verbalen - Aufregung der älteren Menschen.

Fanden Sie es in Ordnung, dass das Experiment im Wesentlichen darin bestand, die Passanten sozusagen "anzulügen"? Schließlich waren die "Bettler" und ihre Anliegen ja nicht echt.

Julian: Ich fand es trotzdem in Ordnung. Das Geld wurde ja schließlich der Kölner Tafel, also Bedürftigen, zugeführt.

Inga: Das sehe ich auch so. Die Spenden sind ja schließlich demselben Zweck zugeführt worden, für den die Spender sie abgaben. Für mich war dieses Szenario also kein Problem. Es war moralisch korrekt.

Ist das Experiment Ihrer Ansicht nach optimal verlaufen? Was ließe sich bei ähnlichen Experimenten in Zukunft verbessern?

Inga: Mir hat das Experiment in seiner Konzeption und im Verlauf gut gefallen. Allerdings würde mich sehr interessieren, wie - im Vergleich zu den Bettlern - die Spenden an einen Straßenmusikanten ausfallen.

Julian: Aus meiner Sicht hätte das Experiment ein bisschen weniger Hektik gebraucht. Wie schon gesagt wurde, musste ich auf mehreren verschiedenen Hochzeiten tanzen. Ein paar zusätzliche Beobachter und Fotografen hätten vielleicht nicht geschadet.

  Interview
Die Beobachter Ralf, Inga und Julian befragen einen Clown, der gegen eine "Spende" Luftballons an die Passanten verschenkt.
Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien (Fernsehteam, Zeitungsreporter) in Hinblick auf das Experiment? Waren die Journalisten eher störend, eher hilfreich oder keins von beidem?

Inga: Im Gegensatz zu dem Experiment "Mars Mission", an dem ich seinerzeit auch schon teilgenommen habe, empfand ich das Fernsehteam diesmal überhaupt nicht als störend, allerdings auch nicht als hilfreich.

Julian: Ich fand die Berichterstattung - sowohl in den Zeitungen als auch im Fernsehen - sehr positiv und interessant. Die Leute wurden in Zeiten schlechter Presse über die Schulen darauf aufmerksam gemacht, dass auch Schulen "etwas" machen - und zwar nicht nur das, was die Richtlinien als Allernötigstes fordern.

Wurden Sie nach der Veröffentlichung der Zeitungsartikel bzw. nach dem Sendetermin auf Ihre Teilnahme an dem Experiment angesprochen?

Julian: Nur von Leuten, die wussten, dass ich teilgenommen habe. Das lag natürlich an meiner wenig mediengerechten Rolle als "Außenbeobachter". - Das Interesse der Leute galt dabei den Untersuchungsergebnissen.

Inga: Was meine Person betrifft, waren die Reaktionen eher vordergründig. Meiner Mutter sagte eine Frau aus unserem Dorf zum Beispiel: "Jetzt war die Inga ja schon zum dritten Mal im Fernsehen!" Ins Fernsehen zu kommen ist vielen Leuten offenbar extrem wichtig.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Experiment gezogen?

Julian: Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass "richtige" Bettler es schwer haben und Hilfe notwendig ist, dass man sich aber vor "schwarzen Schafen" unter den Almosenempfängern in Acht nehmen muss. Denn im Grunde genommen ist es sehr leicht, in einer entsprechenden Inszenierung bei den Passanten Mitleid zu wecken.

Inga: Und ich kann nur schwer sagen, ob ich echte Erkenntnisse gewonnen habe. Eine mögliche Erkenntnis ist vielleicht, dass man als Bettler unter Umständen recht viel Geld verdienen kann. - Nicht ganz nachvollziehbar ist für mich, dass die meisten unserer Bettelagenten das Betteln im Nachhinein so beschrieben haben, als hätten sie es sich weniger schlimm vorgestellt.

Würden Sie auch als Bettler an einem solchen Experiment teilnehmen?

Inga: Ja, durchaus.

Julian: Nein, ich nicht. Aber gerne wieder als Beobachter, Leibwächter oder Befrager der Passanten.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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