Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

2.4 Organisiertes Betteln

Was die individuellen Bettler, die Passanten und die Behörden gleichermaßen beunruhigt, ist die Tatsache, dass in den letzten Jahren in den Fußgängerzonen die Zahl der offenkundig organisierten Almosenempfänger immer mehr zunimmt, was dem Ruf der "Branche" nicht unbedingt gut tut und darüber hinaus die einheimischen Bettler zum Teil von ihren angestammten Plätzen verdrängt. Ein Großteil ganzer Bettler-Banden stammt augenscheinlich aus Ost- bzw. Ostmitteleuropa. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs waren die geopolitischen Voraussetzungen für den massenhaften Einzug dieser Gruppen in die deutschen Innenstädte gegeben, mit dem Hinweis auf die Gräuel der Balkankriege ließen sich darüber hinaus die westlichen Passanten moralisch in die Pflicht nehmen.

Über den osteuropäischen Bettlern vergisst man jedoch meist, dass es durchaus auch innerhalb von Deutschland organisierte Formen des Straßenbettelns gibt. Zunächst einmal soll von diesen die Rede sein.

2.4.1 Deutsche Bettler

Ob es in Deutschland den Verhältnissen in der "Dreigroschenoper" ähnelnde organisierte Bettel-Syndikate gibt, lässt sich durch unsere Beobachtungen weder bestätigen noch widerlegen. Fest steht jedoch, dass in mindestens einem Bereich erkennbar planvoll gemeinschaftlich gebettelt wird. Gemeint ist das Betteln mit Zirkustieren.

Bettler mit Zirkustieren

Bettler, die, ein oder zwei so genannte Zirkustiere im Schlepp, mit rhythmischem Schütteln ihrer massiven Sammelbüchsen für die Unterkunft und Verpflegung der Tiere um Spenden bitten, sind in fast jeder größeren deutschen Fußgängerzone anzutreffen. Mitunter sind dort so viele Ponys, Ziegen und Lamas zu verbuchen, dass man sich unwillkürlich fragt, wie viele Familienzirkusse derzeit denn wohl in Deutschland unterwegs sein mögen.

Das Betteln mit Zirkustieren folgt psychologisch einem ähnlichen Schema wie das Betteln der weiter oben beschriebenen, individuellen Tierfreunde: Almosen erbittet man nicht so sehr für sich, sondern für die notleidenden Kreaturen. Entsprechend groß ist in der Gesellschaft die Akzeptanz dieses Bettelvorgangs. In Frage gestellt wird er fast nie, obwohl es hier mancherlei zu fragen gäbe, zuallererst natürlich nach den "Hintermännern" der Aktion. Mit einem Lama und mehreren Ponys gelangt man schließlich nicht zu Fuß in die Innenstadt. Da will einiges logistisch bewältigt sein.

Auch juristisch stellt sich das Betteln mit Tieren als hochgradig problematisch dar:

Sobald Geld mit Sammelbüchsen erbettelt wird, muss eine behördliche Sammelgenehmigung vorliegen. Wird hierbei auch noch ein Wirbeltier zur Schau gestellt, für welches das Geld angeblich verwendet werden soll, so handelt der Sammler mit der Absicht, einen Gewinn zu erzielen. "In diesem Falle braucht er gemäß Tierschutzgesetz § 11 eine entsprechende behördliche Erlaubnis für sein Tun", so Ursula Bauer vom Deutschen Tierhilfswerk e.V. in Berlin. Erfahrungsgemäß können bettelnde Tierhalter nicht die erforderlichen Genehmigungen vorweisen und handeln daher ordnungswidrig. [16]

Ein Zirkustier-Spendensammler, den wir in Köln trafen, erzählte uns, das Lama, das er bei sich habe, gehöre zu einem (nicht näher bezeichneten) Familienzirkus, der über die drei Wintermonate in der Nähe von Gummersbach (mindestens 50 Autobahnkilometer entfernt, eher mehr) einquartiert sei. Er selbst sei achtzehn Jahre dabei. Auf unsere Frage, wie viel er denn so pro Tag einnehme, antwortete er ausweichend. Das könne er so nicht sagen. Er gucke in die Sammelbüchse gar nicht richtig rein. Die gehe am Abend immer gleich zum Bauern, und der gebe ihnen dann für das Geld Heu, Hafer und Sägespäne. Über fünfzig Tiere müssten damit versorgt werden.

