Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Interview mit Beobachter Stefan

Stefan, Sie haben an dem Experiment "Bettelarm" als Beobachter bzw. Leibwächter teilgenommen. Weshalb?

Nachdem wir bereits Ergebnisse hatten, wie die Leute in Gummersbach und Attendorn reagiert haben, war es eine interessante Frage, wie die Leute in einer "richtigen" Großstadt und dann noch zur Zeit des Weihnachtsmarkts reagieren würden - vor allem inwiefern sich ein Zusammenhang zwischen der Legende und der Reaktion der Leute erkennen lassen würde.

Sie haben die "Handyschulden"-Bettelagentin Jasmin begleitet. Welche Beobachtungen konnten Sie machen? Wie haben die Passanten reagiert?

Auffällig war, dass zunächst etwa 95 Prozent aller Passanten Jasmin wahrgenommen haben, aber nur ein sehr geringer Teil wirklich etwas gespendet hat. Dass die Passanten die Bettlerin wahrgenommen haben, konnte man daran erkennen, dass sie zum Teil deutlich zu ihr herunterschauten und sich die Legende durchlasen und dass sie mit anderen Passanten, teils auch mit Fremden, über Jasmin ins Gespräch kamen. Die Art des Gesprächs war eigentlich immer gleich. Alle regten sich darüber auf, dass ein junges Mädchen es wagte, sich mit so einem Schild auf die Straße zu setzen und zu betteln. Manche zeigten ihre Aufregung, indem sie laut fluchten. Ein paar wollten sie am liebsten schlagen oder vertreiben, so zum Beispiel eine andere, "echte" Bettlerin; wieder andere machten sich einfach über sie lustig: "Guck mal! So könnt' ich mich auch dahin setzen!! Lächerlich! Unverschämt!"

Was hat Sie während des Experiments am meisten beeindruckt? Womit haben Sie gerechnet, womit nicht?

Beeindruckt hat mich, dass die Leute zum größten Teil einfach an den Bettlern vorbeigegangen sind, obwohl sie diese ganz genau gesehen haben. Die Bettler wurden behandelt und ignoriert wie ein wertloser Gegenstand, der auf der Straße liegt. Gerade wenn zum Beispiel ein 18-Jähriger mit einem Schild "Ich will überleben!" auf der Straße sitzt, hätte ich gedacht, dass die Passanten Mitgefühl zeigen und sich nach der Situation des Bedürftigen erkundigen. Leute, die das gemacht haben, gehörten aber zur großen Ausnahme. Ebenso hätte ich bei Jasmin gedacht, dass es viel mehr Leute gibt, die die Bettlerin ansprechen und fragen, aus welchen Beweggründen man sich mit einem solchen Schild auf die Straße setzt.
   Was mich nicht verwundert hat, war die Verteilung der Spenden in Abhängigkeit von den Legenden. Es war mir eigentlich klar, dass man mit einem Schild wie "Jesus lebt!" oder "Habe Handyschulden" nicht so viel erreichen kann wie mit "Weiß nicht wohin!" oder "Ich will überleben!"

Fanden Sie es in Ordnung, dass das Experiment im Wesentlichen darin bestand, die Passanten sozusagen "anzulügen"? Schließlich waren die "Bettler" und ihre Anliegen ja nicht echt.

Normalerweise würde ich sagen, dass ich es sicher nicht in Ordnung fände, wenn sich jemand auf die Straße setzen und die Leute mit falschen Legenden anlügen würde. Zum einen den Passanten und zum anderen den "echten" Bettlern gegenüber wäre dies nicht fair. In Zukunft würde dann ja die Gefahr bestehen, dass man nicht mehr unterscheiden könnte, welcher Bettler "echt" ist und welcher lügt. Das würde dazu führen, dass die "echten" Bettler wirkliche Probleme bekämen, weil die Leute kritischer würden oder sich die Spenden ganz einfach auf mehr Leute aufteilen würden.
   In unserem Falle sehe ich es aber nicht so dramatisch, da es ein Projekt ist, welches erstens nur auf diese Weise durchzuführen ist und zweitens nur recht selten realisiert wird. Außerdem fließt das Geld nicht in unsere private Tasche, sondern kommt den Bettlern Kölns zugute. Wir haben die Leute zwar mit der Legende angelogen, aber das Geld, das die Leute für Bettler gespendet haben, wird auch in die Hände "echter" Bedürftiger gelangen.

  Lagebesprechung - Foto (c) Julian Hageböck
Lagebesprechung: Beobachter Stefan, Versuchsleiter Kugelmeier, RTL-Reporter Beyer.
Ist das Experiment Ihrer Ansicht nach optimal verlaufen? Was ließe sich bei ähnlichen Experimenten in Zukunft verbessern?

Optimal ist es, mindestens im Falle von Jasmin, meiner Ansicht nach nicht verlaufen. Zu kritisieren habe ich, dass hier der Bettelort hätte besser gewählt werden können. In dem "Handyschulden"-Szenario wurde nämlich zum Beispiel der Standort der Beobachter nicht hinreichend berücksichtigt. Die Fußgängerzone war an der Stelle, an der Jasmin saß, so voll, dass man als Beobachter oder Leibwächter nur dann eine Chance hatte, die Bettlerin im Auge zu behalten, wenn man höchstens vier Meter neben ihr stand. Wegen der großen Anzahl von Passanten war es für manche Personen außerdem nicht so gut möglich, Jasmin sofort wahrzunehmen. Wenn das Projekt noch einmal durchgeführt werden sollte, sollte man bei der Standortsuche also grundsätzlich von vorneherein berücksichtigen, wo die Beobachter Platz nehmen können, und außerdem sollte der Bettler immer einen Platz einnehmen, welcher sofort auffällt.
   Ein Beispiel für einen meiner Meinung nach sehr gelungenen Bettelort war der Sitzplatz von Nora in dem Gummersbacher "Habe-Hunger"-Szenario im Sommer. Sie saß damals gut sichtbar vor einer Eisdiele. - Zugegebenermaßen dürfte es schwierig sein, kurz vor Weihnachten im überquellenden Köln eine ähnliche Stelle zu finden.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien in Hinblick auf das Experiment? Waren die Journalisten eher störend, eher hilfreich oder keins von beidem?

Auf das Experiment selbst hatten die Journalisten keinen besonderen Einfluss. Lediglich nach Beendigung des eigentlichen Projekts, bei den Abschlussinterviews auf der Domplatte, wurden die Leute angezogen.

Wurden Sie nach der Veröffentlichung der Zeitungsartikel bzw. nach dem Sendetermin auf Ihre Teilnahme an dem Experiment angesprochen?

Nein.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Experiment gezogen?

Das habe ich eben schon gesagt: Ich fand es beunruhigend, dass die Passanten so "sprachlos" an den Bettlern vorbeigangen sind. Eine bittere Erkenntnis.

Würden Sie auch als Bettler an einem solchen Experiment teilnehmen?

Grundsätzlich ja.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter