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0. Vorbemerkung

Als wir im Frühsommer 2004 mit unseren Bettelexperimenten begannen, stießen unsere Studien auf eine zwiespältige Resonanz. Neben teils euphorischer Zustimmung ("Endlich mal eine Untersuchung, die aus dem Leben gegriffen ist!") gab es auch herbe Kritik: Sind solche Experimente aus ethischer Sicht überhaupt vertretbar? Kann und darf ein Versuch die Täuschung argloser Passanten billigend in Kauf nehmen? Und schadet er nicht den tatsächlich bedürftigen Almosenempfängern auf der Straße?

  Versteckte Kamera
Fußgänger in der Kölner Innenstadt, aufgenommen mit versteckter Kamera während des Bettelns (am ersten Adventssamstag 2004, Szenario 3).
Natürlich hatten wir auf diese Fragen keine letztgültige Antwort. Im Laufe unserer Recherchen, zu denen nicht nur die Experimente, sondern auch Interviews mit "echten" Bettlern und mehr oder minder spendierwilligen Passanten sowie eine umfassende Fotodokumentation gehörten, verschwamm nämlich die Definition dessen, was ein "tatsächlich bedürftiger Almosenempfänger" denn überhaupt sei, immer mehr. Neben solchen, die offenbar wirklich obdachlos waren, trafen wir auch mehrere, die sich durch das "Sitzen" lediglich etwas dazuverdienten. Mitunter hatten wir außerdem den Eindruck, dass "im Auftrag" gebettelt wurde. Und auch die Passanten boten ein ambivalentes Bild. Viele von denen, die wir ansprachen, vermuteten im Grunde genommen hinter jedem in der Fußgängerzone sitzenden Bettler - auch - einen potenziellen Betrüger; einige spendeten trotzdem.

Solcherart rat- und orientierungslos, suchten - und fanden - wir Trost in einem Buch, das Wladimir Kaminer unter dem Titel "Helden des Alltags" publiziert hat. Darin berichtet er gleich zu Beginn von einem Bettlerwettbewerb, der Ende der 90er-Jahre von der Moskauer Zeitschrift "Stoliza" organisiert wurde. In der Ausschreibung ging es darum, durch gespielte Bettelsituationen herauszufinden, wie zynisch oder auch romantisch die Moskauer Bürger auf soziale Not reagieren würden.

Im Rahmen des Wettbewerbs schwärmten also Dutzende scheinbarer Bettler, darunter auch viele Journalisten, in die Straßen und U-Bahn-Stationen aus, um die Passanten zu einer Spende zu überreden. Ein "Bettler", der klagte, er habe, statt eine Waschmaschine zu kaufen, das ganze Geld versoffen, erhielt nur wenig Unterstützung. Mehr Glück hatte da schon ein Mann, der lamentierte, sein Sohn müsse wegen einer schweren Krankheit täglich in frischem Bier baden, was auf die Dauer ziemlich teuer werde: Ihm wurde gegeben. Ein anderer Mann, der Spenden für eine "neue gerechtere Revolution" eintreiben wollte, ging hingegen leer aus. Absoluter Bettelkönig wurde schließlich ein "Bettler", der mit der Legende "Ich war ein Profikiller und will ein neues Leben anfangen" zu beeindrucken wusste. Neben eindeutigen Angeboten, seinen früheren Beruf betreffend, erhielt er auch respektable Geldspenden. Lediglich eine alte Frau zog ihre schon in Aussicht gestellte Gabe wieder zurück, als sie hörte, dass nicht er, sondern einer seiner "Kollegen" den Chef einer bekannten Moskauer Bank erschossen habe. [1]

Welche Erkenntnisse lassen sich aus dieser Schilderung ziehen?

Erstens: Dass Kaminer die Geschichte in Deutschland überhaupt hat publizieren dürfen, ist ausgesprochen bemerkenswert; denn neben aller ihr innewohnenden Komik ist sie doch in hohem Maße "politisch inkorrekt". Mit sozialer Bedürftigkeit, so die gängige Meinung hierzulande, treibt man keine Scherze. Vermutlich ist die Veröffentlichung nur dem Umstand zu verdanken, dass der Autor selbst in Moskau geboren und damit "unangreifbar" ist.

Zweitens, und damit kommen wir zu dem Experiment selbst: In der russischen Hauptstadt wird mit dem Problem des Bettelns offenbar eher hemdsärmlig umgegangen - pragmatischer jedenfalls als in Deutschland, wo man dazu neigt, gesellschaftliche Randgruppen vorsorglich so sehr zu "schützen", dass sie sich jedem kennen lernenden Zugriff entziehen. Mit anderen Worten: Dort, wo sicherlich mehr Armut herrscht als in jeder deutschen Großstadt, gilt ein Bettelexperiment allem Anschein nach als unbedenklich.

Drittens: Die Moskauer sehen die Bettelsituationen, mit denen sie konfrontiert werden, offenbar vorrangig von der sportlichen (man könnte auch sagen: marktwirtschaftlichen) Seite. Wer als Bettler "gut" ist, dem wird gegeben. Wer nicht zu gefallen weiß, geht leer aus. Hier herrschen offenbar strenge Marktgesetze. Diese Gesetzmäßigkeiten erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Bettelns zu erforschen gelingt aber nur, indem man sich der Herausforderung verschiedener Bettelsituationen stellt, jedoch nicht, indem man sie tabuisiert.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse setzten wir Ende November 2004 unsere Bettelexperimente fort - diesmal sogar in größerem Umfang und mit mehr Facetten. Die Ergebnisse unserer Versuche sind aber natürlich erst ein Anfang. Den Almosenempfang in deutschen Fußgängerzonen zu erforschen erfordert sicherlich mehr Aufwand, als nur ein paar Bettelszenarien auszugestalten. Wir ermuntern deshalb ausdrücklich alle interessierten Sozialwissenschaftler, unsere Untersuchungen durch eigene Studien zu ergänzen, um so dem Bettel-Phänomen ein weiteres Stück näher zu kommen.


[1] Wladimir Kaminer: "Menschen und ihre Künste", in: W. K.: "Helden des Alltags", München 2002, S.7f. - Vgl. auch die URL:
http://www.russentext.de/kaminer/helden.shtml


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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