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Interview mit den Beobachtern Sonja und Nils

Sonja und Nils, Sie haben an dem Experiment "Bettelarm" als Beobachter teilgenommen. Weshalb?

  Nils
Beobachter Nils.
Sonja: Bei mir war es das Interesse an dem Verhalten der Passanten gegenüber unterschiedlichen Bettlertypen.

Nils: Und ich wollte gerne die Frage klären: Wie geht unsere Gesellschaft mit ihren bedürftigsten Mitgliedern um? Mit "bürgerlicher" Moral? Mit Egoismus? Als zweiter - äußerer - Grund kam hinzu, dass ich im Fach "Sozialwissenschaften" eine Facharbeit schreiben musste, und da kam mir das Thema gerade recht.

Sonja, Sie haben das Szenario "Gefallener Engel bittet um eine Spende" begleitet. Welche Beobachtungen konnten Sie machen? Wie haben die Passanten reagiert?

Sonja: Es gab die unterschiedlichsten Reaktionen. Einige Passanten haben über Ivonne als "gefallenen Engel" gelacht, andere waren verwundert. Wieder andere haben gespendet und nahmen sie also ernst. Einige Passanten sahen jedoch auch sehr verärgert aus. - Vor allem Kinder haben geschaut und waren irritiert, warum die "Bettlerin" Pappflügel trug.

Nils, Sie haben sich um die Szenarien "Geben Sie mir eine Chance für ein neues Leben!" am Anfang der Schildergasse und "Habe nichts mehr. Weiß nicht wohin!" auf der Domplatte gekümmert. Zwischendurch waren Sie aber auch bei den anderen Versuchsanordnungen. Was haben Sie beobachtet?

Nils: Zunächst ist festzustellen, dass Bettler in den seltensten Fällen übersehen werden. Seien es verstohlene Blicke aus großen Kinderaugen oder das wiederholte Sich-Umdrehen nach den "Bedürftigen" - der Großteil der Passanten nimmt die Bettler wahr. Diejenigen, die spenden, erwecken, indem sie Münzen aus der Tasche schütteln, den Eindruck, als handelten sie reflexhaft, fast so, als dränge sie ein Über-Ich zur Spende. Herzliche Worte sind hingegen die Ausnahme. Die Spende erfolgt in einer Art "anonymer Solidarisierung". Bei Jan, der eine "Chance für ein neues Leben" wollte, gab es fast keine verbale Kommunikation zwischen Spendern und Bettler. Eine Ausnahme bildete allenfalls Laura, die "nichts mehr hatte": Bei ihr lag die Gesprächsquote immerhin bei etwa 20 Prozent.

Was hat Sie während des Experiments am meisten beeindruckt? Womit haben Sie gerechnet, womit nicht?

Nils: Gewundert haben mich die konversationsbereiten Spender im Falle von Laura. Ich hätte vorher gewettet, dass sich niemand finden würde, der "nachfragt". Allerdings hätte ich auch nicht damit gerechnet, dass die Menschen nicht x-beliebig, sondern anscheinend doch selektiv spenden. Jasmins erbettelter Betrag von 92 Cent hat bewiesen, dass die Leute ihr verdientes Geld durchaus nicht willkürlich jedem überlassen.

Sonja: Mich hat am meisten beeindruckt, dass auch Menschen, die selbst sehr arm zu sein schienen, gespendet haben. Generell fand ich das Verhalten der Passanten aber nicht sehr verwunderlich oder überraschend.

Fanden Sie es in Ordnung, dass das Experiment im Wesentlichen darin bestand, die Passanten sozusagen "anzulügen"? Schließlich waren die "Bettler" und ihre Anliegen ja nicht echt.

Nils: Ich sehe da kein Problem. Das Gegebene wurde schließlich an eine wohltätige Organisation übermittelt.

Sonja: Auch ich fand das Experiment in Ordnung, da das Geld gespendet wurde. Für mich persönlich wäre es allerdings, wenn ich eine Bettlerin gespielt hätte, sehr schwer geworden, wenn Passanten ein Gespräch mit mir hätten beginnen wollen, da ich dann ja wohl oder übel an meiner erfundenen Legende hätte festhalten müssen, während sie mir gegenüber offen Mitleid bekundet hätten.

Ist das Experiment Ihrer Ansicht nach optimal verlaufen? Was ließe sich bei ähnlichen Experimenten in Zukunft verbessern?

Sonja: An und für sich ist das Experiment gut verlaufen - sonst wäre vielleicht auch nicht das Interesse des Fernsehens so groß gewesen. Ich denke aber, dass einige unserer "Bettler" nicht echt genug wirkten, und fände es aus diesem Grund besser, wenn sie bei einem weiteren Experiment "elender" aussehen würden.

Nils: Meiner Ansicht nach hätten ein paar zusätzliche Facetten, etwa in Form noch provokanterer Schilder, nicht geschadet.

Sie haben gerade schon das Fernsehen angesprochen. Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien in Hinblick auf das Experiment? Waren die Journalisten eher störend, eher hilfreich oder keins von beidem?

Sonja: Die Medien haben keineswegs gestört, da die Passanten die Kameras, sowohl die des RTL-Teams als auch die des Kölner "Express", häufig gar nicht wahrgenommen haben.

Nils: Ich hatte mir die RTL-Reporter, offen gestanden, störender vorgestellt. Ein Vorurteil vielleicht. Insgesamt war mir deren Anwesenheit gleich, da sie nicht aufdringlich oder kontraproduktiv waren.

Wurden Sie nach der Veröffentlichung der Zeitungsartikel bzw. nach dem Sendetermin auf Ihre Teilnahme an dem Experiment angesprochen?

Sonja: Nein.

Nils: Ich ebenfalls nicht. Dafür haben wir auch zu sehr im Hintergrund agiert.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Experiment gezogen?

Sonja: Vielleicht die, dass man nie wissen kann, ob es wirklich arme Leute sind, die auf der Straße sitzen. Aber denen, die arm sind, sollte man helfen.

Nils: Meine Erkenntnisse sind zurzeit noch ziemlich diffus. Ich muss erst mal alles richtig aufarbeiten und verweise an dieser Stelle deshalb elegant auf meine Facharbeit, in der dann, so hoffe ich, alles stehen wird.

Würden Sie auch als Bettler an einem solchen Experiment teilnehmen?

Nils: Nein. Zu kalt, zu monoton, auch zu medienwirksam. Ich halte mich da lieber im Hintergrund.

Sonja: Auch ich würde nicht "betteln" wollen, da ich nicht wüsste, wie ich mich den Passanten gegenüber verhalten sollte.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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