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6. "Gefallener Engel bittet um eine Spende" (Szenario 3)

Die Legende des dritten Szenarios, "Gefallener Engel bittet um eine Spende", gab sich ebenso kryptisch wie bizarr-religiös. Das "Engelhafte", Unschuldige der bettelnden Person wurde durch das Attribut "gefallen" relativiert: Hier schien jemand in der Vergangenheit sündenfällig und schuldig geworden zu sein, zeigte jedoch, indem er sich "outete" (sein Fehlverhalten also öffentlich bekannte), offensichtlich Reue.

Das Sich-Anprangern, das Mit-sich-selbst-ins-Gericht-Gehen hat eine lange Tradition, sei es in religiös geprägten, sei es in weltlich-totalitären Gesellschaften. Außer einem kathartischen Effekt strebt diese öffentliche Selbstkritik immer auch die Anerkennung (bzw. Wieder-Anerkennung) durch die Mitmenschen - will heißen: die Resozialisierung - an. Deutlich machen konnten die Mitmenschen eben diese Anerkennung im konkreten Fall dann durch eine kleine Spende...

6.1 Rahmenbedingungen

Als Bettelort für das dritte Szenario wählten wir, wie bei den meisten anderen Szenarien, einen Platz an einem Mülleimer - in diesem Fall an einem Eimer in der Verbindung Schildergasse - Hohe Straße, unmittelbar neben dem Brunnen vor dem Galeria-Kaufhof-Gebäude, mithin auch für die an der Brunnenskulptur rastenden Konsumenten gut einsehbar.

Von 12.45 bis 14.45 Uhr nahm Bettelagentin Ivonne dort ihren Platz auf dem Pflaster ein. Wie die übrigen Bettelagenten gab sie sich unauffällig: Sie trug einen dicken blauen Pullover, einen Schal, eine blaue Jeanshose und abgetragene Turnschuhe und hielt den Blick gesenkt. Dennoch unterschied sie sich von ihren "Kollegen" mehr als deutlich: Gemäß ihrer Legende ("Gefallener Engel...") hatte sie an ihrem Rücken große Pappflügel befestigt, die sie als Engel ausweisen sollten. Auch ihr gelocktes Haar verwies entfernt auf ihre ehemals "himmlische" Herkunft.

Ursprünglich hatten wir geplant, die Bettelagentin mit gekauften, kommerziellen Flügeln auszustatten, wie sie etwa im Handel für Karnevalskostüme angeboten werden. Dann entschieden wir uns jedoch für die Billig-Variante: Aus überdimensionierten Abfallkartons improvisierten wir ungelenk und mit unpräzisen Schnitten flügelähnliche Pappflächen, die anatomisch wahrscheinlich eher einem Schmetterling als einem Engel angemessen waren. Diese klebten wir dann mit hellem Textilband direkt auf den Pullover der Agentin. Da die Flügel sehr schwer waren, mussten wir viele und dicke Klebestreifen verwenden, die entsprechend gut sichtbar waren. Mit anderen Worten: Fertig ausgestattet, war die Agentin "vor Hässlichkeit schön". Ihre Engelhaftigkeit sah aus wie gewollt und nicht gekonnt; die Unbeholfenheit, mit der ihre Flügel montiert waren, versinnbildlichte das ganze Elend ihrer Situation.

Der von uns ausgesuchte Bettelort wurde, soweit wir das im Rahmen unserer Vorab-Recherchen hatten beobachten können, von Bettlern in der Regel nicht genutzt. Zwar hielten sich Almosenempfänger von Zeit zu Zeit in der Verbindungsstraße auf, dann jedoch meist am Straßenrand und nicht exponiert in der Mitte. Der Sitzplatz der Bettelagentin direkt am Mülleimer war also eher ungewöhnlich. Vielleicht war dies ein Grund dafür, dass ihr von den massenhaft vorbeiströmenden Passanten in den zwei Stunden ihres Aufenthalts viel Aufmerksamkeit zuteil wurde.

6.2 Ergebnisse

  Legende
Bettel-Legende.
Neben der "Handyschuldnerin" Jasmin im ersten Szenario hatte Bettelagentin Ivonne in unserem "Bettelarm"-Experiment sicherlich die schwierigste und unangenehmste Rolle zu spielen. War es bei Jasmin die Bettellegende, die den Zorn der Passanten auf sie lenkte, so war es im Falle von Ivonne ihr bizarres Outfit, das Anlass zu allerlei Kritik bot. Besonders die gaffenden Blicke der Vorübergehenden machten der Bettelagentin zu schaffen: "Ich fühlte mich insgesamt schmutzig und zwischenzeitlich sogar auch schuldig, obwohl ich diese Lage ja nur spielen musste", berichtete sie später. Und: "Ich habe mich wirklich wie eine Schneekönigin gefreut, wenn mir jemand Geld gab oder sich einfach nur für mein Schicksal interessiert hat."

