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Interviews mit Kölner Bettlern: Bernd (51)

"Mein Gott hat keinen Namen"

Auf der Zeppelinstraße steht Bernd [Name geändert] an seinem Stammplatz. Er verkauft die Kölner Obdachlosenzeitung. Im Gespräch mit Kerstin, Anna-Lena und Nikol erweist er sich als ausgesprochen auskunftsfreudig.

Würden Sie uns bitte einige Fragen beantworten?

Kommt drauf an...

Wir machen eine Facharbeit im Fach Sozialwissenschaften zum Spendenverhalten der Menschen in Großstädten. Es sind auch nur ein paar Fragen, es geht ganz schnell.

Fang mal an!

Als Erstes: Wie lange sind Sie schon in Köln?

Seit 1990, sporadisch seit 1969.

Was heißt jetzt "sporadisch seit 1969"?

Seit 1969 bin ich mal in Köln oder da oder da oder da [gewesen], und seit 1990 habe ich hier einen festen Wohnsitz.

Sie haben [also] einen festen Wohnsitz?

Jetzt ja.

Aber wie lange hatten Sie denn keinen festen Wohnsitz?

Über fünfzehn Jahre.

Oh. Und dann haben Sie quasi vom Betteln gelebt, oder was haben Sie gemacht?

Ich hab mal im Zirkus gearbeitet, mal auf der Kirmes; Straßentheater, Straßenmusik habe ich früher gemacht. Und durch ein einschneidendes Erlebnis engagiere ich mich jetzt für andere Obdachlose. Von den Zeitungen, die ich verkaufe, muss ich auch die Hälfte von dem, was ich einnehme, abgeben - und das wird dann an [entsprechende] Organisationen weitergegeben. Ich geb euch mal eine Zeitung, damit ihr euch mal einen Überblick [verschaffen] könnt.

Zu schenken brauchen Sie sie uns nicht. Wir können die auch gerne bezahlen...

Dann gebt mir 75 Cent, weil: So viel muss ich für eine Zeitung [selbst bezahlen]. Hier stehen alle sozialen Institutionen [drin], wo ihr auch mal hingehen könnt und auch Umfragen machen könnt.

Vielen Dank! Dankeschön! - Damals, als Sie gebettelt haben, war da das Spendenverhalten der Menschen eher positiv, oder...?

Es gab eine Zeit, da war Betteln verboten, und da musste man sich eben anders über Wasser halten. Da lässt man sich [zum Beispiel] einfallen, Souvenirsteinchen herzustellen - oder alles Mögliche an kleinen Schmuckstücken - oder Straßenmusik zu machen.

Wo haben Sie denn dann so die Materialien herbekommen?

Die sammelt man sich aus allen möglichen Sachen [zusammen], die man heute im Recycling [hat]. Damals war das Recycling ja noch nicht so groß. Und dann hat man einfach Materialien verwendet, so Kristallsteine, die man angeboten hat, so ein bisschen aufgepeppt, als Souvenir. Betteln - das ging höchstens versteckt. Damals durfte man auch keinen Becher haben...

Wann war das denn, als das verboten war? Ich weiß das gar nicht...

So in den achtziger Jahren war das so ziemlich verpönt - an manchen Stellen, nicht in allen Städten! - [Noch mal kurz zurück zur] Arbeitslosen- und Obdachlosenhilfe: Das ist eine gemeinnützige, ehrenamtliche Sache. Fünfzig Prozent [der Einnahmen für die Zeitung] landen auch wirklich in dem Topf; der Rest ist für die Leute, die die verkaufen und die das auch herstellen.

Sie haben ja gerade gesagt, dass sie auch mal im Zirkus gearbeitet haben. Wie sind Sie denn daran gekommen?

Als Helfer, zum Auf- und Abbauen und so.

Haben Sie einfach da gefragt, [oder...]?

Ja, wenn man mal ein bisschen ausruhen wollte von der Straße und ein bisschen Taschengeld verdienen [wollte], ist man mitgezogen. Im Winter bin ich auch meistens arbeiten gegangen, um im Frühjahr bis Ende Herbst mir die Welt angucken [zu können].

Wo haben Sie denn damals so geschlafen?

