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2.5 Bettelähnliches Verhalten

Ist vom Betteln in deutschen Fußgängerzonen die Rede, assoziiert man meist einen "neuzeitlichen" Bettler, der stumm in einer Ecke sitzt, vielleicht auch einen der wenigen "Aggressiven", die die Passanten ansprechen.

  Klaus der Geiger
Ein Sonderfall: der Straßenmusiker Klaus der Geiger, der seit Jahrzehnten in den Fußgängerzonen Eigenkompositionen mit gesellschaftskritischen Texten vorträgt.
Daneben gibt es aber auch einige andere Personengruppen, die sich in den Innenstädten aufhalten und sich dabei in einer Grauzone zwischen Kunst, Kommerz, politischem Gestus einerseits und purem Almosenempfang andererseits bewegen. Gemeint sind Akteure wie Straßenmusiker, Straßenmaler, "Statuenmenschen" und Gaukler, zum Teil aber auch politisch-karitative Spendeneintreiber.

Im Gegensatz zu den weiter oben beschriebenen Bettlern, die auf Mitleid und Empathie setzen, bauen Straßenmusiker, Maler und Gaukler auf die so genannte "Norm der Reziprozität" [23], nämlich auf die Unfähigkeit der meisten Menschen, einen erwiesenen Gefallen nicht zu erwidern.

Im Klartext: Musiker, Maler, Gaukler bieten den Vorübergehenden - quasi als Geschenk - eine künstlerische und/oder sportlich-artistische Leistung an. Diese ist aber im Grunde genommen nichts anderes als eine Vor-Leistung. Der Norm der Reziprozität zufolge sind damit die Passanten als mehr oder minder freiwillige Zuschauer bzw. Zuhörer in die Pflicht genommen, nun ihrerseits dem "Schenkenden" etwas Gutes zu tun, um nicht als geizig zu gelten, nicht in der "Schuld" des Straßenkünstlers zu stehen.

Dass das "Geschenk" des Straßenkünstlers ungebeten erbracht wird, spielt dabei keine Rolle. In unserer Gesellschaft gilt es nicht nur als unschicklich, ein Geschenk nicht zu erwidern. Es gilt als ebenso unangebracht, es überhaupt abzulehnen. Der Passant, der zufällig an einem Musiker, Maler, Gaukler vorbeikommt, befindet sich psychologisch auf jeden Fall in einem Dilemma: Spendet er etwas, überkommt ihn dabei vermutlich das Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein. Gibt er nichts, verstößt er gegen den Grundsatz von "Geben und Nehmen" und setzt sich der (gefühlten) Verachtung seiner Umgebung aus.

Straßenmusiker

Die größte Personengruppe, die in den Fußgängerzonen auf die Norm der Reziprozität setzt, ist die der Straßenmusiker.

Glasharfen-Spielerin Russisches Trio
Roma-Quartett Reggae-Musiker
Straßenmusiker in Köln: Glasharfen-Spielerin, russisches Trio, Roma-Quartett, Reggae-Musiker.

Das Spektrum der Musiker reicht von Schülern, die durch das öffentliche Musizieren ihr Taschengeld aufbessern wollen, über Globetrotter, die sich mit der Musik ihre Reise finanzieren, bis hin zu organisierten (auch hier inzwischen meist südosteuropäischen, seltener lateinamerikanischen) Instrumentalisten. Es gibt Solisten, aber auch kleinere Gruppen. Die Formen konzertanten Zusammenspiels reichen typischerweise vom Duo bis zum Quintett.

Als Bettler sehen sich die Straßenmusiker durchgängig nicht. Auf unsere Anfrage hin mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien Almosenempfänger, reagierten einige ausgesprochen ablehnend und empört. Schließlich erbrächten sie doch eine künstlerische Leistung; zu den "armen Leuten" gehörten sie jedenfalls nicht. - In der Tat legen einige der Musiker hin und wieder zum Beweis ihrer Seriosität eigene CDs vor. Öffentlich präsentieren und zum Kauf anbieten dürfen sie die allerdings nicht - sie müssten sonst ein Gewerbe anmelden.

Straßenmaler

Bei den Straßenmalern sind zwei Gruppen zu unterscheiden. Zum einen gibt es die Maler, die typische Motive der Stadt, in der sie zu Gast sind, auf Papier oder Pappe skizzieren (Kirchen, Stadtmauern, Brücken, das mittelalterliche Rathaus usw.) und die Zeichnungen anschließend gegen eine "Spende" zum Verkauf anbieten. Hier sind die Übergänge zur kommerziellen Vermarktung fließend.