2.4.2 Ausländische Bettler

Wenn im Folgenden von ausländischen Bettlern die Rede ist, sind damit namentlich Personen aus der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien, teils auch aus dem Kosovo und Tschechien gemeint, die in ihrer Heimat systematisch ausgesucht oder gar ausgebildet werden, um dann gezielt ins Bundesgebiet einzureisen.

Die Ausbildung umfasst zum einen Informationen über die Rechte und Pflichten von Bettlern in Deutschland (etwa das Verhalten im Falle einer Polizeikontrolle), vor allem aber das Einüben geeigneter Bettelstrategien, wobei die Organisatoren der Bettelfahrten im Allgemeinen auf stumme Konfrontation, auf den "Peinlichkeitsfaktor" setzen. So werden in die Bettelgruppen von vorneherein bewusst Leute aufgenommen, die bereits von sich aus einen hohen Mitleidseffekt verbuchen können: Alte, Körperbehinderte, Kriegskrüppel. Fehlt es an geeignetem Personal, wird Gesunden auf die Schnelle antrainiert, wie man sich in gebeugter Haltung, mit verdrehten Beinen, mit Klumpfuß, in spastischen Zuckungen, röchelnd und stammelnd vorwärts bewegt. [17]

  Beim Betteln Danach...
Junge Bettlerin während des Almosenempfangs und anschließend mit ihrem "Bewacher" (Köln, Schildergasse).
Erkennbar sind die organisierten Banden erstens daran, dass die Almosenempfänger in aller Regel ohne Gepäck (oder nur mit einer einzelnen Tasche) auftreten, und zweitens oft auch daran, dass sie bei ihren Bettelaktionen einen genauen Zeitplan einhalten: Sie entern die Fußgängerzonen im Allgemeinen zwischen zehn und zwölf Uhr vormittags und verlassen sie typischerweise Punkt sechs Uhr abends. Abgeholt werden sie an einer zentralen Stelle meist mit dem Kleinbus, der sie nach Deutschland gebracht hat und in dem sie gewöhnlich auch die Nacht verbringen, um am nächsten Tag erneut auszuschwärmen. Wird ihnen das Pflaster (etwa wegen auffälliger Polizeipräsenz) an einem Ort zu heiß, weichen sie umgehend in eine andere Großstadt aus - so geschehen etwa im Dezember 2004, als die Kölner Polizei im Rahmen ihrer Aktion "Wintercheck" verstärkt auch ein Auge auf die Straßenbettler hatte: Binnen weniger Tage fanden sich daraufhin die organisierten Osteuropäer - sehr zum Leidwesen der dortigen Behörden - in Duisburg und in Essen, also im Ruhrgebiet, ein.

Dass die Bettelnden während ihres Tagewerks nicht sich selbst überlassen bleiben, konnten wir in der Kölner Innenstadt beobachten. Dort saß, ausgestattet mit einer etwas ausführlicheren Bettellegende, am zweiten Adventssamstag 2004 ein etwa sechzehnjähriges Mädchen neben den weihnachtlich geschmückten Schaufensterscheiben des Kaufhofs. Exakt um Viertel vor sechs wurde sie von ihrem Aufpasser, der ihr eine Pizza brachte, abgeholt. Kurz vor sechs Uhr verschwanden die beiden. - Auch ein osteuropäischer Bettler im Rollstuhl, der im Dezember 2006 auf der Hohe Straße saß, war offensichtlich nicht allein, sondern wurde von einem unauffällig in etwa acht Metern Entfernung stehenden Mann Mitte vierzig "betreut".

Die Fürsorge, die den Bettlern durch ihre "Betreuer" zuteil wird, ist allerdings nicht ganz uneigennützig. Bis zu 90 Prozent der Einnahmen müssen die Almosenempfänger ihren Hintermännern als "Aufwandserstattung" abliefern [18].

Köln, Schildergasse Köln, Domplatte Auf dem Weg zum Auto
Köln, Hohe Straße Köln, Hohe Straße
Slowakische Bettlergruppe tagsüber und bei ihrem Rückzug am Abend.

