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3. "Bettelarm 2" - Das Experiment

Das im Folgenden vorgestellte Experiment "Bettelarm 2: Weihnachtsgeld" lässt sich als direkte Fortführung unserer Studien vom Sommer 2004 ansehen. Damals hatten sich einige Mitglieder unserer Forschungsgruppe als Bettelagenten mit unterschiedlichen Legenden (d. h. Pappschild-Texten mit Bitten um eine Spende) in den Fußgängerzonen von Attendorn und Gummersbach platziert, um die Reaktionen der Vorübergehenden zu testen.

  Vorbesprechung - Foto (c) Julian Hageböck
Der Versuchsleiter mit den Bettelagenten Janina und Stefan ("Junges Paar") während der Vorbesprechung auf der Kölner Domplatte.
Wie schon das erste "Bettelarm"-Experiment zielte also auch "Bettelarm 2" auf das öffentliche Zusammentreffen von Arm und Reich. Versinnbildlicht wurde und wird für uns dieses Zusammentreffen am augenfälligsten durch den Akt des Bettelns bzw. des Spendens (oder auch Nicht-Spendens) in den Einkaufsmeilen der Innenstädte.

Indem wir mehrere neue Bettel-Szenarien - diesmal in der Kölner Innenstadt - konstruierten, hofften wir, unsere vorherigen Studien ergänzen, vertiefen, modifizieren zu können und hierbei detailliertere Antworten auf folgende Fragen zu erhalten:

Von Interesse war für uns natürlich auch, zu erfahren, wie die als Bettelagenten eingesetzten Personen ihre Aufgabe bewältigen würden - wie sie sich in ihrer Rolle als gesellschaftliche Außenseiter wahrnehmen und wie sie ihrerseits auf das Verhalten der Passanten reagieren würden.

Dass es für die Agenten nicht immer einfach sein würde, ihre Rolle adäquat zu spielen, wussten wir von unseren früheren Bettel-Versuchen - und außerdem von einem Experiment, das Stanley Milgram Anfang der 70-er Jahre in der New Yorker U-Bahn durchgeführt hatte: Mehrere Studenten seines Seminars sollten dort in vollen Subway-Waggons Fahrgäste um ihren Sitzplatz bitten. Zunächst brachte kaum einer der Studenten die Frage über die Lippen: Zu groß war der gesellschaftliche Tabubruch, den Sitzenden grundlos ihren Platz streitig zu machen. [1]

3.1 Methodische Vorüberlegungen

Wer sich - und sei es auch zu Forschungszwecken - als "unechter" Bettler auf die Straße setzt und den Passanten Almosen entlocken will, muss sich einige unangenehme Fragen gefallen lassen. Die Vorwürfe gegen ein solches Experiment lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen:

Natürlich haben diese Vorwürfe Gewicht. Gleichwohl kann man ihnen ebenso gewichtige Argumente entgegensetzen.

Am einfachsten wäre die Replik, dass das Betteln im öffentlichen Raum schließlich nicht verboten sei, dass es jedem Vorübergehenden frei stehe, zu geben oder nicht, und dass im Übrigen, wie schon bei unserem ersten Bettelexperiment, das gespendete Geld keineswegs in betrügerischer Absicht eingenommen werde, sondern einem guten, nämlich karitativen Zweck zufließe.

Ganz so simpel soll die Antwort jedoch nicht ausfallen. Die Gegenargumentation machen wir vielmehr an der Bedürftigkeit, oder besser noch: an den Bedürfnissen fest, und zwar sowohl an denen der Almosenempfänger als auch an denen der Gebenden. Dazu ein Beispiel:

Im Rahmen unserer Bettel-Recherchen konnten wir auf der Kölner Domplatte zwei Jugendliche beobachten, die sich in fast schon klischeehafter Weise durch ihre Kleidung als "Straßenkinder" auswiesen und Vorübergehende um eine Spende baten, sprich: aggressiv bettelten. Als Zielgruppe suchten sie sich meist jüngere Personen aus, häufig Paare oder Gruppen; gelegentlich sprachen sie aber auch ältere Touristen an. Der Bettelort war, wie auch wir bei einem unserer Bettelszenarien feststellen konnten, ausgesprochen günstig gewählt: Die Strecke vor dem Nordturm des Doms ist die Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt; entsprechend viele Reisende und Besuchergruppen sind hier unterwegs. Gleichwohl erstaunte es uns doch, wie viel den beiden "Straßenkindern" gegeben wurde. Im Schnitt überreichte etwa jeder vierte Angesprochene eine Spende; Pärchen legten mitunter sogar ihre Spendengelder zusammen - und dies, obwohl die zwei Bettler in ihrem durchgestylten Outfit keinen übermäßig bedürftigen Eindruck machten. Im Gegenteil: Einer der beiden kam ausgesprochen wohlgenährt daher; die Bierflaschen standen gut sichtbar gleich nebenan; und zwischendurch telefonierte der andere Bettler sogar ungeniert auf seinem Handy.

Die beiden waren nicht die einzigen Erfolgreichen vor dem Nordturm. Unmittelbar neben ihnen agierte ein politischer Aktivist, ein Exil-Iraner, der auf einer Liste Unterschriften gegen das bestehende Regime sammelte. Auch er sprach die Vorübergehenden gezielt an, und obwohl er erkennbar die Kommunistische Partei Irans vertrat, deren Stand etwas anachronistisch unter einer Flagge mit Che-Guevara-Konterfei firmierte, gelang es ihm bemerkenswert oft, Passanten für sich und sein Anliegen einzunehmen. Seine Liste füllte sich zusehends mit bereitwillig preisgegebenen Namen und Adressen, ohne dass hinreichend geklärt war, was damit geschehen werde.

Demgegenüber saß etwa hundertfünfzig Meter entfernt auf der Hohe Straße ein Obdachloser, der seit mehreren Jahren seinen Stammplatz im "Niemandsland" zwischen einem Mülleimer und der Fassade einer Bankfiliale hat. Der etwa Sechzigjährige hockte in vertraut "demütiger" Haltung mit gesenktem Kopf in seiner Nische. Doch trotz erheblichen Publikumsverkehrs blieben seine Einnahmen, soweit wir es beobachten konnten, minimal.

Das Beispiel zeigt schlaglichtartig, dass sich das Bettel- bzw. Spendenverhalten in den Fußgängerzonen mit herkömmlichen Kategorien wie "Bedürftigkeit" oder "Mildtätigkeit" kaum (noch) erklären lässt. Eher schon kann man behaupten, dass hier, was das Durchsetzen bestimmter Anliegen angeht, das Gesetz des Dschungels herrsche: to have lunch or be lunch. Weniger bildhaft formuliert: Die Interaktionsmuster, die sich im Wechselspiel von "Geben und Nehmen" auf der Straße - und allgemein im öffentlichen Raum - ausbilden, sind überaus komplex und folgen augenscheinlich eigentümlichen, teils paradoxen Spielregeln, die größtenteils unerforscht sind.

Hier setzt nun unsere Studie an. Dabei gilt es eine Güterabwägung zu treffen. Natürlich haben die Almosenempfänger das Recht auf ein ungestörtes "Betteln in Würde", das nicht ohne Not nachgeahmt, womöglich gar persifliert wird und im Übrigen auch nicht ständiger Kontrolle unterliegen darf. Zugleich sind jedoch auch die Almosengeber nicht rechtlos. Zumindest haben sie Anspruch auf eine "Bettelumgebung", die ihnen einen emanzipierten, reflektierten Umgang mit dem Almosengeben ermöglicht. Man könnte auch sagen: Sie haben das Recht auf ein Spenden in freier Selbstbestimmung. Dieses Recht ist jedoch angesichts des Dickichts der großstädtischen "Dschungelgesetze" gefährdet.

Im vorliegenden Fall haben wir uns deshalb entschieden, dem zuletzt genannten Prinzip Vorrang einzuräumen, sprich: die "Dschungelgesetze" zu erforschen und so ein Stück weit zur Emanzipation der Spender beizutragen.

3.2 Gesamtkonzeption

Um ein differenziertes Bild der beim Betteln bzw. Spenden auftretenden Mechanismen zeichnen zu können, ist die Studie "Bettelarm 2" weitaus großflächiger angelegt als ihre Vorgängerin. Methodisch umfasst sie neben den eigentlichen Bettelexperimenten auch die Befragung von Passanten und vor allem "echten" Bettlern sowie die Beobachtung von (authentischen) Bettelsituationen und ihre Dokumentation in Fotoserien.

3.2.1 Bettelexperimente

Handlungsort und -zeit

Als Ort für die Inszenierung unserer Bettelexperimente wählten wir diesmal die Stadt Köln. Hierfür gab es mehrere Gründe:

Während unser erstes Experiment auf den Frühsommer terminiert war, fand "Bettelarm 2" im Spätherbst statt - genauer: am ersten Adventssamstag 2004. Dieser Zeitpunkt erschien uns in zweifacher Weise bestens geeignet:

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wählten wir für unser zweites "Bettelarm"-Experiment den zugegebenermaßen etwas zynischen Arbeitstitel "Weihnachtsgeld".

Szenarien

  Szenario 2
Szenario 2: Eine Chance für ein neues Leben...
In Attendorn hatten wir eine Bettelsituation, in Gummersbach zwei in Szene gesetzt. Für Köln konstruierten wir insgesamt sieben Szenarien.

Inhaltlich festzumachen waren diese Szenarien an den unterschiedlichen Legenden-Pappschildern, die die Agenten bei sich führen sollten.

Drei Bettelagenten statteten wir mit zwar stark appellativen, doch im Rahmen des Üblichen formulierten Legenden aus:

Drei weitere Bettelszenarien wurden über Schilder mit teils bizarr-religiösen, teils schrill-provokanten Legenden definiert.

Die Funktion dieser drei Szenarien bestand darin, zu testen, ob bzw. inwiefern sich die Passanten durch ungewöhnliche Appelle in ihrem Spendenverhalten würden beeinflussen lassen.

Das siebte Szenario unterschied sich grundlegend von den anderen (und auch von allen anderen realen Bettelsituationen, die wir in der Kölner Innenstadt beobachten konnten). Zum Einsatz kamen hier nämlich gleich zwei Bettelagenten, die in einer modernen Maria-und-Josef-Konstellation an den ursprünglichen Aspekt der Vorweihnachtszeit gemahnten. Ihr Schild trug die Aufschrift:

Von vorneherein fest stand natürlich, dass wir die Einnahmen aus den sieben Bettelsituationen, wie schon beim ersten "Bettelarm"-Projekt, nicht für uns behalten, sondern einer karitativen Organisation vor Ort zukommen lassen würden. Sie gingen diesmal an die "Kölner Tafel", eine Einrichtung zur Unterstützung Bedürftiger. - Die Agenten nahmen damit wiederum Mittlerfunktionen zwischen Spendern und "echten" Hilfsbedürftigen ein.

Personenkonstellation

Zu den Akteuren des Experiments gehörte neben den acht Bettelagenten eine ganze Reihe weiterer Personen. So wurden pro Szenario je zwei Beobachter (mit vorbereiteten Bögen) sowie zwei Leibwächter zum Schutz der Agenten eingesetzt. Die Leibwächter übernahmen zum Teil zugleich die Aufgabe, Passanten zu befragen.

Unabhängig von den Bettel-Teams agierten zwei Mitarbeiter als Fotografen, die zwischenzeitlich den Standort wechselten. Einige der Szenarien wurden außerdem - diskret - von einem dreiköpfigen Fernsehteam des Senders RTL aufgenommen. RTL stellte auch eine in einem Schirm versteckte Kamera, die, zeitweilig neben den Bettelagenten abgelegt, deren Perspektive auf die Passanten filmte.

Jede Bettelsituation war auf zwei Stunden angesetzt. Dabei wurden die Szenarien so terminiert, dass in der Regel zwei, höchstens drei Bettel-Teams gleichzeitig im Einsatz waren. Die Bettelagenten selbst traten jeweils nur einmal an, Beobachter und Leibwächter wurden hingegen unter Umständen auch mehrfach hintereinander eingesetzt.

Außer den Bettel-Teams bewegte sich zudem eine vierköpfige Interviewer-Gruppe durch die Stadt, die das Gespräch mit "echten" Bettlern suchte.

Insgesamt nahmen an dem Experiment - das Fernsehteam nicht eingerechnet - dreißig Personen teil.

Bettelagenten

Alle Bettelagenten hatten den Auftrag, sich ganz im Sinne "neuzeitlicher" Bettler zu positionieren: auf dem Boden hockend, in Embryonalhaltung oder im Schneidersitz, mit leicht vornüber gebeugtem Körper, den Blick nach unten oder allenfalls in die Waagerechte, nie aufwärts zu den Passanten gerichtet. Wörtlich lauteten ihre Anweisungen wie folgt:


Legen Sie Uhren, Schmuckstücke usw. – kurz: alle Insignien des (relativen) Reichtums – ab!

Sie benötigen:

Verhalten Sie sich Ihrer Legende entsprechend, in der Regel "demütig", "zurückhaltend". Sitzen Sie in Embryonalhaltung oder im Schneidersitz! Wenden Sie den Blick nach unten oder allenfalls in die Waagerechte! Schauen Sie keinesfalls auf, außer als "Dankeschön" für eine Spende!

Vermeiden Sie Blickkontakte zu den Beobachtern bzw. Leibwächtern!

Bedenken Sie, dass Sie unter Umständen nach Ihrem "Vorleben" gefragt werden. Überlegen Sie sich eine passende "Legende" zu Ihrem Schild.

Geben Sie sich nur im Ausnahmefall zu erkennen. Dieser kann eintreten


Selbstverständlich war es den Agenten freigestellt, das Experiment abzubrechen, falls sie die Bettelsituation nicht mehr ertragen konnten.

Beobachter

Jedem Szenario wurden, wie bereits erwähnt, zwei Beobachter zugeordnet. Diese erhielten zu Beginn des Experiments einen Beobachtungsbogen, auf dem sie das Spenden- und sonstige Verhalten der Passanten notieren sollten. Der Bogen wies eine Matrix aus, in der unter anderem die Uhrzeit der Spende sowie das Geschlecht und das Alter des Spenders, wenn möglich auch sein Status und der Spendenbetrag vermerkt werden sollten.

Hier die Anweisungen zum Bogen im Wortlaut:


Machen Sie sich zum Grundsatz: Jeder Beobachter führt seinen eigenen Beobachtungsbogen unabhängig von seinem Mit-Beobachter. Reicht ein Bogen wider Erwarten nicht aus, setzen Sie die Aufzeichnungen auf einem weiteren Bogen fort. Vergessen Sie nicht, oben auf dem Formblatt Ihre Team-Nummer und Ihren Namen anzugeben!

  Zwei Beobachter
Die beiden Beobachter des Szenarios 5.
Füllen Sie die Rubriken bitte sorgfältig aus! In der Regel werden nur Schätzurteile möglich sein. Verwenden Sie folgende Kürzel:
 
    Geschlecht:
    mä = männlich
    wei = weiblich
 
    Status:
    US = Unterschicht
    UMS = untere Mittelschicht
    MMS = mittlere Mittelschicht
    OMS = obere Mittelschicht
    OS = Oberschicht
    ? = unbestimmbar

Der Status lässt sich häufig an der Kleidung, Haartracht, dem Make-up usw. festmachen.

Den Spendenbetrag können Sie ggf. – diskret! – beim Agenten erfragen, sofern die Situation dies zulässt. – Achten Sie bitte darauf, dass am Ende des Experiments alle Einnahmen in einem gesonderten und mit der Team-Nummer eindeutig gekennzeichneten Behälter gesichert werden; sie dürfen keinesfalls mit anderen Spenden vermischt werden! Entfernen Sie bitte auch alle zuvor "zum Anfüttern" eingelegten Münzen!


Zusätzlich enthielt die Matrix des Beobachtungsbogens eine Spalte für Bemerkungen. Hier konnten die Beobachter auffällige Interaktionen zwischen "Bettlern" und Passanten, aber auch das Verhalten der Passanten allgemein notieren. Beantwortet werden sollten dabei Fragen wie: Wie verhalten sich die Passanten beim Vorübergehen? Drehen sie sich extra in eine andere Richtung, vermeiden sie Augenkontakt? Lässt ihr Verhalten erkennen, dass sie nur vorgeben, den Agenten zu "übersehen" - oder übersehen sie ihn tatsächlich? Sehen sie vielleicht heimlich doch in seine Richtung? Oder gehen sie gar direkt auf ihn zu? Welche Körpersprache drücken sie aus? Wer spendet? Wer nicht? Wie vollzieht sich der Akt der Almosenübergabe (anonym, mit Worten, freundlich, herablassend)?

Leibwächter

Angesichts der Größe und Komplexität der Kölner City wussten wir nicht, wie stark umkämpft das städtische Pflaster sein würde. Vorsichtshalber gaben wir deshalb vor Versuchsbeginn für den Fall, dass eine besonders kritische Situation eintreten sollte, an alle an dem Experiment Beteiligten ein Codewort aus, das, über Handy verbreitet, den sofortigen Abbruch sämtlicher Bettelaktionen und die Sammlung aller Teilnehmer an dem Ort, von dem der Hilferuf ausging, zur Folge gehabt hätte.

Darüber hinaus ordneten wir jedem Bettelagenten zusätzlich zu den beiden Beobachtern zwei so genannte "Leibwächter" zu. Diese sollten, zwar diskret platziert, doch unmittelbar einsatzbereit, den Agenten gegebenenfalls gegen die Übergriffe Dritter schützen.

Neben ihrer Beschützerfunktion hatten die Bodyguards, sollte die Lage ruhig bleiben, zudem die Aufgabe, Passanten zu befragen. Die kurzen Anweisungen wörtlich:


Behalten Sie den Bettelagenten stets im Auge. Kommt Ihnen eine Situation bedrohlich vor, schreiten Sie bitte sofort – verbal – ein! Rufen Sie ggf. über Handy Hilfe!

Fangen Sie ggf. Reaktionen der Passanten per Diktaphon ein.


Fragen stellen sollten die Leibwächter, die zu diesem Zweck mit einem digitalen Aufnahmegerät ausgestattet wurden, natürlich nur, sofern sie dadurch nicht Gefahr liefen, die Agenten zu enttarnen. Ansonsten war ihr Auftrag klar - nämlich Vorübergehende darauf anzusprechen, aus welchen Beweggründen sie gespendet hätten, ob sie Mitleid mit dem Almosenempfänger empfänden, welchen Einfluss die Beschriftung des Pappschilds oder die Erscheinung des "Bettlers" - oder der Bettler in der Fußgängerzone insgesamt - gehabt habe. Auch die Motive für das "Nicht-Spenden" sollten auf diese Weise ermittelt werden.

Dass eine solche Befragung nicht würde systematisch erfolgen können, sondern allenfalls Stimmungen einfangen konnte, verstand sich von selbst.

Fotografen

Als Gedächtnisstütze für die spätere Auswertung, aber natürlich auch zum Einfangen der besonderen "Bettel-Atmosphäre" vor Ort wurden von dem Experiment zahlreiche Foto- und Videodokumente angefertigt. Dabei verzichteten wir allerdings auf eine lückenlose Dokumentation, da wir zum Beispiel nicht durch eine permanent laufende Videokamera die Aufmerksamkeit der Passanten auf uns ziehen wollten.

Die beiden Fotografen, die unserem Team angehörten, hatten die Vorgabe, völlig selbstständig zu agieren und keinesfalls den Kontakt zu den anderen am Experiment Beteiligten zu suchen:


Fotografieren Sie so diskret wie möglich. Geben Sie sich nicht als Mitarbeiter irgendeines Teams zu erkennen. Arbeiten Sie "unabhängig". Interessant sind alle Situationen, vor allem aber natürlich


Auch das RTL-Fernsehteam, das sich uns anschloss, filmte nicht ununterbrochen, sondern nur stichprobenartig, so dass die sieben Szenarien insgesamt durch den Auftritt der Kameraleute nicht beeinträchtigt wurden.

3.2.2 Befragung von Bettlern

Wie schon erwähnt wurde, umfasste die Studie "Bettelarm 2" nicht nur Bettelexperimente, sondern auch die Befragung "echter", ortsansässiger Bettler.

Zu diesem Zweck machte sich ein vierköpfiges Team auf den Weg, um anhand einer Karte in der Innenstadt - insbesondere auf der Breite Straße, der Schildergasse, der Hohe Straße und der Domplatte - nach Almosenempfängern Ausschau zu halten. Auf der Karte hatten wir zuvor die aus unseren Vorab-Beobachtungen gewonnenen Stammplätze einiger Bettler markiert.

Das Team bestand aus drei Fragestellerinnen, die meist abwechselnd, in Zweierkonstellation, mit verschiedenen Almosenempfängern ins Gespräch kamen. Zur Sicherheit wurde ihnen ein (diskret im Abseits agierender) Leibwächter mitgegeben.