  Straßenmaler
Straßenmaler auf der Kölner Domplatte.
Der augenfälligere Typus des Straßenmalers ist aber natürlich derjenige, der tatsächlich auf dem Boden hockt und mit Straßenmalkreide großflächige Motive auf die Steinplatten des Fußgängerbereichs aufträgt.

Die Motive der Gemälde entsprechen meist dem "Mainstream", dem vermuteten Publikumsgeschmack, um einer möglichst großen Zahl potenzieller Spender zu gefallen. Die Themenpalette reicht vom eher esoterischen Sujet (weißes Einhorn vor blauem Sternenzelt) über religiöse Motive (etwa Mariendarstellungen) bis hin zu bildungsbürgerlichen Klassikern (Mona Lisa, Goethe, Beethoven, Mozart).

Gewöhnlich sind die Gemälde rechteckig. In jeder der vier Ecken wird ein Spendentopf platziert, um den Betrachtern die Möglichkeit zu geben, ihre "gefühlten Schulden" zu begleichen. Fällt es einem der Betrachter gar ein, ein Foto von dem Straßengemälde anzufertigen, schnappt die "Schuldenfalle" erst recht zu.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel des Schuldeneintreibens konnten wir auf der Kölner Domplatte beobachten. Touristen, die das Gemälde eines osteuropäischen Straßenmalers - vielleicht auch nur zufällig - fotografiert hatten, wurden von diesem rabiat zum Spenden aufgefordert. Weigerten sie sich, beschimpfte er sie mit dem Hinweis auf seine "Kunst" massiv, und zwar in so nachhaltiger Weise, dass er selbst die unbeteiligten Umstehenden gegen sich aufbrachte. In ihren Augen hatte er das Grundgesetz des Almosenempfangs (nämlich zu bitten, ohne zu fordern) eklatant verletzt.

Einhorn... "Bitte um eine kleine Spende"
Goethe... Maria...
Straßenmaler in Köln (Domplatte und Schildergasse).

Statuenmenschen

Während Musiker und Straßenmaler bereits seit Jahrzehnten in den Innenstädten anzutreffen sind, gilt dies für eine andere Gruppe der Almosenempfänger nicht, nämlich die so genannten "Statuenmenschen". Sie sind, zumindest quantitativ, erst eine Erscheinung der letzten Jahre.

Unter "Statuenmenschen" sind diejenigen Personen zu verstehen, die an exponierter Stelle, häufig "überhöht" auf einem kleinen Sockel und damit gut sichtbar, in einem charakteristischen Kostüm unbeweglich - also statuenhaft - verharren. Sie ziehen die Passanten gleich in doppelter Weise in ihren Bann: einmal durch ihr auffälliges Outfit (als Tut-ench-amun, als Harlekin, als Bronze- oder Marmorstatue), außerdem durch ihre grandiose "Standhaftigkeit", die durch nichts zu erschüttern scheint.

Unmittelbar vor den "Statuenmenschen" ist meist ein kleiner Spendentopf platziert. Wird ihre Leistung, unbeweglich zu stehen, tatsächlich von einem Passanten mit einem Geldstück belohnt, macht die Statue plötzlich eine "Ausnahme", indem sie sich beispielsweise verbeugt oder dem Spender zuwinkt. Sehr schnell kommen die Passanten - besonders solche mit kleinen Kindern - darauf, dass sich auf diese Weise die Statue "fernsteuern" lässt. Für ein Familienfoto, auf dem die Statue in Gesellschaft des Kindes, der Ehefrau, der Freundin usw. zu sehen ist, wird deshalb auch gerne zum wiederholten Male gespendet.

Tut-ench-amun Harlekin Bajazzo Maria
Vier Statuenmenschen auf der Kölner Domplatte.

Wichtig ist es für die Statuenmenschen, trotz ihrer "Statuenhaftigkeit" den Kontakt zum Publikum herzustellen. Eine als Bajazzo verkleidete Kölner Statue benutzte zu diesem Zweck eine kleine, unsichtbar im Mund getragene Trillerpfeife, mit der sie ihre Emotionen (Freude über eine Spende, Bedauern über fehlende Gaben) sehr deutlich signalisierte. Das Spendenaufkommen des Bajazzo lag daher dann auch erheblich höher als das seiner Konkurrenten.

Fürstbischof (München) Steinfigur (Köln) Ritter (München) Griechischer Athlet (Köln)
Statuenmenschen in München (Marienplatz) und Köln (Domplatte).