Freilich ist der Organisationsgrad der ausländischen Almosenempfänger nicht immer genau festzumachen. Mitunter wird erkennbar im Familienclan gebettelt, ohne dass zu eruieren ist, ob die Bettelaktionen von einem "Dachverband" gesteuert werden.

So konnten wir im Oktober 2006 in der Kölner Innenstadt eine Gruppe von vier Almosenempfängern ausmachen, die an unterschiedlichen Orten und auf unterschiedliche Weise ihrem Geschäft nachgingen. Eine ältere Frau, die an einer Krücke ging, bettelte auf der Schildergasse, sitzend mit aufgehaltener Hand, eine zweite ältere sowie eine dritte Frau mittleren Alters saßen mit umklammertem Spendenbecher an verschiedenen Stellen auf der Hohe Straße. Ein zugehöriger älterer Mann warb durch Geigenspiel um Almosen, zunächst auf der Domplatte, später vor dem Kaufhof (Schildergasse). Punkt 18 Uhr trafen sich drei der vier Almosenempfänger am Hauptportal des Kölner Doms und machten sich auf in Richtung Hauptbahnhof. Dort trafen sie zehn Minuten später vor einem Geschäft die gehbehinderte Bettlerin. Auch ein junger Mann stieß an dieser Stelle zu ihnen. Ob auch er als Bettler aufgetreten war oder die Almosenempfänger lediglich abholte, blieb unklar; er war uns zuvor in der Fußgängerzone nicht aufgefallen. Fest steht, dass alle fünf sich, nachdem sie sich in dem Bahnhofsgeschäft mit Lebensmitteln versorgt hatten, auf den Weg zum Rheinufer machten, wo ihr älterer Mittelklasse-Pkw mit slowakischem Kennzeichen stand, der dann von dem jungen Mann gesteuert wurde.

Als Schlafplätze dienen den osteuropäischen Bettlern neben den bereits erwähnten Transportfahrzeugen auch kleinere, billige Pensionen, soziale Anlaufstellen, improvisierte Zeltlager in schwer zugänglichen Waldstücken oder - im Falle Kölns - auch gemauerte Nischen in entlegenen Bahndammanlagen [19].

Bettler mit Behinderungen

  "Behinderter" Bettler
"Behinderter" Bettler (Köln, Breite Straße).
Um ihrer Bedürftigkeit den gebührenden Nachdruck zu verleihen, treten viele der organisierten Bettler mit "Behinderungen" auf. Dabei gilt der Grundsatz: je schockierender die Verkrüppelung, je furchtbarer der Anblick, desto wirksamer. Je größer der Tabubruch, je rigoroser der Verstoß gegen die üblichen Bettelregeln, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die entsetzten Passanten durch eine Spende "freikaufen" [20]. Kritischen Nachfragen wird dabei häufig durch die Zurschaustellung einer zusätzlichen geistigen Behinderung vorgebeugt. - Ob die "vorgeführten" Behinderungen echt oder lediglich gespielt sind, lässt sich nur feststellen, wenn man die Bettelnden systematisch beobachtet. Meistens entziehen sie sich aber recht schnell einer solchen Beobachtung und wechseln den Standort.

Den wohl krassesten Fall tabubrechenden Bettelns bot in der Vorweihnachtszeit des Jahres 2004 in der Kölner Innenstadt ein offenkundig südosteuropäischer Bettler, der auf allen Vieren (oder zynisch gesagt: auf dem, was von allen Vieren noch übrig zu sein schien) durch die Fußgängerzone robbte, sich dabei zwischendurch aufbäumte und unentwegt ein nur schwer verständliches "Helft! Helft!" in die Menge der Passanten jaulte. Viele der adventlich gestimmten Kunden waren so schockiert, dass ihre Spende umso großzügiger ausfiel. - Daneben nahm sich ein zweiter Bettler, der, wirres Zeug stammelnd, vornüber gebeugt, mit verkanteten Beinen am Stock über die Breite Straße humpelte, fast schon zurückhaltend aus. - Zwei Wochen nach unseren Beobachtungen nahm ein RTL-Fernsehteam die Fährte dieser Bettler auf, "begleitete" sie bis zum Abend und konnte ihre plötzliche "Genesung" sowie ihren Abtransport per Kleinbus sogar filmen [21].

