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1.4 Betteln heute

Die Einstellung der heutigen deutschen Gesellschaft zum Betteln ist ambivalent. Sie reicht vom traditionellen Misstrauen gegenüber dem "arbeitsscheuen Gesindel" über Verständnis für die Situation der durchs "soziale Netz" Gefallenen bis hin zur sozialromantischen Verklärung des "einfachen Lebens".

Bettler und Öffentlichkeit

  Bettel-Legende
Legende eines Kölner Bettlers (Hohe Straße, 28.10.2004, 14.20 Uhr).
Positiv ist immerhin zu vermelden, dass inzwischen nicht mehr nur über die Bettler gesprochen wird, sondern auch mit ihnen. Zum Teil haben sie sich mittlerweile sogar zu Interessengruppen zusammengeschlossen.

Auch in den Medien wird ein differenzierteres Bild gezeichnet. Einer der Pioniere, die Verständnis für Obdachlose, Almosenempfänger, soziale Außenseiter insgesamt wecken wollten, war der Autor Michael Holzach, der sich zeitweilig selbst für mehrere Wochen oder gar Monate unter die "Outcasts" begab, anschließend in Zeitungsartikeln und Büchern darüber berichtete und leider auf einer seiner "Touren" ums Leben kam [18]. Umfangreichere Bettel-Selbstversuche - außer dem bereits weiter oben geschilderten in Moskau - gab es auch in Österreich und in der Schweiz [19]. Und die Berliner Obdachlosenorganisation mob bot vor einiger Zeit sogar - als PR-Aktion, versteht sich - ein so genanntes "Betteldiplom" an, das eine Ausbildung in drei Pflichtdisziplinen und einem Wahlfach voraussetzte, darunter "Sitzen" (klassisches Betteln), Verkauf von Obdachlosenzeitungen, "Kirchenstich" (Betteln bei der Geistlichkeit) und "Containern" (Sammeln von Pfandflaschen aus dem Müll) [20].

Ursachen des Bettelns

Der Hauptgrund für das Betteln ist in Deutschland heutzutage in der Obdachlosigkeit zu suchen. Diese hat mehrere Ursachen. Bei etwa 4 von 10 Betroffenen liegt der Wohnungsverlust in der Trennung oder Scheidung vom Partner begründet. Ein Fünftel der Obdachlosen lebt nach dem Auszug aus der elterlichen Wohnung auf der Straße. Etwa 10 Prozent fliehen vor (meist sexueller) Gewalt.

Ansonsten sind für die Obdachlosigkeit meist Mietschulden verantwortlich. Bei Männern, besonders bei solchen mit fehlender Berufsausbildung, spielen hier oft plötzliche Arbeitslosigkeit oder hohe Unterhaltskosten nach einer Scheidung eine Rolle, bei Frauen, die häufig gar nicht, in Teilzeit bzw. nur geringfügig beschäftigt waren, ist es die Altersarmut [21]. Zudem führen vielfach Drogenprobleme in die Obdachlosigkeit.

Neben den Obdachlosen gibt es aber auch Personen, die zwar eine Bleibe haben und sozial eigentlich abgesichert sind, sich aber durch das Betteln etwas "hinzuverdienen". Zu nennen sind hier zum einen Personen, die staatliche Sozialleistungen empfangen und denen meist auch eine Wohnung zugewiesen worden ist, die aber aus der "Tradition" früherer Obdachlosigkeit heraus weiter betteln, zum andern Teilgruppen der so genannten Straßenkinder, nämlich solcher Jugendlicher bzw. junger Erwachsener, die zwar überwiegend auf der Straße leben, aber noch zu Hause schlafen und auch von dort Unterhalt beziehen. [22]

Verglichen mit den im Mittelalter zu verzeichnenden Gründen für das Betteln (Verwaisung, Behinderungen, Invalidität, Krankheit, Alter, Hausbrände usw.) nimmt sich die Liste der heutigen Gründe recht bescheiden aus. Entsprechend findet man in den deutschen Fußgängerzonen heutzutage auch kaum noch einheimische Almosenempfänger, die (nur) aus Krankheitsgründen oder wegen einer Behinderung an den "Bettelstab" geraten sind. Hier ist die Wirkung des modernen Sozialstaats deutlich zu spüren.