Draußen. Manchmal hat man auch Leute kennen gelernt, die einen mitgenommen haben. Da war man auch froh, wenn man da mal ein paar Tage unterkommen konnte. Auch ist man schon mal in Düsseldorf am Rhein festgefroren und so Sachen... - Es gibt Hauseingänge. Bei trockenem Wetter ist das ja keine Schwierigkeit. Es gibt ja so viele Parks mit so vielen Gebüschen, wo man sich ein gemütliches kleines Lager bauen kann. Im Winter gibt es bei manchen Großkonzernen auch Belüftungsschächte, wo warme Luft rauskommt, wo man sich hinlegen kann - wie beim WDR. Ach, da gibt es schon einige Möglichkeiten. - [Früher] konnte man noch in den U-Bahn-Schächten rein...

Das darf man jetzt nicht mehr, oder?

Die werden schon mal aufgemacht, wenn es extreme minus fünf bis zehn Grad kalt wird, damit die Leute nicht ganz auf der Straße erfrieren.

  Auf der Straße
Auf der Straße.
Aber in Hilfsinstitutionen haben Sie nicht mal übernachtet?

Es gibt das Anno-Haus, das ist für schwerwiegende Alkoholkranke. [Aber da bin ich nicht.] Ich bin ja nicht mehr so ganz hart drogensüchtig drauf. [Und dieses Haus] ist nur für solche Fälle, die gar nichts mehr können, die weder Zeitungen [verkaufen] noch leere Flaschen [sammeln können], die gerade mal froh sind, dass sie ihr Quantum an Alkohol reinkriegen - oder sonstige Drogen. Klar: In Amsterdam, da gab es noch die Sleep-Ins...

Waren Sie auch mal in Amsterdam?

Ich war viel in Amsterdam. Ich komm von der Grenze [zu] Holland. Ich hab auch viel in den skandinavischen Ländern verkehrt. In den Benelux-Staaten und in den skandinavischen Ländern war es leichter zu leben als hier. Hier hast du ja immer so viel Papierkram - wie jetzt auch das Hartz-Gesetz. [Aber jetzt bin ich nicht mehr unterwegs.] Ich bin mittlerweile auch 51 Jahre.

Was halten Sie eigentlich von den Passanten? Geben die viel Geld oder weniger...?

Ich hab so meine Stammkunden, die mir regelmäßig die Zeitungen abkaufen und [schon] mal einen Extra-Euro dabeitun. Sonst hat man das Verhältnis: Man kann keinen Durchschnittstag nehmen; von dreißig Tagen gehen mal zehn Tage gut. Man macht auch im Monat nicht mehr als 150, 200 als Nettogewinn - im Monat!

Das reicht kaum zum Leben...

Das reicht mir [dann] zum Leben [als zusätzliches Geld]. Wenn ich nur von dem Sozialgedöns leben würde, dann könnte ich mir nicht ab und zu mal ein Schnitzel in die Pfanne hauen.

Sagten Sie eben 150 bis 200 Euro oder D-Mark im Monat?

Ich sag mal: Grob im Monat macht man schon so 150 Euro. Da muss man aber auch viel stehen. Sagen wir mal so: Wenn ich sechs Stunden am Tag Zeitungen verkauft habe, dann habe ich am Abend für mich so 10 Euro, wo ich sagen kann: Jetzt habe ich [...] mein Essen und kann mir auch was Gutes gönnen (was man auch mal gut nennt).

Aha...

So, dann wünsche ich euch einfach einen guten Abschluss - oder wofür immer es auch ist. Und die Institutionen, die da [in der Zeitung] stehen, die würde ich einfach mal abklappern. Es gibt noch viel mehr; da könnt ihr euch erkundigen. Es gibt ja Stationen für vergewaltigte Frauen und Mädchen, für Mädchen, die von zu Hause ausgerissen sind; da sind viele Leidensgeschichten drunter. Ich kenne ja so ziemlich alle Leute von der Straße. Da sind [viele] Leidensgeschichten. Es gibt auch viele Leute, die wollen gar nicht mehr von der Straße runter. Es ist auch schwer, wenn man lange auf der Straße war, [sich dann] so ein bisschen einzugliedern - wenn man also auf dem Punkt ist, [auf dem] ich [früher war]: Ich bin [inzwischen] von den ganzen harten Drogen und dem Alkohol weg und den ganzen Exzessen, die ich auch gemacht habe, [aber] ich musste vor vierzehn Jahren lernen, wie ich mit meinem Geld umgehe, dass ich meine Miete [bezahle], weil: Wenn man immer von der Hand in den Mund gelebt hat, auch von der Mülltonne, [und] die letzten Pommes, die einer da reingeschmissen hat, rausgeholt hat, dann braucht man sich über nichts mehr zu wundern. - Und das hebe ich [nur dadurch] auf, dass ich [...] nicht wie früher im Kaufhaus da mal ein bisschen Essen zusammenklaue [...] oder [wie] in meiner harten Drogenzeit auch schwere kriminelle Sachen mache [...], wo ich auch mal vier Jahre dafür im Knast war...