Den Spendenrekord brach unseren Recherchen zufolge allerdings ein junger Mann, der in der Kölner Innenstadt und dort vorrangig auf der Domplatte als "Spiderman" auftrat. Im Gegensatz zu anderen Statuenmenschen verharrte er nicht die ganze Zeit lang still, sondern machte gelegentlich geschmeidige, dem Comic-Helden nachempfundene Bewegungen. Vor allem auf gut situierte Geschäftsleute, die in korrektem Anzug, zum Teil mit Aktentasche unter dem Arm, in kleinen Gruppen vorbeigingen, übte "Spiderman" eine merkwürdige Sogwirkung aus. Meist beratschlagten sie in der Gruppe kurz, und dann wollte jeder von ihnen einmal zusammen mit diesem "Alleskönner" und "Rächer der Enterbten" fotografiert werden. Besonders hervor taten sich hier asiatische Männer, die sich anschließend beim Spenden gegenseitig überboten.

Gaukler

  Clown
Clown.
Eine weitere typische Gruppe verdeckter Almosenempfänger ist die der Gaukler, der Straßenartisten: Jongleure, Seiltänzer, Spaßmacher.

Von den übrigen Spendenempfängern unterscheiden sie sich dadurch, dass sie meist nicht an einem Platz verharren, sondern einen größeren Aktionsradius haben. Sie verwenden deshalb in der Regel auch keinen statisch platzierten Spendenbecher, sondern gehen nach Vollendung ihrer Kunststücke zum Geldeinsammeln durch das Publikum, wobei sie als Behälter typischerweise einen Gegenstand verwenden, den sie zuvor während ihrer Vorführung benutzt haben. Der Druck auf die Zuschauer, etwas zu spenden, wird durch dieses Symbol erbrachter (Vor-)Leistung zusätzlich erhöht.

Auch hier sind die Übergänge zwischen Almosenempfang und Kommerz fließend. Einen Artisten, den wir im Sommer 2004 auf der Kölner Domplatte beobachteten, trafen wir ein Jahr später als "Top Act" auf einer Preisverleihungsgala der Firma Siemens in München wieder.

Der Erfindungsreichtum der Artisten und besonders der Spaßmacher ist enorm. Vor allem ihre (Vor-)Leistung, die Passanten zum Lachen zu bringen, wird von diesen im Allgemeinen gut honoriert. So eroberte etwa ein kleiner, Cello spielender Schneemann in der Vorweihnachtszeit 2004 die Herzen (und Portemonnaies) der ebenso überraschten wie belustigten Kölner im Nu.

Eine Gewähr für reichhaltige Einnahmen bietet Originalität allerdings nicht immer. Beispielsweise fiel die Spendenausbeute eines im April 2006 auf der Kölner Schildergasse sitzenden "Lachsacks" (Bauchaufschrift: "Bitte hier drücken") unseren Beobachtungen nach recht mager aus. Möglicherweise widersprach aus der Sicht der Passanten das ständige Kichern, Wiehern und Lachen des Almosenempfängers seiner vorgeblichen "Bedürftigkeit". - Die Szene war übrigens gestellt. Eine am Rand des Fußgängerbereichs positionierte Fernsehkamera filmte die Aktivitäten des Lachsacks diskret mit. 

Musikalischer Schneemann Lachsack
Ein musikalischer Schneemann und ein Lachsack (Köln).

Politisch-karitative Werber

Nicht ganz in das Leistungs-Gegenleistungs-Schema passen die politisch-karitativen Werber unter den Spendensammlern. Sie unterscheiden sich dadurch von anderen Almosenempfängern, dass sie Spenden (vorgeblich oder tatsächlich) nicht für sich selber, sondern stellvertretend für andere eintreiben, häufig für politisch Verfolgte bzw. für mittellose Personengruppen in der Dritten Welt. Meist machen sie mit Fotos von den Notleidenden und/oder mit längeren Informationstexten auf ihr Anliegen aufmerksam. Mitunter - und damit erbringen sie in gewisser Hinsicht dann doch wieder eine (Vor-)Leistung - platzieren sie auch ganze Info-Wände in der Fußgängerzone.

Beobachten konnten wir in der Kölner Innenstadt über einen längeren Zeitraum hinweg mehrere Schwarzafrikaner, die mit umgehängten Schildern und klappernden Spendenbüchsen um Geld für die Bürgerkriegsopfer in Darfur (Südsudan) warben. - Schon legendär ist die Mahnwache einiger obdachloser Männer auf der Domplatte gegen den Atomkrieg und/oder zugunsten palästinensischer Flüchtlinge. Neben Infotafeln, Schildern, Postern und Friedensfahnen vergessen sie in ihrer Installation in der Regel auch den Spendentopf nicht.

Mahnwache Sammlung
Spenden für Palästina und Darfur (Köln, Domplatte).


[23] Vgl. "ORG - der persönliche Organisationsberater", Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG 2004.
URL: http://www.vnr.de/vnr/selbstorganisationerfolgsstrategien/selbstmanagement/praxistipp_14681.html


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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