Mutter-Kind-Bettler

  Mutter-Kind-Betteln
Bettlerin mit Kind (Köln, Breite Straße).
Auf einen hohen (und damit spendenwirksamen) Peinlichkeitsfaktor setzen auch osteuropäische Bettlerpaare, die aus Mutter und Kind bestehen. Sie sprechen bei den Passanten uralte Beschützerinstinkte offenbar perfekt an. Dass das Betteln mit Kindern grundsätzlich untersagt ist und von vielen Behörden streng verfolgt wird, stört die (echten oder "zugewiesenen") Mütter allem Anschein nach nicht.

Kleinere Kinder halten die Mütter auf dem Arm, ältere Kinder (Sechs- bis Zehnjährige) werden umschlungen. Einige der Mütter betteln "aggressiv", indem sie Passanten ansprechen (oder ihnen einen Zettel mit der Bitte um eine Spende vorzeigen); die meisten harren jedoch mit ihrem Kind in typischer "neuzeitlicher" Haltung über Stunden hinweg regungslos am Straßenrand aus. Bemerkenswert ist die Gleichmut, mit der die Kinder diese Prozedur ertragen. Wenn man die Älteren vielleicht auch entsprechend schulen kann, so gilt das für Säuglinge sicherlich nicht. Aus diesem Grund wurde gelegentlich bereits darüber spekuliert, ob die Kleinkinder zum Zweck des Bettelns eventuell mit Medikamenten künstlich ruhig gestellt werden.

Einen ungewöhnlichen Fall von Mutter-Kind-Betteln erlebten wir wiederum in Köln. Dort entdeckten wir am 1. September 2004 und zwei Jahre später, am 4. Oktober 2006, jeweils auf der Hohe Straße eine bettelnde junge "Mutter" mit einem höchstens halbjährigen Säugling. Unseres Erachtens handelte es sich beide Male um dieselbe Frau, aber natürlich jeweils mit einem anderen Kind.

Bettlerin, 2006 Bettlerin, 2004
Mutter-Kind-Betteln auf der Hohe Straße, 2006 und 2004.

Eine Variante des Mutter-Kind-Bettelns besteht darin, ältere Kinder nach ein, zwei Stunden gemeinsamen "Sitzens" als eigenständige Bettler loszuschicken. Für die Mütter bringt dies natürlich eine Gewinnmaximierung mit sich, für die Kinder selbst bietet es den Vorteil, dass sie sich zwischendurch "die Beine vertreten" können. Erfahrungsgemäß werden die Kinder aber erst dann ausgesandt, wenn die Eltern zuvor sorgfältig das Terrain sondiert haben, da sie wissen, dass die Ordnungsbehörden das Betteln Minderjähriger in Deutschland streng ahnden.

  Bettelnde Kinder
Bettelnde Kinder am Kölner Dom.
So macht etwa Kölns Stadtdirektor Guido Kahlen, der zugleich Leiter des örtlichen Jugendamts ist, keinen Hehl daraus, dass er zwar vollstes Verständnis für die Situation der Bettler in der Stadt hat, dass ihm jedoch bettelnde Kinder "sauer" aufstoßen. Er werde, so sein Statement in einem Interview mit uns, richtig ärgerlich, "wenn Kinder instrumentalisiert werden, wenn Kinder den Eindruck bekommen, dass dies sozusagen natürliches Erwerbsverhalten ist." In diesem Punkt engagiere sich sein Jugendamt sehr stark.

Mitunter sind es aber gar nicht die Behörden, die eingreifen müssen: Im August 2006 beobachteten wir neben dem Kölner Dom zwei osteuropäische Mädchen, etwa sieben bis zehn Jahre alt, die die Passanten verhalten um Geld angingen, bis sie ein in der Nähe sitzender einheimischer Bettler mit dem Hinweis auf ihre Minderjährigkeit massiv des Feldes verwies. Die Mädchen konnten zwar offenbar kein Deutsch, verstanden die Botschaft aber sehr wohl und zogen sich daraufhin widerspruchslos zu ihren Verwandten zurück, die bettelnd an einem Nebeneingang des Doms hockten. Auch von diesen wagte es niemand, sich mit dem deutschen Bettelkonkurrenten auseinander zu setzen.

