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Interview mit Beobachterin Johanna

Johanna, Sie haben an dem Experiment "Bettelarm" als Beobachterin teilgenommen. Weshalb?

  Gruppenbild - Foto (c) Julian Hageböck
Beobachterin Johanna (mit Beobachtungsbogen), Bettelagent Christian (links), Leibwächter Tobias (rechts).
Eigentlich bin ich nur kurzfristig eingesprungen, hatte dann aber doch Interesse daran, zu erfahren, wie Passanten wohl auf die verschiedenen Bettler reagieren würden.

Welche Beobachtungen konnten Sie machen? Wie haben die Passanten reagiert?

Die Passanten haben sehr unterschiedlich reagiert. Zum Teil hing das mit den jeweiligen Szenarien zusammen; ich war erst Nina ("Jesus lebt!") und später Christian ("Ich will überleben!") zugeordnet.
   Gerade im Fall der "religiösen" Nina konnte man viele Leute mit einem Lächeln vorbeiziehen sehen. Andere schüttelten den Kopf und waren entsetzt. Wahrgenommen hat sie wirklich fast jeder, und auch ihre Botschaft wurde beim Vorbeigehen gelesen. Die einen verlangsamten dabei ihr Tempo, andere versuchten so unauffällig wie möglich zu agieren. Die, die Interesse zeigten, blieben stehen und nahmen sich Zeit, sich das Geschehen nochmal länger anzuschauen. Diejenigen, die sich entschlossen zu spenden, gingen oft ein paar Meter weiter, kramten in ihrem Portemonnaie und kamen dann zurück. Die meisten gaben ihre Spende aber nicht ab, ohne ein Wort zu verlieren. Ein wirkliches Gespräch kam allerdings auch nicht zustande.
   Christian war mit seinem Spruch "Ich will überleben!" irgendwie in einer anderen Situation. Die Stelle, an der er saß, war schwer überschaubar, weil dort die allgemeine Durchgangsschneise zwischen Dom und Stadt war. So kam es, dass doch einige Leute ignorant an ihm vorbeizogen, zum Teil auf sein Schild traten - ohne ein Wort der Entschuldigung - oder sogar unachtsam sein Geldpöttchen umtraten. Die, die ihn wahrnahmen (was nicht wenige waren), zeigten fast immer Mitleid und sprachen noch über ihn, als sie bei uns vorbeikamen.
   Auffällig war, dass viele der Spender so um die 20 Jahre alt waren, die ältere Generation demgegenüber etwas weniger gespendet hat. Die jungen Leute stellten sich sogar zusammen hin und legten ihr gesamtes Kleingeld für ihn zusammen. Meines Wissens gab es nur zwei Leute, die über ihn geschimpft haben, er solle arbeiten gehen bzw. er sei ein "Scheiß Ausländer". Einer von ihnen war höchstens 15 und sah selber etwas heruntergekommen aus. Die andere Person war eine Dame höheren Standes.
   Insgesamt überwog bei den Passanten jedoch sehr stark das Mitleid.

Was hat Sie während des Experiments am meisten beeindruckt? Womit haben Sie gerechnet, womit nicht?

Was mich beeindruckt bzw. gewundert hat, war zum einen die Zahl der jungen Leute, die Christian gespendet haben, und zum anderen die generelle Aufmerksamkeit, die die beiden Bettler jeweils bekommen haben. Ich hatte mit viel mehr Ignoranz gerechnet und damit, dass die Passanten unachtsam, beschäftigt mit anderen Dingen, an ihnen vorbeiziehen.
   Allerdings hatte ich auch mit mehr dummen Sprüchen speziell von Jugendlichen gerechnet.

Fanden Sie es in Ordnung, dass das Experiment im Wesentlichen darin bestand, die Passanten sozusagen "anzulügen"? Schließlich waren die "Bettler" und ihre Anliegen ja nicht echt.

Ich denke, in dem Moment, in dem ich ein Experiment mache, ist immer eine Lüge mit einbezogen. Wie auch sonst hätte man in diesem Fall das Verhalten der Passanten prüfen sollen? Mit einer Umfrage? Bei Umfragen sind die Leute oft unehrlich sich selbst gegenüber und verhalten sich in tatsächlichen Situationen dann ganz anders. Angesichts der Tatsache, dass das erbettelte Geld für einen guten Zweck gespendet - genauer: weitergegeben - wurde, ist die ganze Aktion, so denke ich, gut vertretbar.

Ist das Experiment Ihrer Ansicht nach optimal verlaufen?

Ich bin der Meinung, dass das Experiment sehr gut verlaufen ist. Das Einzige, das für einen Augenblick etwas auffällig war, war das Kamerateam.

Apropos Kamerateam: Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien in Hinblick auf das Experiment? Waren die Reporter eher störend, eher hilfreich oder keins von beidem?

Hilfreich waren sie höchstens in der Hinsicht, dass die Ergebnisse des Experiments hierdurch an die Öffentlichkeit kamen. Wirklich störend waren sie allerdings auch nicht, da die Störung der Versuchsanordnung - zum Beispiel das Verkabeln der Bettelagenten mit der versteckten Kamera - nicht sehr lange gedauert hat.
   Blöd war allenfalls, dass die meisten Menschen eine Art Kamerawahn haben und im konkreten Fall ständig vor ihr herumliefen, um im Bild zu sein. Wirklich in Bezug zu unseren Bettelagenten haben die Passanten sie aber nicht gebracht.

Wurden Sie nach der Veröffentlichung der Zeitungsartikel bzw. nach dem Sendetermin auf Ihre Teilnahme an dem Experiment angesprochen?

Nein - zumal ich ja nun auch nicht zu den Hauptpersonen des Experiments gehörte.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Experiment gezogen?

Kurz und knapp: Man kann mit dem richtigen Schild schon einen guten Stundenlohn einfahren.

Würden Sie auch als Bettler an einem solchen Experiment teilnehmen?

Nein. Ich hätte Angst, in unangenehme Situationen zu kommen.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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