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7. "Jesus lebt! Ich bete für euch" (Szenario 4)

Der Spruch "Jesus lebt! Ich bete für euch" unseres vierten Szenarios gehörte neben dem des dritten Szenarios ("Gefallener Engel...") zu den bizarr-religiösen Legenden. Die Aussage war nicht wirklich neu; vielmehr setzte sie auf den "Wiedererkennungseffekt": "Jesus lebt" ist die plakative Standardaussage insbesondere vieler missionierender Freikirchen. Die folgende Formulierung "Ich bete für euch" verwies dann deutlich auf die Norm der Reziprozität: Die bedürftige Person trat in Vorleistung (sie betete für die Passanten) und konnte vor diesem Hintergrund eine Gegenleistung der Vorübergehenden erwarten.

Die Legende belebte damit mittelalterliche Betteltraditionen, in denen die Spender darauf hoffen konnten, sich durch eine mildtätige Gabe ein Fürbittgebet der Armen zu sichern und dadurch ihrem jenseitigen Seelenheil ein Stück näher zu kommen.

7.1 Rahmenbedingungen

  Nina
Bettelagentin Nina beim "Beten".

Die vierte inszenierte Bettelumgebung war, ähnlich wie bei Szenario 1, der Platz vor dem neu gebauten Kaufhaus Peek & Cloppenburg auf der Kölner Schildergasse. Bettelagentin Nina, die hier von 10.15 bis 12.15 Uhr als betende Almosenempfängerin tätig war, setzte sich allerdings, anders als später Jasmin, nicht in die Mitte, sondern an den Bauzaun am Rand der Fußgängerstraße. Dies nicht ohne Grund: In den Sommermonaten war hier der Stammplatz eines einheimischen Bettlers gewesen.

In ihrem Erscheinungsbild unterschied sich Nina nicht von den übrigen Bettelagenten: blaue Jacke, zerrissene Blue Jeans, ältere Schnürschuhe, gefaltete Hände und eine demütige Körperhaltung. Eine Besonderheit, die die Bettelsituation auszeichnete, war allerdings ein rotes Windlicht, das sie, zusammen mit einer metallenen Spendendose, neben sich platziert hatte.

Zunächst schien Nina etwas im Abseits zu sitzen. Solange die Fußgängerzone nur leidlich gefüllt war, machten die Vorübergehenden - so schien es - einen Bogen um sie. Indem sich die City aber zunehmend belebte, gingen die Passanten auch mehr auf "Tuchfühlung". Was das Menschenaufkommen anging, ähnelte das vierte sehr stark dem zweiten Szenario - nicht zuletzt, weil die beiden Versuche zeitgleich stattfanden: In der ersten halben Stunde blieb die Fußgängerzone, wiewohl belebt, relativ ruhig; kurz nach halb elf begannen sich dann jedoch die Massen zu drängen. Der Platz der Agentin war durch das zunehmende Verkehrsaufkommen freilich zu keinem Zeitpunkt gefährdet.

Wie wir ein paar Wochen nach dem Versuch feststellen konnten, lag Bettelagentin Nina mit ihrem Schild gar nicht so fernab der Realität: Mittlerweile waren in der Kölner Innenstadt an mehreren Stellen, ohne dass wir dies hatten vorausahnen können, auf Bauzäunen "Jesus lebt!"-Poster plakatiert; auch rief ein Prediger im entsprechenden "Jesus lebt!"-Outfit die Passanten auf der Hohe Straße und der Schildergasse zur "Umkehr" auf.

7.2 Ergebnisse

  Meditation Meditation
Meditation: Juli 2004,  November 2004.
Religiös ausgerichtetes Betteln bringt, so konnte Agentin Nina erfahren, in der Fußgängerzone offenbar nicht viel ein. In den zwei Stunden ihres "Sitzens" konnte sie gerade mal 3,50 Euro in bar einsammeln. Zusätzlich spendierte ihr allerdings eine Frau Ende dreißig eine Tüte Maronen, die sie an einem Stand in unmittelbarer Nähe gekauft hatte. Nimmt man den Wert der Maronen (1,50 Euro) hinzu, konnte Nina also insgesamt 5 Euro an Einnahmen verbuchen, die sich auf sieben Spender verteilten.

Ninas Bettellegende schied allem Anschein nach die Geister. Die Reaktionen der Passanten reichten, sofern sie überhaupt erkennbar reagierten, von belustigter Ablehnung über ernste Zustimmung bis hin zu Ratlosigkeit.

Ratlos schien vor allem ein etwa 14-jähriger Junge zu sein, der, zunächst in Begleitung einer älteren Ausländerin, die Bettelagentin mehrere Minuten lang allein "umkreiste", ehe er schließlich eine Münze in den Spendentopf warf. Belustigt zeigte sich hingegen ein Mann, der im Angesicht des Pappschilds seinem Begleiter erklärte: "Haste das gesehen? Demnächst setze ich mich auch hierhin - mit einem Schild: 'Elvis lebt!'"

Daneben gab es aber auch wohlwollende Reaktionen. Mehrere Spender sprachen kurz mit der Bettlerin; auch erhielt sie eine Einladung in die Christliche Gemeinde Köln. Gegen Ende der Aktion strich eine Mittsechzigerin Nina beim Spenden freundlich über den Kopf. Ein etwa dreißigjähriger Mann, der ebenfalls eine Münze spendete, lud die Bettelagentin sogar zum Essen ein, was diese jedoch ablehnte.

Beobachterin Johanna fasste das Geschehen um Nina später wie folgt zusammen: "Wahrgenommen hat sie wirklich fast jeder, und auch ihre Botschaft wurde beim Vorbeigehen gelesen. Die einen verlangsamten dabei ihr Tempo, andere versuchten so unauffällig wie möglich zu agieren. Die, die Interesse zeigten, blieben stehen und nahmen sich Zeit, sich das Geschehen nochmal länger anzuschauen. Diejenigen, die sich entschlossen zu spenden, gingen oft ein paar Meter weiter, kramten in ihrem Portemonnaie und kamen dann zurück. Die meisten gaben ihre Spende aber nicht ab, ohne ein Wort zu verlieren. Ein wirkliches Gespräch kam allerdings auch nicht zustande."

Bemerkenswert war im Übrigen, dass sich die "Jesus lebt!"-Bettelsituation, was das Spendenverhalten der Passanten anging, sehr deutlich von dem zeitgleich stattfindenden zweiten Szenario unterschied. Während Bettelagent Jan, der etwa 150 Meter entfernt auf eine "Chance für ein neues Leben" wartete, die meisten Betteleinnahmen in der ersten Stunde verzeichnete, wohingegen nach 11.15 Uhr kaum noch gespendet wurde, war es bei Nina genau umgekehrt: Sie erhielt das meiste Geld (und die Maronen) erst in der letzten Dreiviertelstunde. Auch war das Altersspektrum der Spender bei Nina größer: Die Spender in Szenario 2 waren etwa 40 bis 65 Jahre alt, in Szenario 4 waren unter den Gebern, wie bereits erwähnt, auch ein 14- und ein 30-Jähriger.

Ähnlich war in beiden Szenarien lediglich die "weibliche Dominanz" der Spender: Bei Jan waren zwei Drittel der Geldgeber Frauen, bei Nina waren es fünf von sieben Spendern.

Spendenfrequenzen
Lfd. Nr. Uhrzeit Geschlecht Alter Status Spenden-
betrag
Bemerkungen
1 10.24 männlich 14 UMS Münze
kommt häufiger vorbei, steht zwischenzeitlich an der Wand, an der die Agentin sitzt; vorher in Begleitung einer älteren Ausländerin
2 10.45 weiblich 65 OMS 0,50
spricht kurz mit der Agentin
3 11.36 weiblich 45 UMS Münze  
4 11.37 weiblich 38 OMS Tüte mit Maronen
(Wert 1,50)
spricht kurz mit der Agentin
5 11.45 weiblich 60 MMS Münze  
6 12.03 männlich 30 MMS Münze
lädt die Agentin zum Essen ein
7 12.10 weiblich 66 MMS Münze
streichelt der Agentin über den Kopf
Alter und Status wurden geschätzt. Status-Kategorien: OS (Oberschicht), OMS (Obere Mittelschicht), MMS (Mittlere Mittelschicht), UMS (Untere Mittelschicht), US (Unterschicht).
Häufigkeitsverteilung von Münzen und Scheinen
1 Cent 2 Cent 5 Cent 10 Cent 20 Cent 50 Cent 1 Euro 2 Euro 5 Euro 10 Euro Summe
- - - - - 5 1 - - - 3,50
Zusätzlich: 1 Tüte Maronen (1,50), 1 Einladung (Christliche Gemeinde Köln)


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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