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4. "Habe Handyschulden. Bitte helft!" (Szenario 1)

Die dem ersten Szenario unserer Bettelexperimente zugeordnete Pappschild-Aufschrift - "Habe Handyschulden. Bitte helft!" - gehörte zu den an anderer Stelle als "schrill-provokant" bezeichneten Legenden. Sie widersprach deutlich dem Klischee des besitzlosen, unverschuldet in Not geratenen Almosenempfängers. Das Handy stand für (wenn auch bescheidenen) Luxus; eine Verschuldung durch übermäßigen Handykonsum bedeutete einen "Sündenfall", der allein schon deshalb kritisierenswert war, weil sich ihm durch eine Orientierung an traditionellen Tugenden wie Bescheidenheit, Disziplin, Sparsamkeit, Entsagung usw. hätte begegnen lassen.

Andererseits erschien die Legende jedoch durchaus plausibel, da sie mittelbar auf Medienberichte verwies, die seinerzeit auf das Problem ungezügelten Telefonierens und seiner finanziellen Folgen - speziell in der jugendlichen Konsumentengruppe - aufmerksam machten.

4.1 Rahmenbedingungen

Die "Handyschulden"-Bettelsituation wurde am 27.11.2004 in der Kölner Schildergasse, einem langgestreckten Fußgängerzonenbereich in der Innenstadt, inszeniert. Um 13.00 Uhr nahm dort, zentral in Höhe des Neubaus des Kaufhauses Peek & Cloppenburg, die Bettelagentin Jasmin mitten auf der Straße an einem Mülleimer Platz. Sie war unauffällig gekleidet, trug Jeans und eine graue Jacke; neben sich hatte sie eine weiße Einkaufstüte drapiert. Zwei Stunden lang verharrte sie in "Embryonalhaltung", das heißt, sie kauerte mit angezogenen Beinen auf dem Boden und hielt den Kopf leicht gesenkt. Zwischen den Knien hielt sie, für die Vorübergehenden kaum erkennbar, einen kleinen, faltbaren Regenschirm, in dem eine Kamera des RTL-Teams versteckt war.

Der Bettelort war etwas problematisch. Ursprünglich hatte die Bettelagentin ein paar Meter weiter - sinnigerweise direkt vor zwei Telefonanbieter-Filialen - Platz nehmen sollen; diese Stelle wurde jedoch leider kurz vor unserem Eintreffen vom Stand einer Tierschutzorganisation besetzt.

Der Ort, an den sich die Bettelagentin dann setzte, erwies sich als Nadelöhr. Die Straße war hier, bedingt durch die Kaufhaus-Baustelle, deutlich verengt, so dass die Passanten sich nur dicht gedrängt vorwärtsbewegen konnten. Die Agentin lief dadurch in zweifacher Weise Gefahr, übersehen zu werden: einerseits rein physisch, andererseits in ihrer Rolle als "Bedürftige".

Im Laufe des frühen Nachmittags nahm das Verkehrsaufkommen in der Fußgängerzone chaotische Züge an. Der erste Adventssamstag hatte offenbar Zehntausende, Zeitungsmeldungen zufolge sogar Hunderttausende, die auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken waren, in die Innenstadt gelockt. Wir beobachteten, dass pro Stunde weit über 4.000 Passanten an der Bettelagentin vorbeiströmten. Unsere Befürchtung, sie könne von den Massen "über den Haufen gerannt" werden, bestätigten sich zwar nicht. Angerempelt wurde sie aber schon, und auch ihr Geldbecher wurde dreimal umgestoßen. Ansonsten nahmen die Passanten die "Bettlerin" in dem Gedränge allerdings durchaus wahr.

4.2 Ergebnisse

  Versteckte Kamera
Die Fußgängerzone aus der Sicht der Bettelagentin (aufgenommen mit der versteckten Kamera); im Hintergrund nicht der Himmel, sondern die Glasfassade von Peek & Cloppenburg.
Abgesehen von den riesigen Menschenmassen, die sich in vorweihnachtlichem Einkaufsstress beängstigend dicht an der Agentin vorbeibewegten, verlief das Experiment ohne größere Komplikationen.

Natürlich gab es, wie zu erwarten war, etliche Leute, die trotz des Gedränges ihrer Empörung über die Bettlerin Luft machten. Viele Vorübergehende reagierten mit Kopfschütteln oder kritischen Kommentaren. So ereiferte sich beispielsweise eine etwa fünfzigjährige Passantin vor ihrer Begleiterin: "Hast du das gesehen?! Handyschulden! Der sollte man links und rechts eine runterhauen! Und den Eltern gleich mit; denn die sind da doch mit schuld dran." Sie ließ ihren Worten allerdings keine Taten folgen.

Eine andere Passantin nahm sich sogar die Zeit, die Agentin anzusprechen. Sie äußerte sich sehr kritisch zum Handykonsum und redete dem "jungen Mädchen" ins Gewissen, spendete letztlich aber 50 Cent.

Das war dann allerdings auch fast die einzige Spende, die die Bettlerin erhielt. Insgesamt nahm sie in den zwei Stunden nur 92 Cent ein, gespendet von lediglich drei Personen, von denen eine in dem Gedränge von unserem Beobachtungsteam noch nicht einmal erkannt werden konnte.

Auch ein junger Mann, Anfang 20, der gegen 14.14 Uhr die Agentin mit seinem Handy fotografierte, gab nichts.

Gegen Ende des Experiments (14.37 Uhr) hatte die Bettelagentin dann allerdings noch eine Begegnung der besonderen Art. Sie wurde von zwei Männern angesprochen, die sich offenkundig sehr für ihr Schicksal interessierten. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei den Gesprächspartnern um einen Reporter und einen Fotografen des Kölner "Express", die ohne ein bestimmtes Ziel am Adventssamstag auf der Suche nach einer spektakulären oder auch nur rührenden Story in der Stadt unterwegs waren. Um zu verhindern, dass sie am folgenden Tag als hochverschuldete Handybesitzerin auf der Titelseite der Boulevardzeitung erscheinen würde, outete sich unsere Mitarbeiterin im Verlauf des Gesprächs als "Bettelagentin", was aber die Geschichte für die Journalisten nicht weniger interessant machte. Sie gingen daraufhin die Fußgängerzone systematisch nach unseren übrigen Bettelagenten ab und brachten tatsächlich ein paar Tage später einen ausführlichen Bericht.

Insgesamt lässt sich sagen, dass die "Handyschulden"-Legende wenig dazu geeignet war, das Portemonnaie der Passanten zu öffnen. Selbst wenn man die ungünstige Platzierung der Agentin berücksichtigt, wurde ihr doch genügend Aufmerksamkeit zuteil, die, wie unsere übrigen Szenarien zeigten, in einem anderen Legenden-Kontext vermutlich zu einer höheren Spendenbereitschaft geführt hätte.

Spendenfrequenzen
Lfd. Nr. Uhrzeit Geschlecht Alter Status Spenden-
betrag
Bemerkungen
1 13.20 weiblich 45 OMS 0,50
spricht mit der Agentin, ist kritisch, will eigentlich nicht spenden, gibt dann aber doch
2 14.30 männlich 45 MMS 0,30
unauffällig, wirft das Geld schnell in den Becher
3 ? männlich? ? ? 0,12
sehr schnell im Vorbeigehen
Alter und Status wurden geschätzt. Status-Kategorien: OS (Oberschicht), OMS (Obere Mittelschicht), MMS (Mittlere Mittelschicht), UMS (Untere Mittelschicht), US (Unterschicht).
Häufigkeitsverteilung von Münzen und Scheinen
1 Cent 2 Cent 5 Cent 10 Cent 20 Cent 50 Cent 1 Euro 2 Euro 5 Euro 10 Euro Summe
- 1 - 4 - 1 - - - - 0,92


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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