Wie sind Sie denn dann eigentlich davon weggekommen, wenn Sie Drogen genommen haben...

Es gehört viel Selbstdisziplin [dazu]. Ich habe jetzt aber auch gute Sozialarbeiter kennen gelernt, gute Ärzte kennen gelernt.

Die haben Ihnen geholfen?

Ich habe im Krankenhaus Entzug gemacht, habe mich so ziemlich von der ganzen Scene distanziert, obwohl auch gute Freunde darunter waren. Aber es ging nicht mehr, denn es waren dann einfach auch zu viele Rückfälle da, wo [man gesagt hat]: Komm, ej, nimmste mal eine, und dann is gut! - Es war aber nicht gut. Dann hast du einfach weiter gemacht. - Und dann habe ich eines Tages ein einschneidendes Erlebnis gehabt, in so einem Bandenkrieg, und dann war da für mich wie so ein Knall im Kopf: Komm, das muss jetzt aufhören!

Gibt es denn zwischen Bettlern so riesige Fehden? Weil Sie gerade von Bandenkrieg sprachen...

Nein, das hat [mit dem Betteln] gar nichts zu tun. Das ist eine ganz andere Geschichte; das sind knallharte Drogengeschichten [gewesen]. [Nein, aber was das Betteln angeht:] Das gibt es schon, dass sich Leute hier [streiten]. Ich mach das hier schon zwei Jahre, hier und gegenüber...

Immer am gleichen Tag?

Ja, auch auf dem Weihnachtsmarkt jetzt. Und [manchmal] kommen hier einfach die Musiker, und die dürfen nur eine halbe Stunde spielen. Manchmal muss man die [dann] darauf aufmerksam machen.

Aha.

Ja, es ist schwer, einen festen Platz zu halten. [...] Eine Straße reicht mal gerade für zwei Personen. Wir sind zu drei Leuten. Wir wechseln uns hier an der Stelle ab und lassen auch die Musiker mal eine halbe Stunde spielen, die meistens nur eben mal vom Osten rüberkommen im Sommer und sich hier mal frisch machen, und dann fahren sie wieder rüber. [Aber, ehrlich gesagt:] Wir haben selber genug Elend. Das ist keine Rassendiskriminierung. Ich habe auch Freunde unter Türken, unter Zigeunern (mein Schwager ist selber Zigeuner). Aber wenn sich von den [Osteuropäern] mal jemand daneben benimmt, dann kriegt der auch schon mal den Ausweis abgenommen. Die dürfen keinen Alkohol trinken beim Straßenverkauf, die dürfen keine Leute anpöbeln, [dürfen nicht] aggressiv betteln. Manchmal kommen auch harte Sprüche rüber.

Kommt denn von Passanten auch manchmal etwas [an harten Sprüchen]?

Oh ja, da kommen manchmal schon hässliche Worte rüber, diskriminierende Worte. Letztens hatte ich mal so eine Begegnung: Da kam eine Mutter mit einem Mädchen, so sieben, acht Jahre, [vorbei], und da sagte [das]: Kauf ihm doch mal eine Zeitung ab! Und lief damit weg. - Da zog sie es am Ärmel [weg] und meinte: So Leute hast du erst mal gar nicht anzugucken!

Das hat die Mutter gesagt?

Ja. Und dann drehte sich das Mädchen um und [...] war am weinen. - Das tut einem dann auch weh. Nicht, dass ich jetzt nichts bekommen hab. Aber das ist dann so eine Sache, die mir ans Herz geht - wie manche Leute sich danebenbenehmen. - Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich mach jeden Tag mein Kerzchen an. Ich mach auch mein Gebetchen. Das heißt: Mein Gott hat keinen Namen. Das ist der universelle Gott, den eigentlich alle haben können. Denn solange Religion, Sekten oder Sonstige meinen, den wahren Gott gefunden zu haben, und sich dann dabei die Köpfe einschlagen, hat für mich keiner was begriffen.

Das stimmt! - Gut. Sie haben uns sehr weitergeholfen - auf jeden Fall! Vielen Dank!

Ja, freut mich für euch. Ihr seid auch hübsche Mädels. Shake hands! Bis bald!

Viel Erfolg noch beim Verkauf!


Audio   O-Ton: Interview mit Bettler Bernd   (12 Min. 57 Sek., 1,5 MB, MP3)



©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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