Anders sieht die Sache bei den ausländischen Bettlern aus, die die deutschen Fußgängerzonen zunehmend bevölkern. Hier kann man in gewissem Sinne tatsächlich von einem Zusammenprall der Kulturen - oder besser noch: der Epochen - sprechen. Bettler aus Ost- und Südosteuropa halten, zum Teil grotesk entstellt [23] und/oder in religiöser Pose, den wohlfahrtsstaatlich versorgten Einheimischen den Spiegel einer anderen Zeit vor.

Rechtsfragen

Juristisch gesehen hat sich in Deutschland an der Aufhebung des Bettelverbots bis heute nichts geändert. Zwar regte sich in den 90er-Jahren in mehreren Städten der Wunsch, den Almosenempfang wiederum zu verbieten [24], doch erteilten die Gerichte diesen Bestrebungen durchweg eine Absage. In letzter Zeit ist allerdings speziell im süddeutschen Raum im Zusammenhang mit organisierten osteuropäischen Bettlerbanden erneut der Ruf nach einer ordnungs- oder gar strafrechtlichen Reglementierung des Bettelwesens laut geworden. Hierüber wird im folgenden Kapitel noch zu berichten sein.


[18] Michael Holzach: "Betteln ist schwerer als arbeiten", in: Zeit-Magazin, Nr.36 (29. August 1975); wieder veröffentlicht in: M. H.: "Zeitberichte. Mit Fotos von Timm Rautert", München 1989, S.40-46. Hier zitiert nach der URL:
http://userpage.fu-berlin.de/~zosch/ops/holzach.html

[19] In Österreich gingen Oberndorfer Hauptschüler im Rahmen eines "Favela"-Projekts als "Straßenkinder" betteln. In der Schweiz wurde am Rande der Expo 02 (Biel) unter dem Motto "Betteln erlaubt" zwei Wochen lang stundenweise der Almosenempfang gestattet. - Vgl. Katharina Wörndl: "Das Betteln war peinlich", in: Salzburger Nachrichten vom 6.7.2002.
URL: http://www.salzburg.com/sn/wochenschau/wuwawi/wuwawi06072002.pdf
Ferner: Philippe Kropf: "Wohlstands-Betteln an der Expo", in: SwissInfo/Expo Archive (Schweizerische Landesausstellungen) vom 29.8.2002.
URL: http://expo-archive.ch/ger/index.html?siteSect=521&sid=1302869&cKey=1030716480000

[20] Britta Steffenhagen: "Lizenz zum Betteln - Die Obdachlosenorganisation mob bietet neuerdings eine professionelle Bettelausbildung mit Fachabschluss an: Ausbildung in drei Pflichtfächern und einem Wahlfach", in: taz (Berlin), Nr.5522 vom 4.5.1998, S.24.
URL: http://userpage.fu-berlin.de/~zosch/mob/bettel/betteltaz.html

[21] Vgl. hierzu auch die Ausführungen in unserer ersten "Bettelarm"-Studie.
URL http://www.sowi.st-ursula-attendorn.de/ba/badoku01.htm#12

[22] Vgl. hierzu das Kapitel über Straßenkinder in unserer ersten "Bettelarm"-Studie.
URL http://www.sowi.st-ursula-attendorn.de/ba/badoku02.htm

[23] Vgl. z. B. Bruno Schrep: "Jeden Tag Prügel. Früher wurden solche Menschen als Monster zur Schau gestellt. Heute versuchen Bettler mit bizarren Körperschäden, in Großstädten das Mitleid der Passanten zu erregen", in: Spiegel online vom 7.11.2005 (Spiegel Nr.45/2005).
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-383415,00.html bzw.
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,383415,00.html

[24] Vgl. Frank Rumpf/Ulrich Stock: "Betteln in den Innenstädten soll verboten werden", in: Die Zeit, Nr.42/1996.
URL: http://zeus.zeit.de/text/archiv/1996/42/bettler.txt.19961011.xml


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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