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1.2 Frühe Neuzeit: "Zucht" statt Betteln

Die Notwendigkeit, Bettlerordnungen zu erstellen, war bereits ein Indiz dafür, dass im ausgehenden Mittelalter die angebliche "Gottgefälligkeit" des Almosengebens (und damit der Bettelei) in Frage stand. Ohnehin geriet der von den Kirchenvertretern recht geschäftsmäßig organisierte Umgang mit den "jenseitigen Dingen", wie er sich etwa im Ablasshandel zeigte, zunehmend in die Kritik.

Arbeit als Selbstverpflichtung

  Bettler vor der Türe
Bettler vor der Türe (1648). [i]
So verwundert es nicht, dass der religiöse Umbruch zu Beginn des 16. Jahrhunderts - die Reformation - auch beträchtliche Auswirkungen auf die Bettelgesetzgebung hatte. Martin Luther (1483 - 1546) stellte sich dezidiert gegen die bis dato praktizierte Almosenlehre: Die Nächstenliebe gebiete es dem wahren Christenmenschen gerade nicht, lediglich die Symptome zu kurieren, sprich: milde Gaben zu verabreichen. Vielmehr müsse er das Übel an der Wurzel packen und die Bettelei im Grundsatz beseitigen.

Andere Formen des Protestantismus formulierten die neue Weltsicht noch radikaler. Calvinismus und Puritanismus sahen im Erfolg des Menschen im Diesseits einen "Fingerzeig Gottes" auf seine Stellung im Jenseits. Im Sinne dessen, was Max Weber später die "protestantische Arbeitsethik" nannte [13], hatte sich jedes Menschengeschöpf damit bereits im Diesseits seinen Platz "in der Nähe Gottes" zu erarbeiten. Wer dieser Verpflichtung, gleichgültig ob verschuldet oder unverschuldet, nicht nachkam, galt als "gottferner" Müßiggänger und Schmarotzer. Das Betteln, nämlich das Ansinnen, Gaben ohne (materielle) Gegenleistung zu empfangen, war somit ein Zeichen des Betrugs - nicht nur am Mitmenschen, sondern an Gott selbst. Es musste daher unterbunden werden.

An der Beseitigung der Bettelei war, wenngleich aus einer anderen Perspektive, auch den Vertretern des Humanismus gelegen. Zu nennen sind hier Erasmus von Rotterdam (1469 - 1536), Thomas Morus (1478 -1535) und besonders Johann Ludwig Vives (1492 - 1540).

Vives begründete seine Forderung nach einem ausnahmslosen Bettelverbot in seiner Schrift "De subventione pauperum" von 1526 damit, [dass] in jedem Menschen eine natürliche Freude an der Arbeit angelegt sei, die durch andauernde Untätigkeit "verschüttet" werden könne. Diese Untugend könne bei jedem Bettler - auch bei dem kranken oder alten - durch eine angemessene Arbeit beseitigt werden. Hierbei setzte Vives generell zunächst auf Freiwilligkeit. Den Arbeitsunwilligen dagegen wollte er durch Behandlung in einer Zwangsarbeitsanstalt bestrafen und zugleich auch erziehen. [14]

Die "Armenfabriken"

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wurden die ersten so genannten "Zucht- und Werkhäuser" errichtet, zuerst in Frankreich und England, im 17. Jahrhundert dann auch in Deutschland. Die Zuchthäuser erfüllten drei Aufgaben: Sie dienten dazu, (1) die soziale Not "echter" Bedürftiger zu lindern, (2) Arbeitsunwillige zu läutern und (3) notorische Arbeitsverweigerer zu bestrafen. Mit anderen Worten: Sie verknüpften die Funktionen von Armenhaus, Arbeitshaus und Besserungs- bzw. Strafanstalt, in die man "das zuchtlose Volk einsperrte, um es durch strenge Zucht und harte Arbeit an ein ordentliches Leben zu gewöhnen" [15]. In diesem Zusammenhang stellten, zunächst nebenbei, später dann sehr offensichtlich, die Zuchthäuser ein Reservoir billiger Arbeitskräfte, aus dem sich die Oberen, je nach Notwendigkeit, nach Belieben bedienen oder in das sie "überzählige" Arbeiter abschieben konnten.

An diesem Zustand änderte sich auch nichts, als in der Zeit der Aufklärung die Zuchthäuser - etwa in Preußen - unter der Bezeichnung "Landesarmenhäuser" firmierten. Formal hatten auch diese Häuser den Anspruch, die bedürftigen, wiewohl vernunftbegabten Menschen in staatliche Obhut zu nehmen und zu "erziehen". In der Praxis fungierten sie jedoch zumeist als "Armenfabriken". Die drakonischen Strafen des Mittelalters - Brandmarkung, Prügel, Auspeitschen, Verstümmelung, Aufs-Rad-Flechten, Hängen - wurden lediglich durch eine (womöglich lebenslange) Arbeitsstrafe ersetzt.


[13] Max Webers "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" ist zuerst erschienen im "Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik", Bd. XX und XXI (1904/05). - Vgl. auch M. W.: "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus - Vollständige Ausgabe", herausgegeben und eingeleitet von Dirk Kaesler, München 2004.

[14] Dieter Bindzus/Jérome Lange: "Ist Betteln rechtswidrig? Ein historischer Abriss mit Ausblick". Aus: Juristische Schulung 6/96, S.482ff, überarb. 2/02. Hier zitiert nach: Jurawelt - Strafrechtliche Aufsätze.
URL: http://www.jurawelt.com/aufsaetze/strafr/3554

[15] Krohne: "Lehrbuch der Gefängniskunde unter Berücksichtigung der Kriminalstatistik und Kriminalpolitik", 1889, S. 15.

Bild:

[i] "Bettler vor der Türe" (Rembrandt, 1648).


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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