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2.2 Psychologische Aspekte

Wer bettelt, hat ein Anliegen, das sich an andere richtet. Er muss deshalb

2.2.1 Der Bettelort

Das Wichtigste ist also zunächst einmal, einen geeigneten "Bettelort" zu finden, an dem der Bettler auf potenzielle Spender trifft. Der Almosenempfänger hat hierbei zwei unterschiedliche Strategien zur Auswahl: Er kann entweder einen Ort wählen, an dem ihm - in breiter Streuung - möglichst viele potenzielle Geber begegnen, oder aber eine Situation arrangieren, in der er eine bestimmte Zielgruppe punktgenau anspricht.

Betteln an der Haustür

Die letztere Strategie war früher, bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, durchaus üblich: Bettler gingen in "besseren" Wohnvierteln von Tür zu Tür und baten die meist anwesenden Hausfrauen um eine Spende.

In den letzten Jahrzehnten ist dieser Bettlertypus allerdings kaum noch anzutreffen. Erstens kommt das Klingeln an der Haustür und das "Einreden" auf den potenziellen Spender dem (verbotenen) "aggressiven Betteln" bedenklich nahe. Zweitens mag eine Rolle spielen, dass sich aufgrund des gesellschaftlichen Wandels (Berufstätigkeit von Frauen, mehr Single-Haushalte usw.) tagsüber nicht mehr in gleichem Maße wie früher die Türen öffnen. Und drittens haben einschlägige Fernsehsendungen, die vor Trickbetrügern warnen, das Misstrauen gegenüber allen Fremden, die vor der Haustür stehen, gefördert.

Verschwunden ist das zielgruppengenaue, "präzise" Betteln freilich nicht. Es lässt sich heutzutage noch in einigen "ökologischen Nischen", etwa vor Kirchentüren, finden, wo Bettler auf die Mildtätigkeit der ohnehin karitativ eingestimmten Gottesdienstbesucher hoffen.

In größerem Umfang ist das "präzise" Betteln auch in einer modernen Variante zu beobachten, nämlich bei karitativen Organisationen, die häufig gezielt einen bestimmten (meist akademischen) Adressatenkreis anschreiben, die Notlage einer Personengruppe kurz schildern, um eine Spende bitten und das passende Überweisungsformular gleich dazulegen.

Betteln in Fußgängerzonen

Die andere Bettelstrategie - nämlich potenzielle Spender in breiter Streuung anzusprechen - ist heutzutage allerdings die augenfälligere. Dabei gibt es vorrangig einen Bettelort, an dem man auf viele Geber hoffen kann: das Zentrum einer größeren Stadt und dort vor allem die Fußgängerzone oder zumindest ein verkehrsberuhigter Bereich.

  Bettler mit Hund
Bettler mit Hund (Köln, Schildergasse).
Die Fußgängerzone bietet, psychologisch gesehen, für den Bettler mehrere Vorteile:

Die Frage, welcher Platz innerhalb der Fußgängerzone für das Anliegen eines Bettlers der geeignetste ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Gleichwohl lassen sich hier aus unseren Beobachtungen immerhin drei Thesen aufstellen:

These 1: Der Ort, an dem die meisten Passanten vorbeilaufen, ist nicht unbedingt der günstigste.

In unseren eigenen Experimenten konnten wir feststellen, dass dort, wo innerhalb von zwei Stunden mehr als achttausend Personen vorübergingen, nicht automatisch mehr gespendet wurde als dort, wo es lediglich einige hundert waren. So erhielten unsere Bettelagenten, die, ausgestattet mit "Standard-Legenden", am ersten Adventssamstag 2004 in der stark frequentierten Kölner Fußgängerzone saßen, in zwei Stunden zwischen 14 und 19 Euro; eine andere Bettelagentin hatte ein halbes Jahr zuvor in der nur wenig besuchten Gummersbacher Fußgängerzone in knapp zwei Stunden etwa 12 Euro und mehrere Sachspenden (Gebäck im Wert von 3 bis 4 Euro) eingesammelt.

Wichtig für das erfolgreiche Betteln ist offenbar nicht die Quantität, sondern die Qualität der Begegnungen. Hier kann sich eine gewisse "Leere", die den Almosenempfänger umgibt, als förderlicher erweisen als das "Bad in der Menge".

These 2: Der Akt des Bettelns ist in einer entspannten, für die Passanten stressarmen Atmosphäre erfolgreicher als in einer von Hektik geprägten Umgebung.

Amerikanische Forscher haben nachgewiesen, dass sich Menschen, die Zeit haben, in der Regel als hilfsbereiter erweisen als solche, die in Eile sind. [11]

Von dieser offensichtlichen Gesetzmäßigkeit profitierte auch unser Bettelagent in Attendorn, der, bei strahlendem Wetter in der Nähe des samstäglichen Wochenmarkts platziert, in zwei Stunden über 23 Euro einnahm. Er war über Jahre hinweg der erste Bettler, den die Attendorner zu Gesicht bekamen. Angesichts des schönen Wochenend-Wetters in Geberlaune und angetan von der offenkundigen Unaufdringlichkeit des Bedürftigen, der "bescheiden", wiewohl unübersehbar, "am Rande" des Geschehens saß, zeigten sich die Passanten großzügig.

These 3: Es ist vorteilhaft, den einmal gewählten Bettelort beizubehalten.

Spenden ist Vertrauenssache. Bei aller Großzügigkeit, die ein Spender an den Tag legt, möchte er letztendlich doch wissen, dass sein Geld nicht in falsche Hände gerät - oder anders gesagt: dass der Bettelnde tatsächlich bedürftig ist.

Ein "vagabundierender" Bettler, den man vielleicht nur einmal zu Gesicht bekommt, ist wenig geeignet, dieses Vertrauen herzustellen. Findet ein Passant jedoch an jedem Tag, an dem er eine bestimmte Stelle passiert, dort "seinen" Bettler vor, verschafft ihm das ein Gefühl der Sicherheit, seine Geldspende an den Richtigen zu geben.

Tatsächlich konnten wir feststellen, dass die "Standorttreue" von Bettlern die Spendenbereitschaft der Passanten offensichtlich erhöht.

Dies ließ sich in einem unserer Gummersbacher Bettelszenarien gut nachweisen. Unsere Bettelagentin, eine verhärmt wirkende, etwas "heruntergekommen" aussehende Achtzehnjährige, die ein Pappschild mit der Aufschrift "Habe Hunger" vor sich hielt und direkt vor einem Straßencafé Platz genommen hatte, erhielt zwar vielfältige Spenden; zugleich konnten wir jedoch beobachten, dass ein "echter" Bettler, der nur wenig älter als sie war (wir schätzten ihn auf Mitte zwanzig; er selbst gab an, 27 zu sein) und der nur etwa zehn Meter von ihr entfernt saß, im gleichen Zeitraum erkennbar mehr einnahm. Er saß bereits seit mehreren Monaten immer an derselben Stelle vor einem Einkaufszentrum und hatte offenbar "Stammkunden", die ihm regelmäßig spendeten und dabei auch schon mal ein paar knappe Worte mit ihm wechselten. - Bei ihm wie auch bei einem anderen Bettler in Köln, der auf der Hohe Straße ebenfalls einen Stammplatz hatte, konnten wir darüber hinaus beobachten, dass man sich als Almosenempfänger gelegentlich sogar von seinem Platz entfernen kann und dass trotzdem weiter gespendet wird, sofern man nur seine Geldschale, sein Pappschild und ein paar Habseligkeiten liegen lässt.

2.2.2 Die Bedürftigkeit

Mindestens genauso wichtig wie die Frage nach dem geeigneten Bettelort ist für den Almosenempfänger die nach einer geeigneten Strategie, um seine Bedürftigkeit plausibel zu machen. Folgende Aspekte scheinen dabei eine Rolle zu spielen:

Bettelumgebung

Mit "unmittelbarer Bettelumgebung" ist gemeint, dass der konkrete Platz, an dem sich ein Bedürftiger positioniert, meist sehr sorgfältig ausgesucht ist. Hierbei kommen drei Kriterien zum Tragen:

Darüber hinaus kommt es in vielen Bettelumgebungen auf die Feinheiten an. So platzieren sich die Almosenempfänger auf Zuwegungen (zum Beispiel am Eingang zur Kirche) häufig auf der rechten Seite, da die meisten Passanten eher mit rechts geben. - Der Platz vor fußgängerzonentypischen Pflanzkübeln ist als Bettelort meist unbeliebt, da sich der nahe Blumenschmuck negativ auf den Eindruck von "Bedürftigkeit" auswirken könnte.

Das Äußere

Eine Wirkung, die hingegen sehr deutlich Bedürftigkeit signalisiert, liegt im Äußeren des Almosenempfängers: Das Tragen aus der Mode gekommener, darüber hinaus oft bunt zusammengewürfelter und vor allem abgenutzter Kleidung ist in der Regel ein Muss; der Haarschnitt (falls vorhanden) gibt sich unauffällig.

Eine Ausnahme bilden hier lediglich die so genannten Straßenkinder - Jugendliche und junge Erwachsene, die meist in Cliquen auftreten und gelegentlich aggressiv (durch Ansprechen der Passanten) betteln. Sie unterscheiden sich von den "klassischen" Bettlern meist durch eine deutlich auffälligere Kleidung und eine "durchgestylte", "punkige" Frisur.

Habseligkeiten

Auch die Habseligkeiten des Almosenempfängers erwecken meist den Eindruck von Hilflosigkeit und Bedürftigkeit. Typische Requisiten sind hierbei verschmutzte, altmodische Decken oder aufgerissene Pappdeckel als Sitzunterlage sowie ein oder zwei Plastiktüten (vorzugsweise von Aldi oder Lidl) als Taschen für das bescheidene Gepäck.

Kunstledertaschen, Plastikrucksäcke oder zusammengerollte Schlafsäcke, die einige Bettler bei sich führen, sprechen zwar nicht gerade für Luxus, können unter Umständen aber - je nach Umfeld - den Eindruck besonderer Bedürftigkeit konterkarieren. Insignien des gehobenen Konsums sind ohnehin tabu - ebenso wie (sichtbare) Alkoholika jeder Art.

Als Behälter für das eingenommene Geld wird meist mit Fastfood-Einweggeschirr (Cola- bzw. Eisbecher, Pommes-frites-Schälchen) oder aber einem monochromen Plastikbecher improvisiert. Die Verwendung der monochromen Becher (häufig in Blau, Gelb oder Rot) in Bettlerkreisen ist stadtübergreifend so augenfällig, dass sich hierzu wahrscheinlich eine eigene Untersuchung lohnen würde.

In aller Regel enthalten die Geldbehälter ein paar (nicht zu viele) Münzen. Erreicht wird damit dreierlei:

Platziert werden die Geldbehältnisse übrigens im Allgemeinen exakt vor dem Bettelnden. Alternativen hierzu, etwa eine seitliche Positionierung, haben sich offenbar nicht bewährt.

Dass mit einem seitlich aufgestellten Becher nicht viel Gewinn zu machen war, konnten wir in einem unserer Kölner Bettel-Szenarien feststellen. Da dieses Szenario jedoch auf einer untypischen Legende beruhte ("Jesus lebt! Ich bete für euch"), ist die Erklärung, dass die geringen Spenden (3,50 Euro in zwei Stunden) auf die Position des Bechers zurückzuführen seien, nicht zwingend.

Sieht man einmal von der Betteltechnik der "aufgehaltenen Hand" ab, so ist der Geldbehälter das Erkennungszeichen des heutigen Bettlers schlechthin. Ohne ihn wäre der Almosenempfänger zum Beispiel nicht von einem rastenden Touristen zu unterscheiden. Unseren Beobachtungen zufolge spielt die Größe des Behältnisses dabei keine Rolle; auch ein kleiner leerer Eisbecher als Andeutung einer Bettelschale genügt. Der Topos des Bettlers mit frontal platzierter Schale ist in den Köpfen der Passanten offenbar so fixiert, dass ein Geldbecher auch bei dichtem Publikumsverkehr (fast) nie übersehen und umgeworfen wird. Auf alles kann ein Bettler verzichten: auf zerlumpte Kleidung (heutzutage ohnehin die große Ausnahme), auf ein Pappschild, auf eine zur Schau gestellte Körperbehinderung, selbst auf eine besonders "bedürftige" Mimik - nicht jedoch auf den Geldbehälter.

Körperhaltung, Gestik, Mimik

  Bettler vor dem Dom
Bettler am Seiteneingang des Kölner Doms.
Wer bedürftig erscheinen will, muss demütig sein, sich unterordnen, sich "klein machen". Ein sichtbares Zeichen dieser Unterordnung ist das Auf-dem-Boden-Hocken. Fast alle Bettler, denen wir begegnen, sitzen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße.

Typische Körperhaltungen sind hierbei die Embryonalstellung (beide Beine angewinkelt vor der Brust) oder der Schneidersitz. In (meist altersbedingten) Sonderfällen werden die Beine aber auch seitlich ausgestreckt, ohne allerdings die Vorbeigehenden zu behindern.

Der Oberkörper des Bettelnden ist im Allgemeinen leicht vornüber geneigt, der Kopf gesenkt, der Blick teilnahmslos, die Blickrichtung geht häufig nach unten, verharrt manchmal auch in der Waagerechten. Nur im Ausnahmefall schaut ein Bettler die Passanten gezielt an - zumeist höchstens als "Dankeschön" nach einer Spende.

Ähnlich wie das Bettelbehältnis gehört auch die beschriebene Körperhaltung fest zum Klischee des heutigen Bettlers. Sie unterscheidet sich so deutlich von dem Auftritt der übrigen Fußgängerzonenbenutzer, dass jedermann einen Almosenempfänger auch in dichtem Gedränge sofort wahrnimmt. Unseren Beobachtungen nach ist kein einziger Bettler, auch wenn er sich noch so "klein machte", jemals von einem Passanten "umgerannt" worden - auch wenn es Letzterer noch so eilig haben mochte und deshalb unaufmerksam erschien.

Die "Legende"

Um seine Bedürftigkeit zu unterstreichen, kann es hilfreich sein, die Passanten "anzusprechen". Da die direkte verbale Ansprache als "aggressives Betteln" ausgelegt werden könnte, behelfen sich viele Bettler mit einem (mit Filzstift) beschriebenen Pappschild, das entweder lediglich einen kurzen Appell ("Bitte um eine Spende") oder aber eine kompakte Erklärung der Lebenssituation ("Bin unverschuldet in Not geraten", "Komme aus dem Gefängnis", "Bin obdachlos") enthält.

In unserer Diktion bezeichnen wir einen solchen Pappschild-Text im Folgenden als Legende, wobei dieser Terminus durchaus doppeldeutig zu verstehen ist: Eine Legende ist einerseits die auf einem wahren Kern beruhende, jedoch phantasievoll ausgeschmückte Lebensgeschichte eines Heiligen, andererseits aber auch eine Zeichenerklärung (zu einer Landkarte, Tabelle usw.) - in unserem Fall eine "Zeichenerklärung" zu einem menschlichen Schicksal.

Freilich sollte man das Pappschild nicht überbewerten. Wie wir feststellen konnten, spenden die Passanten manchmal sogar trotz einer ungewöhnlichen Legende - vermutlich, weil sie sich gar nicht erst die Mühe machen, lange Erklärungen durchzulesen.

Beobachten konnten wir dies zum Beispiel in Gummersbach. Dort erhielt unser Bettelagent, ausgestattet mit einem provokativen Schild ("Muss später drei Rentner versorgen. Bitte helft!"), außer empörten Kommentaren auch einige Spenden, die offensichtlich in Unkenntnis der Legende gegeben wurden.

2.2.3 Der Überraschungseffekt

Das letztgenannte Beispiel zeigt, dass die zur Schau gestellte Bedürftigkeit (bzw. Nicht-Bedürftigkeit) des Bettlers und die Reaktionen der Passanten nicht unbedingt zueinander in Beziehung stehen müssen. Zwar ist jeder gerne bereit, dem Geber eines Almosens Züge von Empathie und Mildtätigkeit zu unterstellen, doch sind für das Spenden oft ganz andere Gründe ausschlaggebend. Häufig lässt den vermeintlich Mildtätigen nämlich nicht die Nächstenliebe handeln; vielmehr gibt er, weil er von der Bettelsituation schlichtweg überwältigt wird.

Der Freikauf

Einige Bettler, insbesondere so genannte "aggressive", legen es auf diese Überrumpelungstaktik geradezu an. Sie konfrontieren ihre "Zielperson" in einem für diese völlig überraschenden Kontext mit ihrem Anliegen, der Bitte um eine Spende. Der solchermaßen Überrumpelte folgt häufig diesem Wunsch, da er - unvorbereitet, wie er ist - auf die Schnelle keine geeignete alternative Problemlösungsstrategie entwickeln kann. Als scheinbar vom Schicksal Getriebener handelt der Spender dabei in Wirklichkeit gemäß einem streng rationalen Sanktionskalkül: Er errechnet sich, meist un- oder nur halb bewusst, dass ihn die Spende "preiswerter" kommt als eine lange Diskussion über die Legitimität des Ansinnens oder gar der Versuch, die Nichterfüllung des Wunschs gegenüber Dritten zu rechtfertigen. Mit anderen Worten: Der Spender kauft sich frei.