Ausgestattet waren die Fragestellerinnen mit zwei weiteren Diktaphonen und zusätzlich auch hier mit Befragungs- bzw. Beobachtungsbögen. - Die Anweisungen an die Gruppe lauteten:


Gehen Sie bei den Interviews sehr behutsam und taktvoll vor. Sie sollten alle Befragten grundsätzlich siezen.

Stellen Sie zunächst sich und das Projekt kurz vor. Sagen Sie, dass es um ein schulisches Projekt zur Obdachlosigkeit und zur Situation der Bettler in den Fußgängerzonen geht.

Fragen Sie erst einmal mündlich. Erkundigen Sie sich dann, ob Sie das Gespräch (falls sich überhaupt eins ergibt) mit dem Diktaphon aufzeichnen dürfen. Nehmen Sie, falls Sie die Erlaubnis erhalten, mit beiden Diktaphonen auf. Die maximale Aufnahmezeit liegt bei 108 Minuten.

Orientieren Sie sich, wenn möglich, an den folgenden sieben Fragenkomplexen:

Lassen Sie die Interviewpartner im Übrigen erzählen! (Respektieren Sie aber umgekehrt auch den Wunsch, dies nicht tun zu wollen.)

Unabhängig davon, ob Sie Diktaphon-Aufzeichnungen gemacht haben oder nicht: Fertigen Sie auf jeden Fall nach Abschluss eines Interviews immer sofort schriftliche Gedächtnisprotokolle an (jeder Interviewer sein eigenes!). Benutzen Sie dazu die Formblätter (ggf. auch die Rückseite). Vergessen Sie nicht, die Blätter deutlich zu kennzeichnen durch


Natürlich sollten die Interviewerinnen gegenüber den Bettlern nicht mit leeren Händen dastehen. Sie verfügten deshalb über einen Fonds von etwa 20 Euro (in kleinen Münzen), aus dem sie den befragten Almosenempfängern etwas spenden konnten. Das Geld war zuvor von den Teilnehmern des Experiments für genau diesen Zweck gestiftet worden.

3.2.3 Beobachtung und Fotodokumentation

Neben den Experimenten und Befragungen vom ersten Adventssamstag 2004 basiert die Studie "Bettelarm 2" im Wesentlichen auf Langzeit-Beobachtungen authentischer Bettelsituationen in deutschen Städten. Die Beobachtungen begannen im Frühsommer 2004 und setzen sich bis in die Gegenwart fort.

Beobachtungsort ist vor allem Köln. Hinzu kommen aber auch Einzelstudien aus Städten wie Berlin, Bonn, Düsseldorf, Frankfurt/M., Gummersbach, Hannover, Lübeck, München, Siegen und Wien.

Zu den Beobachtungen gehört die Anfertigung von Kurzprotokollen sowie die fotografische Dokumentation von Bettel- bzw. Spendenszenarien. Die Fotos (inzwischen weit über tausend) sind vorrangig für die interne Auswertung gedacht. Sofern sie hier zum Zwecke der Veranschaulichung unserer Thesen publiziert werden, bemühen wir uns, die Anonymität der Almosenempfänger dadurch zu wahren, dass wir die Bilder nur in kleinem Format präsentieren bzw. die Gesichter der Betroffenen "verwischt" oder schattiert zeigen.

In Heide In Köln In Lübeck In Gummersbach
In München In Köln In Gummersbach In Berlin
In Berchtesgaden In Salzburg In Köln In Siegen
In Attendorn In Siegen In Köln In Frankfurt/M.
In Köln In Wien In Wien In Düsseldorf
In Hildesheim In Bonn In Hannover In Bad Honnef
Almosenempfänger in Attendorn, Bad Honnef, Berchtesgaden, Berlin, Bonn, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Gummersbach, Hannover, Heide (Holstein), Hildesheim, Köln, Lübeck, München, Salzburg, Siegen und Wien.


[1] Vgl. Michael Luo: "Excuse Me. May I Have Your Seat? - Exploring the Social Boundaries of Subway Seating", in: The New York Times vom 14.9.2004.
URL: http://www.nytimes.com/2004/09/14/nyregion/14subway.html


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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