Im Rahmen unserer Bettelexperimente variierten wir das Mutter-Kind-Schema und schufen, sozusagen mit einem virtuellen Kind, in der Adventszeit 2004 mithilfe zweier Bettelagenten ein Maria-und-Josef-Szenario ("Junges Paar (bald mit Kind) bittet um Hilfe"). Tatsächlich konnte auch dieses Bettlerpaar beträchtlichen Zuspruch verbuchen. Innerhalb von zwei Stunden nahmen "Maria und Josef" etwa 43 Euro ein, das meiste davon in größeren Einzelbeträgen. - Im Übrigen gilt jedoch, dass Bettlerpaare, sofern sie nicht erkennbar miteinander verwandt sind, im Straßenbild die absolute Ausnahme darstellen.

Traditionelle bzw. neuzeitliche Bettler

Nicht immer findet organisiertes Betteln in einem so spektakulären Rahmen statt, wie es anhand des Bettelns mit "Behinderungen" und des "Mutter-Kind-Bettelns" bisher geschildert wurde. Im Gegenteil: Angesichts der Präsenz der Ordnungsbehörden und vor allem der sozialen Kontrolle durch die Passanten und anliegenden Geschäftsinhaber verhalten sich die meisten organisierten Almosenempfänger angepasst und unauffällig, indem sie entweder in neuzeitlicher oder in traditioneller Haltung am Straßenrand sitzen.

Auffällig oft bevorzugen die osteuropäischen Bettler (im Gegensatz zu ihren einheimischen "Kollegen", oder besser gesagt: Konkurrenten) dabei den traditionellen Stil. In Bayern gleichermaßen wie in Hamburg oder Berlin findet sich häufig der Typus des archaisch-religiösen Almosenempfängers, der Stunde um Stunde demütig auf dem Boden kniet, die Hände (zum Gebet?) gefaltet und gleichzeitig den Spendenbecher umklammernd [22]. Besonders häufig ist das "traditionelle" Betteln bei Frauen zu beobachten. Statt zu sitzen, stehen diese manchmal auch - allerdings zitternd und in extrem gebückter Haltung, um so auf ihre "Altersleiden" aufmerksam zu machen.

  Bettlerin am Neumarkt Bettlerin vor dem Kölner Dom
Bettlerinnen am Neumarkt und vor dem Kölner Dom.
Dass auch traditionelles Betteln einen hohen "Peinlichkeitsfaktor" bietet, zeigte wirkungsvoll eine dem Äußeren nach uralte, ganz in Schwarz gekleidete und von einem Kopftuch umhüllte Frau in der Kölner Innenstadt. In der Vorweihnachtszeit des Jahres 2004 brach sie immer wieder vor Passanten zusammen, rutschte dann auf Knien über den Boden und flehte, halb zu den Fußgängern aufgerichtet, um eine Spende.

Zur Unauffälligkeit der organisierten Bettler gehört auch, dass sie in aller Regel Streit vermeiden. Haben sie zufällig, sozusagen aus Unwissenheit, den Stammplatz eines einheimischen Bettlers eingenommen, machen sie diesem sofort und widerstandslos Platz, wenn er ihn für sich einfordert.

Umkehrt halten die organisierten Almosenempfänger allem Anschein nach gezielt Ausschau nach besonders lukrativen Bettelorten. Dies konnten wir bei einem unserer Bettelszenarien in Köln sehr schön beobachten. Eine unserer Bettelagentinnen hatte, ohne dass wir zuvor eine "Marktanalyse" durchgeführt hatten, offenbar den optimalen Standort gefunden: den Bauzaun vor dem Nordturm des Kölner Doms. Ausgestattet mit einer publikumswirksamen Legende ("Habe nichts mehr. Weiß nicht wohin!") nahm sie binnen zwei Stunden mehr als 43 Euro ein, erhielt mehrere Sachspenden (darunter einen Becher Kaffee) sowie Übernachtungsangebote. Dieser Erfolg blieb einigen professionellen osteuropäischen Bettlern nicht verborgen. Systematisch kreisten sie die Bettelagentin ein: Links und rechts von ihr, zum Teil in einem Abstand von lediglich zehn Metern, nahm je ein weiterer Bettler Platz, und vor ihr agierte die schon erwähnte alte Frau, die sich vor den Passanten zu Boden fallen ließ. Gleichwohl blieb den "Profis" an dieser Stelle der Erfolg versagt. Bezeichnenderweise unternahmen sie jedoch keinen Versuch, unsere Almosenempfängerin zu vertreiben. Ob dies lediglich unterblieb, weil sie argwöhnten, dass auch diese Bettlerin "nicht allein" sei, muss offen bleiben.