Dass die Überrumpelungstaktik fast immer funktioniert, zeigt auch ein Fall aus einem ganz anderen Kontext. Im Jahr 1972 wurden einige Studenten im Rahmen eines sozialpsychologischen Experiments in die New Yorker U-Bahn geschickt; sie sollten dort in voll besetzten Waggons überraschend, doch völlig grundlos Fahrgäste um ihren Sitzplatz bitten. Tatsächlich standen etwa zwei Drittel der Sitzenden bereitwillig auf, ohne viel nachzufragen. Als das Experiment im Jahr 2004 wiederholt wurde, kam man zu ähnlichen Resultaten. [12]

Die Opfergabe

Eine spezielle Form der Überrumpelungstaktik ist in den letzten Jahren im Zusammenhang mit meist osteuropäischen Bettlern zu beobachten. Diese präsentieren sich in den hiesigen Fußgängerzonen häufig als Relikte aus einer anderen Welt bzw. Zeit. Ihre Körperbehinderungen, Verwachsungen, Verkrüppelungen erinnern an Zustände, wie sie im Mittelalter geherrscht haben müssen, wie sie aber im heutigen Mitteleuropa völlig unbekannt sind.

Jordan B., genannt "Dancio", kauert geduckt auf einem Kinderdreirad. Er ist winzig, kaum 50 Zentimeter hoch. Unter seinem Oberkörper ragen hinten zwei kleine Füße in wollenen Socken heraus, Beine sind nicht zu sehen. In der ausgestreckten rechten Hand hält er einen weißen Plastikbecher. "Bitte, bitte", ruft er ab und zu, und "Geld, Geld". - Dancio sitzt da, wo Hamburg am vornehmsten und teuersten ist: auf den polierten weißen Steinplatten des Jungfernstiegs. Elegant gekleidete Passanten mit Einkaufstüten hasten an Dancio vorbei. Die meisten gucken schnell weg, wenn sie Dancio bemerken, beschleunigen ihren Schritt. Andere bleiben stehen, starren neugierig auf das von einer Jeansjacke verhüllte Bündel Mensch. [...] Der 32-jährige Mann gehört zu einer Gruppe von schwerbehinderten Bettlern aus Osteuropa, die in westdeutschen Großstädten wie München oder Hamburg versuchen, ein paar Euro abzubekommen. [...} [Die Fremden brechen dabei ein Tabu:] Um Mitleid zu erregen, stellen sie ihre teils extremen Behinderungen zur Schau - für die meisten Großstädter eine erschütternde, verstörende, aber auch faszinierende Konfrontation. [...] Seit dem Kollaps des Ostblocks gehören deformierte Menschen wieder mehr und mehr zum Alltagsbild deutscher Städte, bedrückendes Symbol für das enorme Wirtschaftsgefälle innerhalb Europas. [13]

Wenn den "Deformierten" von Vorübergehenden gegeben wird, dürfte neben der Mildtätigkeit und dem Sich-Freikaufen noch ein dritter Aspekt eine Rolle spielen. Der Geldsegen ist oft vermutlich weniger eine Spende an einen konkret Bedürftigen als vielmehr eine Opfergabe im archaischen Sinne: Man dankt seinem Schöpfer, den Göttern, dem Schicksal, wem auch immer, dass man von derartigen Prüfungen und Leiden, wie sie der Bettler vorweist, verschont geblieben ist, und hofft so insgeheim auch, durchaus im abergläubisch-mittelalterlichen Sinne, dass man durch seine Gabe das Schicksal bestechen und sein "Leben im Glück" noch eine Weile fortsetzen kann.

"Es heißt" - so schreibt Elias Canetti in Die Stimmen von Marrakesch -, "dass die Armen fünfhundert Jahre vor den Reichen ins Paradies eingehen werden. Durch Almosen kauft man den Armen etwas vom Paradies ab." [14]


[11] J. M. Darley/C. D. Batson: "From Jerusalem to Jericho: A Study of Situations and Dispositional Variables in Helping Behavior", in: Journal of Personality and Social Psychology 27 (1973), S.100-108. - Hier zitiert nach: Reto M. Schneider: "Das Buch der verrückten Experimente", München 2004, S.203-207.

[12] Das Experiment wurde von dem bekannten Sozialpsychologen Stanley Milgram initiiert. - Vgl. Michael Luo: "Excuse Me. May I Have Your Seat? - Exploring the Social Boundaries of Subway Seating", in: The New York Times vom 14.9.2004.
URL: http://www.nytimes.com/2004/09/14/nyregion/14subway.html

[13] Bruno Schrep: "Jeden Tag Prügel. Früher wurden solche Menschen als Monster zur Schau gestellt. Heute versuchen Bettler mit bizarren Körperschäden, in Großstädten das Mitleid der Passanten zu erregen", in: Spiegel online vom 7.11.2005 (Spiegel Nr.45/2005).
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-383415,00.html bzw.
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,383415,00.html

[14] Hier zitiert nach: Wikipedia, Stichwort "Almosen".
URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Almosen


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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