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2.3 Individuelles Betteln "in Gesellschaft"

Bettler führen ein ambivalentes Dasein. Sie leben zum einen mitten in und zum anderen am Rande der Gesellschaft. "Mitten in" bedeutet, dass sie sich, schon um ihren Lebensunterhalt zu sichern, zumeist dort aufhalten, wo gesellschaftliches "Leben" ist, wo gekauft, kommuniziert, gemeinschaftlich "erlebt" wird. Zugleich leben sie jedoch am Rande dieser Konsum- und Erlebnisgesellschaft, wahrgenommen zwar, doch vereinzelt und "für sich".

Diese Vereinzelten nun (wie wir es im Folgenden tun werden) zu kategorisieren mag gewagt erscheinen. Selbstverständlich lässt sich aus unserer mehr oder minder phänomenologischen Beobachtung keine seriöse "Bettler-Typologie" ableiten. Doch bietet eine solche - vorläufige - Kategorisierung zumindest die Chance, als Arbeitsgrundlage für weitere Untersuchungen einige Tendenzen im Almosenempfang aufzuzeigen und zu prononcieren.

Neuzeitliche Bettler

Der Bettler, den wir als neuzeitlich bezeichnen, könnte genauso gut auch "zeitgenössisch" oder "moderner Standard-Bettler" genannt werden. Gemeint ist mit der Formulierung "neuzeitlich" zum einen, dass dieser Typus von Almosenempfänger in der heutigen Gesellschaft der Normalfall ist, zum anderen, dass er sich in seinem Duktus von dem weiter unten als "traditionell" bezeichneten Bettlertypus unterscheidet.

Köln, Hohe Straße Köln, Neumarkt
Köln, Zeppelinstraße Köln, Neumarkt
Bettler in "neuzeitlicher" Haltung in der Kölner Innenstadt.

In der Tat ist der neuzeitliche Bettler der derzeit am häufigsten zu beobachtende Almosenempfänger in deutschen Fußgängerzonen. Er verhält sich ganz gemäß den weiter oben aufgestellten "Regeln": Er hockt in alter Kleidung auf einer Decke oder Pappe in einer Nische oder vor einem Mülleimer, hat neben sich mitunter ein oder zwei Plastikbeutel oder -taschen mit seinem Besitz liegen und blickt undefinierbar auf den Boden oder allenfalls in die Waagerechte, schaut aber niemals zu den Passanten hoch. Gelegentlich hat er die Augen geschlossen, erweckt damit den Eindruck, zu dösen oder zu schlafen. Vor ihm steht ein kleiner Papp- oder Plastikbecher für Geldspenden; darin befinden sich einige (nicht zu viele) 10- und 20-Cent-Stücke (keine kleineren Münzen, denn die würden allenfalls zu mäßigen Spenden animieren). Der neuzeitliche Bettler ist meist männlich (wie sich überhaupt unter den Bettlern mehr Männer als Frauen finden), zeigt aber auch als Frau das beschriebene Verhalten.

Das Auffälligste am neuzeitlichen Bettler ist seine absolute Unauffälligkeit: Weder tritt er in Lumpen auf noch präsentiert er eine Körperbehinderung oder ein sonstiges Gebrechen. Angesichts der Pluralität der heutigen Mode ist er vielfach noch nicht einmal an seiner Kleidung zu erkennen; lediglich sein frontal positioniertes Geldbehältnis kennzeichnet ihn.

Und unauffällig werden ihm auch die Spenden übergeben: schnell, im Vorbeigehen, meist ohne ein Wort, häufig von Passanten, die ihn schon länger "kennen".

Das Signal, das vom neuzeitlichen Bettler ausgeht, ist eindeutig: Er hat resigniert, hat sich von der Gesellschaft abgekoppelt, sucht, so hat es den Anschein, auch keinen Kontakt, weder mit Blicken noch verbal. Erst recht nicht geht er auf "Tuchfühlung" mit den Passanten. Kennzeichnend für die Bettelsituation ist das kommunikationsarme Nebeneinander von Almosenempfänger und Vorübergehenden.

Traditionelle Bettler

Der traditionelle Bettler hat vieles mit dem neuzeitlichen Bettler gemein: die Kleidung, das Auf-dem-Boden-Hocken, das Pappschild. Doch unterscheidet ihn etwas Wesentliches: Er nimmt zwar die inferiore Position ein, sucht jedoch - zumindest indirekt - die Kommunikation mit den potenziellen Spendern; er leistet, wenn man so will, Bettelarbeit.

So legt er zum Beispiel großen Wert auf die tradierte, teils archaische Bettel-Symbolik, wie man sie etwa auf mittelalterlichen Bildern (beispielsweise zum Heiligen Martin) findet. Häufig benutzt der Bettler deshalb statt eines Spendenbechers die traditionelle Schale, die er zudem in einer Hand hält und den Passanten entgegenstreckt. In diesem Kontext hält er den Blick auch nicht gesenkt, sondern "fleht" die Vorübergehenden mit den Augen an. Weibliche Bettler benutzen statt einer Geldschale mitunter auch die offene Hand, nehmen also die physische Berührung mit dem Spender bewusst in Kauf.

Vervollständigt wird die archaische Symbolik gelegentlich dadurch, dass sich der traditionelle Bettler als Bettelort eine über Jahrhunderte hinweg erprobte Umgebung - den Eingang einer Kirche (in Köln den Eingang zum Dom) - sucht.

Auch scheut sich der traditionelle Bettler nicht, Gebrechen öffentlich zur Schau zu stellen. Krücken und andere, zum Teil auch nur improvisierte Gehhilfen bilden hierbei die Requisiten.

Ob der traditionelle Bettler seinen Bettelgestus pflegt, "weil er nichts anderes kennt", oder ob er damit gezielt Menschen mit älteren (bzw. religiösen) "Sehgewohnheiten" ansprechen will, muss offen bleiben. Anzumerken ist, dass dieser Typus im Stadtbild unter den einheimischen Bettlern inzwischen die Minderheit darstellt, wohingegen er unter den ausländischen, meist ost- bzw. südosteuropäischen Bettlern sehr viel häufiger anzutreffen ist.

Aggressive Bettler

  Betteln durch Ansprechen
Betteln durch Ansprechen der Passanten (Köln, Breite Straße).
Obwohl aggressives Betteln verboten ist, finden sich in den Fußgängerzonen hin und wieder auch Bettler, die ihrem Anliegen mit teils deutlichen Worten Nachdruck verleihen. Meist gehören diese "aggressiven" Bettler eher zu den jüngeren Almosenempfängern, häufig sind sie der Gruppe der schon erwähnten Straßenkinder zuzurechnen und treten dementsprechend auch im Pulk auf. Sich selbst bezeichnen sie übrigens oft nicht als "Bettler", sondern als "Schnorrer".

Vermutlich sind die einschlägigen Straßenordnungen der Großstädte vor allem auf diese Gruppierungen zugeschnitten, denn in der Tat findet man im Verhalten der jugendlichen Bettlercliquen häufig all das, was die Ordnungen verbieten: Versperren des Weges, aufdringliches Ansprechen, bedrängende Verfolgung, Einsetzen von Hunden, bedrängendes Zusammenwirken mehrerer Personen. Auch die Zurschaustellung von Alkoholkonsum - in den übrigen Bettelumgebungen ein Tabu - spielt hier eine wichtige Rolle.

Ein deutlicher Unterschied zum neuzeitlichen und traditionellen Betteln ist darüber hinaus, dass die aggressiven Bettler umhergehen, also nicht nur "ergeben" am Boden hocken. Da sie sich häufig miteinander unterhalten oder mit ihren Hunden spielen, erwecken sie zudem den Eindruck, sie betrieben das Betteln nicht ernsthaft, sondern quasi nur nebenbei. Auch ihr meist "durchgestyltes" Äußeres (gefärbte Haare, "punkige" Frisuren, Lederjacken, Ketten usw.) lässt Zweifel an der Seriosität ihres Anliegens aufkommen.

Tierfreunde

Eine Sonderform neuzeitlichen Almosenempfangs ist das Betteln in Begleitung von (meist mehreren) Hunden. Die Bettelumgebungen der tierfreundlichen Bettler (oder bettelnden Tierfreunde) ähneln sich dabei auffallend: Am Boden ist ein Lager aus Decken von etwa zwei bis drei Quadratmetern errichtet, in dessen Mitte der Almosenempfänger in der gewohnt demütigen Haltung (Schneidersitz, gesenkter Blick usw.) Platz nimmt. Links und rechts neben sich hat er die Hunde (häufig Kampfhunde) drapiert, die meist halb in die Decken eingewickelt dösen.

Unseren Beobachtungen zufolge bindet dieser Bettlertypus eine ganz besondere Spezies von Passanten, nämlich solche, die nicht vorrangig dem Menschen, sondern den Tieren spenden. Und so ist dieses Bettel-Szenario dann auch das einzige, in dem Almosenempfänger und Spender (oft selbst Hundebesitzer) tatsächlich ernsthaft miteinander ins Gespräch kommen. In der Regel dreht sich ein solches Gespräch um das Schicksal der Tiere. Meist erfahren die Passanten, dass der betroffene Bettler nicht zuletzt wegen seiner Hunde auf der Straße lebe, weil man ihm nämlich wegen der angeblich gefährlichen Tiere die Wohnung gekündigt habe und er sie auch nicht ins Obdachlosenheim habe mitnehmen dürfen.

