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5. "Geben sie mir eine Chanse für ein neues leben!" (Szenario 2)

Das zweite Szenario baute auf der Legende "Geben Sie mir eine Chance für ein neues Leben!" auf. Dieser Appell war im Vergleich zu demjenigen im ersten Szenario eher traditionell-unspektakulär gehalten; gleichwohl ließ er einige Deutungsmöglichkeiten offen. Er signalisierte, dass es vor dem "neuen Leben" des Bettlers offenbar ein "altes" gegeben hatte (bzw. noch gab), dessen "Chancen" der Almosenempfänger vertan hatte und das er nun hinter sich lassen wollte. Ob es sich bei dem alten Leben um eine Drogenkarriere, um einen Gefängnisaufenthalt oder auch "nur" um eine kaputte Beziehung handelte, blieb dabei der Fantasie der Vorübergehenden überlassen. Wichtig war jedoch die positive Botschaft des Schildes, dass der Betroffene offensichtlich bestrebt war, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und seine prekäre Situation aus eigenen Stücken zu ändern.

Die "Misere" des Bettlers wurde auch insofern deutlich, als er sich durch die auf der Legende feststellbaren Rechtschreibfehler als Angehöriger einer bildungsfernen Schicht auswies: "Geben sie mir eine Chanse für ein neues leben!"

5.1 Rahmenbedingungen

  Jan
Bettelagent Jan, rechts hinten der Parteistand.

Die zweite Bettelsituation wurde, genau wie die erste, am 27.11.2004 auf der Kölner Schildergasse in Szene gesetzt. An der Ecke zur Krebsgasse, fast in Höhe des Neumarkts, setzte sich Bettelagent Jan von 10.10 bis 12.10 Uhr an einen Mülleimer in der Mitte der Fußgängerstraße. Trotz der Exponiertheit des Platzes erregte der Agent dort kein Aufsehen, da der Bettelort, wie unsere früheren Beobachtungen gezeigt hatten, bereits in der Vergangenheit gelegentlich von dem einen oder anderen Almosenempfänger genutzt worden war. Der Stammplatz eines bestimmten Bettlers war der Bettelort am Mülleimer allerdings nicht.

Bettelagent Jan war mit einer schwarzen Lederjacke und einer blauen Jeanshose bekleidet. Er trug älteres Schuhwerk, hatte sich eine Decke untergelegt und saß im Schneidersitz gegen den Mülleimer gelehnt. Sein Blick war schräg nach unten gerichtet. Neben sich hatte er eine einfache blaue Reisetasche gestellt, in der man seinen Schlafsack und/oder weitere Kleidungsstücke vermuten konnte. Das Schild mit der Bettellegende, zurechtimprovisiert aus einem aufgerissenen Pappkarton, lag vor ihm; daneben stand ein Papp-Eisbecher als Spendentopf.

In der ersten halben Stunde war die noch etwas nebelfeuchte Fußgängerzone gut, doch nicht übermäßig frequentiert. Irgendjemand hatte sich beim Wegwerfen der Morgenzeitung wenig Mühe gegeben: Die Seiten der Zeitung lagen im Umfeld des Mülleimers auf dem Boden verstreut und klebten zum Teil auch daran fest, was den Eindruck, der Bettler sitze sozusagen "auf Halde", wesentlich verstärkte.

Kurz nach halb elf nahm der Publikumsverkehr dann merklich zu. Auch andere "Sondernutzer" der Fußgängerzone trafen nun ein: An einer Hausfassade nahm in Sichtweite unseres Bettelagenten ein Straßenmusiker Platz. Außerdem baute - keine zwanzig Meter von unserem Szenario entfernt - eine politische Partei ihren Informationsstand auf, an dem im Folgenden vier Parteigänger mit Handzetteln und auf großen Klappschildern für Gerechtigkeit und Solidarität warben. Trotz ihres politischen Anspruchs machten die vier allerdings keinerlei Anstalten, zu dem Bettelagenten Kontakt aufzunehmen - auch auf unsere dezidierte Nachfrage hin nicht. Stattdessen wand sich eine der Lokalpolitikerinnen über sechs Minuten hinweg in Erklärungen, weshalb es für sie nicht angezeigt sei, den Bettler anzusprechen.

5.2 Ergebnisse

Bettelagent Jan entsprach offenbar in jeder Hinsicht den Sehgewohnheiten der Passanten: Seine Frisur, seine Kleidung, sein Bettelort, aber auch seine - trotz seiner inferioren Position - aufrechte, man könnte auch sagen: stolze Haltung machten ihn als Bettler allem Anschein nach ausgesprochen glaubwürdig. So dauerte es keine fünf Minuten, bis er die erste Spende kassiert hatte.

Die interessanteste Begegnung hatte Jan dann nach etwa zwanzig Minuten: Ein Mann um die vierzig gab dem Bettler einen Fünf-Euro-Schein direkt in die Hand. Für einen Augenblick streiften sich ihre Blicke; beide nickten einander wohlwollend zu; der eine murmelte ein "Bitte sehr", der andere nickte ein "Dankeschön"; und dann ging der Spender ohne ein weiteres Wort seiner Wege. Jan zeigte sich später von dieser Begegnung sehr beeindruckt: Besonders die Verständnisinnigkeit, mit der ihm der völlig Fremde die Spende übergeben hatte, war ihm im Gedächtnis geblieben.

Etwa zehn Minuten später erhielt Jan das nächste Almosen. Ein Mann, ebenfalls um die vierzig, warf ihm Münzen im Wert von etwa einem Euro in den Spendenbecher. Er mache das immer so, erklärte er uns später auf Nachfrage, denn er habe Mitleid mit den Leuten. Im konkreten Fall habe er den Eindruck, der Bettler sei "unverschuldet in Not geraten".

  Warten
Warten auf eine Chance.
Diesen Eindruck hatten dann auch noch sechs andere Spender, so dass unser Bettelagent nach zwei Stunden "Sitzen" Einnahmen von insgesamt 17,09 Euro vorweisen konnte. Auffällig war, dass er die meisten Spenden, nämlich sieben von neun, innerhalb der ersten Stunde kassierte. In dieser Zeit war die Fußgängerzone noch nicht ganz so belebt; auch fanden sich viele Bettelkonkurrenten (Straßenmusiker, Zirkus-Spendensammler, osteuropäische Bettler) offenbar erst gegen elf in der Einkaufsmeile ein.

Eine zweite Auffälligkeit war das Alter der Spender: Die meisten waren in den Vierzigern oder älter. Ob sich unser Bettelagent durch seine Legende und/oder sein Aussehen hier eine bestimmte "Zielgruppe" erschloss, darüber lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise waren am frühen Samstagvormittag auch ganz einfach noch nicht so viele jüngere Leute oder Familien mit Kindern in der Fußgängerzone unterwegs.

Im Gesamtresümee kann man die Ergebnisse des Szenarios "Geben Sie mir eine Chance für ein neues Leben" in jeglicher Hinsicht, und zwar im besten Sinne des Wortes, als durchschnittlich bezeichnen. Der Umsatz, den unser Bettelagent machte, entsprach genau dem, was wir auch in ähnlichen Standard-Bettelsituationen beobachten konnten: Bei nicht zu niedrigem, nicht zu hohem Verkehrsaufkommen lassen sich in einer Einkaufszone innerhalb von zwei Stunden im Schnitt etwa 14 bis 19 Euro erwirtschaften. Dies zeigte auch ein Experiment, das wir zwei Jahre später, im Herbst 2006, durchführten. An der gleichen Stelle, am gleichen Wochentag und zur gleichen Uhrzeit nahm ein anderer Bettelagent, allerdings mit einer abweichenden Legende, in zwei Stunden etwa genauso viele Spendengelder ein wie Jan, nämlich 17,84 Euro.

Spendenfrequenzen
Lfd. Nr. Uhrzeit Geschlecht Alter Status Spenden-
betrag
Bemerkungen
1 10.15 weiblich 40 OMS Kleingeld
bis 2,00
geht schnell vorbei
2 10.30 männlich 40 MMS 5,00
gibt dem Agenten den Schein in die Hand
3 10.40 männlich 43 UMS 0,20
bis 1,00
 
4 10.50 weiblich 42 OMS Kleingeld
geht schnell vorbei
5 11.00 weiblich 38 MMS Kleingeld
geht schnell vorbei
6 11.00 weiblich 60 OMS Kleingeld
geht schnell vorbei
7 11.05 männlich 65 UMS Kleingeld
lässt sich Zeit, betrachtet den Agenten
8 11.27 weiblich 40 OMS 1,00
bis 2,00
 
9 11.45 weiblich 40 MMS Kleingeld  
Alter und Status wurden geschätzt. Status-Kategorien: OS (Oberschicht), OMS (Obere Mittelschicht), MMS (Mittlere Mittelschicht), UMS (Untere Mittelschicht), US (Unterschicht).
Häufigkeitsverteilung von Münzen und Scheinen
1 Cent 2 Cent 5 Cent 10 Cent 20 Cent 50 Cent 1 Euro 2 Euro 5 Euro 10 Euro Summe
7 6 4 4 4 3 3 3 1 - 17,09


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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