Zunächst sah es freilich nicht danach aus, dass ihr überhaupt jemand etwas geben würde. In den ersten zwanzig Minuten blieb Ivonne trotz des erheblichen Verkehrsaufkommens ohne jede Einnahme. Erst um 13.05 Uhr erhielt sie ihre erste Spende, deren Höhe wir allerdings, wie auch die der folgenden Spenden, angesichts der vorbeiströmenden Massen nicht eruieren konnten.

Aus dem beobachteten Spendenverhalten konnten wir im Übrigen auch keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten herausfiltern. Gegeben wurde von allen Altersklassen: Der jüngste Spender (der im Auftrag seiner Mutter unterwegs war) zählte etwa 7 Jahre, die ältesten waren knapp 60 Jahre alt. Die Almosengabe erfolgte häufig schnell im Vorbeigehen, zum Teil aber auch in - zögerlicher - Absprache mit einem Begleiter (Ehefrau, Vater, Mutter, Freund). Zeitweilig gab es Spenden quasi im Fünf-Minuten-Takt; andererseits erhielt die Agentin zwischendurch ein halbe Stunde lang überhaupt nichts. Die einzige Auffälligkeit, die wir feststellen konnten, lag im Geschlecht der Spender: neun der insgesamt dreizehn Geldgeber waren männlich.

Anders als wir vermutet hatten, hielten sich die abschätzigen Blicke der Vorübergehenden in Grenzen. Die Passanten guckten zwar neugierig; echte Missfallensbekundungen gab es jedoch nicht - im Gegenteil. Die Bettelagentin erhielt nämlich nicht nur Geld, sondern auch Zuspruch: Nach einer Dreiviertelstunde brachte ihr ein älterer Mann einen Zettel mit religiösen Texten und sprach ihr Mut zu; nach gut einer Stunde führte ein Mittvierziger ein kurzes Gespräch mit ihr. Vorbeigehende Kinder interessierten sich vor allem für die Flügel der Bettlerin. Hierbei erschreckte es die Agentin, dass einige Eltern ihre Sprösslinge offenbar bewusst von der Almosenempfängerin wegzogen.

Erstaunt war sie zudem darüber, dass die meisten Spender etwas erschrocken reagierten, wenn sie sich für eine Gabe bedankte: "Das wurde meist mit einer Handbewegung oder einem 'Schon gut' abgetan."

Dass Ivonne nach zwei Stunden tatsächlich 14,33 Euro eingesammelt hatte, erstaunte uns sehr. Angesichts ihrer "schrägen" Legende hatten wir mit deutlich weniger Einnahmen, sprich: mit mehr "Widerstand" der Passanten, gerechnet. Vielleicht waren es aber gerade die Unbeholfenheit und die Naivität, die sich in Ivonnes Pappschild und besonders ihren Pappflügeln ausdrückten, die die Hilfsbereitschaft der Einkaufszonenbesucher in die Höhe trieben.

Spendenfrequenzen
Lfd. Nr. Uhrzeit Geschlecht Alter Status Spenden-
betrag
Bemerkungen
1 13.05 weiblich 23 MMS ?
spendet flüchtig im Vorbeigehen
2 13.10 männlich 55 OMS ?
in Absprache mit seiner Frau
3 13.15 männlich 15 UMS ?
zusammen mit seinem Vater
4 13.16 männlich 38 MMS ?
flüchtiger Blick
5 13.30 männlich 55 US Tüte?
scheint selber sehr arm zu sein, kommt nach ein paar Minuten zurück, spricht die Agentin an
6 13.30 männlich 42 MMS ?
spendet im Vorbeigehen
7 14.00 männlich 55 MMS ?  
8 14.00 weiblich 33 OMS ?  
9 14.06 männlich 18 MMS ?
spendet im Vorbeigehen (mit Freund)
10 14.15 weiblich 7 MMS ?
zusammen mit der Mutter
11 14.18 weiblich 20 MMS ?
spendet im Vorbeigehen
12 14.22 männlich 55 OMS ?
Geschäftsmann
13 14.24 männlich 25 UMS ?
spendet im Vorbeigehen
Alter und Status wurden geschätzt. Status-Kategorien: OS (Oberschicht), OMS (Obere Mittelschicht), MMS (Mittlere Mittelschicht), UMS (Untere Mittelschicht), US (Unterschicht).
Häufigkeitsverteilung von Münzen und Scheinen
1 Cent 2 Cent 5 Cent 10 Cent 20 Cent 50 Cent 1 Euro 2 Euro 5 Euro 10 Euro Summe
3 - 2 5 11 9 5 1 - - 14,33
Zusätzlich: 1 Zettel mit christlichem Spruch


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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