Moralisten

Eine weitere, freilich seltene Sonderform des neuzeitlichen Almosenempfängers ist der "Moralist". Er sitzt zwar in der üblichen demütigen Weise auf der Straße; auch Kleidung, Haarschnitt und Bettelumgebung entsprechen unseren Sehgewohnheiten. Dennoch gibt er sich anders: Statt eines kleinen Pappschilds mit einer knappen Legende teilt er uns die Umstände seiner sozialen Lage auf umfangreichen, handschriftlich verfassten Plakaten mit. Während er selbst nichts sagt, ist der Duktus seiner Texte meist gesellschaftskritisch-aggressiv-anklagend.

In Köln konnten wir einen solchen Moralisten in der Breite Straße beobachten. Er hatte seine Plakate, die insgesamt fast vier Quadratmeter ausmachen mochten, u-förmig um sich ausgebreitet. Die Reaktion der Passanten hielt sich in Grenzen. Ein Werbefachmann hätte dem Bettler vermutlich gesagt, dass die vermittelte Botschaft zu komplex sei, und zu Kürzungen geraten.

Verkäufer

  Bettler mit Papierblumen
"Basteln statt Betteln - obdachlos, aber nicht hoffnungslos": Bettler mit Papierblumen (Köln, Schildergasse).
Neben Bettlern, die schweigend und mit geneigtem Kopf in den Fußgängerzonen sitzen, gibt es auch solche, die sich mit ihrer sozialen Lage nicht abfinden wollen, die sich erklärtermaßen ihre Menschenwürde, den "aufrechten Gang" bewahren möchten. Sie ähneln in diesem Anspruch den "Moralisten", verharren jedoch nicht in stummer Anklage, sondern gehen einen Schritt weiter, genauer: einen Schritt auf die potenzieller Geber zu.

Diese Almosenempfänger definieren den Akt des Bettelns um, indem sie daraus einen "Handel" konstruieren. Sie wollen sich nichts schenken lassen, vielmehr bieten sie den Spendern mehr oder minder symbolische Gegenleistungen an, meist selbstgebastelte oder selbstgeschnitzte Kleinigkeiten.

So entdeckten wir auf der Kölner Schildergasse einen Bettler, der aus Abfallprodukten (Joghurtbechern, Pappe, Draht) Papierblumen und kleine Windrädchen zusammengesteckt hatte, diese als Gegengabe anbot und dazu auch ein passendes Plakat ("Basteln statt Betteln") verfasst hatte. - Auf der Hohe Straße, kurz vor der Domplatte, hielt sich längere Zeit ein Obdachloser (so stand es jedenfalls auf seinem mitgebrachten Schild) auf, der kleine religiöse Figürchen schnitzte. Im letzteren Fall waren die Übergänge zum Kommerz freilich fließend; denn für eine kleine Engelsfigur verlangte der Mann immerhin 9 Euro - und zwar keineswegs als "Spende", sondern als nicht verhandelbaren Kaufpreis.

Eine organisiertere Form des Leistungs-Gegenleistungs-Prinzips stellt der Verkauf von Obdachlosenzeitungen dar. Der Vertrieb dieser Zeitungen, die meist ein-, zweimal im Monat erscheinen und sprechende Titel wie "motz" oder "Straßenfeger" tragen, folgt einem einfachen Grundsatz: Ein Obdachloser erwirbt eine bestimmte Zahl von Zeitungen zum halben Endverkaufspreis und versucht sie in den folgenden Wochen an Passanten zum Endpreis weiterzuverkaufen. Der Gewinn aus diesem Geschäft sichert ihm ein Zubrot in seiner Existenz.

Solche Obdachlosenzeitungen, die beispielsweise (allgemeine und lokale) soziale Probleme thematisieren, Missstände anprangern und/oder über Veränderungen der Sozialgesetzgebung informieren, werden in fast allen großen deutschen Städten angeboten, in Berlin gleichermaßen wie in Köln, Frankfurt oder München. Neben dem Gewinn für die Verkäufer sichern sie zudem einer kleinen Redaktion ihr Auskommen.

Unseren Beobachtungen nach wird die Kölner Obdachlosenzeitung von den Betroffenen zumeist im Stehen verkauft. Der "aufrechte Gang", den man beibehalten möchte, ist hier also wörtlich zu nehmen.

Nicht verschwiegen werden soll, dass in einigen Städten der Verkauf der Obdachlosenzeitungen Formen aggressiven Bettelns nahe kommt. Speziell in den U-Bahnen werden die Fahrgäste häufig zum Kauf der Zeitungen geradezu genötigt. [15]


[15] Vgl. hierzu Wladimir Kaminers Erzählung "Menschen und ihre Künste" in: W. K.: "Helden des Alltags", München 2002, S.8f.
URL: http://www.russentext.de/kaminer/helden.shtml


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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