[16] "Betteln mit Zirkustieren ist meistens gesetzeswidrig. animal public und Deutsches Tierhilfswerk raten: Spenden Sie kein Geld!" - animal public-Pressemitteilung vom 2.12.2005.
URL: http://www.animal-public.de/content/view/168/8/
Vgl. auch Andreas Püfke: "Wer Tiere liebt, kein Geld hergibt. Alle Jahre wieder: Mit Tieren an der Leine wird um 'Futtergeld' gebettelt", in: Neue Westfälische online vom 22.12.2004.
URL: http://www.nw-news.de/nw/lokale_news/buende/buende/
?sid=a5b4f40da5f2651a224ec699bce1efa8&cnt=322917

[17] Vgl. "Wer ist der große Peachum? Die Hintermänner des organisierten Bettelns werden hinter den Karpaten vermutet", in: Tagblatt online vom 1.12.2004.
URL: http://www.cityinfonetz.de/index.php?artikel_id=526609
Ferner: Stefan Schöttl: "Das üble Geschäft mit dem Mitleid. Organisierte Bettlerbanden aus der Slowakei in Kaufbeuren", in: Allgäuer Zeitung online vom 10.12.2004.
URL: http://www.all-in.de/redsys/c.php/allin/lokales/kf.php?l=de&dom=dom1&id=404550

[18] Lutz Ackermann: "Das Geschäft mit dem Mitleid. Selbst bei organisiertem Betteln hat die Polizei keinerlei rechtliche Handhabe", in: Esslinger Zeitung online vom 9.1.2005.
URL: http://www.ez-online.de/lokal/esslingen/esslingen/artikel82912.cfm
Ferner: Oliver Meyer: "Die Bettelsklaven von Köln. Sie sind krank und behindert. Sie hausen in Zelten im Wald. Abends nehmen ihnen Banden-Chefs das Geld ab" und "Das Camp der Bettler. Neben der Autobahn hausen sie bei Kälte und Nässe in Zelten", in: Express (Köln), Nr.82a (7.4.2007), S.1 und 34.

[19] Tim Stinauer: "Die Höhlenmenschen von Köln. Bettler aus Osteuropa hausen in dunklen Bahndämmen - Viele versteckte Schlafplätze", in: Kölner Stadt-Anzeiger, Nr.251 (28./29.10.2006), S.3.

[20] Vgl. Bruno Schrep: "Jeden Tag Prügel. Früher wurden solche Menschen als Monster zur Schau gestellt. Heute versuchen Bettler mit bizarren Körperschäden, in Großstädten das Mitleid der Passanten zu erregen", in: Spiegel online vom 7.11.2005 (Spiegel Nr.45/2005).
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-383415,00.html bzw.
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,383415,00.html

[21] RTL2 News vom 21.12.2004.

[22] Vgl. z. B. "Ungarn kommen zum Betteln nach Elmshorn. Sie knien in der Königstraße. Offensichtlich wird ihr Einsatz zentral gesteuert", in: Elmshorner Nachrichten online vom 10.12.2004
URL: http://www.en-online.de/source/code/visitor_en/news2.asp?Objekt=3135
Ferner: Kirsten Strasser: "Geschäft mit dem Mitleid. Betteln ist grundsätzlich erlaubt. Stadt: Keine organisierten Gruppen", in: Main-Rheiner, Online-Portal von Mainzer Allgemeine/Wiesbadener Kurier/Wormser Zeitung vom 19.11.2004.
URL: http://www.main-rheiner.de/region/objekt.php3?artikel_id=1691087


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter